Thinktanks: Wie aus Misstrauen Glaubwürdigkeit wird

Silhouette einer Person mit Megafon, gegenüber eine Gruppe bunter Profil-Silhouetten, Schallwellen zwischen ihnen.
Thinktanks: Wie aus Misstrauen Glaubwürdigkeit wird
Autorin: Simone Kamhuber 09.06.2026

Das Vertrauen in Institutionen schwindet: Etwa 60 Prozent der Menschen weltweit hegen mäßigen oder sogar großen Groll gegen Regierungen und Unternehmen. Das zeigt das Edelman Trust Barometer 2026. Thinktanks – unabhängige Forschungs- und Beratungsorganisationen – stehen damit vor einer großen Herausforderung. Sie wollen Brücken zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik bauen. Doch wie bleiben sie glaubwürdig? Darüber sprachen Anna Wohlfarth vom Berliner Tech-Thinktank interface und Onur Atay, Mitgründer der türkischen Stadtplanungsorganisation Urban.koop, mit AufRuhr bei der „On Think Tanks“-Konferenz im Mai in Marokko.

AufRuhr: Frau Wohlfarth, viele Menschen misstrauen Politik und Wirtschaft. Wie reagiert Ihr Thinktank interface darauf?

Anna Wohlfarth: Vertrauen in politische Entscheidungen setzt die Gewissheit voraus, dass diese Entscheidungen auch im Sinne des Gemeinwohls getroffen werden. Leider räumen Politiker*innen Unternehmen zu viel Macht und Gestaltungsspielraum ein, weil sie meinen, auf deren technologische und wirtschaftliche Expertise angewiesen zu sein. Diesem Vertrauensverlust setzt unser Thinktank unabhängige Analysen und Empfehlungen entgegen, die unterschiedliche Perspektiven aus Industrie, Zivilgesellschaft, Forschung und Politik zusammenbringen. So können wir das Narrativ aufbrechen, dass ausschließlich Unternehmen Erklärer und Gestalter von Technologie und Wirtschaft sein können.

Überpolitisierung führt dazu, dass Institutionen nicht mehr vertraut wird

Onur Atay, Urbanist sowie Mitgründer und Co-Direktor der gemeinnützigen Genossenschaft Urban.koop

Herr Atay, erleben Sie in der Türkei ein ähnliches Misstrauen?

Onur Atay: Definitiv. Ein zentrales Problem ist, dass fast alle Themen durch eine politische Linse betrachtet werden statt durch eine humanitäre oder entwicklungsorientierte. Diese Überpolitisierung führt dazu, dass Regionen nicht nach ihrem Bedarf, sondern entlang politischer Zugehörigkeiten versorgt werden. Das wiederum erzeugt Misstrauen gegenüber Institutionen, gerade auf kommunaler Ebene. Umso wichtiger werden Organisationen wie unsere als überparteiliche Vermittler zwischen den Menschen und lokalen Verwaltungen.

Wie sieht diese Vermittlerrolle aus?

Atay: Nach dem verheerenden Erdbeben von 2023 im Südosten der Türkei, bei dem über 50.000 Menschen ums Leben kamen, ist das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen stark gewachsen. In der betroffenen Region arbeiten wir heute mit 22 Kommunen in einem Projekt zusammen. Ziel sind Kooperationen zwischen Zivilgesellschaft und lokalen Verwaltungen. Die Zivilgesellschaft soll sich bei der strategischen Planung der Kommunen mehr einbringen können. So erfassen wir die Bedürfnisse der Menschen vor Ort, insbesondere von Frauen, Minderheiten, Kindern und Senior*innen. Außerdem entwickeln wir eine Open-Source-Plattform, die den Informationsaustausch beim Aufbau von Notunterkünften und bei der Zusammenarbeit nach Katastrophen fördert.

Inzwischen sitzen einige türkische Bürgermeister im Gefängnis. Mussten Sie Ihre Arbeitsweise entsprechend anpassen?

Atay: Ich arbeite noch immer mit einigen der kürzlich inhaftierten Bürgermeister zusammen. Aber unsere Organisation Urban.koop handelt strikt überparteilich. Dieser Ansatz muss sich auch in unserer Arbeit spiegeln: in der Diversität des Arbeitsumfeldes, der Bandbreite von Partner*innen mit unterschiedlichen politischen Ansichten und im Spektrum der behandelten Themen. Wir können es uns einfach nicht leisten, uns mit einer politischen Seite zu verfeinden.

Porträt von Onur Atay
© privat

Onur Atay ist Urbanist sowie Mitgründer und Co-Direktor der gemeinnützigen Genossenschaft Urban.koop. Das interdisziplinäre Kollektiv verbindet Disziplinen wie Stadtplanung, Architektur und Anthropologie, um Brücken zwischen der Zivilgesellschaft und lokalen Verwaltungen zu bauen. Zu den aktuellen Projekten gehört eine vergleichende Initiative zwischen Stadtteilen in Istanbul und Jakarta. Diese untersucht den lokalen Umgang mit der Ressource Wasser und möchte neue Impulse für eine partizipative Infrastruktur- und Stadtplanung setzen.

