Grüne Energie, gerechter Handel? Europas Rolle bei Afrikas Rohstoff-Boom
Metalle wie Kobalt, Kupfer oder Coltan sind essenziell für grüne Technologien wie E-Autos und Windkraftanlagen. Der Lobito-Korridor – eine Eisenbahnverbindung zwischen der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) und dem angolanischen Atlantikhafen Lobito – soll für den Transport der kritischen Rohstoffe weiter ausgebaut werden. Erst kürzlich betonte Bundespräsident Steinmeier bei seinem Besuch in Angola die Bedeutung des Korridors für eine partnerschaftliche Zukunft. Doch wie gerecht ist der neue Handelsweg? Können faire Arbeitsbedingungen entlang der Route sichergestellt werden, wie Europa sie fordert? Oder bedeutet der Lobito-Korridor eine Fortsetzung kolonialer Abhängigkeit? AufRuhr hat mit Judy Hofmeyr, Senior Fellow beim Africa Policy Research Institute (APRI) über die sozialen Folgen der Energiewende gesprochen.
AufRuhr: Frau Hofmeyr, der Lobito-Korridor bringt kritische Rohstoffe aus Afrika nach Europa. Sein Ausbau könnte auch die Wertschöpfung zwischen den Kontinenten gerechter machen. Wie realistisch ist das?
Ob der Lobito-Korridor tatsächlich zu einer gerechteren Wertschöpfung beiträgt, ist bislang fraglich. Denn es gibt enorme Kapazitätsunterschiede zwischen afrikanischen Ländern und den Industriestaaten, was die Verarbeitung von Rohstoffen angeht: Um eine lokale Wertschöpfung innerhalb Afrikas zu ermöglichen, braucht es Kapitalinvestitionen, und zwar nicht nur in die Förderung von Rohstoffen, sondern auch in deren Verarbeitung zu exportfertigen Gütern. Je mehr Schritte der Wertschöpfungskette lokal stattfinden, desto mehr Wert bleibt schließlich im Land: in Form von Arbeitsplätzen, technischer Kompetenz und höheren Exportpreisen. Das Problem ist, dass nach dem Abbau von Bodenschätzen deren Weiterverarbeitung überall erfolgen kann – und viele Länder wollen diesen Mehrwert selbst generieren. Besonders, wenn es um kritische Mineralien mit rasant wachsender globaler Nachfrage geht. Häufig können afrikanische Staaten dabei schwer mithalten, da Fachkräfte, Energie, Infrastruktur und Kapital vielerorts fehlen.
Der Korridor könnte dabei helfen, die Infrastruktur zu verbessern und somit die Logistikkosten beim Export lokaler Produkte zu senken. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten afrikanischen Länder auf dem Weltmarkt und wäre ein Schritt in die richtige Richtung – aber nur, wenn weitere Schritte folgen. Andernfalls stellt der Lobito-Korridor lediglich einen Weg dar, um Rohstoffe aus den Ursprungsländern reibungslos in den Westen zu exportieren.
Judy Hofmeyr ist Senior Fellow bei APRI und promoviert derzeit am Global Development Institute der University of Manchester. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Governance von natürlichen Ressourcen, insbesondere auf den sozialrechtlichen Dynamiken zwischen Bergbauunternehmen, lokalen Gemeinschaften und der Umwelt. In ihrem aktuellen Projekt untersucht sie die Anwendung internationaler Standards für Wirtschaft und Menschenrechte im afrikanischen Rohstoffsektor.
Wie könnte das Versprechen eingelöst werden, dass der Lobito-Korridor auch die lokale Wertschöpfung fördert?
