„Wir können uns der Ausbeutung durch KI widersetzen“
Die Journalistin Karen Hao begleitet die KI-Industrie im Silicon Valley seit Jahren. International bekannt wurde sie mit ihrem Buch „Empire of AI“. Und sie war eine der Eröffnungsspeaker*innen der re:publica 2026, die in Berlin vom 18. bis 20. Mai unter dem Motto „Never Gonna Give You Up“ lief. Mit AufRuhr hat die US-Amerikanerin über die imperialen Strukturen von OpenAI & Co., den Unterschied zwischen KI-Boomern und KI-Doomern gesprochen und darüber, wie eine ethisch vertretbare Zukunft von KI aussehen könnte.
AufRuhr: Frau Hao, sind die großen KI-Unternehmen aus dem Silicon Valley imperial?
Karen Hao: Ich sehe vier zentrale Parallelen zum historischen Imperialismus. Erstens verwerten KI-Unternehmen Ressourcen, die ihnen nicht gehören – etwa personenbezogene Daten oder kreative Werke von Künstler*innen. Zweitens beuten sie Arbeitskräfte aus, beispielsweise Content-Moderator*innen, die extrem schlecht bezahlt werden – während die KI-Konzerne gleichzeitig Systeme entwickeln, die Menschen überflüssig machen. Drittens kontrollieren sie maßgeblich, was Politik, Medien und die Öffentlichkeit über KI wissen sollen und was nicht. Und viertens inszenieren sie sich als Akteure, die angeblich zum Wohle der Menschheit handeln und zivilisatorischen Fortschritt ermöglichen wollen.
Sprechen Sie hier vor allem von Sam Altman, dem CEO von OpenAI? Oder ist das ein strukturelles Problem der Branche?
Es ist definitiv ein strukturelles Problem, aber OpenAI und Sam Altman spielen dabei eine entscheidende Rolle. Immerhin hat OpenAI die Spielregeln des KI-Wettbewerbes quasi im Alleingang geschrieben, da es als erstes Unternehmen ein generatives KI-Modell massentauglich gemacht hat. Imperien entstehen Schritt für Schritt, in alltäglichen Entscheidungen. Wichtig ist deshalb: Diese Entscheidungen sind menschengemacht. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch: Sie sind veränderbar!
Karen Hao ist Autorin des Buches „Empire of AI“ und Journalistin mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz. Sie ist Co-Moderatorin des BBC-Podcasts „The Interface“ und schreibt unter anderem für „More Perfect Union“ und „The Atlantic“. Außerdem ist sie Mitbegründerin der „AI Spotlight Series“ des Pulitzer Center, eines Programms, das Journalist*innen weltweit in der KI-Berichterstattung schult.
In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie sich am Begriff „Künstliche Intelligenz“ stören. Warum?
Weil der Begriff „Intelligenz“ falsche Erwartungen weckt. Sprache prägt unseren Umgang mit Technologie. Bei der Einführung von Taschenrechnern war klar: Das Gerät rechnet, also nennen wir es Taschenrechner. Bei Chatbots wird hingegen schon auf sprachlicher Ebene suggeriert, wir kämen einer Superintelligenz näher – obwohl wir noch nicht einmal genug über die menschliche Intelligenz wissen!
Ist diese Wortwahl aus Ihrer Sicht ideologisch aufgeladen?
Absolut. In meinem Buch unterscheide ich zwischen KI-Boomern und KI-Doomern – zwischen zwei Strömungen derselben Ideologie. Beide gehen davon aus, dass die erfolgreiche Nachbildung menschlicher Intelligenz enorme Folgen haben wird: entweder eine technologische Utopie oder eine technologische Dystopie. Das beeinflusst die Ausrichtung der gesamten Branche.
Mit Blick auf die Folgen: Wie ließe sich die KI-Branche wirksam regulieren?
