25 Jahre nefia: Wie bleibt ein Netzwerk in Krisen­zeiten stark?

25 Jahre nefia: Wie bleibt ein Netzwerk in Krisen­zeiten stark?
Autor: Felix Jung 04.09.2025

Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass nefia, das Alumni­­netz­­werk des früheren Stiftungs­kollegs und des Mercator Kollegs für inter­nationale Aufgaben, gegründet wurde. Heute gehören rund 500 Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz zu ihm, die in aller Welt aktiv sind. Wie sich das Netzwerk verändert hat und wie die eine inter­nationale Community auch in schwierigen Zeiten zusammen­hält, erklären Mona Hein, Igor Mitchnik und Gabriel Pelloquin aus dem nefia-Vorstand.

nefia wird 25 Jahre alt. Erinnern Sie sich an die Stimmung, als Sie in das Netzwerk ein­gestiegen sind?

Mona Hein: Ich bin 2020 zwischen verschiedenen Lockdowns beim Mercator Kolleg gestartet und bei nefia Mitglied geworden. Damals stand die Frage im Raum: Wie soll die internationale Zusammen­arbeit während der Pandemie funktionieren? Diese Unsicherheit war auch bei nefia spürbar. Trotzdem wurde ich sofort herzlich aufgenommen, ins Mentoring und in virtuelle Formate eingebunden. Das hat enorm dabei geholfen, mich gut einzufinden.

Gabriel Pelloquin: Ich erinnere mich noch gut an mein erstes nefia-Kolloquium im September 2019, wie beeindruckt ich von der dortigen Energie war und mit welchem Engagement debattiert wurde. Ich glaube, dass sich niemand damals vorstellen konnte, wie sehr Institutionen und Gepflogenheiten der inter­nationalen Zusammen­arbeit nur wenige Jahre später unter Druck geraten würden. Weltweit werden demokratische Standards abgebaut, und die Zahl der Autokratien nimmt zu. Viele Staaten kürzen ihre Beiträge an internationale Organisationen, stellen deren Legitimität infrage und schränken ihre Handlungs­fähigkeit ein.

Igor Mitchnik: 2018, mit Beginn meines Jahres als Kollegiat des Mercator Kollegs für inter­nationale Aufgaben, nahm ich nefia e.V. zunächst vor allem als Netzwerk wahr, von dem ich durch die geballte Kraft und Vielfalt seiner Mitglieder sowie durch das Mentoring­angebot viel lernen konnte. Deutlicher im Gedächtnis geblieben ist mir jedoch, wie ich 2024 in den nefia-Vorstand kam. Ich war damals ziemlich aufgeregt, vor allem, weil ich kurz zuvor nach einigen Jahren im Ausland erst nach Deutschland zurück­gekehrt war. Nach meiner Zeit im Ausland wusste ich, dass ich im Nefia-Netzwerk Gleich­gesinnte finden würde, mit denen ich Interessen und Erfahrungen teile und die ähnlichen Heraus­forderungen kennen. So war es dann auch: Das Netzwerk hat mir die Rückkehr nach Deutschland erleichtert, ohne dass ich dabei den Anschluss an den internationalen Spirit verloren hätte.

Mona Hein
© privat

Mona Hein ist Beraterin bei der Gesellschaft für Inter­nationale Zusammen­arbeit (GIZ). Sie bringt mehr­jährige Erfahrung in Mediation und Konflikt­transformation bei Nicht­regierungs­organisationen und inter­nationalen Organisationen mit. Sie hat sich auf religiöse und kulturelle Faktoren in der Dialog­arbeit und in Friedens­prozessen spezialisiert. Sie möchte Menschen zusammen­bringen, um gemeinsam Gesellschaft zu gestalten. Das ist auch ihr Wunsch für ihre Rolle im nefia-Vorstand.

Was ist die größte Herausforderung für ein inter­nationales Netzwerk? Und welche sind neu?

