Big Tech in der EU: Brauchen wir ein neues Kartell­recht?

Digitalexpertin Aline Blankertz will die Macht von international agierenden Tech-Konzernen begrenzen.
Big Tech in der EU: Brauchen wir ein neues Kartell­recht?
Autorin: Elisabeth Krainer Fotos: Reinaldo Coddou 09.09.2025

Die EU hat in den vergangenen Jahren wiederholt versucht, die Markt­macht von Google, Apple und Co. mit Kartell­verfahren und milliarden­hohen Strafen ein­zu­grenzen. An der Dominanz der US-amerikanischen Big-Tech-Unternehmen hat sich jedoch wenig geändert. „Big Tech ist noch immer zu mächtig“, warnt Digital­expertin Aline Blankertz, die sich als Tech Economy Lead bei der NGO Rebalance Now schon lange dafür einsetzt, die Monopol­macht der Konzerne zu begrenzen. Wie sollte die EU reagieren?

Techkonzerne wie Amazon, Alphabet oder Meta geben vor, wie sich Verbraucher*innen in der digitalen Welt bewegen. Sie beeinflussen, welche Platt­formen sie nutzen, wem sie ihre Daten anvertrauen, wofür sie Geld ausgeben. Seit Jahren verfestigt sich die Monopol­stellung von Big Tech auch in Europa: Mit 98,9 Prozent Markt­anteil bestimmen etwa die Betriebs­systeme Android von Alphabet und iOS von Apple den deutschen Smart­phone­markt. Meta hält die größte Markt­macht im Bereich der sozialen Medien mit knapp 80 Prozent, das Online­shopping beherrscht Amazon hierzulande mit 63 Prozent Markt­anteil. Ähnlich sieht es bei Internet­suchen, digitaler Werbung und Cloud-Diensten aus.

Das EU-Kartellrecht als Mittel gegen Tech­monopolisten

Wie kann es sein, dass einzelne Unternehmen der­artigen Einfluss gewinnen? Und wie kann diese Macht wieder eingehegt werden? Diesen Fragen geht die Kölner NGO Rebalance Now nach. Aline Blankertz, früher als Wirtschafts­beraterin für Unternehmen wie Google oder Master­card tätig, arbeitet heute als Tech Economy Lead daran, der Über­macht von Big Tech etwas entgegen­zu­setzen. Laut Blankertz sei die gemein­wohl­orientierte Perspektive in der Debatte um Tech-Konzerne stark unter­repräsentiert. Das will sie ändern: durch EU-weite Netzwerke mit anderen gemein­wohl­orientierten Organisationen, im Austausch mit Politik­schaffenden und Forschenden. Gemeinsam wollen sie zum einen kartell­rechtliche Prozesse sinn­voll begleiten, zum anderen das öffentliche Bewusstsein fördern und auch Unternehmen unter­stützen, die Alternativen zu den Diensten von Big Tech anbieten. Dabei spielt auch die Durch­setzung des Kartell­rechts eine große Rolle – denn Monopole drosseln den Wettbewerb.

Aline Blankertz
© Reinaldo Coddou

Aline Blankertz ist Tech Economy Lead bei Rebalance Now. Sie unter­sucht, wie die Macht von Technologie­konzernen eingeschränkt werden kann und wie sich wettbewerbs­ökonomische Analysen weiter­entwickeln lassen. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit Tech­märkten, der Platt­form­regulierung und gemein­wohl­orientierten Alternativen, unter anderem bei Wikimedia Deutschland, dem Thinktank interface und der Wirtschafts­beratung Oxera.

