„KI-Regulierung ist kein Feind des Fort­schritts – sie macht ihn demokratisch“

„KI-Regulierung ist kein Feind des Fort­schritts – sie macht ihn demokratisch“
Autor: Jan Eijking 09.12.2025

Nahezu im Wochentakt versuchen die USA und China, sich mit neuen KI-Technologien zu überbieten: Anfang November ging der humanoide Roboter „IRON“ der chinesischen Firma XPENG an den Start, wenig später kündigte das Weiße Haus die „Genesis Mission“ an, die Wissenschaft und technologische Innovationen zentralisiert fördern soll. Für Julia Tréhu und Adrienne Goldstein vom Projekt „Transatlantic Technology Exchange“ des German Marshall Fund (GMF) steht fest: Die Demokratien müssen das KI-Wettrennen für sich entscheiden. Welche Rolle die KI-Regulierung dabei spielt und warum die USA und Europa ähnlicher handeln als angenommen, haben sie im Interview mit AufRuhr erklärt.

Frau Tréhu, in Ihrer Arbeit bei GMF Technology setzen Sie sich für die trans­atlantische Zusammen­arbeit bei der Regulierung neuer Technologien ein. Ziehen die USA und EU in Sachen KI-Regulierung an einem Strang?

Tréhu: Die EU kommt gerade aus einer intensiven Regulierungs­phase mit dem Digital Markets Act, dem Digital Services Act und dem neuen AI Act. Mittler­weile aber rückt die europäische Wettbewerbs­fähigkeit stärker in den Mittel­punkt. In den USA gab es unter Präsident Joe Biden noch gewisse Parallelen zu Europa, was die Regulierung neuer Technologien angeht. Unter anderem hatte er 2023 per Dekret beschlossen, dass Anbieter von KI-Software Sicherheits­tests durch­laufen müssen, um kein Risiko für die nationale Sicherheit und die öffentliche Gesundheit dar­zu­stellen. Unter Präsident Donald Trump steht dagegen heute wieder „Innovation first“ im Vordergrund, KI soll weitest­gehend unreguliert bleiben.

Es wäre aber zu einfach zu sagen: Europa reguliert, die USA nicht. Auf bundes­staatlicher Ebene passiert in den USA sehr viel – etwa in Kalifornien, wo der Bundes­staat mit Gesetzen wie dem California Consumer Privacy Act besonders weit­reichende Daten­schutz­rechte ein­geführt hat. Auch Texas, Ohio oder Utah befassen sich ausführlicher mit technologischen Risiken als Washington. Wir fördern bei GMF Technology deshalb den direkten Austausch zwischen Abgeordneten der einzelnen US-Bundes­staaten und europäischen Parlamentarier*innen.

Julia Tréhu
© privat

Julia Tréhu ist Programm­managerin und Fellow bei GMF Technology mit Sitz in Paris. Ein Schwer­punkt ihrer Arbeit ist die Digital- und Technologie­politik der USA und Europas, einschließlich technologie­bezogener Handels- und Investitions­politik, Platt­form­regulierung, Daten­verwaltung und Künstlicher Intelligenz.

Es wäre zu einfach zu sagen: Europa reguliert, die USA nicht.

Julia Tréhu

Wie sieht dieser Austausch aus?

Goldstein: Um die EU- und US-Politik enger zu vernetzen, haben wir im vergangenen Jahr eine Studien­reise für zwölf Mitglieder des Europäischen Parlamentes ins Leben gerufen. Sie sind nach Washington, D. C., Austin und Sacramento gereist und haben dort Abgeordnete, Wissenschaftler*innen und Innovator*innen getroffen. Im Dezember empfangen wir US-Abgeordnete aus diesen Bundes­staaten in Brüssel und Paris, um über EU-Regulierung und Innovations­politik zu sprechen. Im Mai folgt dann wieder eine Reise von zwölf EU-Abgeordneten nach Washington, D. C., und nach Boston.

Auf Ihrer Website ist zu lesen, dass GMF Technology den „strategischen Technologie­wettbewerb gegen Autokratien gewinnen“ will. Was bedeutet das genau?

Tréhu: Wir wollen, dass Technologie dafür genutzt wird, Demokratien zu unter­stützen. Unser Projekt „Transatlantic Technology Exchange“ setzt sich dafür ein, dass Technologie im öffentlichen Interesse entwickelt wird. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie Risiken vermieden werden können, ohne dass unnötige Hürden für technologische Entwicklungen entstehen. Der AI Act der Europäischen Union ist hierfür ein gutes Beispiel: Nur rund 20 Prozent der KI-Anwendungen sind von seinen Regulierungen betroffen. Für nützliche Tools wie einen KI-gestützten Spam­filter gibt es beispiels­weise kaum Einschränkungen. Statt­dessen geht es der EU vor allem um Schutz­maßnahmen in Hoch­risiko­bereichen wie kritischer Infra­struktur oder der Erfassung von biometrischen Daten.

