Wie wacklig sind Stablecoins, Carolina Melches?
Stablecoins liegen im Trend: Wie andere Kryptowährungen lassen sie sich schnell transferieren und sind zudem wertstabil. Carolina Melches von der gemeinnützigen Organisation Finanzwende Recherche erklärt, wie Stablecoins funktionieren, welche Risiken sie bergen und welche Rolle die Einführung des digitalen Euro spielt.
Was sind Stablecoins?
Stablecoins sind digitale Vermögenswerte, die auf einer Blockchain – einer dezentralen Datenbank – verzeichnet sind. Das haben sie mit anderen Kryptowerten wie Bitcoin oder Ethereum gemeinsam. Das Besondere an Stablecoins ist, dass sie immer einen stabilen Wert im Verhältnis zu einem Referenzwert haben: Ein Stablecoin entspricht zum Beispiel einem US-Dollar, einem Euro oder dem Goldwert und vermeidet somit starke Kursschwankungen. Der Stablecoin-Markt ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und hat mittlerweile eine Marktkapitalisierung von etwa 300 Milliarden US-Dollar.
Gibt es weitere Unterschiede zu Bitcoins und Co.?
Stablecoins sind keine Anlageprodukte wie Bitcoins, die eine Kursentwicklung haben oder irgendwann Zinsen abwerfen. Viele nutzen sie als digitales Bargeld: Verbraucher*innen können mit Stablecoins zwischen Krypto-Assets tauschen, ohne zwischendurch in Euro oder US-Dollar wechseln zu müssen. Anders als beim Bitcoin werden Stablecoins zentral von einem Emittenten ausgegeben, der die Reserve verwaltet. Zu den größten Stablecoins zählen Tether (USDT) und USD Coin von Circle (USDC). Beide sind an den US-Dollar gebunden und bilden zusammen ungefähr 85 Prozent des Marktes ab.
Carolina Melches ist Ökonomin und arbeitet bei Finanzwende Recherche an den Themen Digitalisierung im Finanzsektor, Finanzinnovation und FinTech. Nach ihrem Studium in den Fächern Public Policy und Volkswirtschaft war sie im Bundestag mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Themen Wirtschafts- und Finanzpolitik mit dem Schwerpunkt auf Banken- und Finanzmarktregulierung sowie Finanzinnovationen und FinTech zuständig.
Welche Vorteile bringen Stablecoins, wenn sie keine Zinsen oder Gewinne abwerfen?
Für viele Befürworter*innen von Stablecoins ist die Geschwindigkeit von Überweisungen das schlagende Argument: Die Überweisungen passieren in Echtzeit, rund um die Uhr und sind weltweit möglich. Doch es gibt noch andere Vorteile: Wenn ich von einem Kryptowert in einen anderen wechseln möchte, mache ich das am besten über einen Stablecoin, da die Kurse anderer Kryptowerte teilweise stark schwanken. Stablecoins können auch Kryptokredite absichern oder beim Tauschen, Kaufen und Verkaufen von Tokens als stabile Währung fungieren. Darüber hinaus kann es gerade in Ländern mit volatilen oder inflationären Währungen attraktiv sein, Geld in Stablecoins zu parken. Dort dienen Stablecoins als digitaler Dollar-Zugang. Stablecoins werden auch für Remittances genutzt, also für Geldsendungen von Menschen, die zum Beispiel in den USA arbeiten und das Geld zurück in ihre Heimatländer schicken, wo internationale Überweisungen oft sehr teuer sind.
Welche Risiken bringen Stablecoins mit sich?
Emittenten, also die Herausgeber von Stablecoins, haben keine Anbindung an eine Zentralbank. Tether, der größte Emittent, sitzt in El Salvador. Er wird so gut wie gar nicht beaufsichtigt und hat auch kaum Vorgaben für seine Reserven. Wir wissen nicht, woraus seine Deckung genau besteht und ob sie im Krisenfall schnell genug verfügbar wäre, etwa wenn bei einem Bank Run viele Menschen gleichzeitig ihre Stablecoins in US-Dollar zurücktauschen wollen. Ist ein Emittent dann nicht in der Lage, kurzfristig so viele Rücktauschanforderungen zu bedienen, könnte es zu einer Wertentkopplung vom Basiswert kommen und so einen starken Werteverfall des Stablecoins auslösen. Bricht der Stablecoin-Markt komplett zusammen, würde das nicht nur der Kryptosektor zu spüren bekommen. Ein großer Abverkauf der Staatsanleihen aus den Stablecoin-Reserven würde sich spürbar auf die Anleihemärkte auswirken, mit Folgen für den gesamten Finanzsektor. Dass Störungen oder Kurseinbrüche im Stablecoin-Bereich eine Weltwirtschaftskrise wie 2008 auslösen, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.
Stablecoins: Worauf Verbraucher*innen achten sollten
1) Wer gibt Stablecoins aus?
Stablecoins werden häufig zentral von einem Emittenten herausgegeben und verwaltet – anders als zum Beispiel beim Bitcoin, der keinen zentralen Herausgeber hat. Sie sollten daher prüfen: Welche Firma bietet die Stablecoins an? Macht sie einen seriösen Eindruck? Gibt es eine Möglichkeit, die Firma bei Problemen zu kontaktieren?
2) Sind die Reservenachweise vertrauenswürdig?
Bekommen Sie Ihr Geld jederzeit zurück – auch im Krisenfall? Verlassen Sie sich nicht nur auf das Versprechen „1 Coin = 1 US-Dollar/Euro“. Suchen Sie nach regelmäßig veröffentlichten Reserve- und Transparenzberichten und prüfen Sie, ob nachvollziehbar beschrieben wird, woraus die Deckung besteht und wie die Einlösung funktioniert.
