Hybrider Krieg: Wie kann sich Europa gegen Russland verteidigen?
Von Desinformation in Frankreich über Drohnensichtungen in Deutschland bis hin zur Eisenbahnsabotage in Polen: Russland setzt zunehmend auf hybride Kriegsmittel, um Europa zu destabilisieren. Im Gespräch mit Marija Golubeva, der ehemaligen Innenministerin Lettlands, fragt AufRuhr: Tut die Europäische Union (EU) genug, um sich gegen Putin zur Wehr zu setzen? Und welche Rolle spielt die Nähe zur russischen Grenze?
Frau Golubeva, Cyberangriffe, gefälschte Websites oder Trollnetzwerke – welche Strategie steckt hinter diesen hybriden Attacken Russlands?
Die russische Regierung sendet uns das Signal, dass wir in Europa nicht sicher sind, dass unser Alltag und vertraute Institutionen angreifbar und verwundbar sind. Das ist eine klare Machtdemonstration.
Eine Machtdemonstration einerseits, aber auch ein klares Zeichen an die Welt, dass sich die EU nicht wehren kann?
Die verspätete Reaktion der EU nach der Annexion der Krim 2014 hat Putin definitiv angespornt. Er hat dadurch Zeit gewonnen, die eigene Militärmaschinerie weiter auszubauen. Die Brüche im transatlantischen Verhältnis geben Russland heute noch mehr Spielraum.
Bis 2022 waren Sie Innenministerin von Lettland. Wie beeinflusst die geografische Nähe zu Russland Ihre Wahrnehmung des Konfliktes?
Aus der Nähe zeigt sich besonders klar, dass Russland nicht allein handelt, sondern auch über Verbündete und Stellvertreter. Belarus ist ein solches Beispiel: Das Land unterstützt Russland regelmäßig mit verdeckten Operationen in der Region, etwa bei gemeinsamen Militärübungen an der polnischen Grenze. Dabei bilden die Beteiligten eine Art Ökosystem: Stellvertreter Russlands, staatliche Akteure, kommerzielle Betreiber von Botfarmen und Verteter*innen von Medien arbeiten zusammen, um den Druck auf Europa zu erhöhen.
Marija Golubeva war von Juni 2021 bis Mai 2022 lettische Innenministerin und ist die vierte Henrik-Enderlein-Stipendiatin an der Hertie School. Sie ist außerdem Gründerin der Krisenübungsplattform Meleys. Als erfahrene Politikwissenschaftlerin und Praktikerin bringt Marija Golubeva im akademischen Jahr 2025/26 ihr Fachwissen über hybride Bedrohungen für die Europäische Union in die Lehre der Hertie School ein.
Europa lässt sich nicht über Nacht in einen geopolitischen Verteidigungsblock verwandeln.
Wie geht die EU mit den hybriden Bedrohungen um?
Inzwischen immer besser, auch wenn sich die EU-Institutionen weiterhin schwertun, sich auf hybride Bedrohungen einzustellen. Ein Grund dafür ist, dass sich Europa als offenes, kooperatives, handlungsorientiertes Bündnis nicht über Nacht in einen geopolitischen Verteidigungsblock verwandeln lässt.
Fehlt es an politischem Willen?
Ich würde sagen, dass es mittlerweile mehr politischen Willen gibt, Europa zu schützen. Doch es braucht Zeit, um wirksame Strategien zu entwickeln. Mein Eindruck ist, dass eine der größten Schwierigkeiten darin besteht, die hybriden Bedrohungen zuzuordnen. So viele staatliche und nicht staatliche Akteure sind Teil von Putins Ökosystem, dass europäische Regierungen nur schwer feststellen können, wer für einen Angriff wirklich verantwortlich ist. Ein weiteres Problem ist, dass zu wenige europäische Regierungen ihre Daten miteinander teilen. Die EU hat ihre eigenen Warnsysteme, die funktionieren aber ziemlich umständlich und zu langsam. Analyst*innen sollten nicht stundenlang Formulare ausfüllen müssen, wenn sie akute Bedrohungen nachverfolgen. Die EU muss sich also dringend für ein besseres Data Sharing zwischen den Mitgliedsstaaten einsetzen.
