Grüne Energie, gerechter Handel? Europas Rolle bei Afrikas Rohstoff-Boom

Grüne Energie, gerechter Handel? Europas Rolle bei Afrikas Rohstoff-Boom
Autorin: Simone Kamhuber Illustrationen: Tolga Akdoğan 25.11.2025

Metalle wie Kobalt, Kupfer oder Coltan sind essenziell für grüne Technologien wie E-Autos und Wind­kraft­anlagen. Der Lobito-Korridor – eine Eisen­bahn­verbindung zwischen der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) und dem angolanischen Atlanti­khafen Lobito – soll für den Transport der kritischen Rohstoffe weiter ausgebaut werden. Erst kürzlich betonte Bundes­präsident Steinmeier bei seinem Besuch in Angola die Bedeutung des Korridors für eine partnerschaftliche Zukunft. Doch wie gerecht ist der neue Handelsweg? Können faire Arbeits­bedingungen entlang der Route sicher­gestellt werden, wie Europa sie fordert? Oder bedeutet der Lobito-Korridor eine Fortsetzung kolonialer Abhängigkeit? AufRuhr hat mit Judy Hofmeyr, Senior Fellow beim Africa Policy Research Institute (APRI) über die sozialen Folgen der Energie­wende gesprochen.

AufRuhr: Frau Hofmeyr, der Lobito-Korridor bringt kritische Rohstoffe aus Afrika nach Europa. Sein Ausbau könnte auch die Wert­schöpfung zwischen den Kontinenten gerechter machen. Wie realistisch ist das?

Ob der Lobito-Korridor tatsächlich zu einer gerechteren Wertschöpfung beiträgt, ist bislang fraglich. Denn es gibt enorme Kapazitäts­unterschiede zwischen afrikanischen Ländern und den Industrie­staaten, was die Verarbeitung von Roh­stoffen angeht: Um eine lokale Wert­schöpfung innerhalb Afrikas zu ermöglichen, braucht es Kapital­investitionen, und zwar nicht nur in die Förderung von Rohstoffen, sondern auch in deren Verarbeitung zu export­fertigen Gütern. Je mehr Schritte der Wertschöpfungs­kette lokal stattfinden, desto mehr Wert bleibt schließlich im Land: in Form von Arbeits­plätzen, technischer Kompetenz und höheren Export­preisen. Das Problem ist, dass nach dem Abbau von Boden­schätzen deren Weiter­verarbeitung überall erfolgen kann – und viele Länder wollen diesen Mehrwert selbst generieren. Besonders, wenn es um kritische Mineralien mit rasant wachsender globaler Nachfrage geht. Häufig können afrikanische Staaten dabei schwer mithalten, da Fachkräfte, Energie, Infra­struktur und Kapital vielerorts fehlen.

Der Korridor könnte dabei helfen, die Infra­struktur zu verbessern und somit die Logistik­kosten beim Export lokaler Produkte zu senken. Das stärkt die Wettbewerbs­fähigkeit der beteiligten afrikanischen Länder auf dem Weltmarkt und wäre ein Schritt in die richtige Richtung – aber nur, wenn weitere Schritte folgen. Andern­falls stellt der Lobito-Korridor lediglich einen Weg dar, um Rohstoffe aus den Ursprungs­ländern reibungs­los in den Westen zu exportieren.

Judy Hofmeyr

Judy Hofmeyr ist Senior Fellow bei APRI und promoviert derzeit am Global Development Institute der University of Manchester. Ihr Forschungs­schwer­punkt liegt auf der Governance von natürlichen Ressourcen, insbesondere auf den sozial­rechtlichen Dynamiken zwischen Berg­bau­unternehmen, lokalen Gemeinschaften und der Umwelt. In ihrem aktuellen Projekt unter­sucht sie die Anwendung inter­nationaler Standards für Wirtschaft und Menschen­rechte im afrikanischen Roh­stoff­sektor.

Wie könnte das Versprechen eingelöst werden, dass der Lobito-Korridor auch die lokale Wert­schöpfung fördert?

