Zwischen den Supermächten: Europas Rolle in einer neuen Welt
„Die alte Weltordnung kommt nicht zurück“, erklärte Kanadas Premierminister Mark Carney im Januar beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Denn US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin stellen die Spielregeln der internationalen Gemeinschaft offen infrage – jene Nachkriegsordnung, die auf Souveränität, territorialer Integrität und multilateralen Institutionen fußt. Was heißt das für Mittelmächte wie die EU oder Indien, die zwischen den Supermächten ihren Platz behaupten müssen? Und wie können sie verhindern, dass das Völkerrecht weiter an Bedeutung verliert? AufRuhr im Gespräch mit Kira Huju, Asienkorrespondentin des „Economist“, und Maksim Samorukov, Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center.
AufRuhr: Frau Huju, Herr Samorukov, die EU muss sich an eine neue Weltordnung anpassen. Wird sie dadurch eigenständiger?
Kira Huju: Mein Eindruck ist, dass die EU aktuell keine andere Wahl hat, als in die eigene strategische Autonomie zu investieren. Sie kann sich nicht mehr auf US-amerikanische Unterstützung verlassen, wie früher einmal. Sich von den Vereinigten Staaten unabhängig zu machen, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, alles im Alleingang zu tun. Es könnte auch bedeuten, stärker auf alternative Verteidigungs- oder Wirtschaftspartnerschaften zu setzen.
Maksim Samorukov: Die EU ist in der Lage, sich als führende Mittelmacht zu behaupten. Wir sollten allerdings nicht unterschätzen, wie schnell der Respekt vor dem Völkerrecht schwinden kann: Wenn Russland, China und die USA diese Regeln ignorieren, fragen sich andere Staaten zunehmend, warum sie sich noch daran halten sollten. Das ist ein gefährlicher Dominoeffekt. Vor allem für die EU, deren außenpolitische Glaubwürdigkeit darauf beruht, dass das Völkerrecht für alle gilt.
Kira Huju ist Asienkorrespondentin bei „The Economist“. Davor war sie Dozentin für Internationale Beziehungen an der Oxford University und Fellow für Internationale Beziehungen an der London School of Economics and Political Science. Ihr erstes Buch „Cosmopolitan Elites: Indian Diplomats and the Social Hierarchies of Global Order“ wurde 2025 von der International Studies Association mit dem Best Book Award für diplomatische Studien ausgezeichnet.
Was ist eine Mittelmacht?
Eine Mittelmacht ist ein Staat, der international weniger Einfluss als eine Supermacht hat, aber dennoch politisch, wirtschaftlich oder diplomatisch wichtig ist. Mittelmächte versuchen häufig, eigenständig zu handeln, statt sich vollständig einer Seite anzuschließen. So können sie zwischen Ost und West vermitteln, Konflikte entschärfen und ihre eigenen Interessen wahren. Im Kalten Krieg verfolgten etwa Indien und Jugoslawien diesen Kurs, indem sie sich weder dem West- noch dem Ostblock vollständig zuordneten. Auch Deutschland hat heute teils eine solche Rolle inne, etwa zwischen den Vereinigten Staaten und China.
Wie wurde Carneys Rede in Davos im Globalen Süden aufgenommen?
Huju: Carneys Worte kommen vielen Menschen im Globalen Süden sehr bekannt vor. Denn seine Vision der Blockfreiheit ist nicht neu: Es ist die Idee, keinem Machtblock im Osten oder Westen anzugehören und stattdessen eine eigenständige Haltung in der Weltpolitik einzunehmen. Indien hat die Blockfreiheit historisch gesehen wesentlich mitgeprägt. Dass ausgerechnet ein weißer westlicher Premierminister diesen Ansatz nun mit großem Echo in Szene setzt, haben viele als Vereinnahmung dieses indischen Erbes empfunden. Dennoch hat sich Indien dazu entschlossen, sich nicht offen gegen Herrn Trump auszusprechen, wie es Kanada getan hat. Unter den Mittelmächten gibt es also keinen Konsens darüber, wie mit einem unberechenbaren Weißen Haus umzugehen ist.
Samorukov: Russland, die Türkei und Indien sind Länder, die sich schon lange mit einer multipolaren Welt arrangiert haben, weil sie früher nicht wie Europa von einer unipolaren Ordnung profitieren konnten. Europa hat diesen Wandel erst sehr spät bemerkt oder sich eingestanden.
Wie verhält sich Russland zu dieser Verschiebung der Weltordnung?
Samorukov: Russland sieht ein geeintes Europa als seinen größten internationalen Gegner. Der Krieg gegen die Ukraine ist aus russischer Sicht ein Mittel, um die eigene Machtposition beizubehalten. Der Begriff „Mittelmacht“ taucht im russischen Diskurs übrigens nicht auf: Russland unterscheidet zwischen Großmächten und dem Rest. Und eine Großmacht ist, wer sich durch Autonomie, Militär und Atomwaffen dafür qualifiziert.
