Thinktanks: Globale Perspektiven treffen auf lokale Realitäten

Thinktanks: Globale Perspektiven treffen auf lokale Realitäten
Autor: Felix Jung Bilder: Johann Rynners 12.08.2025

Noch immer dominieren Denk­fabriken aus dem Globalen Norden die inter­nationale Wissens­produktion: Sie sind sichtbar, gut vernetzt, finanziell privilegiert. Die OTT (On Think Tanks) Conference 2025 in Johannes­burg setzte dem etwas entgegen: Mehr als 170 Expert*innen aus 40 Ländern kamen Mitte Juni zusammen, um die Bedingungen zu verändern, unter denen Wissen entsteht, wirkt und ernst genommen wird. AufRuhr hat Enrique Mendizabal, den Gründer der Initiative On Think Tanks, und Konferenz­teil­nehmerin Cathleen Bochmann vom Verein Aktion Zivil­courage getroffen.

Johannesburg. Die terrakotta­farbenen Mauern der GIBS Business School leuchten in der süd­afrikanischen Winter­sonne, als die Teil­nehmer*innen der OTT Conference am 17. und 18. Juni in die Konferenz­säle der Hochschule strömen. Unter ihnen Think­tanker*innen, zivil­gesellschaftliche Akteur*innen, Vertreter*innen von Stiftungen und NGOs. Sie alle verbindet eine große Frage: Wie kann Wissen in Wirkung über­setzt werden – in Zeiten wachsender Unsicherheit, bröckelnder Demokratien und schrumpfender Forschungs­budgets?

OTT-Gründer Enrique Mendizabal tauscht sich hierzu am Rande der Konferenz mit Cathleen Bochmann, Referentin des Vereins Aktion Zivil­courage, aus. „Wir nutzen die Konferenz, um über Vertrauen und neue Allianzen zu sprechen. Und darüber, wie wir die Arbeit von Think­tanks unter veränderten Bedingungen neu angehen müssen“, so Mendizabal, der gebürtiger Peruaner ist. Lokale Realitäten treffen auf der OTT Conference auf globale Strukturen: Während Bochmann in ost­deutschen Klein­städten gegen die gesellschaftliche Spaltung kämpft, stellt Mendizabal Fragen zur globalen Förder­logik der Wissens­produktion.

Enrique Mendizabal
© Johann Rynners

Enrique Mendizabal ist Gründer und Direktor der Initiative On Think Tanks (OTT). Seit zwei Jahr­zehnten beschäftigt er sich mit der Rolle von Thinktanks in der inter­nationalen Politik. Mit OTT schafft er Plattformen für Wissens­gerechtigkeit und setzt sich dafür ein, dass Expertise aus dem Globalen Süden mehr Sicht­bar­keit und Einfluss bekommt.

„Demokratie braucht den Dialog“: die lokale Perspektive von Cathleen Bochmann

Für Bochmann ist eine internationale Bühne wie in Johannes­burg nicht alltäglich. Mit Aktion Zivil­courage bietet sie Dialog­formate für Gemeinden an, die mit Demokratie­feindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung konfrontiert sind. Ihr Ziel ist es, komplexe Debatten verständlich zu machen und Menschen zu befähigen, sich für ein demokratisches Miteinander stark­zu­machen. Ihre Arbeit findet normaler­weise in kleinen Kommunen, Dorf­gemeinschaften oder den Büros von Bürger­meister*innen statt. Und doch ist sie genau deshalb hier. „Die OTT Conference sucht nach Wegen, wie sich drängende Probleme von Politik und Gesellschaft lösen lassen. Wir docken mit unserem Projekt DiAs (Dialog stärken) und unserer Expertise an diesem Ansatz an. Denn auch globale Heraus­forderungen müssen letztlich auf lokaler Ebene über­wunden werden“, so Bochmann. Bisher würden wissenschaftliche Empfehlungen von Thinktanks jedoch oft auf Bundes­ebene stecken­bleiben, sie hätten wenig Anknüpfungs­punkte für Bürger­meister*innen kleinerer Ortschaften. Diese Lücke zwischen politischer Theorie und kommunaler Wirklichkeit kritisiert Bochmann, die sich in ihrer Arbeit mit rechts­extremen Bewegungen in ländlichen Regionen beschäftigt. „In vielen Strategie­papieren steht nichts darüber, wie sich die Veränderungen konkret auf das soziale Gefüge vor Ort auswirken. Da wird selten bedacht, dass ein*e Bürger­meister*in in einer struktur­schwachen Region mit einem kleinen Team und wenig Ressourcen gegen organisierte Wider­stände ankämpfen muss“, sagt die Referentin.

Dr. Cathleen Bochmann
© Johann Rynners

Dr. Cathleen Bochmann arbeitet als Referentin beim Verein Aktion Zivil­courage in Pirna in Sachsen. Die promovierte Politik­wissenschaftlerin entwickelt Dialog­formate für Gemeinden, die mit Demokratie­feindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung konfrontiert sind. Ihr Ziel ist es, komplexe Debatten verständlich zu machen und Menschen zu befähigen, sich für ein demokratisches Miteinander stark­zu­machen.

