Social Media verbieten? Julia Kloiber und Lea Hildermeier diskutieren digitale Hot Takes
Macht uns das Internet krank? Wie umweltschädlich ist KI? Und wie viel Mitspracherecht steht jungen Menschen bei der Digitalpolitik zu? Julia Kloiber, Mitgründerin der feministischen Organisation SUPERRR, und Lea Hildermeier vom Common Grounds Forum müssen es wissen: Sie arbeiten täglich an den großen Fragen der digitalen Zukunft. AufRuhr hat Hot Takes – steile Thesen aus dem Netz – gesammelt und die beiden für ein konstruktives Streitgespräch in Berlin getroffen.
Hot Take #1: KI ist schädlicher fürs Klima als Verbrenner und Flugreisen.
Julia Kloiber: Dieser Hot Take ist mir zu pauschal. KI ist nicht gleich KI. Große Sprachmodelle wie ChatGPT oder Gemini sind in der Tat sehr ressourcenintensiv. Aber sie sind nicht mit einem kleinen spezialisierten KI-Modell für die Bilderkennung in der Medizin vergleichbar, das deutlich weniger Ressourcen verbraucht. Grundsätzlich müssen wir abwägen: In welchen Bereichen bietet der Einsatz von KI einen so großen Mehrwert, dass er den teils massiven Ressourcenaufwand wert ist?
Lea Hildermeier: Das finde ich auch. Für viele Menschen ist KI immer noch ein Tool, das sie mal ausprobieren wollen. Wir müssen erst ein Bewusstsein dafür schaffen, was es zum Beispiel für den Wasserverbrauch bedeutet, wenn ich mit ChatGPT eine E-Mail umschreiben lasse, statt es selbst zu machen.
Lea Hildermeier ist Projektmanagerin im Bereich Digitalisierung und Hochschulentwicklung. Ihre Arbeit verbindet strategische Hochschulentwicklung, digitale Transformation sowie Mental Health und Wellbeing. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich beim Common Grounds Forum.
Kloiber: Ich denke, dass ein Bewusstsein für den Ressourcenaufwand entstehen wird, sobald hierzulande für alle sichtbare KI-Infrastruktur gebaut wird. In Amsterdam wird zum Beispiel aktuell darüber diskutiert, dass der Bau von 30.000 Wohnungen und 50 Schulen gefährdet ist, weil die Netzkapazität nicht für neue Rechenzentren und die öffentliche Infrastruktur gleichzeitig ausreicht.
Hot Take #2: Tracking ist das Mikroplastik des Internets.
Kloiber: Die Metapher hinkt. Klar, Tracking ist unsichtbar wie Mikroplastik. Doch ich kann selbst entscheiden, wie viel Tracking ich zum Beispiel beim Surfen im Internet zulasse. Wenn mein Leitungswasser Mikroplastik enthält, sehe ich das nicht. Und ich kann es nicht mit einer meiner Konsumentscheidung vermeiden.
Hildermeier: Ich finde die Metapher trotzdem wirksam. Mikroplastik und Tracking sind nun mal keine rein individuellen Probleme: Sie sind Teil von strukturellen Problemen, die sichtbar gemacht werden müssen. Nutzer*innen brauchen ausreichend Informationen, um sich bewusst entscheiden zu können – und die haben sie aktuell nicht.
Julia Kloiber ist Digitalexpertin und Co-Gründerin von SUPERRR. Zudem war sie Fellow der Mozilla Foundation und hat Initiativen wie den Prototype Fund, einen öffentlichen Fund für Public Interest Tech, und das Netzwerk Code for Germany ins Leben gerufen.
Hot Take #3: Die EU sollte Social Media verbieten.
Hildermeier: Das ist nicht die Lösung. Das neue Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Australien dient dem Schutz von jungen Menschen, da kann ich mitgehen. Aber wichtiger ist es, ihnen die kritischen Medienkompetenzen an die Hand zu geben, um mit Social Media bewusst umgehen zu können. Ein Teilverbot kann der Anfangspunkt für eine Debatte sein, aber nicht der Endpunkt.
Kloiber: Hinter Verboten stecken oft Verzweiflung, Hilf- und Aussichtslosigkeit. Anstatt die Plattformen zu regulieren, geht die Politik jetzt dazu über, die Jugendlichen zu regulieren. Das wird aus unterschiedlichen Gründen nicht funktionieren. Einer davon ist, dass auch über Messengerdienste schädliche Inhalte versendet werden. Sollten wir Jugendliche deshalb auch von WhatsApp ausschließen? Was wir brauchen, sind Aufklärung und Regulierung – kein Verbot. Ich finde: Reguliert Big Tech und nicht die Jugendlichen!
Hot Take #4: Wir verschlafen die europäischen Alternativen zu Facebook, Instagram & Co.
