Wie wacklig sind Stablecoins, Carolina Melches?

Neben dem Krypto-Klassiker Bitcoin drängen neue Währungen auf den Markt, darunter Stablecoins. Wie profitabel sind sie?
Wie wacklig sind Stablecoins, Carolina Melches?
Autorin: Philipp Nagels Illustrationen: Cristina Estanislao 19.03.2026

Stablecoins liegen im Trend: Wie andere Krypto­währungen lassen sie sich schnell transferieren und sind zudem wert­stabil. Carolina Melches von der gemein­nützigen Organisation Finanz­wende Recherche erklärt, wie Stable­coins funktionieren, welche Risiken sie bergen und welche Rolle die Einführung des digitalen Euro spielt.

Was sind Stablecoins?

Stablecoins sind digitale Vermögens­werte, die auf einer Blockchain – einer dezentralen Daten­bank – verzeichnet sind. Das haben sie mit anderen Krypto­werten wie Bitcoin oder Ethereum gemeinsam. Das Besondere an Stable­coins ist, dass sie immer einen stabilen Wert im Verhältnis zu einem Referenz­wert haben: Ein Stable­coin entspricht zum Beispiel einem US-Dollar, einem Euro oder dem Goldwert und vermeidet somit starke Kurs­schwankungen. Der Stablecoin-Markt ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und hat mittler­weile eine Markt­kapitalisierung von etwa 300 Milliarden US-Dollar.

Gibt es weitere Unterschiede zu Bitcoins und Co.?

Stablecoins sind keine Anlage­produkte wie Bitcoins, die eine Kurs­entwicklung haben oder irgendwann Zinsen abwerfen. Viele nutzen sie als digitales Bargeld: Verbraucher*innen können mit Stable­coins zwischen Krypto-Assets tauschen, ohne zwischen­durch in Euro oder US-Dollar wechseln zu müssen. Anders als beim Bitcoin werden Stable­coins zentral von einem Emittenten aus­gegeben, der die Reserve verwaltet. Zu den größten Stablecoins zählen Tether (USDT) und USD Coin von Circle (USDC). Beide sind an den US-Dollar gebunden und bilden zusammen ungefähr 85 Prozent des Marktes ab.

Carolina Melches
© Finanzwende Recherche gGmbH

Carolina Melches ist Ökonomin und arbeitet bei Finanzwende Recherche an den Themen Digitalisierung im Finanz­sektor, Finanz­innovation und FinTech. Nach ihrem Studium in den Fächern Public Policy und Volks­wirtschaft war sie im Bundes­tag mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die Themen Wirtschafts- und Finanz­politik mit dem Schwerpunkt auf Banken- und Finanz­markt­regulierung sowie Finanz­innovationen und FinTech zuständig.

Welche Vorteile bringen Stablecoins, wenn sie keine Zinsen oder Gewinne abwerfen?

Für viele Befürworter*innen von Stablecoins ist die Geschwindig­keit von Überweisungen das schlagende Argument: Die Überweisungen passieren in Echt­zeit, rund um die Uhr und sind welt­weit möglich. Doch es gibt noch andere Vorteile: Wenn ich von einem Kryptowert in einen anderen wechseln möchte, mache ich das am besten über einen Stablecoin, da die Kurse anderer Krypto­werte teil­weise stark schwanken. Stablecoins können auch Krypto­kredite absichern oder beim Tauschen, Kaufen und Verkaufen von Tokens als stabile Währung fungieren. Darüber hinaus kann es gerade in Ländern mit volatilen oder inflationären Währungen attraktiv sein, Geld in Stablecoins zu parken. Dort dienen Stablecoins als digitaler Dollar-Zugang. Stablecoins werden auch für Remittances genutzt, also für Geld­sendungen von Menschen, die zum Beispiel in den USA arbeiten und das Geld zurück in ihre Heimat­länder schicken, wo inter­nationale Überweisungen oft sehr teuer sind.

Mithilfe von Stablecoins können Kryptowerte schnell und einfach in Euro oder Dollar gewechselt werden.
Mithilfe von Stablecoins können Kryptowerte schnell und einfach in Euro oder Dollar gewechselt werden. © Cristina Estanislao

Welche Risiken bringen Stablecoins mit sich?

