„Das Ansehen der EU im Westbalkan hat massiv gelitten“

„Das Ansehen der EU im Westbalkan hat massiv gelitten“
Autor: Florian Sievers 31.03.2026

Die EU braucht dringend kritische Rohstoffe wie Lithium oder den Aluminium­ausgangs­stoff Bauxit. Diese kommen nicht nur in fernen Ländern vor, sondern auch vor der eigenen Haustür. In einigen Ländern des West­balkans wie dem EU-Beitritts­kandidaten Serbien will sich die EU einen verlässlichen Zugang sichern. Vedran Džihić und Marko Kmezić von der Balkan in Europe Policy Advisory Group1 (BiEPAG) sehen diese Entwicklung kritisch: Viele Menschen in der Region seien besorgt, dass die EU für den Zugang zu Rohstoffen genau jene Umwelt- und Menschen­rechts­standards untergrabe, die sie von den Beitritts­kandidaten einfordere.

Herr Džihić, welche Folgen hat der Bergbau für die Menschen im Westbalkan?

Džihić: Bei bereits laufenden Projekten zeigt sich, dass die Umwelt­normen und Gesundheits­standards nicht ansatz­weise eingehalten werden. Ein Beispiel ist die ost­serbische Stadt Bor, in der die chinesische Zijin Mining Group seit 2018 unter höchst problematischen Bedingungen Kupfer abbaut. Die Stadt leidet heute unter einer extremen Schad­stoff­belastung, die Krebs­raten sind alarmierend. Auch für künftige Projekte ist nichts Gutes zu erwarten: Die Staaten des Westbalkans haben weder die Macht, die Einhaltung von Umwelt­standards durch­zu­setzen, noch ein Interesse daran. In Serbien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro sind deshalb laut­starke Protest­bewegungen gegen die Berg­bau­projekte entstanden.

Geht es bei den Protesten allein um den Umweltschutz?

Džihić: Nein, nicht nur. Sie richten sich vor allem dagegen, dass Abbaugenehmigungen hinter verschlossenen Türen und ohne rechtsstaatliche Verfahren vergeben werden – von einer Einbindung der lokalen Bevölkerung ganz zu schweigen. Es gibt eindeutige Anzeichen für korrupte Machen­schaften. Sowohl Serbien als auch Bosnien und Herzegowina stagnieren in den vergangenen Jahren in Sachen Rechtsstaatlichkeit oder entwickeln sich sogar zurück. Das hat auch die EU immer wieder festgestellt.

Ein Portraitfoto von Vedran Džihić
© BiEPAG

Dr. Vedran Džihić ist Senior Researcher am Österreichischen Institut für Inter­nationale Politik (oiip) sowie Lehr­beauftragter an der Universität Wien. Er forscht unter anderem zu Nationalismus und Staatlichkeit in Bosnien und Herzegowina, zu Friedens- und Transformations­prozessen in Nach­folge­staaten Jugoslawiens sowie zu Kriegs- und Konfliktur­sachen.

Was macht die Länder des Westbalkans so interessant für neue Bergbauprojekte?

Džihić: Der Bergbau hat eine jahrhunderte­lange Geschichte in Serbien, Bosnien und Herzegowina, im Kosovo, in Albanien, Montenegro und Nord­mazedonien. Es gibt dort große Vorkommen von Seltenen Erden, anderen Metallen und weiteren Rohstoffen. In Jugoslawien, zu dem außer Albanien alle West­balkan­länder einmal gehörten, war der Bergbau entscheidend für die Industrialisierung. Während der Jugoslawien­kriege in den 90er-Jahren wurde der Großteil der Berg­bau­infrastruktur beschädigt, und was noch stand, war veraltet. Ab den 2000er-Jahren haben die Staaten des West­balkans sowie ausländische Berg­bau­konzerne das Potenzial der Region wieder­entdeckt, darunter die britisch-australische Rio Tinto Group oder die chinesische Zijin Mining Group. Die Konzerne winkten mit ausländischen Direkt­investitionen, Arbeits­plätzen und Steuer­einnahmen.

"Geh weg, Rio Tinto", fordert ein Schild von serbischen Aktivist*innen. © imago

Wie realistisch sind diese wirtschaftlichen Versprechungen?

Džihić: Die lokalen Regierungen und Bergbau­unternehmen stellen die Projekte als Weg zu blühenden Landschaften dar. Hoch­glanz­broschüren versprechen, dass die Menschen, die Infra­struktur und die Wirtschaft in den Regionen profitieren und dass alles nach höchsten Standards für Umwelt- oder Arbeitnehmer­schutz ablaufen wird. Das klingt märchen­haft. Für unsere gemeinsame Studie der Balkans in Europe Policy Advisory Group (BiEPAG), die im April erscheinen wird, haben wir uns diese Versprechungen genauer angeschaut und fest­gestellt, dass es sich dabei tatsächlich überwiegend um Märchen handelt. Der Bergbau und die anschließende Verarbeitung der Rohstoffe sind in den West­balkan­staaten nur für ein bis drei Prozent des Brutto­inlands­produktes verantwortlich. Dementsprechend hängen daran nur wenige Arbeits­plätze. Selbst in Serbien, wo der Sektor recht groß ist, arbeiten für ihn nur rund 40.000 Menschen, also eine über­schaubare Zahl.