Analyst*innen sollten nicht stundenlang Formulare ausfüllen müssen, wenn sie akute Bedrohungen nachverfolgen.
Dennoch gibt es Bereiche, in denen die EU bereits sehr gut aufgestellt ist. Die Cyberverteidigung ist zum Beispiel eine große Stärke der EU. Mit der Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit ENISA ist die EU in der Lage, auf digitale Angriffe schnell und koordiniert zu reagieren. Die NIS2-Richtlinie (Network and Information Security Directive 2) sorgt seit 2023 für einheitliche Standards und verbessert die Zusammenarbeit zwischen den Ländern, um Angriffe effektiv abzuwehren.
Welche Reformen wünschen Sie sich?
Wir müssen Daten zu Cybersicherheit, Sabotage und Desinformation in einem zentralisierten Datenaustauschsystem bündeln, um schnell Muster erkennen zu können. Meiner Meinung nach sollte diese Datensammlung vom European External Action Service (EEAS) hin zur Europäischen Kommission verlagert werden. Nicht um einen europäischen Geheimdienst zu gründen, sondern um Datenanalysen im Zentrum der EU-Entscheidungsfindung zu ermöglichen. Nur so kann die EU in Echtzeit und ohne politische Verzögerungen auf Angriffe reagieren.
Erleichtert eine verbesserte Datenlage automatisch politische Entscheidungen?
Davon gehe ich aus. Wenn sich Entscheider*innen ein umfassendes Bild vom Ausmaß hybrider Gefahren machen können, wird es viel schwieriger, sich passiv zu verhalten. Außerdem sollte das Reaktionsvermögen der EU nicht von langwierigen politischen Prozessen abhängen, die so angelegt sind, dass sie sehr lange dauern. Das ist zum Beispiel bei offiziellen Gefahreneinstufungen der Fall. Diese können Wochen dauern und erfordern oft, dass die Mitgliedsstaaten darüber verhandeln. Das verzögert vieles unnötig.
Was kann die EU aus der aktuellen Situation für zukünftige Konfrontationen – zum Beispiel mit China – lernen?
Die EU muss Gefahren früher erkennen, um rechtzeitig handeln zu können. Dazu gehören auch indirekte Angriffe autoritärer Regime, mit dem Ziel, Demokratien zu schwächen. Ein wichtiger Bestandteil der Vorsorge ist es, demokratische Grundpfeiler zu schützen – insbesondere unabhängige Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen. Wir brauchen also einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz, nicht nur Top-down-Reformen in Brüssel. Um Europas Widerstandsfähigkeit gegen physische oder cyberbezogene Sabotage zu stärken, braucht es außerdem regelmäßige Übungen, szenariobasierte Trainings und flexiblere Institutionen. Nur dann wird die EU rechtzeitig handeln und den nächsten hybriden Angriff verhindern können.
Henrik Enderlein Fellowship
Das Henrik Enderlein Fellowship wird jedes Jahr an Personen vergeben, die sich für eine starke Europäische Union einsetzen. Es vergibt Forschungsaufenthalte an der Hertie School an Wissenschaftler*innen, Akademiker*innen und Politiker*innen. Das Fellowship bietet den Stipendiat*innen Raum für Vernetzung und ermöglicht es ihnen, dringende Fragen der europäischen und nationalen Agenda anzugehen. Das Henrik Enderlein Fellowship erinnert an den verstorbenen Präsidenten der Hertie School und Gründer des Jacques Delors Centre, Henrik Enderlein. Gefördert wird es von der Stiftung Mercator.
www.hertie-school.org/henrik-enderlein-fellowship