„US-amerikanische KI zwingt uns ihren Blick auf die Welt auf“

Urvashi Aneja während ihrer Session: It's Happening To Us, Not With Us: Ai, The Global South And The Fight For Social Justice am 20.05.2026 bei der re:publica in Berlin.
„US-amerikanische KI zwingt uns ihren Blick auf die Welt auf“
Autor: Florian Sievers 28.05.2026

Künstliche Intelligenz verspricht Fortschritt. Doch wer bestimmt eigentlich, welche Probleme sie lösen soll? Die indische Forscherin Urvashi Aneja warnt vor einem KI-Boom, bei dem der sogenannte Globale Süden als Testfeld dient, während Macht und Wertschöpfung im Globalen Norden bleiben. AufRuhr hat sie auf der re:publica in Berlin getroffen und mit ihr über digitalen Kolonialismus, Ressourcenverbrauch, Sprache und Alternativen zu Large Language Models gesprochen.

AufRuhr: Frau Aneja, wie verändert KI Indien?

Urvashi Aneja: Indien und andere Länder des Globalen Südens sehen in KI das enorme Potenzial, Herausforderungen wie den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und Bildung mit verhältnismäßig wenig Zeit, Geld und Aufwand zu bewältigen. Indien möchte sich als Vorreiter des Globalen Südens positionieren und baut derzeit eine öffentliche digitale Infrastruktur auf. Über diese können Unternehmen entsprechende Dienste anbieten. Die Erwartungen sind hoch: Wenn KI in einem Land mit vielen Sprachen und Kulturen funktioniert, dann könnte sie auch andernorts für gesellschaftlichen Fortschritt sorgen.

Sie selbst sind jedoch besorgt über diese Entwicklungen. Warum?

Technikoptimismus und -enthusiasmus sind in einem Land wie Indien, das vor riesigen Problemen steht und über begrenzte Ressourcen verfügt, natürlich nachvollziehbar. Meine Skepsis rührt daher, dass Budgets und politische Prioritäten bereits jetzt zugunsten von KI verschoben werden, ohne dass belastbare Beweise für den tatsächlichen Nutzen dieser KI-Lösungen vorliegen. Vor allem Technologieunternehmen des Globalen Nordens treiben diese Entwicklung voran. Den staatlichen Akteuren des Globalen Südens wiederum fehlen oft die Kapazitäten, um die angebotenen Produkte fundiert bewerten zu können. Es wirkt so, als hätten die KI-Konzerne uns einen Hammer verkauft, für den wir nun verzweifelt nach dem passenden Nagel suchen.

Portraitfoto von Urvashi Aneja nach ihrer Session: It's Happening To Us, Not With Us: Ai, The Global South And The Fight For Social Justice am 20.05.2026 bei der re:publica in Berlin.
© Stefanie Loos

Urvashi Aneja ist eine indische KI-Forscherin, Politikberaterin und Autorin. Sie studierte und promovierte an der Universität Oxford in den Fächern Politik und Internationale Beziehungen. Ihre Forschungsarbeiten und Kommentare werden unter anderem in der „Financial Times“, der „MIT Technology Review“ und der „Economic Times“ sowie bei Al Jazeera, der BBC und bei Reuters veröffentlicht.

Urvashi Aneja während ihrer Session: It's Happening To Us, Not With Us: Ai, The Global South And The Fight For Social Justice am 20.05.2026 bei der re:publica in Berlin.
KI-Modelle sollten gesellschaftlichen Nutzen stiften und konkrete Probleme lösen, plädiert Urvashi Aneja. © Stefanie Loos

Kritiker*innen bezeichnen die Länder des Globalen Südens als Testlabor für KI. Teilen Sie diese Einschätzung?

Historisch betrachtet sehen wir solche Muster immer wieder. Ein Beispiel ist Aadhaar, das biometrische Identifikationssystem in Indien. Es ist mittlerweile für alle grundlegenden öffentlichen Dienste, den Handykauf, selbst für Taxifahrten notwendig. Wollten Deutschland oder Frankreich ein solches System einführen, gäbe es massiven Widerstand aus der Bevölkerung. Doch in Ländern mit schwächerer Regulierung oder in Ländern in humanitären Notlagen können Unternehmen oft neue Technologien testen, ohne dass die Bevölkerung eine Wahl hat.

Es wirkt so, als hätten die KI-Konzerne uns einen Hammer verkauft, für den wir nun verzweifelt nach dem passenden Nagel suchen.

Urvashi Aneja, KI-Forscherin, Politikberaterin und Autorin

Was ist das Digital Futures Lab?

