25 Jahre nefia: Wie bleibt ein Netzwerk in Krisenzeiten stark?
Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass nefia, das Alumninetzwerk des früheren Stiftungskollegs und des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben, gegründet wurde. Heute gehören rund 500 Mitglieder aus Deutschland und der Schweiz zu ihm, die in aller Welt aktiv sind. Wie sich das Netzwerk verändert hat und wie die eine internationale Community auch in schwierigen Zeiten zusammenhält, erklären Mona Hein, Igor Mitchnik und Gabriel Pelloquin aus dem nefia-Vorstand.
nefia wird 25 Jahre alt. Erinnern Sie sich an die Stimmung, als Sie in das Netzwerk eingestiegen sind?
Mona Hein: Ich bin 2020 zwischen verschiedenen Lockdowns beim Mercator Kolleg gestartet und bei nefia Mitglied geworden. Damals stand die Frage im Raum: Wie soll die internationale Zusammenarbeit während der Pandemie funktionieren? Diese Unsicherheit war auch bei nefia spürbar. Trotzdem wurde ich sofort herzlich aufgenommen, ins Mentoring und in virtuelle Formate eingebunden. Das hat enorm dabei geholfen, mich gut einzufinden.
Gabriel Pelloquin: Ich erinnere mich noch gut an mein erstes nefia-Kolloquium im September 2019, wie beeindruckt ich von der dortigen Energie war und mit welchem Engagement debattiert wurde. Ich glaube, dass sich niemand damals vorstellen konnte, wie sehr Institutionen und Gepflogenheiten der internationalen Zusammenarbeit nur wenige Jahre später unter Druck geraten würden. Weltweit werden demokratische Standards abgebaut, und die Zahl der Autokratien nimmt zu. Viele Staaten kürzen ihre Beiträge an internationale Organisationen, stellen deren Legitimität infrage und schränken ihre Handlungsfähigkeit ein.
Igor Mitchnik: 2018, mit Beginn meines Jahres als Kollegiat des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben, nahm ich nefia e.V. zunächst vor allem als Netzwerk wahr, von dem ich durch die geballte Kraft und Vielfalt seiner Mitglieder sowie durch das Mentoringangebot viel lernen konnte. Deutlicher im Gedächtnis geblieben ist mir jedoch, wie ich 2024 in den nefia-Vorstand kam. Ich war damals ziemlich aufgeregt, vor allem, weil ich kurz zuvor nach einigen Jahren im Ausland erst nach Deutschland zurückgekehrt war. Nach meiner Zeit im Ausland wusste ich, dass ich im Nefia-Netzwerk Gleichgesinnte finden würde, mit denen ich Interessen und Erfahrungen teile und die ähnlichen Herausforderungen kennen. So war es dann auch: Das Netzwerk hat mir die Rückkehr nach Deutschland erleichtert, ohne dass ich dabei den Anschluss an den internationalen Spirit verloren hätte.
Mona Hein ist Beraterin bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie bringt mehrjährige Erfahrung in Mediation und Konflikttransformation bei Nichtregierungsorganisationen und internationalen Organisationen mit. Sie hat sich auf religiöse und kulturelle Faktoren in der Dialogarbeit und in Friedensprozessen spezialisiert. Sie möchte Menschen zusammenbringen, um gemeinsam Gesellschaft zu gestalten. Das ist auch ihr Wunsch für ihre Rolle im nefia-Vorstand.
Was ist die größte Herausforderung für ein internationales Netzwerk? Und welche sind neu?
Mona Hein: Die größte Herausforderung ist und bleibt, für rund die 500 Mitglieder über Sektoren, Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg Kontaktmöglichkeiten und Verbundenheit zu schaffen. Neu hinzugekommen ist, dass sich die internationale Zusammenarbeit immer häufiger im Krisenmodus befindet – und gerade dann braucht unser Netzwerk Flexibilität, Solidarität und Räume für Austausch.
Gabriel Pelloquin: nefia ist ja ein Netzwerk für internationale Aufgaben. Innerhalb dieses Bereiches gibt es keinen bestimmten Themenfokus. Das bedeutet, dass alle möglichen Themenbereiche im Netzwerk vertreten sind. Das ist eine große Stärke, aber auch eine Herausforderung, wenn es darum geht, Schwerpunkte zu setzen und dabei alle Mitglieder gleichermaßen anzusprechen.
Igor Mitchnik: Neu sind vor allem die Herausforderungen, die den gesamten Sektor der Entwicklungszusammenarbeit, der humanitären Hilfe und der zivilgesellschaftlichen Unterstützung betreffen. Wir befinden uns in politisch sehr fordernden Zeiten, in denen das Fundament unserer Arbeit – Menschen weltweit zu unterstützen – zunehmend infrage gestellt und finanziell gekürzt wird.
Gabriel Pelloquin arbeitet in der partizipativen Prozessgestaltung, der Mediation und der sozialen Innovation. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt darin, Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Lebensrealitäten miteinander ins Gespräch zu bringen, um sie aktiv in politische Prozesse und Entscheidungsfindungen einzubinden und Transformationen demokratisch zu gestalten.
Welche Bedürfnisse äußern die Netzwerkmitglieder?