Nach dem deutschen Kartell­recht gilt ein Unternehmen als markt­beherrschend, wenn es einen Anteil von mindestens 40 Prozent beansprucht oder sich bis zu fünf Unternehmen zwei Drittel des Marktes teilen. Markt­beherrschung dieser Art ist rechtlich verboten. Dennoch sind Digital­unternehmen auf europäischer Ebene mächtig wie nie. Und sie werden immer mächtiger. Ein Grund dafür, dass das Kartell­recht nicht wirklich greift, sei die branchen­über­greifende Aktivität von Big Tech, erklärt Aline Blankertz. „Durch die Digitalisierung ist in vielen Bereichen eine neue Wert­schöpfungs­ebene hin­zu­gekommen.“ Branchen seien früher leichter zu trennen gewesen, das EU-Kartell­recht berufe sich auf diese klare Abgrenz­barkeit. Ein Beispiel: Während früher ein Hersteller für Haushalts­geräte Toaster produzierte und Händler diese verkauften, mischt eine digitale Plattform wie Amazon heute in allen Bereichen rund um das Produkt mit. Der Konzern produziert und verkauft eigene Geräte, verarbeitet Zahlungs­daten und steuert die Logistik und den Versand. Sogar für die Konkurrenz stellt er seine Plattform zur Verfügung. Ein E-Commerce-Riese wie Amazon sei also nicht mehr eindeutig einer Branche zuzuordnen. „Das macht es schwieriger, das Kartell­recht mit den über die Jahre auch noch abgeschwächten Regeln anzuwenden“, so die angewandte Ökonomin. Zusätzlich stärken die Konzerne ihren politischen Einfluss, um Regulierungen in ihrem Sinne abzumildern: Laut einer Studie von LobbyControl gab die Digital­industrie auf EU-Ebene allein im Jahr 2021 mehr als 113 Millionen Euro für Lobby­arbeit aus.

Warum helfen die Millionen­strafen gegen Big Tech nicht?

Einzelne Urteile im Kartellrecht der EU wie die 800-Millionen-Euro-Strafe gegen Meta im Jahr 2024 seien ein Anfang, sagt Aline Blankertz. Doch noch lange nicht genug. Ein Bericht des alternativen Tech­anbieters Proton zeigt, dass Big Tech sämtliche Strafen aus dem Jahr 2023 – über drei Milliarden Euro – bereits nach einer Woche wieder als Umsatz generiert hatte. Braucht Europa also ein neues Kartell­recht? „Die EU muss das Kartell­recht künftig strenger durch­setzen, entsprechende Strafen müssen Big Tech wirklich wehtun“, so Blankertz. Zudem sei die EU in der Pflicht, auch die weiteren negativen Auswirkungen der Konzerne zu begrenzen: „Umwelt­auswirkungen, schlechte Arbeits­bedingungen, Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Nutzer*innen, die Verschiebung des demokratischen Kurses nach rechts – für all diese Bereiche brauchen wir eine effektive Regulierung.“

Plattformen haben vereinnahmt, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Da gibt es eine Art Gläubigkeit, bei der wir ausklammern, wer diese Technologien gestaltet.

Aline Blankertz, Tech Economy Lead bei Rebalance Now

Aline Blankertz wünscht sich zudem einen Diskurs zur Frage, wie die Grundpfeiler von Technologien aussehen sollen und wer diese definiert. „Plattformen haben vereinnahmt, wie wir uns die Zukunft vorstellen. Da gibt es eine Art Gläubigkeit, bei der wir ausklammern, wer diese Technologien gestaltet“, sagt Blankertz. Etwa wenn Meta-CEO Mark Zuckerberg in epischen Präsentationen behaupte, dass das Virtual-Reality-Projekt Metaverse die nächste Entwicklungsstufe des Internets sei und damit Milliarden­investitionen recht­fertige, werde oft ausgeblendet, dass es sich dabei lediglich um eine Zukunftsvision eines einzelnen Unternehmens handele. Diese sollten Zivil­gesellschaft und Medien nicht einfach so übernehmen. Statt­dessen, so fordert sie, sollten Innovationen auf einer Basis entwickelt werden, die das gesellschaftliche Gemein­wohl nach vorne bringt: „Wir können Prinzipen und Werte erarbeiten, nach denen Technologien gestaltet werden sollen. Zum Beispiel, indem Technologien offen und ressourcen­sparsam unter Beteiligung von marginalisierten Gruppen gestaltet werden. Ich denke nicht, dass es dafür zu spät ist.“

„Die EU muss das Kartellrecht künftig strenger durchsetzen, entsprechende Strafen müssen Big Tech wirklich wehtun“, sagt Digitalexpertin Blankertz von der NGO Rebalance Now.
„Die EU muss das Kartellrecht künftig strenger durchsetzen, entsprechende Strafen müssen Big Tech wirklich wehtun“, sagt Digitalexpertin Blankertz von der NGO Rebalance Now. © Reinaldo Coddou

Was können User*innen gegen Techmonopole tun?

