Was hat das Jahr 2025 den EU-Beitritts­kandidaten gebracht?

Was hat das Jahr 2025 den EU-Beitritts­kandidaten gebracht?
Autor: Jan Eijking Fotos: Annette Etges 23.12.2025

Von der Ukraine bis zu Westbalkan­staaten: Neun Länder hoffen auf einen Platz in der Europäischen Union (EU). Dabei ringt die EU mit sich selbst: Kann sie wachsen, ohne zu zerreißen? AufRuhr hat Johannes Greubel, Projekt­leiter von „Connecting Europe“ am European Policy Centre, und Marija Mirchevska, Senior Researcher am Institute for Democracy Societas Civilis Skopje, in Brüssel getroffen – und über geopolitischen Druck, Reformstau und die Zukunft der EU-Erweiterung gesprochen.

Herr Greubel, Frau Mirchevska: War 2025 ein schlechtes Jahr für Europa?

Greubel: Das Jahr war definitiv turbulent. Die EU steckt schon länger in einer „Permakrise“, doch in den vergangenen Jahren hat der Druck zugenommen. Geopolitische Spannungen mit Russland und den USA oder hybride Bedrohungen wie die Drohnen­sichtungen in Belgien, Dänemark oder Deutschland nehmen zu. Europa reagiert mittler­weile – wenn auch nicht schnell genug.

Mirchevska: Wir haben dieses Jahr gesehen, wie autoritäre Kräfte weltweit Demokratien abbauen und wie sie Druck auf multi­laterale Institutionen ausüben. Gleichzeitig haben die sicherheits- und energie­politischen Entwicklungen wie der russische Angriffs­krieg gegen die Ukraine dazu geführt, dass die EU nun Debatten führt, die lange vermieden wurden. Diese reichen von strategischer Autonomie über die Rechts­staatlichkeit ihrer Mitglieder bis hin zur EU-Erweiterung.

Eine positive Entwicklung in diesem Jahr war außerdem die Vorstellung des „Europäischen Schutzschildes für die Demokratie“ und der EU-Strategie für die Zivil­gesellschaft durch die EU-Kommission. Das Paket soll Demokratien in der Union wider­stands­fähiger machen gegen Desinformation und Einflussnahme von außen und gleich­zeitig unabhängige Medien sowie zivil­gesellschaftliche Organisationen stärken. Beide Strategien definieren auch die Zivil­gesellschaft der Kandidaten­länder als gemeinsamen politischen Raum und somit als Teil Europas.

Johannes Greubel
© Annette Etges

Johannes Greubel ist Projekt­leiter von „Connecting Europe“ am European Policy Centre (EPC), einer gemeinsamen Initiative der Stiftung Mercator und des EPC. Darüber hinaus ist er als Senior-Policy-Analyst tätig und arbeitet eng mit dem EPC-Programm „Europäische Politik und Institutionen“ in den Bereichen EU-Governance, inter­institutionelle Beziehungen und (partizipative) Demokratie zusammen.

Die Frage ist also nicht nur, ob die EU richtig entscheidet, sondern auch, ob sie mithalten kann.

Johannes Greubel, Projekt­leiter „Connecting Europe“

Die EU hat unter anderem höhere Verteidigungs­ausgaben beschlossen und strebt neue Handels­bündnisse an, etwa mit Latein­amerika im Rahmen des EU-Mercosur-Abkommens. Geht das in die richtige Richtung?

Greubel: Es ist sinnvoll, dass wir mehr Verantwortung in der Verteidigung übernehmen und geopolitische Abhängigkeiten überdenken. Der Druck, sich den geopolitischen Veränderungen anzupassen, wächst im Moment aber schneller als unsere Antworten auf die Umbrüche. Die Frage ist also nicht nur, ob wir richtig entscheiden, sondern auch, ob wir mit dem Tempo der Veränderungen mithalten können.

Mirchevska: Zudem haben die höheren Verteidigungs­ausgaben komplexe Folgen. Die Verteidigungs­etats steigen – aber auf wessen Kosten? Nicht nur die Entwicklungs­hilfe schrumpft, auch Kultur und Bildung leiden darunter, dass Militär­ausgaben im Moment priorisiert werden.

Auch die EU-Erweiterung wird als Antwort auf geopolitische Veränderungen diskutiert. Zu einem neuen Beitritt ist es jedoch nicht gekommen. Gibt es dennoch Fortschritte?

Mirchevska: Seit 2024 haben elf Regierungs­konferenzen zur EU-Erweiterung statt­gefunden. Einige der Beitritts­länder profitieren bereits von EU-Initiativen wie dem gemeinsamen Energiemarkt, die Ukraine und Moldau auch vom europa­weiten Roaming oder die West­balkan­länder vom Zugang zum Zahlungs­verkehrs­raum SEPA. Es gab aber bisher keine neuen Beitritte. Das liegt auch daran, dass die Union Bedingungen an den Beitritt stellt, die von den potenziellen Beitritts­ländern nicht erfüllt werden. Serbien etwa wird für Rück­schritte bei seiner Rechts­staatlichkeit kritisiert, und Nord­mazedonien steckt in einem bilateralen Streit mit Bulgarien fest. Georgiens Beitritt ist de facto blockiert: Seiner Regierung wird vorgeworfen, die Rechts­staatlichkeit ausgehöhlt und die Grund­rechte seiner Bürger*innen massiv eingeschränkt zu haben.

