„Nur gemeinsam können wir es mit Big Tech aufnehmen“

Illustration einer vielfältigen Gruppe von Menschen, über deren Köpfen verschiedenfarbige Sprechblasen schweben.
„Nur gemeinsam können wir es mit Big Tech aufnehmen“
Autor: Florian Sievers 03.08.2026

Fair und transparent eingesetzt, könnte Künstliche Intelligenz (KI) demokratisches Zusammenleben und nachhaltiges Wirtschaften fördern. Daran arbeitet der European AI & Society Fund, indem er europaweit Organisationen und Expert*innen unterstützt und miteinander vernetzt. Die beiden Direktorinnen des Fonds, Catherine Miller und Evelyne Paradis, erklären im Gespräch mit AufRuhr, dass sich die großen Techunternehmen nur gemeinsam in die Schranken weisen lassen.

AufRuhr: Frau Miller, Frau Paradis, wo hapert es Ihrer Ansicht nach derzeit bei den Regeln für KI?
Catherine Miller: Die Entwicklungen sind so rasant, dass wir Ihnen auf diese Frage eigentlich jede Woche eine neue Antwort geben müssten. Im Kern bleibt unser Anliegen aber immer gleich: Wir fordern eine KI, die dem einzelnen Menschen, der Gesellschaft als Ganzes und auch dem Planeten dient, indem sie die Suche nach Wegen aus den aktuellen Krisen unterstützt. Wir sehen in all diesen Bereichen jedoch Entwicklungen, die eher in die entgegengesetzte Richtung laufen.

Welche Entwicklungen sind das?
Miller: Auf individueller Ebene werden Menschen zum Beispiel in Bewerbungsprozessen durch automatisierte Entscheidungssysteme diskriminiert, weil diese rassistische oder sexistische Vorurteile reproduzieren. Techunternehmen schaden der Gesellschaft als Ganzes, indem sie transformative Technologien unkontrolliert ausrollen, um so ihren Profit zu maximieren. Dabei kann die Gesellschaft noch gar nicht entscheiden, wie sie diese Technologien überhaupt nutzen möchte. Auch der Planet leidet darunter, dass vor allem ressourcenintensive Large Language Models (LLM) weiterentwickelt und genutzt werden. Gleichzeitig sehen wir bislang nicht, dass KI schnell Lösungen gegen den menschengemachten Klimawandel hervorbringt, wie es etwa Google oder die Internationale Energieagentur versprochen haben.

Porträtfoto von Catherine MIller
© privat

Catherine Miller leitet gemeinsam mit Evelyne Paradis den European AI & Society Fund in Brüssel. Zuvor war sie CEO des Thinktanks Doteveryone und Journalistin bei der BBC.

Was stört Sie an der aktuellen KI-Politik?
Evelyne Paradis: Dass Gestaltungsmacht und Einflussmöglichkeiten extrem ungleich verteilt sind. Eine Handvoll unvorstellbar reicher Menschen – wie die Besitzer von Open AI oder Claude – entscheidet darüber, wie Künstliche Intelligenz weiterentwickelt wird und in welche Lebensbereiche diese Technologien vordringen. Bürger*innen, Organisationen, Initiativen und die öffentliche Hand haben dagegen nur begrenzten Handlungsspielraum. Sie verfügen über zu wenige Mittel und zu wenig politischen Einfluss, um die großen Techkonzerne allein in die Schranken zu weisen.

Der von Ihnen geleitete European AI & Society Fund setzt sich dafür ein, KI fairer und transparenter zu gestalten. Wo setzen Sie an?
Miller: Wir unterstützen Einzelpersonen und Organisationen finanziell, die sich für dieses Thema starkmachen. Im vergangenen Jahr waren das mehr als 50 Personen und NGOs in ganz Europa. Außerdem vernetzen wir die Beteiligten, veranstalten Strategieklausuren und bieten Trainings und Fortbildungen an. Wir informieren unsere Stipendiat*innen über technische oder gesetzliche Neuerungen, neue Projekte und weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Ein Beispiel ist das Europäische Behindertenforum, die Dachorganisation der Behindertenverbände in Europa. Mit unserer Unterstützung kann es nun die Chancen und Risiken von KI für Menschen mit Behinderung untersuchen und diese Perspektive in die öffentliche Diskussion einbringen.

© privat

Evelyne Paradis steht zusammen mit Catherine Miller an der Spitze des European AI & Society Fund. Zuvor war sie Geschäftsführerin von ILGA-Europe, einer LGBTI-Organisation für Europa und Zentralasien.

Einige unserer Stipendiat*innen sind ins Visier der US-Regierung geraten

Evelyne Paradis, Co-Leiterin des European AI & Society Fund

Paradis: Hinter KI und ihren tiefgreifenden Auswirkungen auf die Gesellschaft steht eine mächtige Branche. In der Zivilgesellschaft gibt es aber noch keine etablierten Akteur*innen und Institutionen, die es allein mit Big Tech aufnehmen könnten. Deshalb fördern wir viele verschiedene Maßnahmen und Organisationen wie die Gesellschaft für Freiheitsrechte in Deutschland. Nur gemeinsam können wir ein Gegengewicht zu Big Tech bilden.

Illustration überlappender Browserfenster mit Sprechblasen, einem Profilsymbol, Programmiercode und einem Kreis mit der Aufschrift „AI“.
Zivilgesellschaftliche Organisationen müssen sich vernetzen, um ein Gegengewicht zu mächtigen KI-Konzernen zu bilden. © Stocksy

Miller: Spenden sind die einzige Finanzierungsquelle, die es für ein solches Engagement gibt. Für viele Akteur*innen ist es aber sehr schwierig, Geld aus der Wirtschaft anzunehmen, weil es ihre Arbeit kompromittieren würde. Und die öffentliche Hand unterstützt sie nur sehr wenig.

Wie reagieren Politik und Big Tech auf die neuen Akteur*innen am Tisch?
Paradis: Einige unserer aktuellen Stipendiat*innen, die in der europäischen Politik aktiv und sichtbar sind, geraten inzwischen direkt ins Visier der US-Regierung. Gegen sie persönlich oder gegen ihre Organisationen werden etwa Sanktionen angedroht.

Wie würde eine faire KI aussehen, die den Menschen, der Gesellschaft und dem Planeten dient?
Miller: Das ist eine wichtige Frage, aber wir geben sie nur weiter. Denn nicht wir sollten sie beantworten, sondern die gesamte Gesellschaft sollte darüber entscheiden.

Paradis: Wir brauchen zunächst eine öffentliche Diskussion darüber, wie sich die Menschen eine faire KI vorstellen. Was soll sie können? Wie kann sie uns unterstützen? Was erträumen und erhoffen sich die Menschen von ihr? Mit dem European AI & Society Fund arbeiten wir daran, eine solche Debatte überhaupt erst zu ermöglichen. Wir sind überzeugt, dass wir alle uns darüber Gedanken machen müssen, um gemeinsam Entscheidungen treffen zu können. Schließlich geht es um unser aller Zukunft.


European AI & Society Fund

Der European AI & Society Fund fördert Organisationen beziehungsweise einzelne Expert*innen, die sich für Regeln für eine faire und transparente KI einsetzen. Als Netzwerk sollen sie ein Gegengewicht zu Big Tech bilden. Finanziert wird der Fonds von 18 Förderpartnern, darunter die Stiftung Mercator. Seit seiner Gründung im Jahr 2020 hat er mehr als 14,5 Millionen Euro an 70 Organisationen und 14 Stipendiat*innen in 26 Ländern vergeben.

europeanaifund.org