Von Gelsenkirchen aus zur UN: „Ich gehöre in diese Räume“
Samet Beşyaprak besuchte früher die Hauptschule. Heute ist er der erste Akademiker in seiner Familie und vertrat im März als Deutscher Jugenddelegierter zur UN-Frauenrechtskommission in New York die Perspektiven Millionen junger Menschen. Sein Weg auf das internationale Parkett war nicht vorgezeichnet. Im Gespräch mit AufRuhr erzählt er, wie das meet!-Programm ihm den Mut gab, über sich hinauszuwachsen.
Ein Tag im März. Samet Beşyaprak ist zum dritten Mal in seinem Leben in New York – und zum ersten Mal im Büro der Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen: bei Annalena Baerbock. Gemeinsam mit der weiteren Jugenddelegierten Ezgi Gülistan Gül begleitet er die Bundesbildungs- und Familienministerin Karin Prien zu einem bilateralen Gespräch. Die beiden dürfen nicht nur mithören, sondern Baerbock auch selbst Fragen stellen.
Der 25-jährige Student ist in diesem Frühling als einer von zwei Jugenddelegierten aus Deutschland zur UN-Frauenrechtskommission nach New York gereist. Monatelang hatte er sich gemeinsam mit Ezgi auf die zweiwöchige Konferenz vorbereitet, Texte gelesen und mit jungen Menschen gesprochen. „Mein Wunsch war es immer, mit am Tisch zu sitzen“, sagt er.
Samet Beşyaprak ist Bildungsaktivist und Erziehungswissenschaftler. Gemeinsam mit Ezgi Gülistan Gül wurde er zum Jugenddelegierten zur 70. UN-Frauenrechtskommission ernannt, um sich international für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen. Im Jahr 2022 war er Stipendiat der meet! – Mercator Europa Tour.
Einige Monate später sitzt Samet Beşyaprak in einer kleinen Wohnung in Kairo. Er absolviert dort gerade ein dreimonatiges Praktikum beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, kurz DAAD. Die ersten Wochen waren fordernd: Er musste in der kurzen Zeit schon mehrfach die Wohnung wechseln und hatte mit Bettwanzen zu kämpfen. „Kairo hat zwischendurch wirklich meine komplette Resilienz aufgebraucht“, sagt Samet und lacht. Vor zehn Jahren hätte er sich kaum vorstellen können, in Ägypten einmal über Stationen in Zürich und Genf, Brüssel und New York zu sprechen. Absurd wäre das gewesen. Vieles von dem, was heute zu seinem Leben gehört, hätte er sich früher nicht einmal zu erträumen gewagt.
Mut zum Umweg
Aufgewachsen ist Samet in Gelsenkirchen, in einem Stadtteil, den viele mit Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit verbinden. Manches davon kennt er aus seiner eigenen Biografie. Als Kind kam sein Vater 1972 aus Zentralanatolien nach Deutschland und arbeitete seit seinem 16. Lebensjahr unter Tage. Seine Mutter war in niedrig entlohnten systemrelevanten Berufen tätig. Beide erkrankten später, auch infolge ihrer Arbeit.
Für Samet und seine beiden Brüder war das Geld oft knapp. „Aber es war nun mal Teil unserer Realität, dass wir für bestimmte Dinge einfach weniger Ressourcen hatten“, sagt er. Seine Eltern versuchten immer, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.
Samet kam nach der Grundschule zunächst auf die Hauptschule. Er empfand das als Scheitern – auch weil ihm zu der Zeit nicht bewusst war, dass die Schulform nicht über den weiteren Bildungsweg entscheiden muss. Und der Wechsel auf eine Gesamtschule gelang ihm. Samet machte Abitur, anschließend begann er in Bochum ein Lehramtsstudium in Englisch und Erziehungswissenschaft. Die Arbeit an Grundschulen zeigte ihm, dass ihn weniger das Unterrichten selbst interessierte als die Frage, wie Bildung Lebenschancen eröffnet und wie ungleiche Bildungschancen die soziale Ungleichheit verfestigen. Er entschied sich, vollständig in den Studiengang Erziehungswissenschaft zu wechseln und damit auch auf eine sichere Lehramtslaufbahn mit möglicher Verbeamtung zu verzichten. Ein mutiger Schritt.
