„Ob ich alles zum Leben habe, sollte nicht vom Zufall abhängen“

Eine Illustration zum Thema Daseinsvorsorge: Eine Person sitzt an einem Latop und sieht überfordert aus.
„Ob ich alles zum Leben habe, sollte nicht vom Zufall abhängen“
Autor: Philipp Nagels 06.05.2026

Von Strom und Wasser über Kitaplätze bis hin zur Anbindung an den ÖPNV: Die Daseinsvorsorge gehört zu den zentralen Aufgaben des Staates. So stellt er sicher, dass alle Bürger*innen mit grundlegenden Leistungen versorgt sind. Doch nicht alle Angebote sind online verfügbar, geschweige denn miteinander vernetzt. Der Digitalexperte Henning Tillmann will das ändern und das Vertrauen in die staatliche Handlungsfähigkeit stärken.

Herr Tillmann, was ist aktuell das Hauptproblem der Daseinsvorsorge in Deutschland?
Tillmann: Viele Angebote sind online nicht zu finden, und es gibt keine gemeinsame Plattform. Wenn ich im Internet beispielsweise nach Hebammen, Kitas oder Kindergeldanträgen suche, fange ich jedes Mal bei null an. Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Dabei erledigen wir heute schon viel digital und werden dabei nahtlos von einem Angebot zum nächsten geführt. Wenn ich etwa einen Flug buche, kann ich das Mietauto und das Hotel gleich mitbuchen. Diesen Ansatz der Customer Journey brauchen wir auch für die Daseinsvorsorge.

In einer Vorlaufstudie haben Sie das System der Digitalen Daseinsvorsorge (DIDA) entwickelt. Wie funktioniert es?
DIDA beschreibt eine mögliche technische Infrastruktur, die als digitale Anlaufstelle für möglichst viele Angebote dienen kann. Sie ist keine einzelne App oder Plattform, sondern ein dezentrales Netzwerk. In diesem wären die Angebote der erweiterten Daseinsvorsorge – dazu gehören unter anderem digitale Infrastruktur, Breitbandversorgung, soziale Dienstleistungen oder Mobilitätsangebote – über Schnittstellen miteinander verbunden. Sie können sich die digitalen Angebote der erweiterten Daseinsvorsorge als Regionen auf einer Landkarte vorstellen. Die Hebammen sind eine Region, die Kitas eine andere, die Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit wieder eine andere. Doch bisher gibt es zwischen diesen Regionen keine Straßen. DIDA soll genau diese Straßen bauen, und zwar nicht nur innerhalb einzelner Bereiche, sondern zwischen allen Angeboten, die Menschen in bestimmten Lebenssituationen brauchen.

Ein Portraitfoto des Digitalexperten Henning Tillmann
© Dominik Butzmann

Henning Tillmann ist selbstständiger Diplom-Informatiker. Er berät Unternehmen bei der digitalen Transformation, entwickelt Software und gestaltet Medien. Tillmann ist seit Studienzeiten politisch aktiv. Er war Vorsitzender des digitalpolitischen Vereins D64 und Mitglied im Beirat „Digitalstrategie Deutschland“ der vorherigen Bundesregierung. Sein Fokus liegt darauf, Technologie und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenzudenken.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie das konkret aussehen würde?
Bleiben wir beim Beispiel der Hebammen: Eine schwangere Frau sucht online nach einer Hebamme. Auf Basis der DIDA-Infrastruktur könnte ein Hebammenportal entstehen, auf dem die Frau ihre Postleitzahl eingibt und dann alle Angebote in der Nähe angezeigt bekommt. Das Portal bündelt die Informationen aller Anbieter*innen, die mit DIDA verbunden sind, und kann weitere Infos anzeigen, etwa ob die Hebamme Arabisch spricht. Auf der Website der Hebamme könnten wiederum passende Angebote aus dem DIDA-Netzwerk erscheinen, zum Beispiel Rückbildungskurse. Diese Vernetzungslogik lässt sich auf alle Angebote der Daseinsvorsorge übertragen.

Infografik zu DIDA
Von der Hebamme bis zum Kindergeld: DIDA könnte Angebote bedarfsorientiert miteinander verknüpfen. © Henning Tillmann

Wäre es nicht sehr unübersichtlich, wenn es für jedes Angebot ein eigenes Portal gäbe?
In der Tat bräuchte es zum Start eine Art zentrales Portal mit einer klaren Benutzungsoberfläche, das alle Angebote auflistet und sortiert. Darauf aufbauend könnten dann spezialisierte Portale entstehen, die entweder kommerziell oder von der Zivilgesellschaft betrieben würden. Die technischen Schnittstellen von DIDA wären offen, sodass alle mitmachen könnten.