Es reicht nicht, nur die fertige Software in den Blick zu nehmen. Die gesamte Wertschöpfungskette der KI-Entwicklung müsste reguliert werden. Dazu gehören die Gewinnung der Rohstoffe, die Arbeitsbedingungen und die Konzentration von Informationen. Auch Datenschutz ist unerlässlich. Ein positives Beispiel sind Regulierungen der EU, die OpenAI und Anthropic zum Beispiel daran hindern, mit neuen Funktionen in den europäischen Gesundheitssektor einzusteigen. Trotzdem dürfen wir solche Regulierungen nicht für selbstverständlich halten, weil an anderer Stelle schon darüber diskutiert wird, sie wieder abzuschwächen.
Wie könnte denn eine „gute KI“ aussehen?
Im Silicon Valley konzentrieren sich viele Unternehmen auf eine bestimmte Art von KI, auf sogenannte Large Language Models (LLM). Also auf große Sprachmodelle, die enorme Mengen an Wasser und Strom verbrauchen. Doch KI kann auch ressourcenschonend arbeiten. Es gibt beispielsweise spezialisierte KI-Systeme, etwa zur Früherkennung von Krebs oder Alzheimer, die weder Supercomputer noch die Wasser- und Strommengen ganzer Kleinstädte benötigen. In den Händen gut ausgebildeter Ärzt*innen können solche KI-Anwendungen viel Gutes bewirken. Gesellschaften sollten sich zuerst fragen: Welche Ziele wollen wir erreichen? Und erst danach entscheiden, welche Technologien dafür sinnvoll sind. Im Wettlauf um KI haben Unternehmen genau das Gegenteil getan: Sie haben überlegt, welche Technologien sie entwickeln können, um dann Märkte für sie zu schaffen.
Sollten wir Chatbots wie ChatGPT also lieber meiden?
Ich selbst nutze weder ChatGPT noch andere Chatbots – und das aus drei Gründen. Erstens halte ich das in meinem Arbeitskontext für ethisch problematisch. Zweitens habe ich starke Datenschutzbedenken. Und drittens sind Chatbots für meine Arbeit nicht hilfreich. Trotzdem rate ich niemandem grundsätzlich davon ab, KI-Chatbots zu benutzen. Für einige sind sie sicher nützlich. Da es aber bislang wenige ethisch vertretbare Alternativen zu ChatGPT und Co. gibt, greifen Nutzer*innen zwangsläufig auf die Tools der großen Konzerne zurück. Darum brauchen wir alternative Formen von KI. In der Modeindustrie bestand die Antwort auf schockierende Arbeitsverhältnisse in der Produktion auch nicht darin, keine Kleidung mehr zu tragen. Stattdessen wurden Marken nachhaltiger, es entstanden ethische Standards. Ähnliches muss auch im KI-Bereich passieren.
Zeichnet sich bereits Widerstand gegen das KI-Imperium ab?
Der Widerstand nimmt zu, besonders in den USA. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass sich 80 Prozent der Amerikaner*innen Sorgen wegen KI machen und eine Regulierung befürworten. Auch sind immer mehr Amerikaner*innen mit Arbeitsplatzverlusten, einer Art KI-Psychose durch das intensive Nutzen von Chatbots oder dem massiven Ausbau von Rechenzentren konfrontiert. Überall auf der Welt machen Menschen gegen das KI-Imperium mobil: Ich habe mit Aktivist*innen in Indien, Chile, Kenia, im Kongo und in ganz Europa gesprochen. Sie diskutieren, wie man sich der Ausbeutung durch KI widersetzen kann. Das macht mir Hoffnung. Denn das zeigt: Noch können wir das KI-Imperium aufhalten.
re:publica
Die re:publica 2026 fand vom 18. bis 20. Mai in der STATION Berlin statt. Das Festival für die digitale Gesellschaft stand dieses Jahr unter dem Motto „Never Gonna Give You Up“. Im Programm-Special „re:claim Digital Future“ setzt die re:publica gemeinsam mit der Stiftung Mercator jedes Jahr inhaltliche Impulse. Dafür kuratiert sie thematisch passende Sessions und holt gezielt internationale Stimmen auf die Bühne. In diesem Jahr lag der Fokus auf dem Thema digitale Souveränität. Die Stiftung Mercator stärkt die re:publica als Plattform für den kritisch-konstruktiven Austausch über Digitalpolitik zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Medien, Politik und Wirtschaft.