Fake News auf der Spur

Eine Zeichnung, auf der von rechts eine Hand mit einem roten Stift kommt, an dessen Ende ein Radiergummi ist. Die Hand radiert mit dem Radiergummi das Wort "Like" zusammen mit einer Hand weg, die den Daumen nach oben zeigt.
Autor: Matthias Klein 28.07.2020

Das Coronavirus hat doch Bill Gates in die Welt gesetzt. Papst Franziskus hat die Präsidentschaftskandidatur von Donald Trump unterstützt. Ganz klar: Das sind Fake News, weltbekannt. Mercator Kollegiatin Marie Schröter will mit einem Projekt etwas dagegen unternehmen. Detektive sollen helfen, Falschnachrichten zu entlarven.

In den Newsfeeds in ihrem Bekanntenkreis tauchen immer wieder erstaunliche Nachrichten auf. Sie sorgen manchmal für Verunsicherung – kann das so stimmen? Nicht alles lässt sich ja so leicht durchschauen wie diese Meldung: Wer ein neues Microsoft-Produkt kauft, ist immun gegen das Coronavirus. Denn schließlich hat Microsoft-Gründer Bill Gates das Virus in die Welt gesetzt – und auch gleich für den Schutz gesorgt.

„Das ist meine Lieblings-Fake News“, sagt Marie Schröter und lacht. Sie selbst bekomme im Alltag gar nicht so viele erfundene Nachrichten über ihre Accounts in sozialen Medien. „Aber ich höre immer wieder davon, Bekannte erzählen mir das.“ Sie findet das beunruhigend, auch weil radikale Kräfte solche Meldungen gezielt einsetzen.

Mehr als Programmieren

Die Idee zu ihrem neuen Projekt entsteht im März, mitten in der Corona-Pandemie. Die Bundesregierung ruft damals zum #WirVsVirus-Hackathon auf. Ein Programmierwettbewerb, zwei Tage lang tauschen sich Tausende online über Herausforderungen in der Pandemie aus.

Porträt von Marie Schröter, Mercator Kollegialen für internationale Aufgaben
© David Ausserhofer/Stiftung Mercator

Marie Schröter erfährt erst kurz vorher davon. „Ich habe zufällig gesehen, dass sich der Hackathon nicht nur an Programmierer*innen richtet.“ Sie will sich mit der Verbreitung von Fake News beschäftigen, denn gerade zum Coronavirus gibt es unzählige, manche gehen um die Welt.

„Während des Hackathons habe ich gleich ein Team gefunden. Es war eine tolle Energie”, blickt sie zurück. Zu zehnt arbeiten sie inzwischen an dem Projekt DetektivKollektiv. Expert*innen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen engagieren sich. Die Idee: Detektive prüfen merkwürdige Meldungen. Teilt jemand beispielsweise in einer WhatsApp-Gruppe eine verdächtige Nachricht, können User diese an die Detektive weiterleiten. Die machen einen Check und formulieren eine Bewertung – diese kann dann wiederum in die Gruppe gepostet werden.

Wir orientieren uns an Kriterien, die sich bereits beim Checken von Fakten bewährt haben.

Quellen und Personen checken

Als Detektive sollen Ehrenamtliche aktiv werden. Für ihre Arbeit hat das Team einen Leitfaden entwickelt, eine Anleitung Schritt für Schritt. Da geht es um Fragen wie die Quelle der Nachricht oder ob vertrauenswürdige Expert*innen zu Wort kommen. “Wir orientieren uns dabei an Kriterien, die sich bereits beim Checken von Fakten bewährt haben”, erläutert Schröter. Aus der Wissenschaft wird das Peer-Review-Verfahren übernommen, sodass immer mehrere Detektive eine Meldung prüfen.

