Münchner Sicherheitskonferenz 2026: „In Frieden zu leben, ist noch immer ein Privileg“
Europas Sicherheitsgefühl ist ins Wanken geraten. Angesichts des Krieges in der Ukraine, hybrider Angriffe aus Russland und einer unberechenbaren US-Handelspolitik stellt sich die Frage: Wie kann Europa seine Souveränität verteidigen? AufRuhr hat die Geoökonomin Nora Kürzdörfer und den meet!-Fellow Kaan Turhal auf der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2026 getroffen und nachgefragt: Wer trägt die Verantwortung für Europas Sicherheit?
Sicherheitsschleusen, bewaffnete Polizist*innen und schwarze Limousinen an jeder Straßenecke: Für drei Tage ist die Münchner Innenstadt im Ausnahmezustand. Denn vom 13. bis 15. Februar 2026 tagt die 62. Münchner Sicherheitskonferenz, das wichtigste Forum der Welt für internationale Sicherheitsfragen, im Hotel Bayerischer Hof. Über 1.000 Regierungsmitglieder, Diplomat*innen, Mitglieder des Militärs und Journalist*innen aus mehr als 115 Ländern treffen hier aufeinander, um über die drängendsten sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart zu beraten. Das Thema: „Under Destruction“ – im Umbruch.
„Der Bayerische Hof ist ein Labyrinth, auf den Gängen trifft man Regierungsvertreter*innen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt“, sagt Nora Kürzdörfer, Senior Researcher bei der MSC. Sie betreut das Geoökonomieprojekt „Beyond Lose-Lose“ und beschäftigt sich auf der Konferenz hauptsächlich mit den Sessions an der Schnittstelle von Handels- und Sicherheitspolitik. Dieses Jahr, sagt sie, prägten vor allem Fragen zur Verteidigung, zu den transatlantischen Beziehungen, aber auch zu den Konflikten in der Ukraine, in Venezuela, im Gaza oder Iran das Programm.
Kaan Turhal ist zum ersten Mal dabei. Der 19-Jährige studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und ist Fellow des meet!-Programms der Stiftung Mercator, das junge Menschen beim Einstieg in die internationale Zusammenarbeit und Politik unterstützt. „Von außen wirkt die MSC sehr elitär und abgeschottet“, sagt der gebürtige Duisburger über seinen ersten Eindruck. „Deshalb war ich überrascht, wie zugänglich viele Events rund um den Hauptschauplatz sind.“ Im Rahmen seines Stipendiums besucht er Programmpunkte im Literatur- und Amerikahaus, etwa eine Diskussion zu Pluralismus und Meinungsfreiheit im Westen oder eine Debatte zur Transformation der Demokratie im digitalen Zeitalter.
Dr. Nora Kürzdörfer arbeitet als Senior Researcher und Project Lead Geoeconomics bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Sie promovierte an der Hertie School in politischer Ökonomie und ist als Mitglied des akademischen Beirates am Institut für Innovation und Technik (iit) sowie als NextGen Associate Fellow am NATO Defense College tätig.
Was heißt Sicherheit im Jahr 2026?
„Sicherheit bleibt auch 2026 ein Privileg“, erklärt Nora Kürzdörfer. Im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der MSC stelle sich für sie zunehmend die Frage, wie die Verantwortung dafür sinnvoll verteilt werden könne: „Alle, die heute in relativer Sicherheit leben dürfen, sollten dazu beitragen, dass andere das auch können.“ Eine Aufgabe, die immer schwieriger zu bewältigen sei. „Fast alles kann heute als Waffe eingesetzt werden“, sagt Kürzdörfer. „Im Moment sehen wir das beispielsweise anhand der Strategie der Supermächte USA und China: Sie setzen ihre Wirtschaftspolitik in der Beziehung zu anderen Staaten für geopolitische Vorteile ein.“
Kaan Turhal teilt Kürzdörfers Beunruhigung: „Mit Blick auf hybride Angriffe ist es schwer zu beurteilen, ob wir noch in Frieden leben oder die Schwelle zum Krieg bereits überschritten haben.“ Er gibt ein Beispiel: „Ist ein Angriff auf unsere Energieversorgung schon Krieg?“. Das Gespräch mit dem jungen Mann zeigt, wie präsent das Thema Sicherheit für seine Generation ist. „Für mich geht Sicherheit weit über den Aspekt der militärischen Verteidigung hinaus“, sagt er. „Klimasicherheit, Geschlechtergerechtigkeit oder die Rentenversorgung sind genauso relevant für unsere Zukunft.“
Kaan Turhal ist Stipendiat des meet!-Programms der Stiftung Mercator und studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Der gebürtige Duisburger beschäftigt sich insbesondere mit europapolitischen Fragestellungen und engagiert sich bei der Initiative Ruhrpott für Europa. Er wirkt in verschiedenen politischen Gremien mit und arbeitet ehrenamtlich für die Anneliese Brost-Stiftung.