Dafür braucht es sowohl staatliche Unter­stützung der beteiligten afrikanischen Staaten als auch erhebliche Kapital­investitionen, die sehr wahr­scheinlich von außerhalb des Kontinents kommen. Unter US-Präsident Joe Biden wurden hohe Summen zugesagt, um die Regionen entlang des Korridors zu entwickeln – etwa für Tele­kommunikation, den Ausbau erneuer­barer Energien und Programme zur Stärkung von Fachkräften, insbesondere in Angola. Mit Donald Trumps zweiter Amtszeit und den massiven USAID-Kürzungen sind viele dieser Vorhaben gefährdet. Um sie weiter umzusetzen, müsste das nötige Kapital aus anderen Quellen kommen. Ebenso wichtig ist eine staatliche Steuerung durch die beteiligten afrikanischen Länder, die stabile politische Rahmen­bedingungen schafft, Investitionen anzieht und zugleich die Interessen der lokalen Bevölkerung sowie Umwelt- und Menschen­rechte schützt.

Die EU bleibt ein wichtiger Handels­partner für Afrika und spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung seiner nachhaltigen Entwicklung und stabiler Regierungs­führung.

Judy Hofmeyr

Welche Rolle spielt die Europäische Union (EU) beim Wettbewerb um kritische Rohstoffe?

Die EU verfolgt ehrgeizige Ziele. Mithilfe des Critical Raw Materials Act (CRMA) will sie bis 2030 eigen­ständiger handeln können: 10 Prozent der kritischen Rohstoffe sollen in der EU abgebaut werden, auch 40 Prozent der Verarbeitung und der Veredelung sowie 15 Prozent des Recyclings der Rohstoffe sollen hier statt­finden. Dabei setzt die EU stark auf Partner­schaften, auch mit afrikanischen Ländern. Der Lobito-Korridor gilt hierbei als Vorzeige­projekt und wird durch eine Absichts­erklärung zwischen den USA, der DR Kongo, Sambia, Angola, der Afrikanischen Entwicklungs­bank und der Africa Finance Corporation unter­stützt. Ob diese Kooperationen Wirkung entfalten, bleibt abzuwarten: Politische Abkommen schaffen nicht automatisch Anreize für private Investitionen. Zudem steht das Ziel der EU, mehr im eigenen Binnen­markt zu verarbeiten, teils im Widerspruch zu den Interessen der Förder­länder. Dennoch bleibt die EU ein wichtiger Handels­partner für die afrikanischen Staaten und spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung ihrer nach­haltigen Entwicklung und stabilen Regierungs­führung.

Der Lobito-Korridor führt vom Hafen Lobito in Angola nach Luau an der Grenze zur DR Kongo. Bis nach Sambia soll er künftig ausgebaut werden. © Tolga Akdoğan

Welche Chancen und Risiken bringt der Bergbau für die lokalen Gemeinschaften entlang des Lobito-Korridors?

Abgebaut wird dort, wo die Rohstoffe liegen, und das ist oft in bewohnten Gebieten. Da Bodenschätze meist dem Staat gehören, führt das zu Spannungen zwischen Regierungen, Berg­bau­unternehmen und lokalen Gemeinschaften. Viele Gemeinden in Afrika haben eine tiefe spirituelle, kulturelle und existenzielle Bindung zu ihrem Land. Wenn der Staat Berg­bau­lizenzen vergibt, kann das die Autonomie von Gemeinden massiv einschränken und außerdem Umwelt- und Gesundheits­risiken mit sich bringen. Zwar gibt es heute breiten Konsens, dass betroffene Gemeinden konsultiert werden oder idealer­weise ihre Zustimmung eingeholt wird. Doch in der Praxis passiert das nur sporadisch. In Afrika – wie auch in vielen latein­amerikanischen Ländern – wehren sich betroffene Gemeinschaften stark gegen Berg­bau­projekte. Zugleich zeichnet sich jedoch ein Trend ab, dass Gemeinschaften dem Bergbau zustimmen, wenn sie an den daraus entstehenden Vorteilen beteiligt werden. Denn die Menschen vor Ort wollen Arbeit finden, Betriebe mitbesitzen, Zugang zu Ausbildung und Schulungen erhalten oder anderweitig in die Wertschöpfungsketten eingebunden werden. Lokale Regierungen erkennen das zunehmend an und entwickeln Gesetze, die eine lokale Beteiligung vorschreiben. Südafrika ist dafür ein gutes Beispiel: Der Mineral and Petroleum Resources Development Act (MPRDA) und die Mining Charter verpflichten Berg­bau­unternehmen dazu, lokale Gemeinschaften und insbesondere Schwarze Südafrikaner*innen am Gewinn zu beteiligen, soziale Projekte zu fördern und die Interessen der Bevölkerung bei neuen Projekten zu berücksichtigen.

