Hybrider Krieg: Wie kann sich Europa gegen Russland verteidigen?

Wladimir Putin
Hybrider Krieg: Wie kann sich Europa gegen Russland verteidigen?
Autor: Jan Eijking 27.01.2026

Von Desinformation in Frankreich über Drohnen­sichtungen in Deutschland bis hin zur Eisen­bahn­sabotage in Polen: Russland setzt zunehmend auf hybride Kriegs­mittel, um Europa zu destabilisieren. Im Gespräch mit Marija Golubeva, der ehemaligen Innen­ministerin Lettlands, fragt AufRuhr: Tut die Europäische Union (EU) genug, um sich gegen Putin zur Wehr zu setzen? Und welche Rolle spielt die Nähe zur russischen Grenze?

Frau Golubeva, Cyberangriffe, gefälschte Websites oder Troll­netz­werke – welche Strategie steckt hinter diesen hybriden Attacken Russlands?

Die russische Regierung sendet uns das Signal, dass wir in Europa nicht sicher sind, dass unser Alltag und vertraute Institutionen angreifbar und verwundbar sind. Das ist eine klare Macht­demonstration.

Eine Machtdemonstration einerseits, aber auch ein klares Zeichen an die Welt, dass sich die EU nicht wehren kann?

Die verspätete Reaktion der EU nach der Annexion der Krim 2014 hat Putin definitiv angespornt. Er hat dadurch Zeit gewonnen, die eigene Militär­maschinerie weiter auszubauen. Die Brüche im trans­atlantischen Verhältnis geben Russland heute noch mehr Spiel­raum.

Bis 2022 waren Sie Innenministerin von Lettland. Wie beeinflusst die geografische Nähe zu Russland Ihre Wahr­nehmung des Konfliktes?

Aus der Nähe zeigt sich besonders klar, dass Russland nicht allein handelt, sondern auch über Verbündete und Stell­vertreter. Belarus ist ein solches Beispiel: Das Land unter­stützt Russland regel­mäßig mit verdeckten Operationen in der Region, etwa bei gemeinsamen Militär­übungen an der polnischen Grenze. Dabei bilden die Beteiligten eine Art Ökosystem: Stell­vertreter Russlands, staatliche Akteure, kommerzielle Betreiber von Botfarmen und Verteter*innen von Medien arbeiten zusammen, um den Druck auf Europa zu erhöhen.

Marija Golubeva
© picture alliance

Marija Golubeva war von Juni 2021 bis Mai 2022 lettische Innen­ministerin und ist die vierte Henrik-Enderlein-Stipendiatin an der Hertie School. Sie ist außerdem Gründerin der Krisen­übungs­platt­form Meleys. Als erfahrene Politik­wissenschaftlerin und Praktikerin bringt Marija Golubeva im akademischen Jahr 2025/26 ihr Fachwissen über hybride Bedrohungen für die Europäische Union in die Lehre der Hertie School ein.

Europa lässt sich nicht über Nacht in einen geopolitischen Verteidigungsblock verwandeln.

Marija Golubeva, lettische Innen­ministerin a. D.

Wie geht die EU mit den hybriden Bedrohungen um?

Inzwischen immer besser, auch wenn sich die EU-Institutionen weiterhin schwertun, sich auf hybride Bedrohungen einzustellen. Ein Grund dafür ist, dass sich Europa als offenes, kooperatives, handlungs­orientiertes Bündnis nicht über Nacht in einen geo­politischen Verteidigungs­block verwandeln lässt.

Fehlt es an politischem Willen?

Ich würde sagen, dass es mittler­weile mehr politischen Willen gibt, Europa zu schützen. Doch es braucht Zeit, um wirksame Strategien zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass eine der größten Schwierig­keiten darin besteht, die hybriden Bedrohungen zuzuordnen. So viele staatliche und nicht staatliche Akteure sind Teil von Putins Öko­system, dass europäische Regierungen nur schwer feststellen können, wer für einen Angriff wirklich verantwortlich ist. Ein weiteres Problem ist, dass zu wenige europäische Regierungen ihre Daten miteinander teilen. Die EU hat ihre eigenen Warn­systeme, die funktionieren aber ziemlich umständlich und zu langsam. Analyst*innen sollten nicht stunden­lang Formulare ausfüllen müssen, wenn sie akute Bedrohungen nach­verfolgen. Die EU muss sich also dringend für ein besseres Data Sharing zwischen den Mitglieds­staaten einsetzen.