Nun ist ein Prototyp erschienen, mit dem das Kollektiv Erfahrungen sammeln will. Ein Erfolgsfaktor soll sein, dass die Antworten leicht verständlich und die Recherchen transparent sind. „Es ist umstritten, wie man Fake News wirkungsvoll bekämpfen kann“, berichtet Schröter. „Wir setzen auf einen niedrigschwelligen Ansatz, damit viele Menschen gerne mitmachen.“

© Getty Images

Momentan wirbt das Kollektiv um Engagierte, die als Detektive tätig werden wollen. Außerdem will die Gruppe lokale Multiplikator*innen ansprechen, um die Plattform bekannt zu machen, da sie mehr Glaubwürdigkeit für die Zielgruppe haben. „Und wir müssen sehen, wie viel Arbeit das Projekt für uns bedeutet und was wir leisten können“, sagt Schröter.

Stimmen gegen rechtsextreme Parolen

Das Engagement gegen radikale Positionen beschäftigt sie schon lange, es hat einen biographischen Bezug. Im Alter von fünf Jahren zieht die heute 28-Jährige mit ihren Eltern nach Sachsen, auf das Land. Als Jugendliche besucht sie Dorffeste, Jugendclubs. „Und dort habe ich immer wieder rechtsextreme Parolen gehört“, erinnert sie sich. „Das war als Provokation gedacht. Aber es gab häufig keine deutlichen Stimmen dagegen. Das hat mich schockiert.“ Sie engagiert sich ehrenamtlich in einem Verein für Diversitätstraining in Leipzig. „Ich bin dort glücklicherweise auf Menschen gestoßen, die von den rechtsradikalen Sprüchen genauso irritiert waren wie ich.“

Die Frage, wie sich Menschen radikalisieren, lässt sie nicht mehr los. In Berlin, Canterbury und Haifa studiert sie Politikwissenschaft und Sicherheitsstudien. In ihrer Masterarbeit erforscht sie die Twitter-Nutzung von deutschen militanten Islamisten.

Von Nerds lernen

In ihrem Mercator Kolleg-Jahr untersucht sie die Potentiale und Limitierungen von künstlicher Intelligenz, um frühzeitig extremistische Inhalte online zu identifizieren und so Radikalisierung zu verhindern. Als Politikwissenschaftlerin seien ihr technische Details und Programmiersprachen weitgehen fremd, sagt Schröter und lacht. „Ich habe zum Glück mehrere richtige Nerds in meinem Freundeskreis, die haben mich in das Thema eingeführt.“

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Technik finde sie zwar spannend, aber nicht als Selbstzweck. „Die Geräte, die ich benutze, müssen vor allem einfach zu bedienen sein. Ich habe gar keine Lust, mich da in komplexe Einleitungen einzuarbeiten.“

Gerade soziale Netzwerke spielen bei der Verbreitung von Fake News eine große Rolle. Schröter ist schon lange dabei, meldete sich bereits 2008 auf Facebook an. „Ich wollte mit internationalen Freunden in Kontakt bleiben. Aber ich möchte da keine Urlaubsfotos mehr posten.“ Auf Instagram ist sie anders als viele aus ihrer Generation nicht aktiv, stattdessen schätzt sie den Nachrichtenfeed auf Twitter, „da bekomme ich viel Interessantes mit.“

Staaten gefragt

Aktuell macht sie in ihrem Kolleg-Jahr Station bei der Watchdog-Organisation AlgorithmWatch, die daran arbeitet, Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung einzuordnen. Sie beschäftigt sich dort mit dem Versuch der EU, per Gesetz Regeln für das Internet neu aufzustellen. „Staaten können viel bewegen“, sagt Schröter. „Die EU muss das Thema endlich umfassend besetzen.“ In Deutschland spiele der Datenschutz erfreulicherweise eine große Rolle. „Die EU kann in dieser Hinsicht ein Gegenmodell zu den USA und China sein.“

Die Verbindung von Technik und Gesellschaft, das ist das, was Marie Schröter weiter antreibt. „Ich glaube, dass kaum jemand gerade versteht, was in sozialen Netzwerken passiert, welche Daten genutzt werden, warum sich manches dort rasend schnell verbreitet. Dabei ist das wichtig – denn es geht um die Grundpfeiler unserer Demokratie.“

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Mercator Kolleg für internationale Aufgaben fördert jährlich 25 engagierte, deutschsprachige Hochschulabsolvent*innen und junge Berufstätige aller Fachrichtungen, die für unsere Welt von morgen Verantwortung übernehmen.

www.mercator-kolleg.de

 


 

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