Welche Rolle spielt die Regulierung von KI für die aktuelle US-Regierung?

Goldstein: Die Debatte um das Thema KI-Sicherheit ist in den USA partei­politisch aufgeladen. Die Trump-Regierung spricht von „Woke AI“, wenn KI-Anwendungen rassistische, sexistische oder diskriminierende Outputs vermeiden, und stellt dies als Zensur konservativer Ansichten dar. Sie beschreibt die Regulierung von KI oft als Hindernis für Innovationen, dabei steht beides nicht unbedingt im Widerspruch zueinander. Hinzu kommt, dass KI insgesamt ein Image­problem hat. Viele Menschen fürchten beispiels­weise, ihren Job zu verlieren. Eine gelungene Regulierung bietet hier eine Chance: Sie kann Vertrauen schaffen, wenn sie Risiken begrenzt und zugleich nach­voll­zieh­bar macht, wie KI-Systeme funktionieren und wofür sie eingesetzt werden.

Adrienne Goldstein
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Adrienne Goldstein ist Senior Program Coordinator bei GMF Technology und beschäftigt sich dort mit Desinformation und Social-Media-Plattformen. Sie schloss ihr Studium am Middlebury College mit einem Bachelor of Arts in Geschichte ab und war Mitglied des dortigen Media Portrayals of Minorities Project Lab.

Regulierung kann Vertrauen schaffen, wenn sie Risiken begrenzt und zugleich nach­voll­zieh­bar macht, wie KI-Systeme funktionieren und wofür sie eingesetzt werden.

Adrienne Goldstein

Kritiker*innen halten die KI-Regulierung dennoch für eine Innovations­bremse. Gibt es Beispiele, bei denen eine Regulierung Innovation nicht ausbremst, sondern sogar erleichtert?

Goldstein: Regulierung ist kein Feind des Fortschritts – sie macht ihn demokratisch. Der Open-Data-Ansatz beinhaltet zum Beispiel Regelungen, nach denen staatliche Akteure oder Unternehmen bestimmte Daten­sätze offenlegen müssen, sodass auch kleinere Akteure sie nutzen können.

Auch das Thema Ressourcen ist bei KI immer wieder Thema: Die erforderlichen Rechen­zentren verbrauchen enorme Mengen Strom und Wasser. Wie lassen sich diese ökologischen und gesellschaftlichen Folgen politisch steuern?

Goldstein: Politiker*innen auf beiden Seiten des Atlantiks teilen ähnliche Anliegen, was das Management des Energie- und Wasser­verbrauchs der KI-Rechen­zentren angeht. In den USA stehen viele der Zentren in trockenen Staaten wie Texas oder Arizona, weil Strom dort billig ist, und entziehen der Region das ohnehin knappe Wasser. Die lokalen Behörden tragen also die Folgen für die Innovations­politik, die in Washington entschieden wird. Das ist ein weiterer Grund, warum wir direkt mit den Bundes­staaten zusammen­arbeiten, um bessere Lösungen zu finden.

Tréhu: Sowohl in Europa als auch in den USA investieren Energie­konzerne jetzt in eine robustere Infra­struktur, die mit der Auslastung durch KI-Systeme besser umgehen kann und vor allem verlässlich ist. So werden etwa wichtige Strom­leitungen unterirdisch verlegt, damit sie vor Extrem­wetter und Bränden geschützt sind. Die Kosten für diese Maßnahmen werden aber vor allem an Verbraucher*innen weiter­gegeben, das haben wir in Europa seit dem russischen Angriff gegen die Ukraine erlebt. Vielen führen diese höheren Energie­kosten die alltäglichen Auswirkungen von KI vor Augen.

Goldstein: Das weist auf die Möglichkeit hin, dass Regulierung die Demokratie und demokratische Werte fördern kann. Wenn die EU und die USA zusammen­arbeiten und voneinander lernen, können sie dafür sorgen, dass Chancen und Lasten der Künstlichen Intelligenz fairer verteilt werden. Darauf arbeiten wir hin.

Transatlantic Tech Exchange

Das Projekt „Transatlantic Tech Exchange“ (TTX) ist eine Initiative von GMF Technology des German Marshall Fund, die von der Stiftung Mercator ins Leben gerufen wurde und seit 2025 vom Project Liberty Institute unterstützt wird. Ziel des TTX ist es, Vertrauen und gegen­seitiges Verständnis zwischen europäischen und US-amerikanischen Gesetz­gebern auf Bundes- und Landes­ebene aufzubauen, das gegen­seitige Verständnis für die Technologie­politik und das Innovations­umfeld in der EU und den USA zu vertiefen sowie politische Analysen durch­zu­führen und Empfehlungen zur Förderung von Innovation und demokratischen Werten in der Technologie­politik abzugeben. Hierfür fand 2024 erstmals eine Studienreise für zwölf Mitglieder des Europäischen Parlamentes nach Washington, D. C., Austin und Sacramento statt. 
www.gmfus.org/transatlantic-technology-exchange