Greubel: Der Krieg in der Ukraine hat die EU-Erweiterung als geopolitische Notwendigkeit zurück auf die Agenda gebracht, nachdem der Diskurs jahrelang fest­gefahren war. Das Momentum ist also real – entscheidend ist aber, ob das EU-Parlament nun liefert.

Marija Mirchevska
© Annette Etges

Marija Mirchevska ist Senior Researcher am Institute for Democracy Societas Civilis in Skopje. Sie ist Expertin für gute Regierungs­führung (Good Governance), Korruptions­bekämpfung, Reformen der öffentlichen Verwaltung, inter­nationale Beziehungen sowie für Justiz und Sicherheit.

Bewegt sich denn das EU-Parlament? Die EU-Außen­beauftragte Kaja Kallas nannte 2030 als Ziel für neue Beitritte. Ist das zu früh oder zu spät?

Mirchevska: Meiner Meinung nach müssen wir nicht bis 2030 warten, um weitere Kandidaten beitreten zu lassen. Wenn ein Land Fortschritte macht und die Kopenhagener Kriterien erfüllt, sollte der Prozess schneller gehen. Aber oft ist die EU selbst nicht bereit für einen neuen Beitritt. Deshalb ist es sinnvoll, eine Frist zu setzen – sie kann beide Seiten antreiben.

Greubel: Wenn von 2030 die Rede ist, geht es meist um ein oder zwei Beitritte – von Montenegro und vielleicht Albanien. Von anderen Kandidaten, inklusive der Ukraine, ist da aktuell keine Rede mehr. Bisher fehlt es der EU noch an Ambition für eine breite Erweiterung.

Was sind die Kopenhagener Kriterien?

Die Kopenhagener Kriterien sind die Voraus­setzungen, die ein Land erfüllen muss, um Mitglied der EU werden zu können. Diese Beitritts­kriterien hat der Europäische Rat von Kopenhagen 1993 fest­gelegt.

Braucht das EU-Beitritts­verfahren also eine General­überholung?

Mirchevska: Es ist auf jeden Fall verbesserungs­fähig. Momentan können einzelne Staaten Beitritts­verhandlungen mit einem Veto verhindern, wie in der Vergangenheit von Bulgarien mit Blick auf Nord­mazedonien praktiziert oder wie Ungarn es gerade bei der Ukraine tut. Konkrete Reformen wie das Einführen von qualifizierten Mehrheits­entscheidungen im Rat der EU könnten dieses Problem lösen.

Das Grundproblem ist aber der fehlende politische Wille der Mitgliedsstaaten, interne Reformen umzusetzen.

Johannes Greubel, Projekt­leiter „Connecting Europe“

Greubel: Das sehe ich ähnlich – der Prozess könnte kohärenter werden. Das Grund­problem ist aber der fehlende politische Wille der Mitglieds­staaten, interne Reformen umzusetzen. Erst kürzlich wurde die Initiative der EU-Kommission zur Reform von Haushalt, Rechts­staatlichkeit und politischen Prozessen aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen Kommission und Mitglieds­staaten erneut verschoben. Dabei sollten die internen Reform­diskussionen der Union parallel zur Erweiterungs­debatte geführt werden.

Mirchevska: Die EU hat zudem lange Regierungen toleriert, die sich öffentlich für die EU aus­gesprochen und dann aber demokratische Institutionen abgebaut haben, etwa Gruevski in Nord­mazedonien oder Vučić in Serbien. Solche Tendenzen müssen früher erkannt und geahndet werden.

Was kommt 2026 auf uns zu?

Mirchevska: Erstens wird sich heraus­stellen, ob die EU und ihre Beitritts­kandidaten Rück­schritte in Sachen Rechts­staatlichkeit wirklich aufholen, statt sie zu normalisieren. Zweitens stärken die geopolitischen Spannungen mit den USA, China und Russland momentan die Debatte um eine zügige EU-Erweiterung. Ich bin allerdings besorgt, dass die Spannungen auch rechte Narrative anheizen könnten, welche die EU-Erweiterung als Sicherheits­bedrohung inszenieren.

Greubel: Zwei wichtige Fragen stellen sich für 2026: ob und wie weit Montenegro im Beitritts­verfahren vorankommt. Und ob die EU endlich interne Reformen angeht, um sich vergrößern zu können. Solange diese aus­bleiben, bleibt die EU-Erweiterung bloße Rhetorik.


Connecting Europe

„Connecting Europe“ ist ein Förder­projekt der Stiftung Mercator und dient für Projekt­partner*innen und Stiftungs­mitarbeitende als zentrale Anlauf­stelle in Brüssel. Es ist am European Policy Centre (EPC) angesiedelt. Zivil­gesellschaftliche Akteur*innen können auf die EU-Expertise des European Policy Centre zurück­greifen, haben Zugang zu Netz­werken und Kontakten in Brüssel und erhalten individuelle Unter­stützungs­angebote zur Navigation und Themen­anwaltschaft im europa­politischen Kosmos.
www.epc.eu/Connecting-Europe