Mit Hoffnung anstecken: Warum Sahra Rezaie sich einmischt

Mit Hoffnung anstecken: Warum Sahra Rezaie sich einmischt
Autorin: Joy Keiser 23.06.2026

Für Sahra Rezaie war die meet!-Mercator Europa Tour ein wichtiger Schritt, um sich selbst überhaupt in der internationalen Politik zu sehen. Heute vertritt sie als deutsche Jugenddelegierte junge Stimmen bei den Vereinten Nationen – und möchte die Hoffnung, Gemeinschaft und politische Teilhabe, die sie selbst erfahren hat, an andere weitergeben. Vor allem aber will Sahra junge Menschen dazu ermutigen, sich einzumischen.

Als Sahra Rezaie das erste Mal einen ehemaligen Jugenddelegierte der Vereinten Nationen trifft, wirkt diese Welt auf sie weit entfernt. Zu groß, zu international, zu weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit. Sahra ist damals gerade dabei, sich in politische Bildungsarbeit und Menschenrechtsaktivismus hineinzufinden. Dass sie selbst einmal für Deutschland nach New York reisen, bei den Vereinten Nationen sprechen und junge Menschen politisch vertreten würde, scheint ihr unvorstellbar. „No way, could never be me“, denkt sie damals.

Zwischen Menschenrechten und Hoffnung

Thomas Trutschel/AA/photothek.de
Sahra trifft Bundesaussenminister Johann Wadephul © Thomas Trutschel/AA/photothek.de
Sahra bei den Vereinten Nationen © privat

Heute sitzt die 23-Jährige regelmäßig in internationalen politischen Gesprächsrunden, organisiert Workshops zu Jugendbeteiligung und spricht mit jungen Menschen darüber, warum ihre Perspektiven wichtig sind. Als UN-Jugenddelegierte vertritt sie die Interessen junger Menschen in Deutschland auf internationaler Ebene. Dabei versucht sie vor allem, Politik zugänglich und nahbar zu machen. Denn genau das hat ihr selbst lange gefehlt.

Aufgewachsen ist Sahra als jüngste von fünf Geschwistern. Ihre Eltern kamen um die Jahrtausendwende aus Afghanistan nach Deutschland, ihre Geschwister wurden noch dort geboren, sie selbst als Einzige in Deutschland. Politik spielte in ihrer Familie lange kaum eine Rolle. „Meine Eltern sind nie zur Schule gegangen“, erzählt sie. Gesellschaftliche Debatten oder internationale Politik seien zuhause keine alltäglichen Themen gewesen. Als Jugendliche hätte sie vermutlich gesagt, sie sei nicht politisch. Heute sieht sie das anders. Menschenrechte, Ungleichheit, Fragen von Zugehörigkeit und Solidarität waren schon immer Themen, die ihr wichtig waren – nur hat sie diese früher nicht in der Sprache von Politik und ihren Institutionen gedacht.

Etwas bewegen, Gespräch für Gespräch

Ihr Weg zum aktiven Engagement für diese Themen hat sich dabei eher zufällig ergeben – ursprünglich wollte Sahra nach dem Abitur Zahnmedizin studieren. Für die Übergangszeit hat sie nach einem Nebenjob gesucht und stieß dabei auf eine Fundraising-Stelle bei Amnesty International.

Straßen-Fundraising kannte sie bis dahin nicht einmal. „Ich war einfach nur 18 und dachte: Oh mein Gott, ich kann für die weltweit größte Menschenrechtsorganisation arbeiten“, erinnert sie sich lachend. Die Gespräche auf der Straße verändern schnell ihren Blick auf sich selbst, und auf was sie bewegen kann. Plötzlich merkt sie, dass sie Menschen mit ihren Herzensthemen erreicht. „Ich dachte immer, ich brauche acht Abschlüsse und einen perfekten Lebenslauf, um etwas zu bewegen“, sagt sie. „Und dann stehst du da einfach und merkst: Wenn ich mit Leuten rede, löst das etwas in Ihnen aus.“

Aus dem Fundraising werden Team-Leads, Kampagnenschulungen, ehrenamtliches Engagement und politische Bildungsarbeit. Später studiert Sahra doch Politik, Soziologie und Medien- und Kommunikationswissenschaften in Düsseldorf während sie sich weiter bei Amnesty International engagiert.

© Stevy Hochkeppel

Hoffnung ist irgendwie ansteckend. Und ich glaube, ich stecke einfach sehr gerne mit Hoffnung an.

Sahra Rezaie

Engagement beginnt nicht erst in New York

Heute ist es Sahra besonders wichtig, jungen Menschen zu vermitteln, was sie selbst in Straßen-Gesprächen erfahren hat: dass Engagement und politische Beteiligung nicht erst in Parlamenten oder bei den Vereinten Nationen beginnt. Als eine von zwei deutschen Jugenddelegierten der UN repräsentiert sie die deutsche Jugend in der internationalen Politik. Der Großteil ihrer Arbeit findet dabei jedoch nicht auf den großen politischen Weltbühnen oder in New York statt, sondern in Klassenzimmern und lokalen Vereinen bei Politik-Workshops in ganz Deutschland. In ihrem Format „Vereinte Nationen – Checkst du?“ wollen sie und ihre Co-Delegierte internationale Politik für Jugendliche greifbar machen und sprechen mit ihnen über Beteiligung, Demokratie, Zukunftsängste – und warum ihre Perspektiven wertvoll sind.

