Zwischen den Super­mächten: Europas Rolle in einer neuen Welt

Wie kann sich die EU in der neuen Weltordnung behaupten?
Zwischen den Super­mächten: Europas Rolle in einer neuen Welt
Autor: Jan Eijking 21.04.2026

„Die alte Weltordnung kommt nicht zurück“, erklärte Kanadas Premier­minister Mark Carney im Januar beim Welt­wirtschafts­forum in Davos. Denn US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin stellen die Spiel­regeln der inter­nationalen Gemeinschaft offen infrage – jene Nach­kriegs­ordnung, die auf Souveränität, territorialer Integrität und multi­lateralen Institutionen fußt. Was heißt das für Mittel­mächte wie die EU oder Indien, die zwischen den Super­mächten ihren Platz behaupten müssen? Und wie können sie verhindern, dass das Völker­recht weiter an Bedeutung verliert? AufRuhr im Gespräch mit Kira Huju, Asien­korrespondentin des „Economist“, und Maksim Samorukov, Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center.

AufRuhr: Frau Huju, Herr Samorukov, die EU muss sich an eine neue Welt­ordnung anpassen. Wird sie dadurch eigen­ständiger?

Kira Huju: Mein Eindruck ist, dass die EU aktuell keine andere Wahl hat, als in die eigene strategische Autonomie zu investieren. Sie kann sich nicht mehr auf US-amerikanische Unter­stützung verlassen, wie früher einmal. Sich von den Vereinigten Staaten unabhängig zu machen, bedeutet jedoch nicht zwangs­läufig, alles im Allein­gang zu tun. Es könnte auch bedeuten, stärker auf alter­native Verteidigungs- oder Wirtschafts­partnerschaften zu setzen.

Maksim Samorukov: Die EU ist in der Lage, sich als führende Mittel­macht zu behaupten. Wir sollten aller­dings nicht unter­schätzen, wie schnell der Respekt vor dem Völker­recht schwinden kann: Wenn Russland, China und die USA diese Regeln ignorieren, fragen sich andere Staaten zunehmend, warum sie sich noch daran halten sollten. Das ist ein gefährlicher Domino­effekt. Vor allem für die EU, deren außen­politische Glaub­würdigkeit darauf beruht, dass das Völker­recht für alle gilt.

Kira Huju
© privat

Kira Huju ist Asien­korrespondentin bei „The Economist“. Davor war sie Dozentin für Inter­nationale Beziehungen an der Oxford University und Fellow für Inter­nationale Beziehungen an der London School of Economics and Political Science. Ihr erstes Buch „Cosmopolitan Elites: Indian Diplomats and the Social Hierarchies of Global Order“ wurde 2025 von der Inter­national Studies Association mit dem Best Book Award für diplomatische Studien aus­gezeichnet.

Was ist eine Mittelmacht?

Eine Mittelmacht ist ein Staat, der inter­national weniger Einfluss als eine Super­macht hat, aber dennoch politisch, wirtschaftlich oder diplomatisch wichtig ist. Mittel­mächte versuchen häufig, eigen­ständig zu handeln, statt sich voll­ständig einer Seite anzuschließen. So können sie zwischen Ost und West vermitteln, Konflikte entschärfen und ihre eigenen Interessen wahren. Im Kalten Krieg verfolgten etwa Indien und Jugoslawien diesen Kurs, indem sie sich weder dem West- noch dem Ostblock vollständig zuordneten. Auch Deutschland hat heute teils eine solche Rolle inne, etwa zwischen den Vereinigten Staaten und China.

Wie wurde Carneys Rede in Davos im Globalen Süden aufgenommen?

Huju: Carneys Worte kommen vielen Menschen im Globalen Süden sehr bekannt vor. Denn seine Vision der Block­freiheit ist nicht neu: Es ist die Idee, keinem Macht­block im Osten oder Westen anzugehören und statt­dessen eine eigen­ständige Haltung in der Welt­politik einzunehmen. Indien hat die Blockfreiheit historisch gesehen wesentlich mit­geprägt. Dass ausgerechnet ein weißer westlicher Premier­minister diesen Ansatz nun mit großem Echo in Szene setzt, haben viele als Verein­nahmung dieses indischen Erbes empfunden. Dennoch hat sich Indien dazu entschlossen, sich nicht offen gegen Herrn Trump auszusprechen, wie es Kanada getan hat. Unter den Mittel­mächten gibt es also keinen Konsens darüber, wie mit einem unberechen­baren Weißen Haus umzugehen ist.

Samorukov: Russland, die Türkei und Indien sind Länder, die sich schon lange mit einer multi­polaren Welt arrangiert haben, weil sie früher nicht wie Europa von einer unipolaren Ordnung profitieren konnten. Europa hat diesen Wandel erst sehr spät bemerkt oder sich eingestanden.

Wie verhält sich Russland zu dieser Verschiebung der Weltordnung?

Samorukov: Russland sieht ein geeintes Europa als seinen größten inter­nationalen Gegner. Der Krieg gegen die Ukraine ist aus russischer Sicht ein Mittel, um die eigene Macht­position bei­zu­behalten. Der Begriff „Mittel­macht“ taucht im russischen Diskurs übrigens nicht auf: Russland unter­scheidet zwischen Groß­mächten und dem Rest. Und eine Groß­macht ist, wer sich durch Autonomie, Militär und Atomwaffen dafür qualifiziert.

Welche Rolle spielt Indien für Russlands inter­nationale Stellung?

