Wie eine Partnerschaft trotz Krise gelingt: 10 Jahre Istanbul-Büro der Stiftung Mercator

Wie geht es weiter mit den deutsch-türkischen Beziehungen? Asena Günal und Senem Aydın-Düzgit blicken in die Zukunft.
Wie eine Partnerschaft trotz Krise gelingt: 10 Jahre Istanbul-Büro der Stiftung Mercator
Autorin: Simone Kamhuber Illustrationen: Alina Ide 14.04.2026

Das deutsch-türkische Verhältnis ist eng – und kompliziert. Beide Länder verbinden Millionen Menschen durch Familie, Arbeit, Bildung und Kultur. Zugleich sind die Gräben bei Demokratie und Rechts­staatlichkeit tief. Seit zehn Jahren arbeitet das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator daran, Partnerschaften auch in Krisen­zeiten zu stärken. Wie das gelingt? AufRuhr hat bei Asena Günal von der türkischen Kulturorganisation Anadolu Kültür und Senem Aydın-Düzgit vom Istanbul Policy Center (IPC) nach­gefragt.

Frau Günal, Frau Aydın-Düzgit, seit zehn Jahren ist das Büro der Stiftung Mercator in Istanbul aktiv. Was hat sich seit dessen Gründung am stärksten verändert?

Asena Günal: Als der Standort 2016 eröffnet wurde, gab es noch einen gemeinsamen Referenz­rahmen: Die Türkei wollte der EU beitreten, entsprechende institutionelle Reformen umsetzen und sich gesellschaftlich öffnen. Mittlerweile ist dieser Rahmen weg­gebrochen. Heute ist es schon schwierig, sich auf grund­legende demokratische Prinzipien zu verständigen. Zudem hat sich der israelisch-palästinensische Konflikt zu einer starken Trenn­linie entwickelt. Akteur*innen aus der Türkei nehmen die Unter­stützung der Bundes­regierung für Israel als viel zu kritik­los wahr und empfinden bestimmte Maßnahmen im Kunst- und Kultur­bereich als Zensur. Sie hinter­fragen daher bestehende Kooperationen zunehmend.

Senem Aydın-Düzgit: Außerdem hat sich der Handlungs­spiel­raum der Zivil­gesellschaft in der Türkei stark verengt. Das beeinflusst zum Teil unsere Projekte vor Ort. Ein Wendepunkt war der gescheiterte Putschversuch 2016: Plötzlich fragten sich viele unserer Fellows, ob sie wegen der Sicherheits­lage, aber auch wegen der IS-Anschläge zu dieser Zeit überhaupt noch in die Türkei reisen sollten. Trotzdem ging die Zusammen­arbeit weiter und hat sich sogar intensiviert. Heute ist sie dadurch belastbarer und das Interesse an inter­nationalen Austausch­formaten größer denn je.

© Alina Ide

Senem Aydın-Düzgit ist Direktorin des Istanbul Policy Centers und Professorin für Inter­nationale Beziehungen an der Fakultät für Geistes- und Sozial­wissenschaften der Sabancı-Universität. Zuvor war sie am IPC viele Jahre als Koordinatorin für Forschung und akademische Angelegen­heiten sowie als Gast­professorin an der Harvard Kennedy School tätig. Ihre Forschungs­schwer­punkte liegen in der europäischen und der türkischen Außen­politik, in Diskurs­analysen sowie in der Identitäts­politik.

Welche Austauschformate sind in den letzten zehn Jahren entstanden?

Aydın-Düzgit: Unser erfolg­reichstes Austausch­format sind zweifellos die Mercator-Stipendien des Istanbul Policy Centers gewesen, mit denen wir von 2012/13 bis 2025/26 insgesamt 115 Wissen­schaftler*innen, politische Entscheidungs­träger*innen, Journalist*innen, ehemalige Regierungs­beamt*innen und Intellektuelle in den Bereichen EU-Türkei-Beziehungen und Klima­wandel unter­stützt haben. Das Programm hat nicht nur einen Raum für hoch­wertige Forschung und politische Reflexion geschaffen, sondern auch dazu beigetragen, dauer­hafte berufliche Beziehungen und eine lebendige transnationale Gemeinschaft aufzubauen.

Was sind die größten Heraus­forderungen für die heutige Zusammen­arbeit zwischen Deutschland und der Türkei?

Günal: Das größte Problem ist, dass die EU die Beziehungen zur Türkei zunehmend auf aktuelle Interessen wie das gemeinsame Migrations­abkommen reduziert. Fragen der Rechts­staatlichkeit und der Meinungs­freiheit klammert sie dabei aus. Das mag kurz­fristig pragmatisch erscheinen, doch lang­fristig unter­gräbt dieses Verhalten das gegen­seitige Vertrauen.