Dafür braucht es sowohl staatliche Unterstützung der beteiligten afrikanischen Staaten als auch erhebliche Kapitalinvestitionen, die sehr wahrscheinlich von außerhalb des Kontinents kommen. Unter US-Präsident Joe Biden wurden hohe Summen zugesagt, um die Regionen entlang des Korridors zu entwickeln – etwa für Telekommunikation, den Ausbau erneuerbarer Energien und Programme zur Stärkung von Fachkräften, insbesondere in Angola. Mit Donald Trumps zweiter Amtszeit und den massiven USAID-Kürzungen sind viele dieser Vorhaben gefährdet. Um sie weiter umzusetzen, müsste das nötige Kapital aus anderen Quellen kommen. Ebenso wichtig ist eine staatliche Steuerung durch die beteiligten afrikanischen Länder, die stabile politische Rahmenbedingungen schafft, Investitionen anzieht und zugleich die Interessen der lokalen Bevölkerung sowie Umwelt- und Menschenrechte schützt.
Die EU bleibt ein wichtiger Handelspartner für Afrika und spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung seiner nachhaltigen Entwicklung und stabiler Regierungsführung.
Welche Rolle spielt die Europäische Union (EU) beim Wettbewerb um kritische Rohstoffe?
Die EU verfolgt ehrgeizige Ziele. Mithilfe des Critical Raw Materials Act (CRMA) will sie bis 2030 eigenständiger handeln können: 10 Prozent der kritischen Rohstoffe sollen in der EU abgebaut werden, auch 40 Prozent der Verarbeitung und der Veredelung sowie 15 Prozent des Recyclings der Rohstoffe sollen hier stattfinden. Dabei setzt die EU stark auf Partnerschaften, auch mit afrikanischen Ländern. Der Lobito-Korridor gilt hierbei als Vorzeigeprojekt und wird durch eine Absichtserklärung zwischen den USA, der DR Kongo, Sambia, Angola, der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Africa Finance Corporation unterstützt. Ob diese Kooperationen Wirkung entfalten, bleibt abzuwarten: Politische Abkommen schaffen nicht automatisch Anreize für private Investitionen. Zudem steht das Ziel der EU, mehr im eigenen Binnenmarkt zu verarbeiten, teils im Widerspruch zu den Interessen der Förderländer. Dennoch bleibt die EU ein wichtiger Handelspartner für die afrikanischen Staaten und spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung ihrer nachhaltigen Entwicklung und stabilen Regierungsführung.
Welche Chancen und Risiken bringt der Bergbau für die lokalen Gemeinschaften entlang des Lobito-Korridors?
Abgebaut wird dort, wo die Rohstoffe liegen, und das ist oft in bewohnten Gebieten. Da Bodenschätze meist dem Staat gehören, führt das zu Spannungen zwischen Regierungen, Bergbauunternehmen und lokalen Gemeinschaften. Viele Gemeinden in Afrika haben eine tiefe spirituelle, kulturelle und existenzielle Bindung zu ihrem Land. Wenn der Staat Bergbaulizenzen vergibt, kann das die Autonomie von Gemeinden massiv einschränken und außerdem Umwelt- und Gesundheitsrisiken mit sich bringen. Zwar gibt es heute breiten Konsens, dass betroffene Gemeinden konsultiert werden oder idealerweise ihre Zustimmung eingeholt wird. Doch in der Praxis passiert das nur sporadisch. In Afrika – wie auch in vielen lateinamerikanischen Ländern – wehren sich betroffene Gemeinschaften stark gegen Bergbauprojekte. Zugleich zeichnet sich jedoch ein Trend ab, dass Gemeinschaften dem Bergbau zustimmen, wenn sie an den daraus entstehenden Vorteilen beteiligt werden. Denn die Menschen vor Ort wollen Arbeit finden, Betriebe mitbesitzen, Zugang zu Ausbildung und Schulungen erhalten oder anderweitig in die Wertschöpfungsketten eingebunden werden. Lokale Regierungen erkennen das zunehmend an und entwickeln Gesetze, die eine lokale Beteiligung vorschreiben. Südafrika ist dafür ein gutes Beispiel: Der Mineral and Petroleum Resources Development Act (MPRDA) und die Mining Charter verpflichten Bergbauunternehmen dazu, lokale Gemeinschaften und insbesondere Schwarze Südafrikaner*innen am Gewinn zu beteiligen, soziale Projekte zu fördern und die Interessen der Bevölkerung bei neuen Projekten zu berücksichtigen.