Alle, die heute in relativer Sicherheit leben dürfen, sollten dazu beitragen, dass andere das auch können.
Europas Rolle in einer neuen Welt
„Die anwesenden Mitglieder der US-Regierung haben während der Konferenz den Eindruck vermittelt, dass man sich nicht auf sie verlassen kann“, sagt Turhal. „Die EU braucht neue Partner. Wenn sie die hat, kann sie auch selbstbewusster auf der Weltbühne auftreten.“ Bundeskanzler Friedrich Merz hat in seiner Eröffnungsrede der MSC eine Mahnung an die USA ausgesprochen: Die Beziehungen zwischen Europa und den USA müssten neu aufgestellt werden. Nora Kürzdörfer rät, dass sich Europa deshalb auf seine Stärken konzentrieren sollte. „Die EU ist wirtschaftlich stark. Jetzt muss sie das strategisch nutzen, etwa indem sie kritische Abhängigkeiten reduziert und ihre wirtschaftliche Macht dafür einsetzt, sich eine sicherheitspolitische Autorität zu verschaffen“, so Kürzdörfer. „Außerdem sollten die Mitgliedsstaaten der EU als Einheit handeln – auch was einen gerechten Frieden in der Ukraine angeht.“
Deutschland und eine neue Wehrpflicht
Während Europa außenpolitisch geschlossen auftritt, stellt sich innenpolitisch die Frage: Welche Rolle sollen die Bürger*innen beim Thema Verteidigung spielen? Kaan Turhal hält wenig von dem Ansatz, junge Männer für den Wehrdienst einzuziehen: „Meine Generation hat schon früh im Leben viel durchgemacht: die Coronapandemie, Krieg in Europa, Rezession.“ Die Gen Z habe schlechtere Voraussetzungen für ein gutes Leben als frühere Generationen. „Uns jetzt noch die Verantwortung für die militärische Verteidigung aufzubürden, halte ich für problematisch“, so der Student. Er plädiert dafür, den Wehrdienst weiterhin auf freiwilliger Basis zu belassen und gesellschaftliche Dienste wie das Freiwillige Soziale Jahr oder das Europäische Solidaritätskorps, ein Freiwilligendienst im europäischen Ausland, stärker zu fördern. „In meinem Umfeld nehme ich durchaus eine Bereitschaft für diese Art von Diensten wahr. Wenn Behörden Musterungsbögen per Post verschicken können, dann sollte es auch möglich sein, für andere Konzepte zu werben.“ Auch die 31-jährige Kürzdörfer findet einen gesellschaftlichen oder militärischen Dienst für alle sinnvoll: „Ein solcher Dienst fördert das Verantwortungsgefühl und sollte alle Generationen in die Pflicht nehmen – nicht nur junge Menschen.“
Was bleibt von der Münchner Sicherheitskonferenz?
„The house always wins“, sagt Kaan Turhal am Ende des Gespräches. Der Satz begleitet ihn, seitdem ihn eine Journalistin auf einem Panel zu russischer Desinformation gesagt hat. „Das Kasino legt die Regeln des Spiels fest und hat deshalb immer einen Vorteil.“ Genauso sei es bei den hybriden russischen Angriffen: „Putin bestimmt die Mittel, den Zeitpunkt und die Intensität seiner Angriffe, Europa reagiert nach wie vor nur.“ Die EU müsse aus dieser Position herauskommen und proaktiver handeln, sagt der Politikstudent. Ein Eindruck, der auch das Fazit der MSC prägt: Dort heißt es, die internationale Ordnung sei je nach Perspektive „zerbrochen“ oder zumindest „angeschlagen“. Ob Europa wirklich entschlossener handeln könne, entscheide sich schon jetzt – in Grönland und in der Ukraine.
Nora Kürzdörfers Highlight war der Auftritt von Ngozi Okonjo-Iweala. Die Statements der Generaldirektorin der Welthandelsorganisation seien ihr aufgefallen, weil sie besonders zukunftsgewandt seien. „Anstatt ständig zu lamentieren, was nicht läuft, sollten wir uns fragen, wie wir eine regelbasierte Ordnung der Welt erhalten und mitgestalten können“, so Kürzdörfer. Sicherheit sei dabei längst nicht mehr nur Aufgabe des Staates, ergänzt sie. „Sicherheit ist heute eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Wie das funktionieren könne, zeige das finnische Konzept der „Comprehensive Security“, der ganzheitlichen Sicherheit. Es bedeutet, dass der Staat, aber auch Unternehmen und alle Bürger*innen Verantwortung tragen und sich koordiniert auf Krisen vorbereiten. Kürzdörfer: „Ich hoffe, dass wir uns in Europa – und in der Welt – Schritt für Schritt in diese Richtung bewegen.“
Münchner Sicherheitskonferenz
Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) ist das weltweit führende Forum für Debatten zu internationaler Sicherheitspolitik. Sie bietet eine Plattform für diplomatische Initiativen und Ansätze, um den drängendsten Sicherheitsrisiken der Welt zu begegnen.
securityconference.org