Huju: Seit dem Kalten Krieg sieht Indien Russland als Freund für alle Wetter­lagen. Im Gegensatz zur EU verurteilt Russland Indien nicht wegen Menschen­rechts­verletzungen, dem Kaschmir-Konflikt an der Grenze zu Pakistan oder dem Demokratie­abbau. Russland ist ein wichtiger Partner für Indien, wenn es um Energie und Verteidigung geht: Es deckt rund 35 Prozent von Indiens Rüstungs­importen ab, nach 2022 sind russische Ölimporte nach Indien für wenige Jahre von 2 auf 40 Prozent gestiegen. Das ist einer der Gründe, weshalb es sich für Europa und Indien weiterhin als schwierig erweist, gemeinsam über die Causa Russland zu sprechen.

Maksim Samorukov
© Paul Morigi

Maksim Samorukov ist Fellow am Carnegie Russia Eurasia Center. Sein Forschungs­schwer­punkt liegt auf den Beziehungen Russlands zu den Staaten Mittel-, Ost- und Süd­ost­europas. Bevor er 2015 ans Carnegie Russia Eurasia Center kam, arbeitete Samorukov als Auslands­korrespondent und Kolumnist bei unabhängigen russischen Medien wie Slon.ru und berichtete unter anderem über die russische Außen­politik und ihre Beziehungen zu Mittel- und Ost­europa sowie zum Balkan.

Wie sollte die EU auf Indien zugehen?

Huju: Europa sollte aufhören, Indien zu bitten, die alte liberale Ordnung gemeinsam zu bewahren und zu schützen. Warum sollte Indien eine Ordnung bewahren wollen, die ohne Indien geschaffen wurde? Auch die Begrifflichkeiten müssen sich fundamental ändern: weg davon, andere Mittel­mächte als „späte Rekruten“ ins Boot zu holen, hin zum Ansatz, gemeinsam etwas Neues zu gestalten. Das Freihandels­abkommen zwischen Indien und der EU ist ein erster Schritt in diese Richtung. Von der Leyen hat hierfür auch bürokratische Hürden aus dem Weg geräumt. Beim Indien-EU-Gipfel Ende Januar kam außerdem eine neue Verteidigungs- und Sicher­heits­partnerschaft zur Sprache. Die Absicht, die Beziehungen weiter aus­zu­bauen, ist also da.

António Costa, Präsident des Europäischen Rates, Narendra Modi, Premierminister Indiens, und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Neu-Delhi im Januar 2026.
António Costa, Präsident des Europäischen Rates, Narendra Modi, Premierminister Indiens, und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Neu-Delhi im Januar 2026. © picture alliance

Was braucht es, damit Mittel­mächte in Zukunft enger zusammen­arbeiten?

Huju: Was Mittelmächte verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Status als Mittel­macht als eine gemeinsame Lage: zwischen den Super­mächten USA und China ein­gequetscht zu sein. Ein Indien-EU-Bündnis könnte deshalb funktionieren, weil sich beide Länder durch die USA im Stich gelassen und von China bedroht fühlen. Was wir brauchen, sind ernst­hafte Gespräche über alternative diplomatische Ansätze in einer Welt, in der Trump auf die ungehinderte Vorherrschaft der USA besteht, aber im Gegen­zug wenig bietet. Konkret heißt das: Indien und die EU sollten gemeinsam kritische Seewege im Indopazifik sichern, den Wirtschafts­korridor zwischen Indien, dem Nahen Osten und Europa ausbauen sowie Liefer­ketten unabhängiger machen. Das im Januar vereinbarte Frei­handels­abkommen ist dabei ein wichtiger Hebel, um das Wirtschafts­wachstum auf beiden Seiten anzukurbeln. Und wenn Indien und die EU ihre Versprechen zur gemeinsamen Entwicklung von Verteidigungs­gütern einlösen, stärkt das auch die Sicherheit beider.

Samorukov: Ob Mittel­mächte zusammen­arbeiten, hängt stark davon ab, ob sie sich überhaupt als Mittel­macht verstehen. Wichtig ist es deshalb, das strukturelle Eigen­interesse in den Vorder­grund zu stellen: Länder, die sich gegen ihre Nachbarn nicht allein verteidigen können, brauchen beid­seitig geltende Regeln. Eine regelbasierte Weltordnung schützt genau sie, die Mittel­mächte, und zwar unabhängig davon, wie sie sich selbst einordnen. Wer Regeln nur dann respektiert, wenn sie ihm nützen, untergräbt sie für alle. Das müssen auch die Mittel­mächte verstehen – und gemeinsam einfordern.


Dahrendorf Programme

Das Dahrendorf Programme am European Studies Centre des St. Antony’s College der University of Oxford unter­sucht unter­schiedliche Perspektiven auf Europa und die EU. In der aktuellen Phase stehen die gegen­seitigen Wahr­nehmungen und die Beziehungen Europas zu inter­nationalen Schlüssel­ländern im Fokus, darunter China, Indien, die Türkei, Russland und die USA. Durch Forschung, Workshops und Konferenzen schafft das Projekt einen Austausch­raum für angehende und etablierte Wissenschaftler*innen. Es liefert politik­relevante Impulse für eine neue europäische Strategie in einem sich wandelnden globalen Umfeld. Die jährliche Ralf Dahrendorf Memorial Lecture wird von führenden Denker*innen zu einem aus­gesuchten Thema gehalten, das mit Ralf Dahrendorfs Schaffen in Verbindung steht.

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