Herr Kmezić, einige der West­balkan­staaten sind EU-Beitritts­kandidaten oder könnten es in absehbarer Zeit werden. Wie passen diese Bergbauprojekte mit den EU-Beitritts­prozessen zusammen?

Marko Kmezić: Die West­balkan­staaten können internationale Berg­bau­konzerne nach ihren eigenen Regeln ins Land holen und zugleich eine EU-Mitgliedschaft anstreben. Genau genommen hängen diese beiden Prozesse nicht zusammen. Doch in der Wahr­nehmung der Bevölkerung tun sie es, und es ist nach­voll­ziehbar, warum. Denn die EU wird nervös, sobald chinesische Unternehmen anfangen, kritische Rohstoffe vor ihrer Haustür abzubauen. Und statt auf die Einhaltung europäischer Standards zu pochen, will sie vor allem eigene Zugänge sichern. Sie nimmt dafür in Kauf, dass Umwelt­schutz, Bürger­rechte und Rechts­staatlichkeit unter den Tisch fallen.

Verspielt die EU damit ihre Glaub­würdigkeit?

Kmezić: Es kommt in der Bevölkerung so an, als würde die EU mit zweierlei Maß messen: Einerseits verlangt sie von ihren Beitritts­kandidaten strenge Umwelt- und Rechts­standards. Anderer­seits schaut sie bewusst weg, wenn genau diese Standards bei Roh­stoff­projekten verletzt werden, die in ihrem eigenen Interesse liegen. Für zusätzlichen Frust sorgt die Tatsache, dass der EU-Beitritts­prozess für die West­balkan­staaten lange Zeit auf dem Abstell­gleis stand und erst im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder Fahrt auf­genommen hat. Im Jahr 2024 hat der damalige deutsche Bundes­kanzler Olaf Scholz gemeinsam mit Spitzen der EU und dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić ein „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet. Diese strategische Partnerschaft für nach­haltige Rohstoffe regelt unter anderem, dass die Rio Tinto Group vor Ort Lithium abbauen darf, sich dabei aber an höchste europäische Standards halten muss. Es war allerdings vom Beginn an klar, dass die serbische Regierung die geforderten Standards nicht durch­setzen würde und die EU ein Auge zudrückt. Das Ansehen der EU im Westbalkan hat durch diese Entwicklungen massiv gelitten.

Ein Portraitfoto von Marko Kmezić
© BiEPAG

Dr. Marko Kmezić ist Jurist sowie Dozent und Senior Researcher am Zentrum für Süd­ost­europa­studien der Universität Graz. Er forscht unter anderem zu Rechts­staatlichkeit, Demokratisierung sowie zur EU-Integration. Zudem berät er die Europäische Kommission, die OSZE oder den Europa­rat sowie Regierungen und inter­nationale Organisationen auf dem Balkan zum Thema Rechts­staatlichkeit.

Schätzungsweise 1,2 Millionen Tonnen Lithium befinden sich in den Böden Serbiens. © picture alliance

Was sollte die EU besser machen?

Kmezić: Von der EU hören wir, dass sie diese Projekte auf dem West­balkan unbedingt umsetzen will. Unter anderem, um die Roh­stoff­abhängigkeit von und die wirtschaftliche Konkurrenz mit China zu verringern. Wenn dem so ist, müsste sie eigentlich darauf achten, dass tatsächlich strengste europäische Standards eingehalten werden. Und das sowohl bei der Auftrags­vergabe als auch bei den Umwelt­normen, den Bürger­rechten und den rechts­staatlichen Fragen. Außerdem müsste sich die EU jenseits von Floskeln und Versprechen zu einer eindeutigen Haltung durchringen, ob, mit wem, unter welchen Bedingungen und wann die Union erweitert wird – und das auch klar kommunizieren. Mit Transparenz und konsequenter Haltung könnte sie das Vertrauen der Menschen im Westbalkan zurückgewinnen.

Džihić: Hoffnung machen auch zahl­reiche Protest­bewegungen und lokale Initiativen, die sich gegen Umwelt­zerstörung und Willkür der lokalen Regierungen zur Wehr setzen. In immer mehr Westbalkan­ländern werden die kritischen Stimmen lauter und könnten die Macht­strukturen vor Ort ins Wanken bringen. Das ist am Ende auch im Interesse der EU: Partner mit demokratischen und rechts­staatlichen Werten, die tatsächlich beitritts­reif sind.


The Balkans in Europe Policy Advisory Group

Die Balkan in Europe Policy Advisory Group (BiEPAG) ist ein Zusammen­schluss von Politikanalyst*innen und Forscher*innen, der als gemeinsame Initiative des European Fund for the Balkans und des Zentrums für Süd­ost­europa­studien der Universität Graz ins Leben gerufen wurde. Das Projekt setzt sich dafür ein, den West­balkan und die Europäische Union stärker zu verbinden und demokratische Staaten in der Region zu fördern.

https://www.biepag.eu/