Münchner Sicherheits­konferenz 2026: „In Frieden zu leben, ist noch immer ein Privileg“

Einsatzkräfte der Polizei vor dem Hotel Bayerischer Hof. Hier findet die Münchner Sicherheitskonferenz statt.
Münchner Sicherheits­konferenz 2026: „In Frieden zu leben, ist noch immer ein Privileg“
Autorin: Elisabeth Krainer Fotos: Alexandra Beier 26.02.2026

Europas Sicherheitsgefühl ist ins Wanken geraten. Angesichts des Krieges in der Ukraine, hybrider Angriffe aus Russland und einer unberechen­baren US-Handels­politik stellt sich die Frage: Wie kann Europa seine Souveränität verteidigen? AufRuhr hat die Geoökonomin Nora Kürzdörfer und den meet!-Fellow Kaan Turhal auf der Münchner Sicherheits­konferenz (MSC) 2026 getroffen und nach­gefragt: Wer trägt die Verantwortung für Europas Sicherheit?

Sicherheitsschleusen, bewaffnete Polizist*innen und schwarze Limousinen an jeder Straßen­ecke: Für drei Tage ist die Münchner Innen­stadt im Ausnahme­zustand. Denn vom 13. bis 15. Februar 2026 tagt die 62. Münchner Sicherheits­konferenz, das wichtigste Forum der Welt für inter­nationale Sicherheits­fragen, im Hotel Bayerischer Hof. Über 1.000 Regierungs­mitglieder, Diplomat*innen, Mitglieder des Militärs und Journalist*innen aus mehr als 115 Ländern treffen hier aufeinander, um über die drängendsten sicherheits­politischen Heraus­forderungen der Gegen­wart zu beraten. Das Thema: „Under Destruction“ – im Umbruch.

„Der Bayerische Hof ist ein Labyrinth, auf den Gängen trifft man Regierungs­vertreter*innen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt“, sagt Nora Kürzdörfer, Senior Researcher bei der MSC. Sie betreut das Geoökonomie­projekt „Beyond Lose-Lose“ und beschäftigt sich auf der Konferenz hauptsächlich mit den Sessions an der Schnitt­stelle von Handels- und Sicherheits­politik. Dieses Jahr, sagt sie, prägten vor allem Fragen zur Verteidigung, zu den trans­atlantischen Beziehungen, aber auch zu den Konflikten in der Ukraine, in Venezuela, im Gaza oder Iran das Programm.

Kaan Turhal ist zum ersten Mal dabei. Der 19-Jährige studiert Politik­wissenschaft an der Freien Universität Berlin und ist Fellow des meet!-Programms der Stiftung Mercator, das junge Menschen beim Einstieg in die inter­nationale Zusammen­arbeit und Politik unter­stützt. „Von außen wirkt die MSC sehr elitär und abgeschottet“, sagt der gebürtige Duisburger über seinen ersten Eindruck. „Deshalb war ich überrascht, wie zugänglich viele Events rund um den Haupt­schau­platz sind.“ Im Rahmen seines Stipendiums besucht er Programm­punkte im Literatur- und Amerika­haus, etwa eine Diskussion zu Pluralismus und Meinungs­freiheit im Westen oder eine Debatte zur Transformation der Demokratie im digitalen Zeitalter.

Nora Kürzdörfer
© Alexandra Beier

Dr. Nora Kürzdörfer arbeitet als Senior Researcher und Project Lead Geoeconomics bei der Münchner Sicherheits­konferenz. Sie promovierte an der Hertie School in politischer Ökonomie und ist als Mitglied des akademischen Beirates am Institut für Innovation und Technik (iit) sowie als NextGen Associate Fellow am NATO Defense College tätig.

Was heißt Sicherheit im Jahr 2026?

„Sicherheit bleibt auch 2026 ein Privileg“, erklärt Nora Kürzdörfer. Im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der MSC stelle sich für sie zunehmend die Frage, wie die Verantwortung dafür sinnvoll verteilt werden könne: „Alle, die heute in relativer Sicherheit leben dürfen, sollten dazu beitragen, dass andere das auch können.“ Eine Aufgabe, die immer schwieriger zu bewältigen sei. „Fast alles kann heute als Waffe eingesetzt werden“, sagt Kürzdörfer. „Im Moment sehen wir das beispiels­weise anhand der Strategie der Super­mächte USA und China: Sie setzen ihre Wirtschafts­politik in der Beziehung zu anderen Staaten für geopolitische Vorteile ein.“

Kaan Turhal teilt Kürzdörfers Beunruhigung: „Mit Blick auf hybride Angriffe ist es schwer zu beurteilen, ob wir noch in Frieden leben oder die Schwelle zum Krieg bereits über­schritten haben.“ Er gibt ein Beispiel: „Ist ein Angriff auf unsere Energie­versorgung schon Krieg?“. Das Gespräch mit dem jungen Mann zeigt, wie präsent das Thema Sicherheit für seine Generation ist. „Für mich geht Sicherheit weit über den Aspekt der militärischen Verteidigung hinaus“, sagt er. „Klimasicherheit, Geschlechter­gerechtigkeit oder die Renten­versorgung sind genauso relevant für unsere Zukunft.“

Kaan Turhal
© Alexandra Beier

Kaan Turhal ist Stipendiat des meet!-Programms der Stiftung Mercator und studiert Politik­wissenschaft an der Freien Universität Berlin. Der gebürtige Duisburger beschäftigt sich insbesondere mit europa­politischen Frage­stellungen und engagiert sich bei der Initiative Ruhrpott für Europa. Er wirkt in verschiedenen politischen Gremien mit und arbeitet ehren­amtlich für die Anneliese Brost-Stiftung.

