Wohngeld: „Die Angst beim Antragstellen ist groß“
Wenn das monatliche Einkommen nicht zum Leben reicht, springt der Staat ein. So hilft etwa das Wohngeld 1,2 Millionen deutschen Haushalten dabei, über die Runden zu kommen. Es zu beantragen, ist aber nicht einfach: Die Verfahren sind aufwendig, kleinteilig und psychisch belastend. Wie kann das Sozialleistungssystem besser werden? Und sind digitale Anträge die Lösung? AufRuhr hat darüber mit Wohngeldempfängerin Beate Schulte* (Name geändert) und Florian Theißing von der Agora Digitale Transformation gesprochen.
Frau Schulte, wie lange beziehen Sie schon Wohngeld?
Das erste Mal habe ich 2004 nach meiner Scheidung Wohngeld beantragt. Ich war alleinerziehend mit zwei Kindern und konnte meinen Beruf nicht mehr ausüben, da ich meine Kinder betreuen musste. Zwischenzeitlich habe ich wieder gearbeitet, musste aber mehrfach den Job wechseln. Mein Sohn ist Autist. Viele meiner Arbeitgeber hatten kein Verständnis für den erhöhten Betreuungsaufwand. Als ich 2015 aufgrund einer Erkrankung aufhören musste zu arbeiten, habe ich wieder Wohngeld beantragt, da meine Erwerbsminderungsrente nicht zum Leben reicht.
Wie viel Wohngeld bekommen Sie aktuell?
In meiner letzten Wohnung, in der ich noch mit meinem Sohn gelebt habe, hatte ich eine Miete in Höhe von 730 Euro warm für 75 Quadratmeter. Vom Amt habe ich 265 Euro Wohngeld bekommen. Das Wohngeld ist eine Art Zuschuss, die Mietkosten werden also nicht ganz übernommen. Das Amt berechnet auf Basis meines Einkommens, wie hoch mein Anspruch auf Wohngeld ist. So wird eine Grundsicherung ermöglicht. Da ich vor Kurzem umgezogen bin, musste ich einen neuen Antrag stellen. Der läuft nun schon seit September – bisher habe ich keine Rückmeldung vom Amt erhalten.
Dr. Florian Theißing beschäftigt sich bei der Agora Digitale Transformation als Innovation Lead mit der Frage, wie die Digitalisierung das Regierungs- und Verwaltungshandeln verbessern kann. Seit Langem unterstützt der promovierte Informatiker die öffentliche Verwaltung bei der digitalen Transformation.
Wie kann es leichter gehen?
„Die Verwaltung könnte einige Nachweispflichten abbauen, indem sie die Daten nutzt, die sie schon hat, statt die immer gleichen Nachweise einzufordern. Insbesondere dann, wenn Menschen Anspruch auf verschiedene Leistungen haben. Doch das passiert bisher wenig. Eine große Hilfe wäre ein einheitlicher Onlinezugang zu allen Sozialleistungen, der Nutzer*innen die passenden Leistungen anbietet.“
Florian Theißing, Innovation Lead bei der Agora Digitale Transformation
Wie unterscheidet sich das Wohngeld von anderen Sozialleistungen wie dem Bürgergeld?
Der Vorteil des Bürgergeldes ist, dass es ein Pauschalbetrag ist, den Sie monatlich ausgezahlt bekommen. Sie müssen sich vor dem Amt einmal nackt machen, dann läuft es aber. Im Moment beziehe ich Erwerbsminderungsrente und Wohngeld und muss mich um alle anderen Leistungen wie die Befreiung vom Rundfunkbeitrag oder das Sozialticket separat kümmern. Das macht viel mit dem Kopf: Ich muss ständig daran denken, die Vergünstigungen neu zu beantragen.
Wie digital sind Sozialleistungen heute?
„Viele Sozialleistungen wie das Arbeitslosengeld I (ALG I) oder das Wohngeld können bereits digital beantragt werden. Allerdings müssen Sachbearbeiter*innen die Onlineanträge teils manuell in die entsprechenden Fachverfahren übertragen. Manche Kommunen sind digital unterwegs und setzen schon KI-Lösungen ein, um Anträge und Nachweise auf Vollständigkeit zu prüfen.“
Florian Theißing, Innovation Lead bei der Agora Digitale Transformation
Wie läuft der Prozess ab, um in Deutschland Wohngeld zu bekommen?
