„Europa braucht mehr als ein zweites Silicon Valley“

Frederike Kaltheuner
„Europa braucht mehr als ein zweites Silicon Valley“
Autor: Florian Sievers Fotos: Reinaldo Coddou 05.03.2026

Google hat angekündigt, 5,5 Milliarden Euro in neue Rechen­zentren in Hessen zu investieren. Sie sollen unter anderem die Cloud-Infra­struktur stärken, den Standort Deutschland attraktiver machen und den Daten­schutz nach europäischen Standards sichern. Die Digital­expertin Frederike Kaltheuner sieht das Vorhaben kritisch: Europa verfestige damit seine digitale Abhängigkeit von US-Konzernen, anstatt ein eigenes Tech­öko­system aufzubauen. Sie fordert einen Kurs­wechsel – und hat dafür ganz konkrete Ideen.

Auf dem Homescreen von Frederike Kaltheuners Geräten sieht es wild aus: Neben den Icons gängiger KI-Apps wie ChatGPT von OpenAI findet sich dort auch das orange­farbene Logo von Claude, die Chatbot-Alternative des US-amerikanischen Herstellers Anthropic. Und die App eines Open-Source-Modells für Künstliche Intelligenz (KI), die lokal auf ihrem Server zu Hause läuft. Diese bunte Mischung hat Kaltheuner bewusst gewählt: Als selbstständige Politik­beraterin und Analystin arbeitet sie daran, die digitale Souveränität Europas zu stärken. Vielfalt sei dafür ein zentraler Baustein, sagt sie. Um den Überblick zu behalten, probiert die Digital­expertin nahezu alles aus, was der Markt bietet.

KI-Modelle ausprobieren, um das beste ausfindig zu machen? Der digitale Alltag vieler Nutzer*innen sieht jedoch anders aus. Sie verwenden meistens die gleichen sozialen Platt­formen, Messenger-Apps und KI-Werkzeuge, überwiegend von großen US-amerikanischen Anbietern wie Meta oder OpenAI. Auch in der deutschen Wirtschaft ist die Abhängigkeit hoch: Laut dem Branchen­verband Bitkom arbeiten 80 Prozent der deutschen Unternehmen mit digitalen Technologien und Diensten aus den Vereinigten Staaten. Auf europäischer Ebene zeigt sich ein ähnliches Bild. „Dass unsere digitale Zukunft von einer Handvoll Firmen gelenkt und gestaltet wird, ist hoch undemokratisch“, kritisiert Kaltheuner. Zumal einige dieser Konzerne markt­beherrschend seien und sich teils willig für die Agenda der populistischen US-Regierung einspannen ließen.

© Reinaldo Coddou

Frederike Kaltheuner studierte Philosophie, Politik und Volks­wirtschafts­lehre in Maastricht und Istanbul sowie Internet Science in Oxford. Seit zwölf Jahren arbeitet sie an der Schnitt­stelle von Technologie und öffentlichem Interesse. Sie berät den öffentlichen Sektor, Unternehmen, Thinktanks oder Stiftungen dabei, wie sich die Digitalisierung demokratisch gestalten lässt. Außerdem arbeitet sie eng mit dem US-amerikanischen Thinktank AI Now Institute zusammen.

Ökonomische Argumente lohnen sich

Wenn sie nicht auf Konferenzen oder für Kund*innen unterwegs ist, arbeitet Kaltheuner in ihrer Berliner Wohnung im Prenzlauer Berg an Fragen digitaler Souveränität und Vielfalt in der EU. Lange habe sie vor allem auf staatliche Regulierung gesetzt, erzählt sie. Mit der Zeit sei ihr aber klar geworden, dass viele Politiker*innen und App-User*innen Regulierung vor allem als Bremse wahrnähmen. Heute argumentiert Kaltheuner daher stärker aus ökonomischer Sicht: Welche Folgen hat eine solche Markt­konzentration für die europäische Wirtschaft? Wo entsteht Wert­schöpfung – und wer profitiert von ihr? „Ich sehe meine Rolle darin, zu erklären“, sagt Kaltheuner. Politische Entscheidungs­träger*innen wüssten oft nicht, wie der digitale Markt und seine Produkte funktionierten und welche lang­fristigen Auswirkungen monopolartige Strukturen hätten. Immerhin sei in der Politik inzwischen ein grundlegendes Bewusstsein dafür entstanden, wie problematisch die digitale Abhängigkeit für Europa werden könnte. Denn Technologien prägen wichtige gesellschaftliche Bereiche – von der Mobilität über das Bildungs­wesen bis hin zur politischen Meinungs­bildung.