Das Digital Futures Lab (DFL) zählt zu den führenden Thinktanks Indiens zum Thema gesellschaftliche Auswirkungen neuer Technologien. Die Organisation mit Sitz im westindischen Goa wurde 2021 von Urvashi Aneja gegründet und setzt sich mit evidenzbasierter Forschung und durch die Einbindung der Öffentlichkeit für eine gerechte, sichere und nachhaltige digitale Zukunft des Globalen Südens ein.

Setzt sich hier koloniales Denken in digitaler Form fort?

Es ist eindeutig eine Fortsetzung kolonialer Muster. Deshalb sprechen viele zurecht von einem neuen „digitalen Kolonialismus“: Der Globale Süden dient als Ressourcenquelle, während die eigentliche Wertschöpfung fast ausschließlich in den Industrienationen stattfindet. Als Reaktion darauf versucht Indien nun, eigene KI-Modelle zu entwickeln, um sich weiter vorn in der Wertschöpfungskette zu platzieren und staatlich souverän zu bleiben. Das Problem ist jedoch, dass diese staatliche Souveränität oft nicht die Interessen der Bürger*innen im Blick hat. Denn viele indische KI-Unternehmen ignorieren Themen wie Arbeitsrecht, Datenschutz, den Kampf gegen Diskriminierung oder Umweltschäden.

Urvashi Aneja während ihrer Session: It's Happening To Us, Not With Us: Ai, The Global South And The Fight For Social Justice am 20.05.2026 bei der re:publica in Berlin.
Urvashi Aneja warnt vor „digitalem Kolonialismus“: Der Globale Süden liefert Ressourcen, die Wertschöpfung findet anderswo statt. © Stefanie Loos

Technologie ist nicht neutral. Wie prägen die US-amerikanischen KI-Modelle die Techlandschaft in Indien?

Diese großen Sprachmodelle – Large Language Models (LLM) – basieren überwiegend auf englischsprachigen Trainingsdaten. Und Sprache ist Identität: Mit ihr werden also auch die US-amerikanische Kultur und Weltanschauung oder Vorurteile in diese KI-Anwendungen eingeschrieben. Lokale Entwickler*innen können die Modelle zwar für spezifische Zwecke anpassen und für eine der vielen Sprachen Indiens adaptieren. Doch ihre grundlegenden Werte und Annahmen lassen sich nicht korrigieren. US-amerikanische KI-Systeme zwingen uns damit ihren Blick auf die Welt auf.

Wir haben aufgehört, zu fragen, ob KI überhaupt das richtige politische Projekt ist und ob sie den Menschen wirklich dient.

Urvashi Aneja, KI-Forscherin, Politikberaterin und Autorin

Welche Alternativen sehen Sie für Indien – und was kann Europa daraus lernen?

Wir brauchen KI-Modelle, die einen klaren gesellschaftlichen Nutzen haben. Bevor wir sie einsetzen, muss definiert sein, welches Problem sie lösen sollen. Dazu gehört auch, dass wir von den LLM wegkommen müssen. Sie verbrauchen eine enorme Menge an Ressourcen und sind gleichzeitig für viele Anwendungsbereiche nicht präzise genug. Kleinere spezialisierte Systeme hingegen sind transparenter, ressourcenschonender und besser überprüfbar. Außerdem lassen sie sich gezielter auf kulturelle oder fachliche Kontexte trainieren.

Was war Ihre Kernbotschaft auf der re:publica?

Die Debatte über KI hat sich stark verengt. Während wir vor einigen Jahren noch über eine Demokratisierung des KI-Ökosystems diskutiert haben, geht es heute fast nur noch um die Verbreitung der Technologie. Wir haben aufgehört, zu fragen, ob KI überhaupt das richtige politische Projekt ist und ob sie den Menschen wirklich dient. Deshalb appelliere ich immer wieder: Hört nicht auf, kritische Fragen zu stellen. Wer heute nicht fragt, für wen Technologie entwickelt wird, hat morgen womöglich keine Wahl mehr.


re:publica

Die re:publica 2026 fand vom 18. bis 20. Mai in der STATION Berlin statt. Das Festival für die digitale Gesellschaft stand dieses Jahr unter dem Motto „Never Gonna Give You Up“. Im Programm-Special „re:claim Digital Future“ setzt die re:publica gemeinsam mit der Stiftung Mercator jedes Jahr inhaltliche Impulse. Dafür kuratiert sie thematisch passende Sessions und holt gezielt internationale Stimmen auf die Bühne. In diesem Jahr lag der Fokus auf dem Thema digitale Souveränität. Die Stiftung Mercator stärkt die re:publica als Plattform für den kritisch-konstruktiven Austausch über Digitalpolitik zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Medien, Politik und Wirtschaft.

re:claim Digital Future | republica