Wie eine Partnerschaft trotz Krise gelingt: 10 Jahre Istanbul-Büro der Stiftung Mercator
Das deutsch-türkische Verhältnis ist eng – und kompliziert. Beide Länder verbinden Millionen Menschen durch Familie, Arbeit, Bildung und Kultur. Zugleich sind die Gräben bei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit tief. Seit zehn Jahren arbeitet das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator daran, Partnerschaften auch in Krisenzeiten zu stärken. Wie das gelingt? AufRuhr hat bei Asena Günal von der türkischen Kulturorganisation Anadolu Kültür und Senem Aydın-Düzgit vom Istanbul Policy Center (IPC) nachgefragt.
Frau Günal, Frau Aydın-Düzgit, seit zehn Jahren ist das Büro der Stiftung Mercator in Istanbul aktiv. Was hat sich seit dessen Gründung am stärksten verändert?
Asena Günal: Als der Standort 2016 eröffnet wurde, gab es noch einen gemeinsamen Referenzrahmen: Die Türkei wollte der EU beitreten, entsprechende institutionelle Reformen umsetzen und sich gesellschaftlich öffnen. Mittlerweile ist dieser Rahmen weggebrochen. Heute ist es schon schwierig, sich auf grundlegende demokratische Prinzipien zu verständigen. Zudem hat sich der israelisch-palästinensische Konflikt zu einer starken Trennlinie entwickelt. Akteur*innen aus der Türkei nehmen die Unterstützung der Bundesregierung für Israel als viel zu kritiklos wahr und empfinden bestimmte Maßnahmen im Kunst- und Kulturbereich als Zensur. Sie hinterfragen daher bestehende Kooperationen zunehmend.
Senem Aydın-Düzgit: Außerdem hat sich der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft in der Türkei stark verengt. Das beeinflusst zum Teil unsere Projekte vor Ort. Ein Wendepunkt war der gescheiterte Putschversuch 2016: Plötzlich fragten sich viele unserer Fellows, ob sie wegen der Sicherheitslage, aber auch wegen der IS-Anschläge zu dieser Zeit überhaupt noch in die Türkei reisen sollten. Trotzdem ging die Zusammenarbeit weiter und hat sich sogar intensiviert. Heute ist sie dadurch belastbarer und das Interesse an internationalen Austauschformaten größer denn je.
Senem Aydın-Düzgit ist Direktorin des Istanbul Policy Centers und Professorin für Internationale Beziehungen an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Sabancı-Universität. Zuvor war sie am IPC viele Jahre als Koordinatorin für Forschung und akademische Angelegenheiten sowie als Gastprofessorin an der Harvard Kennedy School tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der europäischen und der türkischen Außenpolitik, in Diskursanalysen sowie in der Identitätspolitik.
Welche Austauschformate sind in den letzten zehn Jahren entstanden?
Aydın-Düzgit: Unser erfolgreichstes Austauschformat sind zweifellos die Mercator-Stipendien des Istanbul Policy Centers gewesen, mit denen wir von 2012/13 bis 2025/26 insgesamt 115 Wissenschaftler*innen, politische Entscheidungsträger*innen, Journalist*innen, ehemalige Regierungsbeamt*innen und Intellektuelle in den Bereichen EU-Türkei-Beziehungen und Klimawandel unterstützt haben. Das Programm hat nicht nur einen Raum für hochwertige Forschung und politische Reflexion geschaffen, sondern auch dazu beigetragen, dauerhafte berufliche Beziehungen und eine lebendige transnationale Gemeinschaft aufzubauen.
Was sind die größten Herausforderungen für die heutige Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei?
Günal: Das größte Problem ist, dass die EU die Beziehungen zur Türkei zunehmend auf aktuelle Interessen wie das gemeinsame Migrationsabkommen reduziert. Fragen der Rechtsstaatlichkeit und der Meinungsfreiheit klammert sie dabei aus. Das mag kurzfristig pragmatisch erscheinen, doch langfristig untergräbt dieses Verhalten das gegenseitige Vertrauen.
Wie würden Sie dieses Problem lösen?