Wie unterscheiden sich die afrikanischen Staaten entlang des Lobito-Korridors bezüglich der Bergbaustandards?
Zwischen Sambia, Angola und der DR Kongo bestehen große Unterschiede. Sambia ist ein etabliertes Bergbauland mit fast hundertjähriger Kupfertradition, ausgebauten Kapazitäten für die Verarbeitung und die Raffinierung sowie einer zunehmend stabilen Politik. Eine aktive Zivilgesellschaft überwacht dort die Auswirkungen des Bergbaus, und Menschenrechte sind verfassungsrechtlich geschützt. In der DR Kongo dagegen ist die Regierungsführung im Rohstoffsektor schwach: Es gibt Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen, Menschenrechtsverletzungen und mangelnder Kontrolle über den Bergbau. Der dortige Kobaltsektor ist stark fragmentiert: Handwerklicher Bergbau – also der Abbau durch Einzelpersonen, Familien oder kleine Unternehmen – ist verbreitet, aber schwer zu überwachen, vor allem mit Blick auf Sicherheit und Kinderarbeit. Die großen industriellen Minen sind meist von chinesischen Unternehmen geführt, ihre Standards sind wenig transparent.
Und in Angola?
Angola wiederum hat Erfahrung mit dem Diamantabbau und der Ölförderung, doch der Abbau kritischer Rohstoffe ist dort noch in den Anfängen. Das Vorzeigeprojekt ist die Longonjo-Mine für Seltene Erden des britischen Unternehmens Pensana, an der der Staat Angola beteiligt ist und die sich angeblich durch sozial und ökologisch verantwortliche Ansätze auszeichnet.
Kritische Stimmen sagen, die EU sei zu sauber, um auf dem afrikanischen Rohstoffmarkt wettbewerbsfähig zu sein. Gibt es realistische Wege, wie Europa zugleich prinzipientreu und wettbewerbsfähig bleibt?
Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Trotzdem wird die Wirkmacht der EU-Standards zunehmend diskutiert. Etwa, ob die hohen Anforderungen dazu geführt haben, dass Investitionen zu riskant erschienen oder Projekte verzögert wurden. Zudem kritisieren politische Entscheider*innen aus Namibia und Sambia, dass die Standards oft inkonsequent umgesetzt würden und es schwierig sei, eine entsprechende Transparenz herzustellen. Auf der anderen Seite kritisieren lokale Gemeinschaften, dass die Regeln nicht weit genug gingen und weiterhin Eingriffe großer Konzerne möglich seien, ohne dass diese zur Rechenschaft gezogen würden.
Was denken Sie: Wie kann dieser Konflikt gelöst werden?
Ich finde es wichtig, die ethischen Standards stärker auf die verschiedenen Regionen der Abbaugebiete zuzuschneiden. Sie also so zu gestalten, dass sie einerseits Menschen wirksam schützen, dass sie andererseits aber nicht den Eindruck erwecken, Afrika sei ein überproportional riskantes Investitionsziel. Die Zukunft erfordert das kreative Gestalten von Politik und einen engagierten öffentlichen Sektor, der bereit ist, langfristig zu denken.
Geopolitics and Geoeconomics in Africa-Europe Relations
Das Projekt „Geopolitics and Geoeconomics in Africa-Europe Relations“ befasst sich mit der Frage, wie eine gestärkte, gleichberechtigte und nutzbringende Partnerschaft zwischen Europa und Afrika zur nachhaltigen Gestaltung des Energiesektors aussehen kann. Insbesondere sollen Sichtweisen, Interessen und Bedarfe afrikanischer Stakeholder stärker in der EU-Klimaschutz- und Energiepolitik verankert werden.
afripoli.org/geopolitics-and-geoeconomics