Welche Rolle spielt Indien für Russlands internationale Stellung?
Huju: Seit dem Kalten Krieg sieht Indien Russland als Freund für alle Wetterlagen. Im Gegensatz zur EU verurteilt Russland Indien nicht wegen Menschenrechtsverletzungen, dem Kaschmir-Konflikt an der Grenze zu Pakistan oder dem Demokratieabbau. Russland ist ein wichtiger Partner für Indien, wenn es um Energie und Verteidigung geht: Es deckt rund 35 Prozent von Indiens Rüstungsimporten ab, nach 2022 sind russische Ölimporte nach Indien für wenige Jahre von 2 auf 40 Prozent gestiegen. Das ist einer der Gründe, weshalb es sich für Europa und Indien weiterhin als schwierig erweist, gemeinsam über die Causa Russland zu sprechen.
Maksim Samorukov ist Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Beziehungen Russlands zu den Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas. Bevor er 2015 ans Carnegie Russia Eurasia Center kam, arbeitete Samorukov als Auslandskorrespondent und Kolumnist bei unabhängigen russischen Medien wie Slon.ru und berichtete unter anderem über die russische Außenpolitik und ihre Beziehungen zu Mittel- und Osteuropa sowie zum Balkan.
Wie sollte die EU auf Indien zugehen?
Huju: Europa sollte aufhören, Indien zu bitten, die alte liberale Ordnung gemeinsam zu bewahren und zu schützen. Warum sollte Indien eine Ordnung bewahren wollen, die ohne Indien geschaffen wurde? Auch die Begrifflichkeiten müssen sich fundamental ändern: weg davon, andere Mittelmächte als „späte Rekruten“ ins Boot zu holen, hin zum Ansatz, gemeinsam etwas Neues zu gestalten. Das Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU ist ein erster Schritt in diese Richtung. Von der Leyen hat hierfür auch bürokratische Hürden aus dem Weg geräumt. Beim Indien-EU-Gipfel Ende Januar kam außerdem eine neue Verteidigungs- und Sicherheitspartnerschaft zur Sprache. Die Absicht, die Beziehungen weiter auszubauen, ist also da.
Was braucht es, damit Mittelmächte in Zukunft enger zusammenarbeiten?
Huju: Was Mittelmächte verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Status als Mittelmacht als eine gemeinsame Lage: zwischen den Supermächten USA und China eingequetscht zu sein. Ein Indien-EU-Bündnis könnte deshalb funktionieren, weil sich beide Länder durch die USA im Stich gelassen und von China bedroht fühlen. Was wir brauchen, sind ernsthafte Gespräche über alternative diplomatische Ansätze in einer Welt, in der Trump auf die ungehinderte Vorherrschaft der USA besteht, aber im Gegenzug wenig bietet. Konkret heißt das: Indien und die EU sollten gemeinsam kritische Seewege im Indopazifik sichern, den Wirtschaftskorridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa ausbauen sowie Lieferketten unabhängiger machen. Das im Januar vereinbarte Freihandelsabkommen ist dabei ein wichtiger Hebel, um das Wirtschaftswachstum auf beiden Seiten anzukurbeln. Und wenn Indien und die EU ihre Versprechen zur gemeinsamen Entwicklung von Verteidigungsgütern einlösen, stärkt das auch die Sicherheit beider.
Samorukov: Ob Mittelmächte zusammenarbeiten, hängt stark davon ab, ob sie sich überhaupt als Mittelmacht verstehen. Wichtig ist es deshalb, das strukturelle Eigeninteresse in den Vordergrund zu stellen: Länder, die sich gegen ihre Nachbarn nicht allein verteidigen können, brauchen beidseitig geltende Regeln. Eine regelbasierte Weltordnung schützt genau sie, die Mittelmächte, und zwar unabhängig davon, wie sie sich selbst einordnen. Wer Regeln nur dann respektiert, wenn sie ihm nützen, untergräbt sie für alle. Das müssen auch die Mittelmächte verstehen – und gemeinsam einfordern.
Dahrendorf Programme
Das Dahrendorf Programme am European Studies Centre des St. Antony’s College der University of Oxford untersucht unterschiedliche Perspektiven auf Europa und die EU. In der aktuellen Phase stehen die gegenseitigen Wahrnehmungen und die Beziehungen Europas zu internationalen Schlüsselländern im Fokus, darunter China, Indien, die Türkei, Russland und die USA. Durch Forschung, Workshops und Konferenzen schafft das Projekt einen Austauschraum für angehende und etablierte Wissenschaftler*innen. Es liefert politikrelevante Impulse für eine neue europäische Strategie in einem sich wandelnden globalen Umfeld. Die jährliche Ralf Dahrendorf Memorial Lecture wird von führenden Denker*innen zu einem ausgesuchten Thema gehalten, das mit Ralf Dahrendorfs Schaffen in Verbindung steht.