Emittenten, also die Herausgeber von Stablecoins, haben keine Anbindung an eine Zentral­bank. Tether, der größte Emittent, sitzt in El Salvador. Er wird so gut wie gar nicht beaufsichtigt und hat auch kaum Vorgaben für seine Reserven. Wir wissen nicht, woraus seine Deckung genau besteht und ob sie im Krisen­fall schnell genug verfügbar wäre, etwa wenn bei einem Bank Run viele Menschen gleich­zeitig ihre Stablecoins in US-Dollar zurück­tauschen wollen. Ist ein Emittent dann nicht in der Lage, kurz­fristig so viele Rück­tausch­anforderungen zu bedienen, könnte es zu einer Wert­entkopplung vom Basis­wert kommen und so einen starken Werte­verfall des Stablecoins auslösen. Bricht der Stablecoin-Markt komplett zusammen, würde das nicht nur der Krypto­sektor zu spüren bekommen. Ein großer Abverkauf der Staats­anleihen aus den Stablecoin-Reserven würde sich spürbar auf die Anleihe­märkte auswirken, mit Folgen für den gesamten Finanz­sektor. Dass Störungen oder Kurs­einbrüche im Stable­coin-Bereich eine Welt­wirtschafts­krise wie 2008 auslösen, ist jedoch sehr unwahrscheinlich.

Stablecoins: Worauf Verbraucher*innen achten sollten

1) Wer gibt Stablecoins aus?

Stablecoins werden häufig zentral von einem Emittenten heraus­gegeben und verwaltet – anders als zum Beispiel beim Bitcoin, der keinen zentralen Herausgeber hat. Sie sollten daher prüfen: Welche Firma bietet die Stablecoins an? Macht sie einen seriösen Eindruck? Gibt es eine Möglichkeit, die Firma bei Problemen zu kontaktieren?

2) Sind die Reserve­nachweise vertrauens­würdig?

Bekommen Sie Ihr Geld jederzeit zurück – auch im Krisen­fall? Verlassen Sie sich nicht nur auf das Versprechen „1 Coin = 1 US-Dollar/Euro“. Suchen Sie nach regelmäßig veröffentlichten Reserve- und Transparenz­berichten und prüfen Sie, ob nach­voll­zieh­bar beschrieben wird, woraus die Deckung besteht und wie die Einlösung funktioniert.

3) Kann ich Stablecoins unkompliziert zurück­tauschen?

Das Eintauschen von Stablecoins sollte schnell und einfach gehen: Schauen Sie nach, ob Sie Stablecoins direkt beim Emittenten einlösen können oder nur über eine Börse oder App. Und prüfen Sie, wie lange das Einlösen dauert, welche Gebühren anfallen und welche Limits gelten.

Warum fordert Finanzwende Recherche eine zentrale Aufsicht für Krypto­währungen?

Wir brauchen eine zentrale Finanzaufsicht für Krypto­währungen wie Stablecoins in der EU, weil sich Stablecoin-Anbieter heute in einem EU-Land lizenzieren und dann in der ganzen EU operieren dürfen. Das begünstigt Regulierungs­arbitrage. Das bedeutet, dass sich Unternehmen gezielt in dem EU-Land mit der laxesten Aufsicht lizenzieren, um strengere Vorschriften in anderen Ländern zu umgehen. Daher sollten Stablecoins streng und einheitlich beaufsichtigt werden, weil sie trotz ihres Stabilitäts­versprechens immer wieder anfällig für Vertrauens­schocks und Rück­tausch­wellen sind. Auch auf inter­nationaler Ebene braucht es mehr Koordination beim Thema Stablecoins. Derzeit entstehen überall auf der Welt Krypto­regel­werke, die unter­einander teil­weise nicht kompatibel sind. Da Stablecoins global genutzt und über Grenzen hinweg emittiert, gehandelt und eingelöst werden, reichen nationale Regulierungen allein nicht aus.