Analyst*innen sollten nicht stundenlang Formulare ausfüllen müssen, wenn sie akute Bedrohungen nachverfolgen.

Marija Golubeva, lettische Innen­ministerin a. D.

Dennoch gibt es Bereiche, in denen die EU bereits sehr gut aufgestellt ist. Die Cyber­verteidigung ist zum Beispiel eine große Stärke der EU. Mit der Agentur der Europäischen Union für Cyber­sicherheit ENISA ist die EU in der Lage, auf digitale Angriffe schnell und koordiniert zu reagieren. Die NIS2-Richt­linie (Network and Information Security Directive 2) sorgt seit 2023 für einheitliche Standards und verbessert die Zusammen­arbeit zwischen den Ländern, um Angriffe effektiv abzuwehren.

Welche Reformen wünschen Sie sich?

Wir müssen Daten zu Cybersicherheit, Sabotage und Desinformation in einem zentralisierten Daten­aus­tausch­system bündeln, um schnell Muster erkennen zu können. Meiner Meinung nach sollte diese Daten­sammlung vom European External Action Service (EEAS) hin zur Europäischen Kommission verlagert werden. Nicht um einen europäischen Geheim­dienst zu gründen, sondern um Daten­analysen im Zentrum der EU-Entscheidungs­findung zu ermöglichen. Nur so kann die EU in Echtzeit und ohne politische Verzögerungen auf Angriffe reagieren.

Erleichtert eine verbesserte Datenlage automatisch politische Entscheidungen?

Davon gehe ich aus. Wenn sich Entscheider*innen ein umfassendes Bild vom Ausmaß hybrider Gefahren machen können, wird es viel schwieriger, sich passiv zu verhalten. Außerdem sollte das Reaktions­vermögen der EU nicht von lang­wierigen politischen Prozessen abhängen, die so angelegt sind, dass sie sehr lange dauern. Das ist zum Beispiel bei offiziellen Gefahren­einstufungen der Fall. Diese können Wochen dauern und erfordern oft, dass die Mitglieds­staaten darüber verhandeln. Das verzögert vieles unnötig.

Was kann die EU aus der aktuellen Situation für zukünftige Konfrontationen – zum Beispiel mit China – lernen?

Die EU muss Gefahren früher erkennen, um recht­zeitig handeln zu können. Dazu gehören auch indirekte Angriffe autoritärer Regime, mit dem Ziel, Demokratien zu schwächen. Ein wichtiger Bestand­teil der Vorsorge ist es, demokratische Grund­pfeiler zu schützen – insbesondere unabhängige Medien und zivil­gesellschaftliche Organisationen. Wir brauchen also einen gesamt­gesellschaftlichen Ansatz, nicht nur Top-down-Reformen in Brüssel. Um Europas Widerstandsfähigkeit gegen physische oder cyber­bezogene Sabotage zu stärken, braucht es außerdem regelmäßige Übungen, szenario­basierte Trainings und flexiblere Institutionen. Nur dann wird die EU rechtzeitig handeln und den nächsten hybriden Angriff verhindern können.


Henrik Enderlein Fellowship

Das Henrik Enderlein Fellowship wird jedes Jahr an Personen vergeben, die sich für eine starke Europäische Union einsetzen. Es vergibt Forschungs­aufenthalte an der Hertie School an Wissen­schaftler*innen, Akademiker*innen und Politiker*innen. Das Fellowship bietet den Stipendiat*innen Raum für Vernetzung und ermöglicht es ihnen, dringende Fragen der europäischen und nationalen Agenda anzugehen. Das Henrik Enderlein Fellowship erinnert an den verstorbenen Präsidenten der Hertie School und Gründer des Jacques Delors Centre, Henrik Enderlein. Gefördert wird es von der Stiftung Mercator.
www.hertie-school.org/henrik-enderlein-fellowship