Wie baut sich Europa mehr digitale Souveränität auf? Frederike Kaltheuner im Gespräch. © Reinaldo Coddou

Während Europa alte Abhängigkeiten von Öl und Gas mit großem Aufwand zurückfährt, entstehen neue im digitalen Bereich. Ein Beispiel dafür ist der US-Konzern Google, der 5,5 Milliarden Euro in neue Rechen­zentren investieren will. Das Angebot richtet sich unter anderem an deutsche Unternehmen, die ihre Daten lokal speichern möchten. Auch sollen laut Google knapp 9.000 Arbeits­plätze in Deutschland gesichert werden.

„Milliardeninvestitionen und Tausende Arbeitsplätze, besonders in struktur­schwachen Regionen: Das klingt natürlich richtig gut“, sagt Kaltheuner. Doch Investitionen in Rechen­zentren seien nicht dasselbe wie der Bau von Fabriken: Rechen­zentren würden höchstens kurzfristig Jobs im Bau schaffen, die lang­fristige Wertschöpfung werde jedoch in die USA abfließen. Sie gibt ein Beispiel: „Welt­weit führende Start-ups wie Salesforce oder auch Palantir geben bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes für digitale Ressourcen wie die Cloud-Infrastruktur aus. Diese immensen Ausgaben­ströme fließen zum Großteil an Unternehmen wie Google, auch wenn ihre Rechen­zentren in Europa stehen.“ Die lang­fristige Frage für Europa sei deshalb nicht nur, wo und wie Daten sicher gespeichert werden, sondern wie hier wirtschaftliche Wert­schöpfung entstehen könne.

Rechenzentren schaffen höchstens kurzfristige Jobs im Bau – die langfristige Wertschöpfung wird in die USA abfließen.

Frederike Kaltheuner

Offen, grundrechts­konform, klima­freundlich – geht so etwas?

Wie also könnte ein europäisches Tech­ökosystem aussehen? „Wollen wir europäische Firmen, die US-Firmen kopieren – unsere eigenen kleinen Monopolisten?“, fragt Kaltheuner. Oder lassen sich digitale Technologien anders gestalten: offen, grund­rechts­konform, klima­freundlich und trotzdem wettbewerbs­fähig? Auf der Basis dessen, worauf sich Europa schon längst verständigt hat?

Kaltheuner schlägt vor, die verschiedenen Ebenen des sogenannten Tech-Stacks – eines umfassenden Geflechts von Programmier­sprachen, Anwendungen, Daten­banken und Hardware – zu betrachten. So entstehe ein Überblick, in welchen Bereichen Europa von anderen Ländern unabhängig werden möchte und könne – und wo nicht. Bei der Schlüssel­technologie Künstliche Intelligenz sei das zum Beispiel schwierig – solange Europa versuche, ausschließlich beim Wett­rennen um immer größere Modelle mitzuhalten. Trotzdem gebe es Hoffnung: „Für viele Anwendungen brauchen wir die großen, ressourcen­intensiven KI-Modelle gar nicht“, sagt Kaltheuner. Häufig reichten spezialisierte europäische Modelle wie Mistral aus Frankreich, besonders für Anwendungen im öffentlichen Sektor.

Weitere Alternativen könnten durch eine klarere europäische Strategie entstehen. Der öffentliche Sektor spiele dabei eine Schlüssel­rolle, meint Kaltheuner. Durch eine gezielte Beschaffungs­politik könne er für eine stärkere Nachfrage nach europäischen Produkten und Dienst­leistungen sorgen. Ebenso wichtig sei die konsequente Anwendung bestehender Gesetze wie des Digital Markets Act oder des AI Act – anstatt sie nach Drohungen aus den USA zurück­zu­schrauben. „Es darf ja auch niemand Autos auf den europäischen Markt bringen, die nicht unseren Sicherheits­standards entsprechen“, sagt Kaltheuner. Bei digitalen Angeboten wie etwa der Social-Media-Plattform X werde dieser Anspruch jedoch oft relativiert. Resignation sei dennoch keine Option: „Wir brauchen eine ambitionierte, lang­fristige Vision für die digitale Souveränität in Europa“, fordert Kaltheuner. „Daran müssen wir weiter­arbeiten!“


European Artificial Intelligence & Society Fund

Der European AI & Society Fund setzt sich für eine Künstliche Intelligenz ein, die dem Menschen, der Gesellschaft und dem Planeten dient. Hierfür bündelt der Fonds 17 Finanzierungs­partner. Ziel ist es, Förder­mittel zu vergeben, das Handlungs­feld auf­zu­bauen, Spenden zu sammeln und gemeinsame Strategien zu entwickeln.
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