Souveräne Digital­politik: Wie kann Europa aus dem Schatten der USA und Chinas treten?

Souveräne Digital­politik: Wie kann Europa aus dem Schatten der USA und Chinas treten?
Autorin: Elisabeth Krainer 27.11.2025

Die USA und China dominieren den globalen Techmarkt: Die beiden Länder kontrollieren nicht nur die größten Plattformen, sondern auch die digitale Infra­struktur – von Cloud-Diensten bis zu 5G-Netzen. Europa steht im Schatten der beiden Super­mächte und muss sich in diesem geopolitischen Dreieck behaupten. Tech­expertin Katja Muñoz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik warnt: Zu viel europäische Regulierung sei einer der Faktoren, der die Abhängigkeit von chinesischen und US-amerikanischen Konzernen noch verstärkt – und fordert einen grund­legenden Strategie­wechsel in der Digital­politik.

Frau Muñoz, in Ihrem neuen Beitrag im Magazin „Inter­nationale Politik“ erwähnen Sie den Begriff der geoökonomischen Zeiten­wende. Was ist damit gemeint?

Die neoliberale Weltordnung der vergangenen 20 bis 30 Jahre hat sich verändert. Globalisierung, Vernetzung und Arbeits­teilung wurden bisher als Stärke gesehen und haben uns im Westen Wohlstand und Effizienz gebracht. Heute werden diese Strukturen zunehmend als Verwundbarkeit wahr­genommen und teil­weise auch als Waffe genutzt. Das sehen wir zum Beispiel am Ausschluss Russlands aus dem SWIFT-Finanz­system als Sanktion aufgrund des russischen Angriffs­krieges gegen die Ukraine. Solche Beispiele machen deutlich, dass Technologie heute weit mehr ist als nur ein Werkzeug für Effizienz und Vernetzung. Technologie ist zu einer Art geopolitischer Währung geworden. Und Europa hat sich in den vergangenen Jahr­zehnten im Tech­bereich stark abhängig gemacht: Etwa 80 Prozent unserer digitalen Infra­struktur stammen aus den USA oder China. Deutschland ist also kein Einzel­fall. Nur scheint diese Entwicklung andere europäische Staaten weniger zu stören.

Dr. Katja Muñoz
© privat

Dr. Katja Muñoz ist Senior Research Fellow am Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der DGAP. Sie erforscht das Zusammen­spiel zwischen sozialen Medien und Politik. Ihre Forschung umfasst auch die Schnitt­stelle zwischen Künstlicher Intelligenz (KI) und Demokratie, mit besonderem Schwer­punkt auf neuen KI-Trends, die die Integrität von Online­informationen neu gestalten.

In welchen Bereichen ist diese Abhängigkeit besonders gefährlich?

Vor Kurzem ist der Cloud-Anbieter Amazon Web Services (AWS), der rund 40 Prozent unserer Cloud-Infra­struktur stellt, für einen Tag ausgefallen. Schon eine technische Störung kann also große Auswirkungen haben und kritische Infra­strukturen lahm­legen. Das heißt nicht, dass wir vollständig auf außer­europäische Dienste verzichten sollten. Aber wir müssen in der Lage sein, selbst zu agieren, wenn es darauf ankommt. Europa braucht eine lang­fristige Strategie, um eine eigene Infra­struktur auf­zu­bauen und dadurch seine Abhängigkeit zu reduzieren. Zum Beispiel sollte die Bundes­regierung verstärkt Open-Source-Software einführen, wie es schon Dänemark oder das österreichische Bundes­heer mit dem Wechsel von Microsoft zu LibreOffice vorgemacht haben. Wenn wir nur von Krise zu Krise denken, bauen wir immer nur Lösungen für das Jetzt, aber nie für das Morgen.

Sonderausgabe „Internationale Politik“

Die aktuelle Sonder­aus­gabe des Magazins „Inter­nationale Politik“ widmet sich unter dem Titel „Macht und Technologie“ den geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Heraus­forderungen der digitalen Transformation. Katja Muñoz und weitere Expert*innen analysieren, wie technologische Entwicklungen die globale Macht­ordnung verändern – und welche Rolle Europa dabei spielen kann.

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*Das Heft befindet sich hinter einer Paywall

Bisher setzt die EU vor allem auf Regulierung von Tech­unternehmen. Warum ist das Ihrer Ansicht nach nicht ziel­führend?

Mein Kollege Kai Zenner hat alle seit 2010 bestehenden Regularien gezählt – es waren mehr als 100 Stück. Durch diese große Menge an Auflagen hat die EU ein sehr kompliziertes Ökosystem geschaffen. So ist es für Start-ups viel schwieriger, sich an die Regularien anzupassen, als für Big-Tech-Unternehmen, die dafür Teams abordnen können. Das Problem dabei: Je erfolg­reicher Europa reguliert, desto abhängiger wird es von der Innovations­kraft Dritter.

Je erfolgreicher Europa reguliert, desto abhängiger wird es von der Innovationskraft Dritter.