Gegenstimmen von Nutzer*innen gibt es derzeit noch wenige. Denn die Menschen, so erklärt Blankertz, schätzten nach wie vor die Produkte der großen Tech­konzerne: „Im Vergleich zu Banken oder Tabak­unternehmen ist das gesellschaftliche Bewusst­sein gegen­über Big Tech ein deutlich positiveres.“ Ein Grund dafür sei das Design der Nutzer*innen­erfahrung: Das Gehirn schüttet Dopamin beim Scrollen, Liken und Einkaufen aus, wenn User*innen beispiels­weise in den sozialen Medien oder in Online­shops unterwegs sind. Der Konsum über Smartphone oder Laptop stimuliert das Gehirn nicht nur kurz­fristig, sondern kann auch abhängig machen. Das sei auch den Nutzer*innen selbst bewusst, so Blankertz. Sie nutzten die Geräte mehr, als sie es für gut empfänden.

Als Gegenmittel empfiehlt die Expertin die sogenannte Tool-Hygiene: Nutzer*innen sollten Platt­formen unter­schiedlicher Anbieter verwenden. „Ethischer Konsum ist ein Teil der Antwort“, so Blankertz. Social-Media-Platt­formen wie Mastodon oder Bluesky böten aufgrund ihrer Geschäfts­praktiken eine Alternative zu den Meta-Netz­werken Facebook oder Instagram – weil sie weniger auf endloses Scrollen optimiert sind. Außerdem sollten Nutzer*innen Empfehlungen von Konzernen nicht blind vertrauen. Wer beispiels­weise Googles Betriebs­system Android nutzt, hat Apps wie Google Search, Maps oder Chrome vor­installiert. So wollten Konzerne Verbraucher*innen abhängig von ihren Diensten machen. Ein Verständnis dafür, was mit den eigenen Daten passiere und wer hinter welchen Produkten stecke, sei daher wichtig, so Blankertz.

Entscheidend seien jedoch die Entscheidungen auf europäischer Ebene. Den Digital Markets Act (DMA) wertet Blankertz etwa als einen wichtigen regulatorischen Schritt, um die Markt­macht zumindest nicht weiter wachsen zu lassen. Aktuell dienen die Digital­gesetze jedoch eher als Pfand im Zoll­streit mit Trump: Man wolle es sich mit dem U.S.-Präsidenten nicht unnötig verscherzen, deshalb bleibe laut Expertin die Durch­setzung der Digital­gesetze und des Kartell­rechts gegen US-Konzerne aktuell unzureichend. Das spielt Big Tech in die Karten. Der Kniefall der Tech-CEOs Elon Musk (X, ehemals Twitter) oder Mark Zuckerberg vor dem US-Präsidenten sei für Europa aber auch ein Weckruf gewesen, der Tech-Lobby nicht mehr blind zu vertrauen. „Die EU kann das Kartell­recht strenger durchsetzen – sie muss sich nur trauen.“


Rebalance Now

Rebalance Now ist eine gemein­nützige Nicht­regierungs­organisation, die sich gegen die Monopol­macht von Unternehmen wendet. Denn die Monopolisierung vieler Bereiche – von Social Media bis hin zu Super­märkten – schadet den Verbraucher*innen, der Umwelt und der Demokratie. Rebalance Now wirkt dieser Entwicklung mit Recherchen, Aufklärung und Informations­arbeit entgegen.
rebalance-now.de