Mona Hein: Viele Mitglieder suchen nach Interaktion und Begegnung, beruflicher Orientierung und gegenseitiger Unterstützung, vor allem in Zeiten, in denen sich das Feld der internationalen Zusammenarbeit drastisch verändert. Natürlich geht es auch um gesellschaftlichen Impact, um Fragen zu konkreten Berufsperspektiven und darum, wie wir unser Netzwerk langfristig tragfähig machen.
Gabriel Pelloquin: Mitglieder zu verbinden und in den Austausch zu bringen, steht bei nefia weiterhin – oder heute erst recht – im Vordergrund. Dabei geht es um einen guten Mix aus digitalen und analogen Formaten: Online-Meetings erlauben es weit entfernt wohnenden Mitgliedern, teilzunehmen. Auch, wenn nefia in Berlin sitzt, ist der aktuelle nefia-Vorstand über den Globus verteilt. Die Möglichkeit, sich online zu treffen, kann die Qualität von Präsenztreffen jedoch nicht ersetzen.
Igor Mitchnik: Im Vordergrund steht der Wunsch nach Begegnung und Erfahrungsaustausch. Teilweise geht es auch um kollegiale Beratung in Krisenzeiten sowie um den Austausch zu Jobperspektiven und -erfahrungen in der internationalen Zusammenarbeit. In den Gesprächen wird deutlich, dass die aktuellen Finanzierungskürzungen weltweit für spürbare Unsicherheit sorgen und die Planungssicherheit in der internationalen Zusammenarbeit erheblich erschweren.
Igor Mitchnik ist erster Geschäftsführer des Vereins Austausch, einer zivilgesellschaftlichen Organisation mit dem Schwerpunkt auf internationaler Zusammenarbeit und Demokratieförderung in Ost- und Mitteleuropa, dem Südkaukasus sowie in Zentral- und Nordasien. In den vergangenen Jahren lag sein Arbeitsschwerpunkt auf der Ukraine, unter anderem in Zusammenarbeit mit den humanitären Organisationen Community Organized Relief Effort (CORE) und Mercy Corps.
Welche Formate sind für die internationale Netzwerkarbeit geeignet?
Mona Hein: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass virtuelle Thementreffen in der Mittagspause und informelle Austauschformate besonders gut angenommen werden. Wichtig ist auch, den Spaß nicht zu vergessen. Ich erinnere mich gerne an die gemeinsamen Kochabende, die sogenannten „Schnippeldiskos“, die erkenntnisreich und lustig zugleich waren.
Gabriel Pelloquin: Es lohnt sich, eine Vernetzung über die Jahrgänge hinweg zu ermöglichen, beispielsweise durch das jährliche Mentoringprogramm, bei dem ältere Jahrgänge den aktuellen Kollegiat*innen zur Seite stehen.
Igor Mitchnik: Aus meiner Erfahrung sind Präsentationen zu unterschiedlichen Themen – etwa zur kommunalen Konfliktbearbeitung oder zur Rolle der Zivilgesellschaft in Kriegs- und Krisenkontexten – für unsere Mitglieder besonders relevant. Auch unser jährliches Kolloquium, bei dem nefia-Mitglieder und externe Expert*innen der internationalen Zusammenarbeit aktuelle Herausforderungen diskutieren können, ist beliebt. In diesem Jahr widmet sich das Kolloquium der Frage nach der Zukunft der humanitären und Entwicklungszusammenarbeit.
Wie blicken Sie in die Zukunft? Wie wird sich nefia künftig aufstellen?
Mona Hein: nefia möchte thematische Communitys entwickeln und sich verstärkt der Frage widmen, mit welchen weiteren Partner*innen es zusammenarbeiten kann. Eine Idee wäre, das Mentoringprogramm auszuweiten und die Expertise im Netzwerk auch für andere zivilgesellschaftliche Initiativen zugänglich zu machen. Gleichzeitig bleibt die persönliche Verbindung der Mitglieder ein zentraler Wert, egal wo auf der Welt.
Gabriel Pelloquin: nefia ist ein lebendiges Netzwerk mit einem klaren Kompass für eine offene, inklusive Gesellschaft. Für viele Mitglieder ist nefia ein wichtiger Impulsgeber. Auch ältere Jahrgänge sind weiterhin aktiv. Im Netzwerk ist viel Expertise zu den verschiedensten Themen vorhanden. Obwohl die Stiftung Mercator Schweiz aus dem Mercator Kolleg ausgestiegen ist, bin ich zuversichtlich, dass die Verbindungen von nefia in die Schweiz weiterhin stark bleiben werden.
Igor Mitchnik: Vergangenes Jahr war ich auf einer Veranstaltung der Stiftung Mercator zu VUCA – also zu einer Welt, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit geprägt ist. Netzwerke wie nefia sind Teil der Bewältigungsstrategien für solche Zeiten. Und diese werden noch viele Jahre gebraucht werden.
nefia
nefia ist das Ehemaligennetzwerk des Mercator Kollegs und des früheren Stiftungskollegs für internationale Aufgaben. Die Mitglieder leben und arbeiten derzeit in mehr als 50 Ländern. Sie verbindet das gemeinsame Interesse an anderen Kulturen, internationaler Politik sowie an der Gestaltung von gesellschaftlichen Schlüsselthemen. Aufgabe des Netzwerkes ist es, aktuelle und ehemalige Kollegiat*innen zu vernetzen, Praxiswissen aus unterschiedlichen Disziplinen weiterzugegeben und junge Menschen für die internationale Zusammenarbeit zu begeistern.