Alle, die heute in relativer Sicherheit leben dürfen, sollten dazu beitragen, dass andere das auch können.

Dr. Nora Kürzdörfer, Senior Researcher und Project Lead Geoeconomics bei der Münchner Sicherheits­konferenz

Europas Rolle in einer neuen Welt

„Die anwesenden Mitglieder der US-Regierung haben während der Konferenz den Eindruck vermittelt, dass man sich nicht auf sie verlassen kann“, sagt Turhal. „Die EU braucht neue Partner. Wenn sie die hat, kann sie auch selbst­bewusster auf der Welt­bühne auftreten.“ Bundes­kanzler Friedrich Merz hat in seiner Eröffnungsrede der MSC eine Mahnung an die USA ausgesprochen: Die Beziehungen zwischen Europa und den USA müssten neu aufgestellt werden. Nora Kürzdörfer rät, dass sich Europa deshalb auf seine Stärken konzentrieren sollte. „Die EU ist wirtschaftlich stark. Jetzt muss sie das strategisch nutzen, etwa indem sie kritische Abhängigkeiten reduziert und ihre wirtschaftliche Macht dafür einsetzt, sich eine sicherheits­politische Autorität zu verschaffen“, so Kürzdörfer. „Außerdem sollten die Mitglieds­staaten der EU als Einheit handeln – auch was einen gerechten Frieden in der Ukraine angeht.“

Deutschland und eine neue Wehrpflicht

Während Europa außenpolitisch geschlossen auftritt, stellt sich innen­politisch die Frage: Welche Rolle sollen die Bürger*innen beim Thema Verteidigung spielen? Kaan Turhal hält wenig von dem Ansatz, junge Männer für den Wehr­dienst einzuziehen: „Meine Generation hat schon früh im Leben viel durch­gemacht: die Corona­pandemie, Krieg in Europa, Rezession.“ Die Gen Z habe schlechtere Voraus­setzungen für ein gutes Leben als frühere Generationen. „Uns jetzt noch die Verantwortung für die militärische Verteidigung auf­zu­bürden, halte ich für problematisch“, so der Student. Er plädiert dafür, den Wehr­dienst weiterhin auf frei­williger Basis zu belassen und gesellschaftliche Dienste wie das Freiwillige Soziale Jahr oder das Europäische Solidaritäts­korps, ein Freiwilligen­dienst im europäischen Ausland, stärker zu fördern. „In meinem Umfeld nehme ich durchaus eine Bereitschaft für diese Art von Diensten wahr. Wenn Behörden Musterungs­bögen per Post verschicken können, dann sollte es auch möglich sein, für andere Konzepte zu werben.“ Auch die 31-jährige Kürzdörfer findet einen gesellschaftlichen oder militärischen Dienst für alle sinnvoll: „Ein solcher Dienst fördert das Verantwortungs­gefühl und sollte alle Generationen in die Pflicht nehmen – nicht nur junge Menschen.“

Nora Kürzdörfer und Kaan Turhal
AufRuhr hat Nora Kürzdörfer (links) und Kaan Turhal für ein Interview in der Münchner Innenstadt getroffen. © Alexandra Beier

Was bleibt von der Münchner Sicherheits­konferenz?

„The house always wins“, sagt Kaan Turhal am Ende des Gespräches. Der Satz begleitet ihn, seitdem ihn eine Journalistin auf einem Panel zu russischer Desinformation gesagt hat. „Das Kasino legt die Regeln des Spiels fest und hat deshalb immer einen Vorteil.“ Genauso sei es bei den hybriden russischen Angriffen: „Putin bestimmt die Mittel, den Zeitpunkt und die Intensität seiner Angriffe, Europa reagiert nach wie vor nur.“ Die EU müsse aus dieser Position herauskommen und proaktiver handeln, sagt der Politik­student. Ein Eindruck, der auch das Fazit der MSC prägt: Dort heißt es, die inter­nationale Ordnung sei je nach Perspektive „zerbrochen“ oder zumindest „angeschlagen“. Ob Europa wirklich entschlossener handeln könne, entscheide sich schon jetzt – in Grönland und in der Ukraine.

Nora Kürzdörfers Highlight war der Auftritt von Ngozi Okonjo-Iweala. Die Statements der General­direktorin der Welt­handels­organisation seien ihr auf­gefallen, weil sie besonders zukunfts­gewandt seien. „Anstatt ständig zu lamentieren, was nicht läuft, sollten wir uns fragen, wie wir eine regel­basierte Ordnung der Welt erhalten und mit­gestalten können“, so Kürzdörfer. Sicherheit sei dabei längst nicht mehr nur Aufgabe des Staates, ergänzt sie. „Sicherheit ist heute eine gesamt­gesellschaftliche Aufgabe.“ Wie das funktionieren könne, zeige das finnische Konzept der „Comprehensive Security“, der ganz­heitlichen Sicherheit. Es bedeutet, dass der Staat, aber auch Unternehmen und alle Bürger*innen Verantwortung tragen und sich koordiniert auf Krisen vorbereiten. Kürzdörfer: „Ich hoffe, dass wir uns in Europa – und in der Welt – Schritt für Schritt in diese Richtung bewegen.“


Münchner Sicherheits­konferenz

Die Münchner Sicherheits­konferenz (MSC) ist das weltweit führende Forum für Debatten zu inter­nationaler Sicherheits­politik. Sie bietet eine Platt­form für diplomatische Initiativen und Ansätze, um den drängendsten Sicherheits­risiken der Welt zu begegnen.
securityconference.org