Kloiber: Wenn es nur darum geht, ein „europäisches Facebook“ zu bauen, können wir gerne im Dornröschenschlaf bleiben. Anstatt dieselben Strukturen der Big-Tech-Unternehmen nachzubauen, sollten wir überlegen, wie echte dezentrale und demokratische Alternativen aussehen könnten. Wir müssen nicht alles von Grund auf neu entwerfen, sondern sollten bestehende Alternativen wie Signal, die X-Alternative Mastodon oder Plattformen auf Open-Source-Basis fördern.
Hildermeier: Warum sind eigentlich noch so viele Politiker*innen fleißig auf X unterwegs? Sollten sie nicht Vorbilder für die junge Generation sein?
Kloiber: Denken junge Menschen wirklich: „Wenn Friedrich Merz auf X postet, dann mache ich das auch?“ Ist nicht eher das Gegenteil der Fall: „Alle Boomer sind da, wir müssen woanders hin!“
Hildermeier: Ja, ich habe das etwas zugespitzt formuliert. Trotzdem sollten Politiker*innen nicht sagen, dass diese Plattformen schlecht sind, und gleichzeitig dort aktiv sein.
Hot Take #5: Menschen werden sich zunehmend vom Internet abwenden, weil es sie krankmacht.
Hildermeier: Das wird in absehbarer Zukunft nicht passieren. Denn das Internet macht uns nicht krank – Algorithmen machen uns krank. Es geht hier nicht um ein individuelles Problem der Resilienz. Auch wenn das Internet und Social Media Verbundenheit schaffen, stellt sich die Frage, wer von den diesen Plattformstrukturen und den immensen Datenmengen profitiert. Und genau deshalb wenden sich Menschen nicht ab. Sie fordern, dass diese Systeme endlich so gebaut werden, dass sie ihnen nicht schaden.
Kloiber: Das stimmt, natürlich macht mich mein Onlinebanking nicht krank. Mit anderen zu kommunizieren, macht uns nicht krank. Was uns krankmacht, sind die Geschäftsmodelle von Plattformen, die auf maximale Aufmerksamkeit ausgelegt sind. Die dafür sorgen, dass wir immer länger, immer extremere Inhalte konsumieren. Wir müssen uns bewusst machen, dass Technologie nichts Gottgegebenes ist. Sie ist von Menschen gemacht und kann durch Menschen verändert werden.
Hot Take #6: Je besser KI wird, desto größer wird unser Wunsch nach Menschlichkeit.
Hildermeier: Wir haben heute schon das Problem, dass wir nicht immer unterscheiden können, ob KI oder ein Mensch etwas produziert hat. Ich kann mich mit ChatGPT wie mit einem romantischen Partner austauschen. Für viele Menschen, die einsam sind, können Chatbots als Ersatz für zwischenmenschliche Beziehungen attraktiv sein.
Kloiber: Auch Jugendliche mit psychischen Problemen wenden sich oft aus Mangel an Alternativen KI-Tools zu. Je besser eine KI programmiert ist, desto empathischer wirkt sie. Bis wir fast vergessen, dass wir gerade mit einer Maschine sprechen. Erst gestern habe ich darüber nachgedacht, dass es eigentlich nichts Traurigeres gibt als KI-generierte Kinderbücher. Kinder wachsen mit einer Ästhetik auf, die eine Nicht-Ästhetik ist, weil jegliche menschliche Kreativität fehlt. Aber ich habe Hoffnung: Wenn KI alles imitieren kann, gewinnt das, was wirklich menschlich ist, vielleicht wieder an Wert.
Hot Take #7: Junge Menschen sollten über Digitalpolitik entscheiden.
Hildermeier: Dieser Hot Take ist höchstens lauwarm! (lacht) Natürlich sollten junge Menschen mitbestimmen können. Immerhin müssen wir die politischen Entscheidungen von heute viel länger mittragen. Das Common Grounds Forum, das ich ehrenamtlich vertrete, zeigt, wie viel Potenzial in dem Erfahrungswissen von jungen Menschen steckt. Wir haben Wünsche, wir haben Forderungen für unsere Zukunft – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.
Kloiber: Volle Zustimmung – nicht nur beim Thema Digitalpolitik, sondern auch bei allen anderen Politikfeldern. Punkt.
SUPERRR
SUPERRR ist eine unabhängige gemeinnützige Organisation, die 2019 von Elisa Lindinger und Julia Kloiber gegründet wurde. Ihr Ziel sind gerechte und feministische digitale Zukünfte, in denen alle Menschen gleichermaßen von Technologie profitieren und sich ihrer Grundrechte sicher sind.
Common Grounds Forum
Das Common Grounds Forum (CGF) ist eine Community aus jungen Menschen zwischen 14 und 30 Jahren, die digitalpolitische Positionen entwickelt und wirksam einbringt. In den letzten zwei Jahren waren das mehr als 40 digital- und bildungspolitische Forderungen.