Mona Hein: Die größte Heraus­forderung ist und bleibt, für rund die 500 Mitglieder über Sektoren, Länder­grenzen und Zeitzonen hinweg Kontakt­möglichkeiten und Verbundenheit zu schaffen. Neu hin­zu­gekommen ist, dass sich die inter­nationale Zusammen­arbeit immer häufiger im Krisen­modus befindet – und gerade dann braucht unser Netzwerk Flexibilität, Solidarität und Räume für Austausch.

Gabriel Pelloquin: nefia ist ja ein Netzwerk für inter­nationale Aufgaben. Innerhalb dieses Bereiches gibt es keinen bestimmten Themen­fokus. Das bedeutet, dass alle möglichen Themen­bereiche im Netzwerk vertreten sind. Das ist eine große Stärke, aber auch eine Heraus­forderung, wenn es darum geht, Schwer­punkte zu setzen und dabei alle Mitglieder gleicher­maßen anzu­sprechen.

Igor Mitchnik: Neu sind vor allem die Heraus­forderungen, die den gesamten Sektor der Entwicklungs­zusammen­arbeit, der humanitären Hilfe und der zivil­gesellschaftlichen Unter­stützung betreffen. Wir befinden uns in politisch sehr fordernden Zeiten, in denen das Fundament unserer Arbeit – Menschen weltweit zu unter­stützen – zunehmend infrage gestellt und finanziell gekürzt wird.

Gabriel Pelloquin
© Caroline Minjolle

Gabriel Pelloquin arbeitet in der partizipativen Prozess­gestaltung, der Mediation und der sozialen Innovation. Der Schwer­punkt seiner Arbeit liegt darin, Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Lebens­realitäten miteinander ins Gespräch zu bringen, um sie aktiv in politische Prozesse und Entscheidungs­findungen einzubinden und Transformationen demokratisch zu gestalten.

Welche Bedürfnisse äußern die Netz­werk­mitglieder?

Mona Hein: Viele Mitglieder suchen nach Interaktion und Begegnung, beruflicher Orientierung und gegen­seitiger Unter­stützung, vor allem in Zeiten, in denen sich das Feld der inter­nationalen Zusammen­arbeit drastisch verändert. Natürlich geht es auch um gesellschaftlichen Impact, um Fragen zu konkreten Berufs­perspektiven und darum, wie wir unser Netz­werk lang­fristig trag­fähig machen.

Gabriel Pelloquin: Mitglieder zu verbinden und in den Austausch zu bringen, steht bei nefia weiterhin – oder heute erst recht – im Vordergrund. Dabei geht es um einen guten Mix aus digitalen und analogen Formaten: Online-Meetings erlauben es weit entfernt wohnenden Mitgliedern, teil­zu­nehmen. Auch, wenn nefia in Berlin sitzt, ist der aktuelle nefia-Vorstand über den Globus verteilt. Die Möglichkeit, sich online zu treffen, kann die Qualität von Präsenztreffen jedoch nicht ersetzen.

Igor Mitchnik: Im Vordergrund steht der Wunsch nach Begegnung und Erfahrungs­austausch. Teil­weise geht es auch um kollegiale Beratung in Krisen­zeiten sowie um den Austausch zu Job­perspektiven und -erfahrungen in der inter­nationalen Zusammen­arbeit. In den Gesprächen wird deutlich, dass die aktuellen Finanzierungs­kürzungen welt­weit für spürbare Unsicherheit sorgen und die Planungs­sicherheit in der inter­nationalen Zusammen­arbeit erheblich erschweren.

Igor Mitchnik
© Lisa Vlasenko

Igor Mitchnik ist erster Geschäfts­führer des Vereins Austausch, einer zivil­gesellschaftlichen Organisation mit dem Schwer­punkt auf inter­nationaler Zusammen­arbeit und Demokratie­förderung in Ost- und Mittel­europa, dem Süd­kaukasus sowie in Zentral- und Nordasien. In den vergangenen Jahren lag sein Arbeits­schwer­punkt auf der Ukraine, unter anderem in Zusammen­arbeit mit den humanitären Organisationen Community Organized Relief Effort (CORE) und Mercy Corps.