„Unser Ziel war es immer, jungen Menschen das Gefühl zu geben, dass sie Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealität sind“, sagt Sahra über die Workshops. Denn für sie beginnt Engagement bereits damit, etwas im eigenen Alltag bewegen zu wollen. Sie erzählt von Jugendlichen, die in ihren Workshops zum ersten Mal das Gefühl bekommen haben, dass ihre Sorgen politisch relevant sind, dass sie positiv zu ihrem Umfeld beitragen können – sei es dadurch, in der eigenen Schule gegen Mobbing zu mobilisieren, oder sich für eine neue Buslinie einzusetzen. „Hoffnung ist irgendwie ansteckend“, sagt sie strahlend. „Und ich glaube, ich stecke einfach sehr gerne mit Hoffnung an.“

In ihren Workshops will Sahra Jugendlichen zeigen, was die Vereinten Nationen für sie tun können, und wie politische Beteiligung in ihren Alltag passt. © privat

Sichtbar sein, heißt angreifbar sein

Besonders wichtig ist Sahra bei ihrer Arbeit, Räume für Menschen zu schaffen, die sich in politischen Strukturen oft nicht gesehen fühlen. Als junge Frau mit Hijab kennt Sahra das Gefühl, unterschätzt oder auf ihr Aussehen, ihre Migrationsgeschichte reduziert zu werden. Immer wieder spürt sie den Druck, gleichzeitig repräsentieren und funktionieren zu müssen, das Gefühl, ständig eine Projektionsfläche zu sein. „Ich wünsche mir, dass im Jahr 2026 diese Gespräche nicht immer noch auf meinem Rücken stattfinden müssen“, sagt sie.

Sahra spricht offen über Hass im Netz, Sexismus, Abschiebefantasien in Kommentarspalten, die alle nicht spurlos an ihr vorbeigehen. Sichtbarkeit bedeutet für sie nicht nur Repräsentation, sondern auch Verantwortung und eine Form von Belastung, die sie nie ablegen kann. Doch gerade deshalb will sie am Ball bleiben: ihre Arbeit mache ihr wirklich viel Spaß, „aber es ist eben auch eine Form von Existenzsicherung.“, erklärt sie. „Es ist eine Art, damit umzugehen, dass wir in den Strukturen, in denen wir leben nicht immun sind gegen solche Diskriminierungsformen.“

Sahra weiß, dass nicht jede*r die gleichen Chancen bekommt wie sie selbst. Vieles sei auch Glück gewesen: Menschen, die ihr vertraut haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, und Begegnungen, die ihr neue Wege öffneten. Dass sie trotzdem hart gearbeitet hat, lässt sie dabei nicht unter den Tisch fallen. © privat

Trotzdem sieht sie gerade in ihrer Sichtbarkeit auch etwas Wichtiges. Oft denkt sie an ihr jüngeres Ich zurück und daran, wie viel es ihr bedeutet hätte, Menschen mit ähnlichen Erfahrungen in politischen Rollen zu sehen. „Boah, hätte ich mich gefreut, wenn ich eine Jugenddelegierte mit Hijab gesehen hätte“.

Politische Räume öffnen

Dabei musste Sahra erstmal erkennen, dass sie selbst in internationaler Politik mitmischen kann. Auch durch die meet! – Mercator Europa Tour ist Sahra so richtig klar geworden, dass es für sie Wege in die Diplomatie gibt. Bei der meet!-Tour reisen junge Erwachsene für drei Wochen durch Europa, begegnen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und lernen internationale Organisationen kennen. Dabei spricht das Programm vor allem junge Leute an, die als Erste in ihrer Familie Abitur gemacht oder studiert haben.

Die verschiedenen Stationen des meet!-Programms mit den anderen „Meeties“ zusammen haben ihr gezeigt, dass es möglich ist mit politischen Entscheidungsträger*innen im selben Raum zu sitzen, ins Gespräch zu kommen, gehört zu werden. Das hätte sie sich bevor sie am meet!-Programm teilgenommen hat nicht so leicht vorstellen können. „Mich selbst in diesen Räumen zu sehen – das hat etwas mit meinem Selbstbewusstsein gemacht,“ erklärt sie.

Die Erfahrungen bei meet! haben Sahra ein Gefühl von Community gegeben, und eine Zukunft für sie und andere junge Menschen aus bildungsfernen Haushalten in der internationalen Politik greifbar gemacht. Immer wieder betont sie, wie wichtig Community für sie ist. Wenn Stress, Imposter-Gefühle und die Last, als junge Frau mit Hijab in einem männerdominierten Raum sichtbar zu sein sie herunterziehen, gibt ihr Umfeld ihr den Mut, weiterzumachen. © privat

Hoffnung als politische Praxis

Für ihre Zukunft hat Sahra viele Ideen, aber keinen starren Plan. Sie möchte weiter politische Bildungsarbeit machen, hat ein weiteres Jahr als erste „Senior Youth Delegate“ vor sich. Sie will politische Institutionen besser kennenlernen, weiter Menschenrechte stärken und Räume schaffen, in denen junge Stimmen ernst genommen werden. Räume, in denen junge Menschen sich etwas zutrauen können, auch wenn sie lange das Gefühl hatten, nicht gemeint zu sein – und damit Hoffnung weitergeben.

meet! – Mercator Europa Tour

Die meet! – Mercator Europa Tour ermöglicht jungen Menschen aus dem Ruhrgebiet einen vollfinanzierten dreiwöchigen Aufenthalt in Europa. Das Programm richtet sich an Auszubildende nach dem (Fach-)Abitur sowie Studierende, die internationale Tätigkeitsfelder kennenlernen möchten.

https://www.meet-europa.de/