Das meet!-Programm: neue Menschen, neue Möglichkeiten
Beim DAAD in Kairo unterstützt Samet ein Projekt zum Wissenschaftsaustausch mit Fokus auf den Nahen Osten und Nordafrika. Internationale Erfahrungen zu sammeln, sei ihm schon lange wichtig gewesen: „Kairo ist für mich ein superspannender Standort. Ich habe schon viel zu Migration und Flucht in der MENA-Region (Middle East and North Africa) gearbeitet.“
Der Weg hinaus in die Welt begann für Samet 2022. Die NRW-Talentscouts machten ihn auf das meet!-Programm aufmerksam und unterstützten ihn bei der Bewerbung. Für Samet waren sie Pat*innen: Menschen, die ihm Wege aufzeigten, die er noch nicht kannte. Mit meet! reiste Samet nach Zürich, wo er mit anderen jungen Menschen über europäische Fragen ins Gespräch kam. In Genf besuchte die Gruppe die Vereinten Nationen, in Brüssel hospitierte Samet am Goethe-Institut und bekam einen ersten Eindruck von der Arbeit in internationalen Organisationen. Eine Person, die ihm besonders in Erinnerung geblieben ist, war Kareem Bayo von der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf. Bayos bodenständige Art und ihr ähnlicher Hintergrund hätten ihn ermutigt, sich selbst eine solche Position bei der UN zuzutrauen, erzählt Samet. „meet! hat mir geholfen, neue Visionen für meine berufliche Zukunft zu bekommen.“ Aus dem Besuch in Genf wurde ein konkreter Wunsch: „Ich wusste, dass ich wieder zu den Vereinten Nationen möchte“, sagt er. „Als ehemaliger Hauptschüler, als Gelsenkirchener.“
Bei der UN für Millionen junge Menschen sprechen
Aus dem Wunsch ist schließlich ein Mandat geworden: Im vergangenen Jahr war Samets Bewerbung als Jugenddelegierter zur UN-Frauenrechtskommission erfolgreich. Jugenddelegierte bringen die Perspektiven junger Menschen in internationale politische Prozesse ein. Hierfür sprechen sie mit Jugendlichen in ihrem Heimatland, sammeln ihre Anliegen und tragen sie schließlich in die Sitzungen und Diskussionen der Vereinten Nationen. Als er im März in New York ankam, machte sich große Vorfreude breit, dass ein lang gehegter Wunsch endlich in Erfüllung geht: „Ich bin wirklich hier!“ Gleichzeitig wurde ihm die große Verantwortung seines Postens bewusst: „Kann ich gemeinsam mit Ezgi die Anliegen von 8,3 Millionen jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren angemessen vertreten? Es war ein echtes Emotionskarussell“, erinnert er sich.
Gut vorbereitet hatten sich die beiden: In persönlichen Gesprächen, Workshops und digitalen Formaten sammelten Samet und Ezgi im Vorfeld die Themen, die ihre Generation in Deutschland bewegt. Vor der Frauenrechtskommission sprachen sie schließlich über die Hürden, die Frauen und Mädchen daran hindern, ihre Rechte tatsächlich wahrzunehmen: über Armut, fehlendes Wissen über die eigenen Rechte sowie Rechtssysteme, die Diskriminierung nicht abbauen, sondern strukturell fortführen. „Ich war supernervös. Auf der anderen Seite war mir aber klar, dass wir den Moment nutzen müssen“, sagt Samet.
Die Erfahrung, vor einer UN-Kommission zu sprechen, hat Samet darin bestätigt, auf dem internationalen Parkett tätig sein zu wollen. Und doch hat sie ihn auch ein Stück weit ernüchtert: Manchmal sei nicht nach der Expertise junger Delegierter gefragt worden, sondern vor allem nach einem kurzen Moment für Social Media, meint er. Gerade deshalb sei seine Überzeugung gewachsen: „Ich muss in diese Räume, und ich gehöre in diese Räume – weil ich die Expertise habe, dort wirklich etwas zu bewirken.“
Im Oktober wird Samet für den Master in Erziehungswissenschaften nach Berlin ziehen. Danach möchte er weiter international arbeiten: „Am liebsten bei den Vereinten Nationen, der EU-Kommission oder der UNESCO.“
meet! – Mercator Europa Tour
Die meet! – Mercator Europa Tour ermöglicht jungen Menschen aus dem Ruhrgebiet einen vollfinanzierten dreiwöchigen Aufenthalt in Europa. Das Programm richtet sich an Auszubildende nach dem (Fach-)Abitur sowie Studierende, die internationale Tätigkeitsfelder kennenlernen möchten. Wir freuen uns insbesondere über Bewerbungen von jungen Erwachsenen, die verschiedene Lebenserfahrungen mitbringen: sei es durch ein nicht akademisch geprägtes Umfeld und /oder als Erste in ihren Familien das Abitur erreicht haben oder studieren, chronischen Erkrankungen, Flucht- und Migrationsgeschichte, Erfahrungen mit Rassismus, Antisemitismus oder weiteren Diskriminierungs- und Marginalisierungserfahrungen.
Die nächste Bewerbungsphase beginnt im Frühjahr 2027.