Digitaler Euro oder Tether? Stablecoins werden immer beliebter.
Digitaler Euro oder Tether? Stablecoins werden immer beliebter. © Cristina Estanislao

In der EU gibt es seit 2023 die MiCA-Verordnung (Markets in Crypto-Assets Regulation), die einen Rechtsrahmen für Krypto­werte und Dienst­leister schafft. Reicht die nicht aus?

MiCa ist als Reaktion auf den Vorstoß von Meta im Jahr 2019 entstanden, eine eigene digitale Währung heraus­zu­bringen. MiCA soll vor allem große beziehungs­weise „signifikante“ Stablecoins durch zusätzliche Anforderungen engmaschiger kontrollieren und ist im Kern sehr auf Verbraucher­schutz und Finanz­stabilität ausgelegt. Dennoch bleiben viele Bereiche des Kryptosektors nicht ausreichend oder gar nicht reguliert. Hinzu kommt, dass Kryptowerte ein globales Phänomen sind und insbesondere bei inter­nationalen Trans­aktionen genutzt werden. Um die Frage zu beantworten: Nein, MiCa allein greift zu kurz. Auch in den USA wurde kürzlich ein Krypto­regel­werk beschlossen – der Genius Act. Dieser ist im Gegen­satz zum EU-Regelwerk viel stärker auf Wachstum und Innovation gepolt. Der Verbraucher­schutz und die Finanz­stabilität kommen darin aber zu kurz. Die beiden Regelwerke sind also nicht kompatibel. Es braucht unbedingt mehr Kohärenz zwischen den inter­nationalen Regel­werken zu Krypto­währungen.

Big-Tech-Unternehmen wie Meta können eigene Krypto­währungen herausbringen. Wie steht es hier um die Regulierung?

Wir sollten die Regulierung von Krypto­währungen großer Techkonzerne wesentlich stärker in den Blick nehmen. Ich halte es für gefährlich, wenn ohnehin schon zu große und zu mächtige Technologie­unternehmen ihr eigenes Geld heraus­geben und somit ihre Marktmacht weiter ausbauen. Wenn wir nicht abwenden können, dass so etwas in den USA erlaubt wird, sollten wir wenigstens für die EU alle Vorkehrungen treffen, uns davor zu schützen. Aktuell erlaubt die MiCA nicht, dass Tech­konzerne eigene Krypto­währungen für den europäischen Markt herausbringen. Allerdings können sich Big Tech die entsprechenden Lizenzen holen. Die chinesische Alibaba Group, zu der der Online­bezahl­dienst Alipay gehört, hat dies in der EU bereits getan. Als letztes Mittel könnte die Europäische Zentral­bank (EZB) in der MiCA-Verordnung einzelne Stable­coins verbieten.

Mit Blick auf die geplante Einführung des digitalen Euro: Ist er besser als Stablecoins?

Bei der Einführung des digitalen Euro geht es darum, eine öffentliche digitale Zahlungs­option zu schaffen. Der digitale Euro hat die Sicherheit und die Garantie der EZB im Rücken. Das heißt, dass die eben erwähnten Paniks­zenarien gar nicht möglich sind. Der digitale Euro ist deshalb viel stabiler und sicherer als Stable­coins. Gleich­zeitig liegen die Anwendungs­fälle noch weit auseinander. Stablecoins werden heute oft im grenz­über­schreitenden Zahlungs­verkehr genutzt. Der digitale Euro wäre zunächst auf Europa begrenzt. Wünschens­wert wäre es, wenn Verbraucher*innen beim Check-out im Internet entscheiden können: Zahle ich mit Stablecoins oder digitalem Euro? Wenn der digitale Euro zu einer echten Alternative wird, kann er uns vor der Dominanz kommerzieller Unternehmen schützen.


Finanzwende Recherche

Finanzwende Recherche ist eine gemein­nützige Tochter­gesellschaft der Bürger­bewegung Finanz­wende. Die Organisation hat sich das Ziel gesetzt, für Aufklärung und eine kritische Auseinander­setzung im Finanz­markt­bereich zu sorgen. Die Denk­fabrik arbeitet Konzepte, Analysen und Studien rund um unter­schiedliche Themen aus und bereitet diese für Öffentlichkeit und Politik auf.
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