3) Kann ich Stablecoins unkompliziert zurücktauschen?
Das Eintauschen von Stablecoins sollte schnell und einfach gehen: Schauen Sie nach, ob Sie Stablecoins direkt beim Emittenten einlösen können oder nur über eine Börse oder App. Und prüfen Sie, wie lange das Einlösen dauert, welche Gebühren anfallen und welche Limits gelten.
Warum fordert Finanzwende Recherche eine zentrale Aufsicht für Kryptowährungen?
Wir brauchen eine zentrale Finanzaufsicht für Kryptowährungen wie Stablecoins in der EU, weil sich Stablecoin-Anbieter heute in einem EU-Land lizenzieren und dann in der ganzen EU operieren dürfen. Das begünstigt Regulierungsarbitrage. Das bedeutet, dass sich Unternehmen gezielt in dem EU-Land mit der laxesten Aufsicht lizenzieren, um strengere Vorschriften in anderen Ländern zu umgehen. Daher sollten Stablecoins streng und einheitlich beaufsichtigt werden, weil sie trotz ihres Stabilitätsversprechens immer wieder anfällig für Vertrauensschocks und Rücktauschwellen sind. Auch auf internationaler Ebene braucht es mehr Koordination beim Thema Stablecoins. Derzeit entstehen überall auf der Welt Kryptoregelwerke, die untereinander teilweise nicht kompatibel sind. Da Stablecoins global genutzt und über Grenzen hinweg emittiert, gehandelt und eingelöst werden, reichen nationale Regulierungen allein nicht aus.
In der EU gibt es seit 2023 die MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets Regulation), die einen Rechtsrahmen für Kryptowerte und Dienstleister schafft. Reicht die nicht aus?
MiCa ist als Reaktion auf den Vorstoß von Meta im Jahr 2019 entstanden, eine eigene digitale Währung herauszubringen. MiCA soll vor allem große beziehungsweise „signifikante“ Stablecoins durch zusätzliche Anforderungen engmaschiger kontrollieren und ist im Kern sehr auf Verbraucherschutz und Finanzstabilität ausgelegt. Dennoch bleiben viele Bereiche des Kryptosektors nicht ausreichend oder gar nicht reguliert. Hinzu kommt, dass Kryptowerte ein globales Phänomen sind und insbesondere bei internationalen Transaktionen genutzt werden. Um die Frage zu beantworten: Nein, MiCa allein greift zu kurz. Auch in den USA wurde kürzlich ein Kryptoregelwerk beschlossen – der Genius Act. Dieser ist im Gegensatz zum EU-Regelwerk viel stärker auf Wachstum und Innovation gepolt. Der Verbraucherschutz und die Finanzstabilität kommen darin aber zu kurz. Die beiden Regelwerke sind also nicht kompatibel. Es braucht unbedingt mehr Kohärenz zwischen den internationalen Regelwerken zu Kryptowährungen.
Big-Tech-Unternehmen wie Meta können eigene Kryptowährungen herausbringen. Wie steht es hier um die Regulierung?
Wir sollten die Regulierung von Kryptowährungen großer Techkonzerne wesentlich stärker in den Blick nehmen. Ich halte es für gefährlich, wenn ohnehin schon zu große und zu mächtige Technologieunternehmen ihr eigenes Geld herausgeben und somit ihre Marktmacht weiter ausbauen. Wenn wir nicht abwenden können, dass so etwas in den USA erlaubt wird, sollten wir wenigstens für die EU alle Vorkehrungen treffen, uns davor zu schützen. Aktuell erlaubt die MiCA nicht, dass Techkonzerne eigene Kryptowährungen für den europäischen Markt herausbringen. Allerdings können sich Big Tech die entsprechenden Lizenzen holen. Die chinesische Alibaba Group, zu der der Onlinebezahldienst Alipay gehört, hat dies in der EU bereits getan. Als letztes Mittel könnte die Europäische Zentralbank (EZB) in der MiCA-Verordnung einzelne Stablecoins verbieten.
Mit Blick auf die geplante Einführung des digitalen Euro: Ist er besser als Stablecoins?
Bei der Einführung des digitalen Euro geht es darum, eine öffentliche digitale Zahlungsoption zu schaffen. Der digitale Euro hat die Sicherheit und die Garantie der EZB im Rücken. Das heißt, dass die eben erwähnten Panikszenarien gar nicht möglich sind. Der digitale Euro ist deshalb viel stabiler und sicherer als Stablecoins. Gleichzeitig liegen die Anwendungsfälle noch weit auseinander. Stablecoins werden heute oft im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr genutzt. Der digitale Euro wäre zunächst auf Europa begrenzt. Wünschenswert wäre es, wenn Verbraucher*innen beim Check-out im Internet entscheiden können: Zahle ich mit Stablecoins oder digitalem Euro? Wenn der digitale Euro zu einer echten Alternative wird, kann er uns vor der Dominanz kommerzieller Unternehmen schützen.
Finanzwende Recherche
Finanzwende Recherche ist eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Bürgerbewegung Finanzwende. Die Organisation hat sich das Ziel gesetzt, für Aufklärung und eine kritische Auseinandersetzung im Finanzmarktbereich zu sorgen. Die Denkfabrik arbeitet Konzepte, Analysen und Studien rund um unterschiedliche Themen aus und bereitet diese für Öffentlichkeit und Politik auf.
finanzwende-recherche.de