Wie würden Sie dieses Problem lösen?

Günal: Indem Europa und die Türkei werte­basiert und verlässlich zusammen­arbeiten. Bei Fragen zu Migration, Handel, Energie und Sicherheit sollte die Politik Einigungen erzielen, ohne dabei die Rechts­staatlichkeit, die Meinungs­freiheit und die Rechenschafts­pflicht aus­zu­klammern. Zugleich ist es wichtig, den Austausch zwischen der türkischen und der deutschen Zivil­gesellschaft zu stärken, etwa über NGOs, Kultur- und Kunst­institutionen, Kommunen, Universitäten und Berufs­verbände.

Aydın-Düzgit: Auch wenn sich die politischen Rahmen­bedingungen verändern, haben wir als IPC unsere inhaltliche Ausrichtung beibehalten. Wir wollen auch in schwierigen Zeiten konsequent und gleich­zeitig flexibel bleiben. Themen wie Demokratie, institutionelle Reformen oder Klima­politik bleiben daher zentral für unsere Arbeit. Gleich­zeitig haben wir unser Engagement für Geoökonomie, Digitalisierung, Sicherheit und Energie­wende ausgebaut.

© Alina Ide

Asena Günal ist Geschäftsführerin von Anadolu Kültür. Sie studierte Inter­nationale Beziehungen und Soziologie an der Middle East Technical University (METU) und promovierte am Boğaziçi University Atatürk Institute. Günal ist außerdem Mit­gründerin von Siyah Bant, einer Forschungs­plattform, die die Zensur in den Künsten in der Türkei dokumentiert.

Welche Missverständnisse über Deutschland und über die Türkei begegnen Ihnen häufig?

Günal: Viele Türk*innen nehmen die Deutschen als rassistisch wahr, die Deutschen wiederum halten die Türkei für rück­ständig. Die Realität ist natürlich deutlich komplexer: Deutschland hat sich intensiv mit dem Holocaust aus­einander­gesetzt und eine Sensibilität für Rassismus entwickelt. Ebenso gibt es in der Türkei eine urbane, junge und offene Gesellschaft.

Aydın-Düzgit: Ich erlebe immer wieder, dass die Türkei hauptsächlich mit ihrer Regierung gleichgesetzt wird, obwohl die türkische Gesellschaft deutlich komplexer und diverser ist. Umgekehrt gibt es in der Türkei weniger ein spezifisch anti­deutsches Bild als vielmehr eine allgemein verbreitete Skepsis gegen­über dem Westen. Diese richtet sich stärker gegen die USA als gegen Europa oder Deutschland.

Was ist Ihre Vision für die nächsten zehn Jahre?

Aydin-Düzgit: Unsere Vision ist es, die Partnerschaft zwischen der Stiftung Mercator und dem IPC globaler aus­zu­richten. Gerade in einer Welt, in der Fragen von Liefer­ketten, Rohstoffen und strategischer Autonomie immer wichtiger werden, braucht es solche trans­nationalen Kooperationen. Ein physisches Büro spielt dabei eine zentrale Rolle, weil es eine dauerhafte räumliche Nähe zwischen den beiden Institutionen einer­seits und lokalen Netzwerken anderer­seits schafft. Außerdem macht es die gemeinsame Arbeit reaktions­fähiger, erleichtert den regel­mäßigen Austausch und baut gegen­seitiges Vertrauen auf.

Günal: Ich bin vorsichtig optimistisch, vor allem, weil die deutsch-türkischen Beziehungen nicht nur zwischen zwei Staaten bestehen. Immerhin sind es Millionen Menschen, die die beiden Länder miteinander verbinden. Ziel für das nächste Jahr­zehnt sollte es sein, dieses gesellschaftliche Netzwerk wider­stands­fähiger und zukunfts­orientierter zu machen. Das bedeutet, demokratische Standards konsequent zu verteidigen und gleich­zeitig gemeinsame Projekte aus­zu­bauen. Es bedeutet auch, in Institutionen zu investieren, die über Wahl­zyklen hinaus Bestand haben – das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator kann dabei eine zentrale Rolle einnehmen.


Das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator

Das Istanbul-Büro der Stiftung Mercator ist das Bekenntnis zu einem intensiven Austausch und einer engen Kooperation zwischen Deutschland und der Türkei. Das Büro im Minerva Palas der Sabanci-Üniversitesi ist seit September 2015 registriert und ein wichtiger Bestand­teil der Stiftungs­arbeit im Bereich Europa in der Welt. Die Mit­arbeiter*innen des Istanbul-Büros vertreten die Stiftung Mercator vor Ort, pflegen den Kontakt zu lokalen Partner*innen und betreuen laufende Projekte in der Türkei.
www.stiftung-mercator.de/wo-wir-arbeiten/istanbul/