100 Tage Digital­ministerium: Was hat sich in Deutschland bewegt?

Die Umrisse von Deutschland auf einem Monitor
100 Tage Digital­ministerium: Was hat sich in Deutschland bewegt?
Autorin: Elisabeth Krainer 19.08.2025

Im Mai 2025 wurde Karsten Wildberger im Bundestag vereidigt – als erster Minister für Digitales und Staats­modernisierung. Das Versprechen des neuen Ministeriums: Deutschland soll schneller, digitaler und unbürokratischer werden. Was hat sich in den ersten 100 Tagen getan? Und wie kann Digitalisierung die Demokratie stärken? Josephine Ballon (HateAid), Aline Blankertz (Rebalance Now) und Tiaji Sio (Re:Form) geben ihre Einschätzung zum digitalen Fortschritt in Deutschland.

Deutschland hat zum ersten Mal einen Digital­minister. Was ist Ihr Fazit nach den ersten 100 Tagen?

Josephine Ballon, Geschäfts­führerin von HateAid

Im neuen Digitalministerium geht es nicht nur um die Digitalisierung der Verwaltung, sondern auch ganz handfest um den Fort­bestand der Demokratie. Das Ministerium ist wichtig, um die Digital­regulierung europa­weit zu stärken, beispiels­weise wenn es um Social-Media-Plattformen oder Künstliche Intelligenz geht. Vom neuen Digital­minister erwarte ich, dass er sich für eine stabile Digital­strategie stark­macht und europäische Werte nicht verkauft.

Aline Blankertz, Tech Economy Lead bei Rebalance Now

Das Digitalministerium sollte zum Ziel haben, alle Bürger*innen über digitale Angebote, Rechten und Pflichten besser zu informieren und dabei niemanden außen vor zu lassen. Außerdem hat es die wichtige Aufgabe, föderale Digitalisierungs­projekte auf Bundes­ebene zusammen­zu­führen. Nach meiner Einschätzung ist in diesen Bereichen nach den ersten 100 Tagen noch nicht viel passiert.

Tiaji Sio, Leiterin der Initiative Re:Form bei ProjectTogether

Der Koalitions­vertrag zeigt, dass das neue Digital­ministerium nicht nur die Digitalisierung im Fokus hat, sondern auch die Staats­modernisierung. Dass hier Handlungs­bedarf besteht, ist meiner Ansicht nach partei­über­greifender Konsens. Doch es müssen grund­legende Themen bearbeitet werden. Zum Beispiel: Funktioniert unser föderales System im digitalen Zeitalter noch? Braucht es eine Reform bei der Finanzierung von Bund, Ländern und Kommunen? Für all diese Fragen müssen die Führungs­kräfte im Ministerium künftig Verantwortung über­nehmen.

Ein Portraitfoto von Josephine Ballon
© Stefanie Loos

Josephine Ballon ist seit 2019 Head of Legal bei HateAid. Seit September 2023 arbeitet sie zusammen mit Anna-Lena von Hodenberg als Geschäfts­führerin der Menschen­rechts­organisation gegen digitale Gewalt. HateAid ist seit diesem Jahr vom Digital Services Coordinator bei der Bundes­netz­agentur als Trusted Flagger gemäß dem Digital Services Act zugelassen.

https://hateaid.org/

Welche Rolle spielt Digitalisierung für eine funktionierende Demokratie?

Aline Blankertz

Digitalisierung beeinflusst beinahe jeden Wirtschafts­sektor, aber auch Bereiche, die vom Staat organisiert werden, zum Beispiel Gesundheit, Bildung und Mobilität. Wenn der Staat die Digitalisierung dort nicht voran­bringt, werden es große gewinn­orientierte Tech­firmen tun. Im Bildungs­bereich sieht man das sehr deutlich: Immer mehr Firmen aus der Bildungs­technologie gestalten das Bildungs­system nach ihren Vorstellungen, etwa mit Chatbots, die Haus­aufgaben korrigieren. Das passiert, weil es oft keine passenden Alternativen von Staats­seite gibt. Das schwächt staatliche Institutionen. Kurzum: Wird Digitalisierung verschlafen, werden Demokratien geschwächt.

Josephine Ballon

Zum einen fördert Social Media die Teilhabe am demokratischen Diskurs, denn jede*r kann Content zu allen Themen posten. Gleich­zeitig gehören die meisten sozialen Netzwerke großen Wirtschafts­unternehmen. Wir legen den öffentlichen Diskurs in ihre Hände und akzeptieren damit auch, dass dieser Diskurs nach ihren Regeln statt­findet. Digitalisierung kann Demokratie also beeinflussen – sowohl positiv als auch negativ.

Tiaji Sio

Demokratische Staaten sollten ihren Bürger*innen dienen. Digitalisierung kann enorm dabei helfen, etwa indem sie Prozesse in der Verwaltung erleichtert. Ein Beispiel ist die Möglichkeit, mit wenigen Klicks einen neuen Personal­aus­weis zu beantragen. Da merken Bürger*innen: „Der Staat hilft mir im Alltag.“ Das stärkt das Vertrauen in staatliche Institutionen und damit die Demokratie.

