Social Media verbieten? Julia Kloiber und Lea Hildermeier diskutieren digitale Hot Takes

Social Media verbieten? Julia Kloiber und Lea Hildermeier diskutieren digitale Hot Takes
Autor: Philipp Nagels Fotos: Stefanie Loos 17.03.2026

Macht uns das Internet krank? Wie umwelt­schädlich ist KI? Und wie viel Mit­sprache­recht steht jungen Menschen bei der Digital­politik zu? Julia Kloiber, Mit­gründerin der feministischen Organisation SUPERRR, und Lea Hildermeier vom Common Grounds Forum müssen es wissen: Sie arbeiten täglich an den großen Fragen der digitalen Zukunft. AufRuhr hat Hot Takes – steile Thesen aus dem Netz – gesammelt und die beiden für ein konstruktives Streit­gespräch in Berlin getroffen.

Hot Take #1: KI ist schädlicher fürs Klima als Verbrenner und Flugreisen.

Julia Kloiber: Dieser Hot Take ist mir zu pauschal. KI ist nicht gleich KI. Große Sprach­modelle wie ChatGPT oder Gemini sind in der Tat sehr ressourcen­intensiv. Aber sie sind nicht mit einem kleinen spezialisierten KI-Modell für die Bild­erkennung in der Medizin vergleichbar, das deutlich weniger Ressourcen verbraucht. Grundsätzlich müssen wir abwägen: In welchen Bereichen bietet der Einsatz von KI einen so großen Mehrwert, dass er den teils massiven Ressourcen­aufwand wert ist?

Lea Hildermeier: Das finde ich auch. Für viele Menschen ist KI immer noch ein Tool, das sie mal ausprobieren wollen. Wir müssen erst ein Bewusst­sein dafür schaffen, was es zum Beispiel für den Wasser­verbrauch bedeutet, wenn ich mit ChatGPT eine E-Mail umschreiben lasse, statt es selbst zu machen.

Lea Hildermeier
© Stefanie Loos

Lea Hildermeier ist Projekt­managerin im Bereich Digitalisierung und Hoch­schul­entwicklung. Ihre Arbeit verbindet strategische Hoch­schul­entwicklung, digitale Transformation sowie Mental Health und Wellbeing. Außerdem engagiert sie sich ehren­amtlich beim Common Grounds Forum.

Kloiber: Ich denke, dass ein Bewusstsein für den Ressourcen­aufwand entstehen wird, sobald hier­zu­lande für alle sichtbare KI-Infra­struktur gebaut wird. In Amsterdam wird zum Beispiel aktuell darüber diskutiert, dass der Bau von 30.000 Wohnungen und 50 Schulen gefährdet ist, weil die Netz­kapazität nicht für neue Rechen­zentren und die öffentliche Infra­struktur gleich­zeitig aus­reicht.

Hot Take #2: Tracking ist das Mikro­plastik des Internets.

Kloiber: Die Metapher hinkt. Klar, Tracking ist unsichtbar wie Mikro­plastik. Doch ich kann selbst entscheiden, wie viel Tracking ich zum Beispiel beim Surfen im Internet zulasse. Wenn mein Leitungs­wasser Mikro­plastik enthält, sehe ich das nicht. Und ich kann es nicht mit einer meiner Konsum­entscheidung vermeiden.

Hildermeier: Ich finde die Metapher trotzdem wirksam. Mikro­plastik und Tracking sind nun mal keine rein individuellen Probleme: Sie sind Teil von strukturellen Problemen, die sichtbar gemacht werden müssen. Nutzer*innen brauchen ausreichend Informationen, um sich bewusst entscheiden zu können – und die haben sie aktuell nicht.

Julia Kloiber
© Stefanie Loos

Julia Kloiber ist Digital­expertin und Co-Gründerin von SUPERRR. Zudem war sie Fellow der Mozilla Foundation und hat Initiativen wie den Prototype Fund, einen öffentlichen Fund für Public Interest Tech, und das Netzwerk Code for Germany ins Leben gerufen.

Hot Take #3: Die EU sollte Social Media verbieten.

Hildermeier: Das ist nicht die Lösung. Das neue Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Australien dient dem Schutz von jungen Menschen, da kann ich mitgehen. Aber wichtiger ist es, ihnen die kritischen Medien­kompetenzen an die Hand zu geben, um mit Social Media bewusst umgehen zu können. Ein Teil­verbot kann der Anfangs­punkt für eine Debatte sein, aber nicht der Endpunkt.

Kloiber: Hinter Verboten stecken oft Verzweiflung, Hilf- und Aus­sichts­losig­keit. Anstatt die Platt­formen zu regulieren, geht die Politik jetzt dazu über, die Jugendlichen zu regulieren. Das wird aus unter­schiedlichen Gründen nicht funktionieren. Einer davon ist, dass auch über Messenger­dienste schädliche Inhalte versendet werden. Sollten wir Jugendliche deshalb auch von WhatsApp ausschließen? Was wir brauchen, sind Aufklärung und Regulierung – kein Verbot. Ich finde: Reguliert Big Tech und nicht die Jugendlichen!

Social Media verbieten? Nicht, wenn es nach Julia Kloiber geht. © Stefanie Loos

Hot Take #4: Wir verschlafen die europäischen Alternativen zu Facebook, Instagram & Co.