DIDA umfasst bisher nur nicht staatliche Anbieter*innen. Wie ließe es sich mit der staatlichen Daseinsvorsorge vernetzen?
Natürlich sollte es für Nutzer*innen möglichst einfach sein, passende Angebote zu finden. Ob ein Angebot staatlich oder nicht staatlich ist, steht dabei erst einmal nicht im Vordergrund. Die Hauptsache ist, dass sie schnell fündig werden. Die Bundesregierung arbeitet aktuell mit dem „Deutschland-Stack“ an einer ähnlichen Infrastruktur für staatliche Stellen: Behörden und Verwaltungen sollen künftig digital miteinander vernetzt werden. Es wäre sinnvoll, eine Verbindung zwischen diesem Stack und dem DIDA-Netzwerk herzustellen.

 

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DIDA könnte der Politik aufzeigen, welche Angebote besonders nachgefragt sind und ausgebaut werden sollten.

Welche Vorteile hätte DIDA für Anbieter*innen von Leistungen der Daseinsvorsorge?
Im Moment haben die Anbieter*innen einen hohen Verwaltungsaufwand, das haben wir im Rahmen unserer Studie herausgefunden. Denkbar wären Tools, die ihnen einen Teil der Arbeit abnähmen. Die Idee ist, dass etwa Sportvereine nur ein PDF- oder Excel-Dokument mit ihren Kursangebot hochladen und Bürger*innen freie Kurse angezeigt bekommen, zu denen sie sich direkt über DIDA anmelden können.

Welchen gesellschaftlichen Beitrag könnte DIDA darüber hinaus leisten?
DIDA könnte die digitale Teilhabe von Bürger*innen stärken und zu mehr Gerechtigkeit beitragen, weil grundlegende Güter und Dienstleistungen leichter zugänglich wären. Ob ich alles habe, was ich zum Leben brauche, sollte nicht von Zufall, Glück oder Medien- und Sprachkompetenz abhängen. Außerdem könnte DIDA der Politik systematisch aufzeigen, welche Angebote besonders nachgefragt sind und ausgebaut werden sollten. Das Prinzip kennen wir schließlich aus der analogen Welt: Ist eine Autobahn sehr stark befahren, wird eine neue Spur gebaut. Wenn also die Daseinsvorsorge im Digitalen besser funktioniert, fördert das auch das Vertrauen in die Demokratie.

Das Angebot erscheint sinnvoll und notwendig. Warum gibt es einen solchen Ansatz bisher noch nicht?
Die Politik tendiert dazu, für jedes Problem eine eigene App oder Plattform zu bauen, die viel Geld kosten und oft nach wenigen Monaten in Vergessenheit geraten. Auch nicht staatliche Akteur*innen kooperieren in der digitalen Welt bisher wenig miteinander, obwohl sie es im analogen Raum längst tun. Dabei lebt das Internet von Schnittstellen und Vernetzung. Es wird Zeit, dieses Prinzip auch auf die Daseinsvorsorge zu übertragen. Denn wer digitale Angebote findet und nutzen kann, vertraut auch eher darauf, dass der Staat seinen Teil zu einem guten Leben beiträgt.


Vorlaufstudie DIDA

Die Vorlaufstudie DIDA (Digitale Daseinsvorsorge) untersucht, wie digitale Angebote in zentralen Bereichen wie Bildung, Mobilität oder gesellschaftlicher Teilhabe besser zusammenwirken könnten. Sie zeigt, dass viele Angebote derzeit isoliert entwickelt werden, und skizziert ein System aus gemeinsamen Standards, Schnittstellen und übergreifenden Strukturen.

www.stiftung-mercator.de/de/publikationen/vorlaufstudie-dida-digitale-daseinsvorsorge/

Workshop/Seminar

DIDA Digitale Daseinsvorsorge – Online Hintergrundgespräch, 07. Mai 2026, 12:00 Uhr

Stellen Sie sich vor, ein Umzug in eine neue Stadt steht an. Auf der Website der Stadtverwaltung können Sie nicht nur Ihre Ummeldung erledigen oder einen Anwohnerparkausweis beantragen. Sie finden dort auch einen passenden Kindergarten, ein Yogastudio und lokale Kulturangebote.

Was heute noch nach Utopie klingt, ist technisch in weiten Teilen bereits möglich. Was es jedoch noch braucht, ist die digitale Infrastruktur im Hintergrund, die solche Angebote verbindet – und ein Staatsverständnis, das über einzelne Verwaltungsleistungen hinausdenkt. Henning Tillmann hat im Auftrag der Stiftung Mercator ein Konzept entwickelt, wie diese Infrastruktur aussehen könnte.

Melden Sie sich HIER für die Onlineveranstaltung an.