Dr. Katja Muñoz, Senior Research Fellow

Wie könnte eine zukunfts­gewandte Digital­strategie für Europa aussehen?

Das Anliegen der EU ist es, werte­basiert zu handeln und die Menschen zu schützen, die in der EU leben. Wenn wir diese Idee zukunfts­fähig machen wollen, müssen wir die gegen­seitigen Abhängigkeiten zwischen den USA, China und Europa anerkennen. Die EU muss dafür sorgen, dass sie auf Augenhöhe verhandeln kann und nicht als kleiner Junior­partner gegen­über den USA oder China auftritt. Das kann sie, indem sie auf Resilienz und Innovation setzt. Sprich: auf der einen Seite ihre Abhängigkeiten verringert und auf der anderen Seite globale Standards mit ihren eigenen Produkten setzt, die mit denen aus den USA und China mit­halten können. Im Moment konsumiert die EU eher die Produkte und die Infra­struktur anderer Länder.

Die Übermacht der USA im Techbereich ist durch CEOs wie Mark Zucker­berg oder Elon Musk medial sehr präsent. Wie verändert China die Spielregeln für die EU?

China und die USA haben ein ähnliches Ziel, nämlich Kontrolle beziehungs­weise Dominanz. Die beiden Länder verfolgen aber unter­schiedliche Strategien. Die USA wollen den KI-Stack – also alle technologischen Ebenen von der Hardware über Daten und Algorithmen bis hin zu den Anwendungen – vom ersten bis zum letzten Schritt dominieren. Deshalb erleben wir auch diese PR-Wellen, in der Tech-CEOs wie Sam Altman von OpenAI mehrmals am Tag vor die Presse treten. Auch die Dauer­beschallung durch Trump gehört dazu. Sie wollen damit andere verunsichern. Chinas Strategie ist etwas leiser, aber nicht weniger gefährlich. Sie lautet: günstige Infra­struktur­projekte zur Verfügung stellen und den eigenen Zugang dazu sichern. Denn wer die Infra­struktur stellt, kann auch die Rahmen­bedingungen festlegen und sich Zugang zu Daten verschaffen.

Die USA wollen den KI Stack vom ersten bis zum letzten Schritt dominieren.

Dr. Katja Muñoz, Senior Research Fellow

Wie genau?

Zum Beispiel durch die Neue Seidenstraße, ein Infra­struktur­projekt, das China welt­weit gut vernetzt und das durch chinesische Staats­banken und Unternehmen finanziert wird. Oder Chinas großer Anteil beim Abbau und bei der Verarbeitung Seltener Erden, die für die Herstellung von Smartphones, E-Autos oder Wind­kraft­anlagen unverzichtbar sind. Auch 5G- und 6G-Netze baut China aus.

Wie stehen die Chancen der EU, im globalen Techwettbewerb noch mitzuhalten?

Ich denke, dass die Rolle der EU etwas unter­schätzt wird. Die EU ist im globalen Vergleich kein kleiner Player, eher eine mittel­starke Macht. Auch ist es wichtig zu betonen, dass auch China und die USA als Groß­mächte von mittleren und kleineren Mächten abhängig sind. Ein Beispiel: Die europäische Firma ASML ist eine Art Tech­kron­juwel für die EU. Sie stellt Lithographie­systeme für die Produktion von Halb­leitern her, ohne die zum Beispiel die taiwanesische Chip-Firma TSMC oder auch das US-Unternehmen Nvidia nicht produzieren könnten. Ich meine damit nicht, dass die EU diese Abhängigkeit als Waffe nutzen sollte. Vielmehr geht es darum, dass sie weitere solcher Kapazitäten, sogenannte Chokepoints, aufbauen muss. Wenn sie im Tech­bereich oder in den Liefer­ketten gegen­seitige Abhängigkeiten etabliert, kann Europa nicht einfach so unter Druck gesetzt werden.

Ist das in der Vergangenheit schon mal gelungen?

Ja, ein Beispiel ist der europäische Flug­zeug­hersteller Airbus. 1970 haben Frankreich und Deutschland das Airbus-Konsortium gegründet, um der Markt­macht des US-amerikanischen Herstellers Boeing etwas entgegen­zu­setzen. Die Staaten haben Ressourcen gebündelt und strategisch zusammenge­arbeitet. Heute ist Airbus Welt­markt­führer. Die europäische Digital­politik sollte nach einem solchen „Airbus-Moment“ streben – und anerkennen, dass Europa nur durch eine mutige und strategische Zusammen­arbeit eine führende Rolle spielen kann.


Deutsche Gesellschaft für Aus­wärtige Politik

Die Deutsche Gesellschaft für Aus­wärtige Politik (DGAP) engagiert sich für eine nach­haltige deutsche und europäische Außen- und Sicher­heits­politik, die auf Demokratie, Frieden und Rechts­staatlichkeit ausgerichtet ist. Die 1955 gegründete Organisation ist partei­politisch unabhängig und prägt als Forschungs- und Mitglieder­organisation die außen­politische Debatte in Deutschland.
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