Kloiber: Wenn es nur darum geht, ein „europäisches Facebook“ zu bauen, können wir gerne im Dorn­röschen­schlaf bleiben. Anstatt dieselben Strukturen der Big-Tech-Unternehmen nach­zu­bauen, sollten wir überlegen, wie echte dezentrale und demokratische Alternativen aussehen könnten. Wir müssen nicht alles von Grund auf neu entwerfen, sondern sollten bestehende Alter­nativen wie Signal, die X-Alternative Mastodon oder Plattformen auf Open-Source-Basis fördern.

Hildermeier: Warum sind eigentlich noch so viele Politiker*innen fleißig auf X unterwegs? Sollten sie nicht Vorbilder für die junge Generation sein?

Kloiber: Denken junge Menschen wirklich: „Wenn Friedrich Merz auf X postet, dann mache ich das auch?“ Ist nicht eher das Gegen­teil der Fall: „Alle Boomer sind da, wir müssen woanders hin!“

Hildermeier: Ja, ich habe das etwas zugespitzt formuliert. Trotzdem sollten Politiker*innen nicht sagen, dass diese Plattformen schlecht sind, und gleich­zeitig dort aktiv sein.

Hot Takes sind ein Format aus den sozialen Medien, bei dem steile Thesen diskutiert werden. © Stefanie Loos
Hot Takes über Hot Takes zum Thema digitale Zukunft. © Stefanie Loos

Hot Take #5: Menschen werden sich zunehmend vom Internet abwenden, weil es sie krank­macht.

Hildermeier: Das wird in absehbarer Zukunft nicht passieren. Denn das Internet macht uns nicht krank – Algorithmen machen uns krank. Es geht hier nicht um ein individuelles Problem der Resilienz. Auch wenn das Internet und Social Media Verbundenheit schaffen, stellt sich die Frage, wer von den diesen Platt­form­strukturen und den immensen Daten­mengen profitiert. Und genau deshalb wenden sich Menschen nicht ab. Sie fordern, dass diese Systeme endlich so gebaut werden, dass sie ihnen nicht schaden.

Kloiber: Das stimmt, natürlich macht mich mein Online­banking nicht krank. Mit anderen zu kommunizieren, macht uns nicht krank. Was uns krankmacht, sind die Geschäfts­modelle von Plattformen, die auf maximale Aufmerksamkeit ausgelegt sind. Die dafür sorgen, dass wir immer länger, immer extremere Inhalte konsumieren. Wir müssen uns bewusst machen, dass Technologie nichts Gott­gegebenes ist. Sie ist von Menschen gemacht und kann durch Menschen verändert werden.

Hot Take #6: Je besser KI wird, desto größer wird unser Wunsch nach Menschlichkeit.

Hildermeier: Wir haben heute schon das Problem, dass wir nicht immer unterscheiden können, ob KI oder ein Mensch etwas produziert hat. Ich kann mich mit ChatGPT wie mit einem romantischen Partner austauschen. Für viele Menschen, die einsam sind, können Chatbots als Ersatz für zwischen­menschliche Beziehungen attraktiv sein.

Kloiber: Auch Jugendliche mit psychischen Problemen wenden sich oft aus Mangel an Alternativen KI-Tools zu. Je besser eine KI programmiert ist, desto empathischer wirkt sie. Bis wir fast vergessen, dass wir gerade mit einer Maschine sprechen. Erst gestern habe ich darüber nach­gedacht, dass es eigentlich nichts Traurigeres gibt als KI-generierte Kinder­bücher. Kinder wachsen mit einer Ästhetik auf, die eine Nicht-Ästhetik ist, weil jegliche menschliche Kreativität fehlt. Aber ich habe Hoffnung: Wenn KI alles imitieren kann, gewinnt das, was wirklich menschlich ist, vielleicht wieder an Wert.

Hot Take #7: Junge Menschen sollten über Digital­politik entscheiden.

Hildermeier: Dieser Hot Take ist höchstens lauwarm! (lacht) Natürlich sollten junge Menschen mitbestimmen können. Immerhin müssen wir die politischen Entscheidungen von heute viel länger mittragen. Das Common Grounds Forum, das ich ehrenamtlich vertrete, zeigt, wie viel Potenzial in dem Erfahrungs­wissen von jungen Menschen steckt. Wir haben Wünsche, wir haben Forderungen für unsere Zukunft – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt.

Kloiber: Volle Zustimmung – nicht nur beim Thema Digitalpolitik, sondern auch bei allen anderen Politikfeldern. Punkt.


SUPERRR

SUPERRR ist eine unabhängige gemein­nützige Organisation, die 2019 von Elisa Lindinger und Julia Kloiber gegründet wurde. Ihr Ziel sind gerechte und feministische digitale Zukünfte, in denen alle Menschen gleicher­maßen von Technologie profitieren und sich ihrer Grund­rechte sicher sind.

superrr.net


Common Grounds Forum

Das Common Grounds Forum (CGF) ist eine Community aus jungen Menschen zwischen 14 und 30 Jahren, die digital­politische Positionen entwickelt und wirksam einbringt. In den letzten zwei Jahren waren das mehr als 40 digital- und bildungs­politische Forderungen.

common-grounds-forum.org