Was ist noch ausbaufähig in Sachen Digitalisierung?

Tiaji Sio

Gerade beim Thema Sozialstaat und soziale Leistungen gibt es Knack­punkte, weil Bürger*innen viele verschiedene Anträge bei verschiedenen Ämtern einreichen müssen. Das ist verwirrend für die Bürger*innen und ineffizient für die Verwaltung. Ein Beispiel: Zwei Menschen gründen eine Familie und bekommen ein Kind. Sie müssen eine Reihe von Anträgen stellen, aber nichts davon läuft gebündelt ab. Ich würde es begrüßen, wenn der Prozess gebündelt wird und Bürger*innen eine Anlauf­stelle haben, bei der alle Anliegen geklärt werden können.

Aline Blankertz

Was ich für ausbaufähig halte, ist die Möglichkeit für Bürger*innen, sich wirklich an politischen Entscheidungen zu beteiligen. Das Ziel sollte sein, alle kommunikativen Hürden so weit zu senken, dass wirklich alle erreicht werden und teilhaben können – auch ältere Menschen und solche, die mit „Digital Only“-Formaten nicht abgeholt werden. Gerade bei den Bereichen Gesundheit, Bildung und Mobilität braucht es hierfür einen klaren Plan. Dieser kann weder rein analog noch rein digital sein. Wir benötigen eine Strategie, die beides zusammen­bringt – aber die vermisse ich aktuell.

Ein Portraitfoto von Tiaji Sio
© Benjamin Jenak

Tiaji Sio ist Expertin für Transformation in der öffentlichen Verwaltung. Seit 2024 leitet sie als Mission Lead Re:Form, eine Initiative der gemein­nützigen Organisation ProjectTogether. Re:Form setzt sich für eine innovativere und zukunfts­fähigere Verwaltung ein.

https://reform-staat.org/

Josephine Ballon

Der Zugang zum Recht ist ausbaufähig. Wenn wir Phänomenen wie digitaler Gewalt etwas entgegen­setzen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass es einen leichten Zugang zur Justiz gibt. In anderen Bereichen gibt es das schon, zum Beispiel beim Mahn­antrag. Dieser kann online gestellt werden und kostet 30 Euro. Kaum vermittelbar ist es jedoch, weshalb ein Verfahren wegen eines Hass­kommentars noch immer vor Gericht statt­findet, über 2.000 Euro kostet und mehr als ein Jahr dauert.

Bundeskanzler Friedrich Merz mit Digitalminister Karsten Wildberger
Digitalminister Karsten Wildberger bei seiner Vereidigung im Bundestag. © Getty Images

Welchen Wunsch haben Sie an den Digital­minister?

Aline Blankertz

In vielen EU-Ländern werden bereits Digitalsteuern erhoben, und ich denke, Deutschland könnte viel zu einem europa­weit koordinierten Vorgehen beitragen. Der Kultur­staats­minister Wolfram Weimer hatte vorgeschlagen, die Werbe­einnahmen großer Digital­unternehmen mit 10 Prozent zu besteuern. Die Idee wurde wegen der Zollverhandlungen mit den USA zumindest geparkt. Als einen Baustein im Vorgehen gegen Digital­konzerne wie Alphabet oder Meta wünsche ich mir, dass die Digital­steuer weiter geprüft wird, wie es auch im Koalitions­vertrag fest­gehalten wurde.

Josephine Ballon

Mir ist wichtig, dass das Digital­ministerium erkennt, wie relevant der digitale Raum für eine starke Demokratie ist. Die Regulierungen, die jetzt auf EU-Ebene für Digital­unternehmen aufgesetzt wurden, sollten wir nicht als Verhandlungs­masse für Auseinander­setzungen mit dem US-Präsidenten einsetzen. Der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA) sind wichtige Instrumente, um unsere digitale Souveränität in der EU zu wahren. Auch wenn es hier noch Verbesserungs­potenzial bei der Durch­setzung und der Sanktionierung gibt.

Ein Portraitfoto von Aline Blankertz
© Reinaldo Coddou

Aline Blankertz ist angewandte Ökonomin und setzt sich als Tech Economy Lead der NGO Rebalance Now für die demokratische Gestalt­bar­keit von Wirtschaft ein. Außerdem ist sie Mitgründerin des digital­politischen Kollektivs Structural Integrity.

https://rebalance-now.de/

Tiaji Sio

Wenn wir von Digitalisierung sprechen, meinen wir oft konkrete Themen wie den Netz­ausbau oder eine bessere digitale Infra­struktur. Zum Beispiel, dass in ganz Deutschland, auch im ländlichen Raum, ein schneller Internet­zugang verfügbar ist. Doch das Digital­ministerium will auch die Staats­modernisierung angehen – und dazu gehört mehr als das. Mit Re:Form wollen wir nicht ausschließlich die technische Infra­struktur verbessern, sondern Abläufe und Strukturen so denken, dass sie zeit­gemäß sind und für die Bürger*innen funktionieren. Dafür wünsche ich mir das entsprechende Bewusstsein.