Die Organisatorin des Wandels

Autor: Matthias Klein 21.07.2020

In Sachen Digitalisierung hat Deutschland Nachholbedarf. Maria Blöcher arbeitet mit Work4Germany daran, dass die Verwaltung den digitalen Wandel aktiv mitgestaltet. Die Bürger*innen sollen im Mittelpunkt stehen. Die Coronakrise könne dafür eine Chance sein, sagt die Mercator Kolleg-Alumna.

Nach dem Umzug steht erstmal der Termin auf dem Amt an. Wer in Deutschland den Wohnort wechselt, muss sich ummelden. Und das geht nur, indem man persönlich vorspricht. Diese Tradition ist erhalten geblieben – allen technischen Innovationen zum Trotz. Maria Blöcher arbeitet daran, solche Prozesse zu verändern.

Wenn man sie nach dem Stand der Digitalisierung in Deutschland fragt, dann fällt ihr sofort das Beispiel mit der Ummeldung ein. „Die Frage, ob der Staat gut funktioniert, entscheidet sich heute wesentlich daran, ob seine Institutionen digital gut funktionieren“, sagt sie.

Es ist ja nicht nur ein oft bemühtes Klischee: Viele Institutionen tun sich schwer mit der Digitalisierung. „Der Staat steht gut da, die Verwaltung funktioniert. Da ist es nicht so einfach zu erklären, warum sich etwas ändern soll“, berichtet Blöcher. Ein wichtiges Argument: nutzerzentriertes Denken, wie es aus der Software-Industrie bekannt ist. „Für den Staat ist das ungewohnt. Dabei ist nirgendwo sonst so schnell so klar, wer die Zielgruppe ist und was sie möchte: Meistens sind es alle Bürger*innen, die eine bestimmte Formalität erledigen müssen“, sagt Blöcher. „Und hier kann die Verwaltung oft besser werden, indem sie es den Bürger*innen einfacher macht.“ Viele seien schließlich längst gewöhnt, lästige Anträge zu Hause via Internet zu erledigen.


Veränderungskultur verändern

Maria Blöcher ist seit kurzem Programmleiterin bei Work4Germany. Das Programm nennt sich selbst „Innovations-Taskforce für die Bundesregierung“, die Schirmherrschaft hat das Bundeskanzleramt. Es geht darum, zehn Digitaltalente aus der Privatwirtschaft für sechs Monate mit Beamt*innen aus der Verwaltung zusammenzubringen.

Maria Blöcher © 4Germany

„Ziel ist es, in den Ministerien ein Bewusstsein für agile Arbeitsprozesse und nutzerzentrierte Produkte zu schaffen“, sagt Blöcher. „Bisher fehlt das oft. Und das ist kein Vorwurf, schließlich sind im Zuge der Digitalisierung ja ganz neue Kompetenzen gefragt.“ Im Gegenzug können die Digitaltalente die Abläufe und Bedürfnisse in der Verwaltung kennenlernen.

Die Verwaltung sei nun einmal ein sehr großer Apparat. „Da dauert es einfach länger, Dinge zu verändern.“ Außerdem fehle bisweilen eine Veränderungskultur, erzählt Blöcher.

Sicherheit wichtig

Im Moment ist sie vor allem damit beschäftigt, Wandel zu organisieren. Dabei ist das nichts, was sie schon immer anstrebte. „Ich bin selbst eigentlich nicht der veränderungsaffinste Mensch“, sagt Blöcher. Als erste in ihrer Familie machte sie Abitur und studierte Deutsch und Latein auf Lehramt in Heidelberg und London. „Ich wollte etwas studieren, das eine konkrete Berufsperspektive bietet. Diese Sicherheit war für mich sehr wichtig.“

Ich habe erlebt, dass bei großem Druck Veränderungen schneller als sonst möglich sind.

Dass sie sich heute für Wandel begeistert, habe mit ihren Erfahrungen zu tun: „Ich habe in den vergangenen Jahren in vielen Situationen erlebt, wie positiv Veränderungen sein können.“ Dabei sei entscheidend, nicht zu viel auf einmal zu wollen, sondern Schritt für Schritt vorzugehen. „Gerade bei der Digitalisierung finde ich viele Vorteile absolut einleuchtend. Es wäre nicht nachvollziehbar, sie nicht zu nutzen.“ Bei aller Begeisterung für Technik brauche sie aber nicht ständig die neuesten Geräte, „mein privates Handy ist schon wirklich alt“, sagt sie und lacht.

 

Maria Blöcher © 4Germany

Gerne in der Schule

Bildung faszinierte die heute 31-Jährige schon früh. „Ich bin immer gerne in die Schule gegangen. Ich hatte viele gute Lehrer*innen, die mir Spaß am Lernen vermittelt und mich persönlich geprägt haben. Und es hat mich enorm weitergebracht.“ So entstand auch ihr Berufswunsch, als Lehrerin zu arbeiten: „Ich wollte das Positive gerne weitergeben.“

Während des Studiums engagierte sie sich ehrenamtlich für Geflüchtete und fand ein spannendes Arbeitsfeld: Wie können sie sich weiterbilden oder studieren? Während ihres Jahres beim Mercator Kolleg 2016 beschäftigte sie sich mit Zugängen zu Hochschulbildung in Flüchtlingslagern mithilfe digitaler Technologien. Sie arbeitete bei einer NGO in Ruanda, bei der GIZ in Jordanien und beim Bundesministerium für Bildung und Forschung in Berlin.

Was hat sie dort gelernt? „Ich habe erlebt, dass bei großem Druck Veränderungen schneller als sonst möglich sind. Und das kann sehr positiv sein“, sagt Blöcher. So habe sie in Jordanien beeindruckt, was das Land angesichts der vielen Geflüchteten alles möglich gemacht habe.

Ständig neue Aufgaben

Jetzt in der Coronakrise erlebe sie das bei ihrer Arbeit ähnlich. „Es ist nun augenscheinlich, dass wir die Digitalisierung in vielen Bereichen brauchen, zum Beispiel im Bildungssystem. Dieser Veränderungsdruck ist positiv. Plötzlich sind Dinge möglich, die vorher undenkbar schienen.“

Einen geregelten Alltag hat sie nicht. „Woran ich arbeite? Hmm, darauf könnte ich jeden Tag eine andere Antwort geben“, sagt sie und lacht. Maria Blöcher stört das gar nicht. „Ich empfinde das gerade als sehr abwechslungsreich. Wie man Veränderung so organisiert, dass viele mitziehen und Neuerungen erfolgreich sind, fasziniert mich.“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Mercator Kolleg für internationale Aufgaben fördert jährlich 25 engagierte, deutschsprachige Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige aller Fachrichtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung übernehmen.

www.mercator-kolleg.de