Um solchen Herausforderungen zu begegnen, setzt ihr Team seit mittler­weile zehn Jahren auf Bürger*innen­dialoge. Mit Formaten, die Debatten ermöglichen, ohne die Teil­nehmer*innen zu über­fordern, die Identifikation und Mitgestaltung ermöglichen. „Um Menschen zu erreichen, braucht es gute Dialog­formate“, sagt Bochmann. So arbeitet ihr Team etwa mit Forschungs­ergebnissen wie den „6 gesellschaftlichen Typen“, um Perspektiv­wechsel zu trainieren: Wie würde eine enttäuschte Allein­erziehende über die Energie­wende sprechen? Was denkt eine progressiv-urbane Zielgruppe über Erinnerungs­kultur? Wer solche Perspektiv­wechsel beherrscht, kann auch im praktischen Engagement besser durchstarten, so Bochmann. „Für uns beginnt Impact dort, wo Menschen Verantwortung füreinander über­nehmen: in Schulen, in Rathäusern, in Vereinen.“

Wie können lokale Thinktanks künftig besser zusammenarbeiten? Drei Teilnehmer*innen der Konferenz im Gespräch. © Johann Rynners
Eine Konferenzteilnehmerin macht sich Notizen während eines Talks im Hauptsaal der GIBS Business School. © Johann Rynners

Welches Wissen zählt oder unsichtbar bleibt: die globale Perspektive von Enrique Mendizabal

Mendizabal bewegt sich seit Jahren auf der Metaebene von Wissens­politik. Doch auch er stellt grundlegende Fragen: Wer entscheidet eigentlich, welches Wissen zählt? Noch immer flössen über­proportional viele Förder­gelder, die für internationale Entwicklung oder Forschung im Zusammen­hang mit dem Globalen Süden vorgesehen seien, an Institutionen in Europa oder in den USA, sagt Mendizabal. „Das hat nichts mit Qualität zu tun, sondern mit struktureller Ungleichheit“, kritisiert er. Latein­amerika, Afrika und Süd­ost­asien verfügten eben­falls über exzellente Thinktanks, „doch oft fehlen ihnen die Ressourcen, um auf globaler Bühne sichtbar zu sein“, so der Thinktank-Experte.

Bei uns treffen sich Thinktanks auf Augen­höhe. Nicht ihre Größe oder Herkunft zählen, sondern das, was sie beitragen.

Enrique Mendizabal

Zum mittlerweile neunten Mal hat er die OTT Conference bewusst als Gegen­modell auf­gezogen: „Ich habe damals auf die Art und Weise reagiert, wie andere Thinktank-Konferenzen zu dieser Zeit organisiert wurden. Allzu oft drehten sie sich aus­schließlich um den Gastgeber oder Veranstalter. Die Teilnehmer*innen fühlten sich daher nicht frei, sich offen und ehrlich zu äußern.“ Mit seinem Format habe er einen neuen Raum für Diskussionen geschaffen: „Bei uns treffen sich Thinktanks auf Augenhöhe. Nicht ihre Größe oder Herkunft zählen, sondern das, was sie beitragen.“ Wie Bochmann beobachtet auch er den Anstieg autoritärer Strömungen, allerdings in Weltregionen außerhalb Europas. Während Bochmann in ihrem ländlichen Umfeld erlebt, wie der Rechtsextremismus im Kleinen wächst und die wissenschaftliche Legitimation unterwandert, widersteht Mendizabal dem Reflex, autoritäre Regime pauschal als anti­intellektuell abzutun: „Eine demokratische Krise geht mit der Unter­drückung akademischer Fach­kompetenz einher. Aber Saudi-Arabien, China und Singapur sind Länder, in denen das Regime Fakten – und Thinktanks – einen festen Platz eingeräumt hat.“

Für Perspektivwechsel wie diesen sei die OTT Conference da, so Mendizabal. „Impact entsteht nicht durch Sichtbarkeit allein. Sondern durch die Fähigkeit, zwischen Akteuren, und Systemen Brücken zu bauen“, erklärt er. Was es für mehr Gerechtigkeit in der globalen Wissens­arbeit braucht? „Räume, in denen echte Pluralität nicht nur behauptet, sondern praktiziert wird. Und die Bereitschaft, globale Macht­verhältnisse zu hinter­fragen – auch in der Förder­logik“, meint Mendizabal.

Die OTT Conference zeigt: Zwischen dem ländlichen Sachsen und globalen Macht­zentren wie Riad oder Peking liegen Welten. Und doch teilen Bochmann und Mendizabal eine Über­zeugung: Wirklicher Wandel entsteht nicht allein durch Expertise oder Einfluss, sondern durch die Bereitschaft, zuzuhören, sich zu hinter­fragen und neue Allianzen zu schmieden. Ob in Gemeinde­hallen oder auf inter­nationalen Bühnen: Wissen entfaltet seine Wirkung erst dann, wenn es gemeinsam genutzt wird.

Die nächste OTT Conference findet vom 19. bis 21. Mai 2026 in Rabat, der Haupt­stadt von Marokko statt. Alle Informationen sowie den Link zur Anmeldung gibt es hier: onthinktanks.org/conference/ott-conference-2026/


On Think Tanks

On Think Tanks (OTT) ist ein globales Beratungs­unternehmen, das die fundierte Entscheidungs­findung von Forschungs­instituten, Stiftungen, Regierungen und anderen Organisationen unter­stützt. OTT schafft für Menschen, die in, mit oder zur Finanzierung von Thinktanks arbeiten, einen Raum, in dem sie sich vernetzen und sich aus­tauschen können.
Die Stiftung Mercator fördert das On Think Tanks Programme, das auch die OTT Conference beinhaltet. Eine Delegation von Mitgliedern des Alumni­netz­werkes der Stiftung konnte so an der OTT Conference 2025 teilnehmen.
onthinktanks.org