Welche Formate sind für die internationale Netz­werk­arbeit geeignet?

Mona Hein: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass virtuelle Themen­treffen in der Mittags­pause und informelle Aus­tausch­formate besonders gut angenommen werden. Wichtig ist auch, den Spaß nicht zu vergessen. Ich erinnere mich gerne an die gemeinsamen Koch­abende, die sogenannten „Schnippel­diskos“, die erkenntnis­reich und lustig zugleich waren.

Gabriel Pelloquin: Es lohnt sich, eine Vernetzung über die Jahr­gänge hinweg zu ermöglichen, beispiels­weise durch das jährliche Mentoring­programm, bei dem ältere Jahrgänge den aktuellen Kollegiat*innen zur Seite stehen.

Igor Mitchnik: Aus meiner Erfahrung sind Präsentationen zu unterschiedlichen Themen – etwa zur kommunalen Konflikt­bearbeitung oder zur Rolle der Zivil­gesellschaft in Kriegs- und Krisen­kontexten – für unsere Mitglieder besonders relevant. Auch unser jährliches Kolloquium, bei dem nefia-Mitglieder und externe Expert*innen der inter­nationalen Zusammen­arbeit aktuelle Heraus­forderungen diskutieren können, ist beliebt. In diesem Jahr widmet sich das Kolloquium der Frage nach der Zukunft der humanitären und Entwicklungs­zusammen­arbeit.

Wie blicken Sie in die Zukunft? Wie wird sich nefia künftig aufstellen?

Mona Hein: nefia möchte thematische Communitys entwickeln und sich verstärkt der Frage widmen, mit welchen weiteren Partner*innen es zusammen­arbeiten kann. Eine Idee wäre, das Mentoring­programm aus­zu­weiten und die Expertise im Netzwerk auch für andere zivil­gesellschaftliche Initiativen zugänglich zu machen. Gleich­zeitig bleibt die persönliche Verbindung der Mitglieder ein zentraler Wert, egal wo auf der Welt.

Gabriel Pelloquin: nefia ist ein lebendiges Netzwerk mit einem klaren Kompass für eine offene, inklusive Gesellschaft. Für viele Mitglieder ist nefia ein wichtiger Impuls­geber. Auch ältere Jahr­gänge sind weiter­hin aktiv. Im Netzwerk ist viel Expertise zu den verschiedensten Themen vorhanden. Obwohl die Stiftung Mercator Schweiz aus dem Mercator Kolleg aus­gestiegen ist, bin ich zuversichtlich, dass die Verbindungen von nefia in die Schweiz weiterhin stark bleiben werden.

Igor Mitchnik: Vergangenes Jahr war ich auf einer Veranstaltung der Stiftung Mercator zu VUCA – also zu einer Welt, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehr­deutigkeit geprägt ist. Netzwerke wie nefia sind Teil der Bewältigungs­strategien für solche Zeiten. Und diese werden noch viele Jahre gebraucht werden.


nefia

nefia ist das Ehemaligen­netzwerk des Mercator Kollegs und des früheren Stiftungs­kollegs für inter­nationale Aufgaben. Die Mitglieder leben und arbeiten derzeit in mehr als 50 Ländern. Sie verbindet das gemeinsame Interesse an anderen Kulturen, inter­nationaler Politik sowie an der Gestaltung von gesellschaftlichen Schlüssel­themen. Aufgabe des Netzwerkes ist es, aktuelle und ehemalige Kollegiat*innen zu vernetzen, Praxiswissen aus unter­schiedlichen Disziplinen weiter­zu­gegeben und junge Menschen für die inter­nationale Zusammen­arbeit zu begeistern.

nefia.org