Sie stellen einen Antrag auf Wohngeld und müssen sämtliche Einkünfte angeben. Auf dieser Basis wird dann berechnet, wie viel Wohngeld Ihnen zusteht. Einberechnet wird auch, ob Sie Ersparnisse oder Eigentum haben. Außerdem müssen Sie Negativbescheinigungen von anderen Ämtern einreichen und nachweisen, dass Sie auch wirklich an Ihrem Wohnort gemeldet sind. Es ist ein Spießrutenlauf von einem Amt zum nächsten: Wenn Sie die geforderten Unterlagen nicht fristgerecht einreichen, sind Sie direkt raus. Ob Sie wirklich Geld bekommen, erfahren Sie aber deutlich später: Die Bearbeitungszeit für den Wohngeldantrag liegt mittlerweile zwischen sechs und 18 Monaten.
Welche Reformen braucht unser Sozialleistungssystem?
„Digitalisierung erleichtert nur dann Anträge und Verfahren, wenn wir sie konsequent von der Perspektive der Nutzenden aus denken. Die Antragsportale für Sozialleistungen sollten lebenslagenorientiert und benutzungsfreundlich sein. Außerdem braucht es Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen, die nicht digital unterwegs sind.“
Florian Theißing, Innovation Lead bei Agora Digitale Transformation
Was macht dieser bürokratische Aufwand mit Ihnen?
Er löst viel Stress aus. Ich muss ohnehin ständig schauen, ob genug Geld da ist, und lebe am Existenzminimum. Wenn das Geld gerade besonders knapp ist, ist die Angst beim Antragstellen groß: Was ist, wenn ich die Frist verpasse oder etwas falsch mache? Das Wohngeld ist für mich einfach immer Thema. Und weil sich ständig etwas bei den Verfahren ändert, stehe ich auch dauernd in Kontakt mit den Ämtern, entweder per E-Mail oder persönlich. Als zum Beispiel meine Erwerbsminderungsrente erhöht wurde oder sich meine Nebenkosten verändert hatten, musste ich wieder einen neuen Antrag stellen. Sobald sich Gesetze ändern, kriege ich auch eine Mitteilung. Da ist dieser ständige Austausch – Sie sind mit diesem Amt ein bisschen verheiratet.
Würde es Ihnen helfen, das Wohngeld online zu beantragen?
Nein, ich reiche den Antrag lieber persönlich vor Ort ein, dann kann ich direkt Fehler korrigieren. Wenn der ganze Prozess online wäre, müsste ich alles auf dem Handy ausfüllen. Dafür ist mir der Bildschirm zu klein. Ich schreibe jetzt schon alle Briefe auf dem Handy, da mein Laptop veraltet ist.
Wie würden Sie das Wohngeld verbessern, wenn Sie könnten?
Es würde helfen, wenn das Wohngeld wie das Bürgergeld funktionierte – als Pauschale, also ohne zusätzlichen Antrag. Außerdem wünsche ich mir, dass die Höhe des Wohngeldes angehoben wird. Obwohl ich sparsam mit meiner Rente und dem Wohngeld umgehe, reicht das Geld nicht bis zum Ende des Monats. Mit diesen zwei Änderungen wäre schon einiges erreicht.
Agora Digitale Transformation
Die Agora Digitale Transformation wurde 2022 gegründet, alleinige Gesellschafterin ist die Stiftung Mercator. Die Mission des Thinktanks: überparteilich, kollaborativ und evidenzbasiert auszuloten, welche Chancen die digitale Transformation bietet, um die Demokratie zu stärken.
www.agoradigital.de
Studie – „Wohngeld digital gedacht“
Die Studie „Wohngeld digital gedacht: Sozialleistungen als Blaupause für eine nutzendenorientierte Verwaltungsmodernisierung“ der Agora Digitale Transformation untersucht, inwiefern die Digitalisierung der Verwaltung zu bürger*innenfreundlicheren Sozialleistungen beitragen kann.