Günal: Indem Europa und die Türkei wertebasiert und verlässlich zusammenarbeiten. Bei Fragen zu Migration, Handel, Energie und Sicherheit sollte die Politik Einigungen erzielen, ohne dabei die Rechtsstaatlichkeit, die Meinungsfreiheit und die Rechenschaftspflicht auszuklammern. Zugleich ist es wichtig, den Austausch zwischen der türkischen und der deutschen Zivilgesellschaft zu stärken, etwa über NGOs, Kultur- und Kunstinstitutionen, Kommunen, Universitäten und Berufsverbände.
Aydın-Düzgit: Auch wenn sich die politischen Rahmenbedingungen verändern, haben wir als IPC unsere inhaltliche Ausrichtung beibehalten. Wir wollen auch in schwierigen Zeiten konsequent und gleichzeitig flexibel bleiben. Themen wie Demokratie, institutionelle Reformen oder Klimapolitik bleiben daher zentral für unsere Arbeit. Gleichzeitig haben wir unser Engagement für Geoökonomie, Digitalisierung, Sicherheit und Energiewende ausgebaut.
Asena Günal ist Geschäftsführerin von Anadolu Kültür. Sie studierte Internationale Beziehungen und Soziologie an der Middle East Technical University (METU) und promovierte am Boğaziçi University Atatürk Institute. Günal ist außerdem Mitgründerin von Siyah Bant, einer Forschungsplattform, die die Zensur in den Künsten in der Türkei dokumentiert.
Welche Missverständnisse über Deutschland und über die Türkei begegnen Ihnen häufig?
Günal: Viele Türk*innen nehmen die Deutschen als rassistisch wahr, die Deutschen wiederum halten die Türkei für rückständig. Die Realität ist natürlich deutlich komplexer: Deutschland hat sich intensiv mit dem Holocaust auseinandergesetzt und eine Sensibilität für Rassismus entwickelt. Ebenso gibt es in der Türkei eine urbane, junge und offene Gesellschaft.
Aydın-Düzgit: Ich erlebe immer wieder, dass die Türkei hauptsächlich mit ihrer Regierung gleichgesetzt wird, obwohl die türkische Gesellschaft deutlich komplexer und diverser ist. Umgekehrt gibt es in der Türkei weniger ein spezifisch antideutsches Bild als vielmehr eine allgemein verbreitete Skepsis gegenüber dem Westen. Diese richtet sich stärker gegen die USA als gegen Europa oder Deutschland.
Was ist Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?
Aydin-Düzgit: Unsere Vision ist es, die Partnerschaft zwischen der Stiftung Mercator und dem IPC globaler auszurichten. Gerade in einer Welt, in der Fragen von Lieferketten, Rohstoffen und strategischer Autonomie immer wichtiger werden, braucht es solche transnationalen Kooperationen. Ein physisches Büro spielt dabei eine zentrale Rolle, weil es eine dauerhafte räumliche Nähe zwischen den beiden Institutionen einerseits und lokalen Netzwerken andererseits schafft. Außerdem macht es die gemeinsame Arbeit reaktionsfähiger, erleichtert den regelmäßigen Austausch und baut gegenseitiges Vertrauen auf.
Günal: Ich bin vorsichtig optimistisch, vor allem, weil die deutsch-türkischen Beziehungen nicht nur zwischen zwei Staaten bestehen. Immerhin sind es Millionen Menschen, die die beiden Länder miteinander verbinden. Ziel für das nächste Jahrzehnt sollte es sein, dieses gesellschaftliche Netzwerk widerstandsfähiger und zukunftsorientierter zu machen. Das bedeutet, demokratische Standards konsequent zu verteidigen und gleichzeitig gemeinsame Projekte auszubauen. Es bedeutet auch, in Institutionen zu investieren, die über Wahlzyklen hinaus Bestand haben – das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator kann dabei eine zentrale Rolle einnehmen.
Das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator
Das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator ist das Bekenntnis zu einem intensiven Austausch und einer engen Kooperation zwischen Deutschland und der Türkei. Das Büro im Minerva Palas der Sabanci-Üniversitesi ist seit September 2015 registriert und ein wichtiger Bestandteil der Stiftungsarbeit im Bereich Europa in der Welt. Die Mitarbeiter*innen des Istanbul-Büros vertreten die Stiftung Mercator vor Ort, pflegen den Kontakt zu lokalen Partner*innen und betreuen laufende Projekte in der Türkei.
www.stiftung-mercator.de/wo-wir-arbeiten/istanbul/