Frau Wohlfarth, gerade bei Themen wie KI und Digitalisierung herrscht viel Unsicherheit. Müssen Sie Ihre Kommunikation daran anpassen?

Wohlfarth: Nein, wir vertrauen weiterhin auf unsere Arbeit und Methodik, ohne auf emotionalisierte oder populistische Kommunikationsstrategien zu setzen. Unsere Zielgruppe sind vor allem Journalist*innen und politische Entscheider*innen. Wir führen Hintergrundgespräche mit der Bundesregierung und mit europäischen Institutionen. Unser Anspruch ist es, einfachen Antworten eine differenzierte, evidenzbasierte Sichtweise entgegenzusetzen. Ein Beispiel ist unsere Arbeit zu KI-Infrastruktur und deren Energieverbrauch. Das ist ein Thema, das viele Menschen verunsichert und mit dem sich Politiker*innen nicht genügend auseinandersetzen. In einer Studie haben wir aufgezeigt, wo Engpässe entstehen können, inwiefern sich neue KI-Rechenzentren von bisherigen unterscheiden und wie eine bessere Abstimmung zwischen Energie- und Technologiepolitik dabei helfen kann, Risiken frühzeitig zu adressieren.

Porträt von Anna Wohlfahrt
© privat

Anna Wohlfarth ist Geschäftsführerin des Thinktanks interface. Sie befasst sich unter anderem mit dem Schutz von Minderjährigen im Internet und analysiert die Wirksamkeit internationaler Regulierungskonzepte, etwa das Social-Media-Verbot in Australien. Ihre Arbeit unterstützt politische Entscheidungsträger*innen dabei, Plattform-Algorithmen verantwortungsvoll zu gestalten.

Sie treffen sich hier auf der OTT Conference mit Kolleg*innen aus der ganzen Welt. Was nehmen Sie aus diesem Austausch mit?

Wohlfarth: Thinktanks und zivilgesellschaftliche Institutionen stehen ja weltweit unter Druck: Wie können wir mit Blick auf technologische Entwicklungen und geopolitische Konflikte Demokratien stärken? Konferenzen wie die OTT sind da so etwas wie Selbsthilfegruppen: Sie befördern die Vernetzung, eröffnen Perspektiven und sorgen für gegenseitige Motivation.

Bunte Silhouetten mehrerer Personen im Profil, dazwischen Sprechblasen mit bunten Mosaikmustern.
Thinktanks können den gesellschaftlichen Diskurs durch fundiertes Wissen fördern. © Getty Images/stellalevi

Atay: Ich beobachte bei Veranstaltungen wie der OTT zudem, dass Politiker*innen allmählich unsere verschiedenen Disziplinen wahrnehmen – von der Stadtplanung und Architektur über Anthropologie bis hin zur Politikwissenschaft. Bei einer solchen Konferenz haben wir die Chance, unsere Stimme einzubringen und zu zeigen, dass auch ein Bereich wie Stadtplanung relevant ist. Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Kürzlich haben wir in Istanbul ein Forum veranstaltet, bei dem eine Sprecherin einer europäischen Demokratieorganisation zu Gast war. Sie sagte etwas, das mich wirklich beeindruckt hat: „Ich habe in über 60 Ländern gearbeitet – auch in vielen, die man nicht als demokratisch bezeichnen würde. Und doch habe ich dort demokratische Praktiken erlebt, und zwar auf Nachbarschafts-, Dorf- und Stadtebene.“ Das zeigt für mich: Demokratie wird von vielen Akteur*innen auf vielen Ebenen gelebt. Demokratie ist eine Haltung, eine Praxis im Alltag. Und überparteiliche Thinktanks wie wir machen diese Praxis sichtbar.

Wohlfarth: Wir können das Vertrauen in Thinktanks und die Demokratie stärken, indem wir konsequent bei unserer Kernaufgabe bleiben: Forschungsergebnisse faktenbasiert für die Öffentlichkeit zu übersetzen. Gerade in unsicheren Zeiten ist das unsere stärkste Antwort.


On Think Tanks

On Think Tanks (OTT) ist ein globales Beratungsunternehmen, das Forschungsinstitute, Stiftungen, Regierungen und andere Organisationen unterstützt, fundierte Entscheidungen zu treffen. OTT schafft für Menschen, die in, mit oder zur Finanzierung von Thinktanks arbeiten, einen Raum, in dem sie sich vernetzen und sich austauschen können.
Die Stiftung Mercator fördert das On Think Tanks Programme, das auch die OTT Conference beinhaltet.
www.onthinktanks.org