Wie unterscheiden sich die afrikanischen Staaten entlang des Lobito-Korridors bezüglich der Berg­bau­standards?

Zwischen Sambia, Angola und der DR Kongo bestehen große Unterschiede. Sambia ist ein etabliertes Berg­bau­land mit fast hundert­jähriger Kupfer­tradition, ausgebauten Kapazitäten für die Verarbeitung und die Raffinierung sowie einer zunehmend stabilen Politik. Eine aktive Zivil­gesellschaft überwacht dort die Auswirkungen des Bergbaus, und Menschen­rechte sind verfassungs­rechtlich geschützt. In der DR Kongo dagegen ist die Regierungs­führung im Roh­stoff­sektor schwach: Es gibt Berichte über schlechte Arbeits­bedingungen, Menschen­rechts­verletzungen und mangelnder Kontrolle über den Bergbau. Der dortige Kobaltsektor ist stark fragmentiert: Handwerklicher Bergbau – also der Abbau durch Einzelpersonen, Familien oder kleine Unternehmen – ist verbreitet, aber schwer zu überwachen, vor allem mit Blick auf Sicherheit und Kinderarbeit. Die großen industriellen Minen sind meist von chinesischen Unternehmen geführt, ihre Standards sind wenig transparent.

Oft zerstören Minen in der DR Kongo, Sambia und Angola die Wohnorte der lokalen Bevölkerung – vom Gewinn des Rohstoffhandels profitiert diese jedoch selten. © Tolga Akdoğan

Und in Angola?

Angola wiederum hat Erfahrung mit dem Diamantabbau und der Ölförderung, doch der Abbau kritischer Rohstoffe ist dort noch in den Anfängen. Das Vor­zeige­projekt ist die Longonjo-Mine für Seltene Erden des britischen Unternehmens Pensana, an der der Staat Angola beteiligt ist und die sich angeblich durch sozial und ökologisch verantwortliche Ansätze auszeichnet.

Kritische Stimmen sagen, die EU sei zu sauber, um auf dem afrikanischen Roh­stoff­markt wettbewerbs­fähig zu sein. Gibt es realistische Wege, wie Europa zugleich prinzipien­treu und wettbewerbs­fähig bleibt?

Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Trotzdem wird die Wirkmacht der EU-Standards zunehmend diskutiert. Etwa, ob die hohen Anforderungen dazu geführt haben, dass Investitionen zu riskant erschienen oder Projekte verzögert wurden. Zudem kritisieren politische Entscheider*innen aus Namibia und Sambia, dass die Standards oft inkonsequent umgesetzt würden und es schwierig sei, eine entsprechende Transparenz herzustellen. Auf der anderen Seite kritisieren lokale Gemeinschaften, dass die Regeln nicht weit genug gingen und weiterhin Eingriffe großer Konzerne möglich seien, ohne dass diese zur Rechenschaft gezogen würden.

Was denken Sie: Wie kann dieser Konflikt gelöst werden?

Ich finde es wichtig, die ethischen Standards stärker auf die verschiedenen Regionen der Abbau­gebiete zuzuschneiden. Sie also so zu gestalten, dass sie einerseits Menschen wirksam schützen, dass sie andererseits aber nicht den Eindruck erwecken, Afrika sei ein über­proportional riskantes Investitions­ziel. Die Zukunft erfordert das kreative Gestalten von Politik und einen engagierten öffentlichen Sektor, der bereit ist, langfristig zu denken.


Geopolitics and Geoeconomics in Africa-Europe Relations
Das Projekt „Geopolitics and Geoeconomics in Africa-Europe Relations“ befasst sich mit der Frage, wie eine gestärkte, gleich­berechtigte und nutz­bringende Partnerschaft zwischen Europa und Afrika zur nach­haltigen Gestaltung des Energie­sektors aussehen kann. Insbesondere sollen Sicht­weisen, Interessen und Bedarfe afrikanischer Stake­holder stärker in der EU-Klima­schutz- und Energie­politik verankert werden.
afripoli.org/geopolitics-and-geoeconomics