Thinktanks: Globale Perspektiven treffen auf lokale Realitäten
Noch immer dominieren Denkfabriken aus dem Globalen Norden die internationale Wissensproduktion: Sie sind sichtbar, gut vernetzt, finanziell privilegiert. Die OTT (On Think Tanks) Conference 2025 in Johannesburg setzte dem etwas entgegen: Mehr als 170 Expert*innen aus 40 Ländern kamen Mitte Juni zusammen, um die Bedingungen zu verändern, unter denen Wissen entsteht, wirkt und ernst genommen wird. AufRuhr hat Enrique Mendizabal, den Gründer der Initiative On Think Tanks, und Konferenzteilnehmerin Cathleen Bochmann vom Verein Aktion Zivilcourage getroffen.
Johannesburg. Die terrakottafarbenen Mauern der GIBS Business School leuchten in der südafrikanischen Wintersonne, als die Teilnehmer*innen der OTT Conference am 17. und 18. Juni in die Konferenzsäle der Hochschule strömen. Unter ihnen Thinktanker*innen, zivilgesellschaftliche Akteur*innen, Vertreter*innen von Stiftungen und NGOs. Sie alle verbindet eine große Frage: Wie kann Wissen in Wirkung übersetzt werden – in Zeiten wachsender Unsicherheit, bröckelnder Demokratien und schrumpfender Forschungsbudgets?
OTT-Gründer Enrique Mendizabal tauscht sich hierzu am Rande der Konferenz mit Cathleen Bochmann, Referentin des Vereins Aktion Zivilcourage, aus. „Wir nutzen die Konferenz, um über Vertrauen und neue Allianzen zu sprechen. Und darüber, wie wir die Arbeit von Thinktanks unter veränderten Bedingungen neu angehen müssen“, so Mendizabal, der gebürtiger Peruaner ist. Lokale Realitäten treffen auf der OTT Conference auf globale Strukturen: Während Bochmann in ostdeutschen Kleinstädten gegen die gesellschaftliche Spaltung kämpft, stellt Mendizabal Fragen zur globalen Förderlogik der Wissensproduktion.
Enrique Mendizabal ist Gründer und Direktor der Initiative On Think Tanks (OTT). Seit zwei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Rolle von Thinktanks in der internationalen Politik. Mit OTT schafft er Plattformen für Wissensgerechtigkeit und setzt sich dafür ein, dass Expertise aus dem Globalen Süden mehr Sichtbarkeit und Einfluss bekommt.
„Demokratie braucht den Dialog“: die lokale Perspektive von Cathleen Bochmann
Für Bochmann ist eine internationale Bühne wie in Johannesburg nicht alltäglich. Mit Aktion Zivilcourage bietet sie Dialogformate für Gemeinden an, die mit Demokratiefeindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung konfrontiert sind. Ihr Ziel ist es, komplexe Debatten verständlich zu machen und Menschen zu befähigen, sich für ein demokratisches Miteinander starkzumachen. Ihre Arbeit findet normalerweise in kleinen Kommunen, Dorfgemeinschaften oder den Büros von Bürgermeister*innen statt. Und doch ist sie genau deshalb hier. „Die OTT Conference sucht nach Wegen, wie sich drängende Probleme von Politik und Gesellschaft lösen lassen. Wir docken mit unserem Projekt DiAs (Dialog stärken) und unserer Expertise an diesem Ansatz an. Denn auch globale Herausforderungen müssen letztlich auf lokaler Ebene überwunden werden“, so Bochmann. Bisher würden wissenschaftliche Empfehlungen von Thinktanks jedoch oft auf Bundesebene steckenbleiben, sie hätten wenig Anknüpfungspunkte für Bürgermeister*innen kleinerer Ortschaften. Diese Lücke zwischen politischer Theorie und kommunaler Wirklichkeit kritisiert Bochmann, die sich in ihrer Arbeit mit rechtsextremen Bewegungen in ländlichen Regionen beschäftigt. „In vielen Strategiepapieren steht nichts darüber, wie sich die Veränderungen konkret auf das soziale Gefüge vor Ort auswirken. Da wird selten bedacht, dass ein*e Bürgermeister*in in einer strukturschwachen Region mit einem kleinen Team und wenig Ressourcen gegen organisierte Widerstände ankämpfen muss“, sagt die Referentin.
Dr. Cathleen Bochmann arbeitet als Referentin beim Verein Aktion Zivilcourage in Pirna in Sachsen. Die promovierte Politikwissenschaftlerin entwickelt Dialogformate für Gemeinden, die mit Demokratiefeindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung konfrontiert sind. Ihr Ziel ist es, komplexe Debatten verständlich zu machen und Menschen zu befähigen, sich für ein demokratisches Miteinander starkzumachen.
Um solchen Herausforderungen zu begegnen, setzt ihr Team seit mittlerweile zehn Jahren auf Bürger*innendialoge. Mit Formaten, die Debatten ermöglichen, ohne die Teilnehmer*innen zu überfordern, die Identifikation und Mitgestaltung ermöglichen. „Um Menschen zu erreichen, braucht es gute Dialogformate“, sagt Bochmann. So arbeitet ihr Team etwa mit Forschungsergebnissen wie den „6 gesellschaftlichen Typen“, um Perspektivwechsel zu trainieren: Wie würde eine enttäuschte Alleinerziehende über die Energiewende sprechen? Was denkt eine progressiv-urbane Zielgruppe über Erinnerungskultur? Wer solche Perspektivwechsel beherrscht, kann auch im praktischen Engagement besser durchstarten, so Bochmann. „Für uns beginnt Impact dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen: in Schulen, in Rathäusern, in Vereinen.“
Welches Wissen zählt oder unsichtbar bleibt: die globale Perspektive von Enrique Mendizabal
Mendizabal bewegt sich seit Jahren auf der Metaebene von Wissenspolitik. Doch auch er stellt grundlegende Fragen: Wer entscheidet eigentlich, welches Wissen zählt? Noch immer flössen überproportional viele Fördergelder, die für internationale Entwicklung oder Forschung im Zusammenhang mit dem Globalen Süden vorgesehen seien, an Institutionen in Europa oder in den USA, sagt Mendizabal. „Das hat nichts mit Qualität zu tun, sondern mit struktureller Ungleichheit“, kritisiert er. Lateinamerika, Afrika und Südostasien verfügten ebenfalls über exzellente Thinktanks, „doch oft fehlen ihnen die Ressourcen, um auf globaler Bühne sichtbar zu sein“, so der Thinktank-Experte.
Bei uns treffen sich Thinktanks auf Augenhöhe. Nicht ihre Größe oder Herkunft zählen, sondern das, was sie beitragen.
Zum mittlerweile neunten Mal hat er die OTT Conference bewusst als Gegenmodell aufgezogen: „Ich habe damals auf die Art und Weise reagiert, wie andere Thinktank-Konferenzen zu dieser Zeit organisiert wurden. Allzu oft drehten sie sich ausschließlich um den Gastgeber oder Veranstalter. Die Teilnehmer*innen fühlten sich daher nicht frei, sich offen und ehrlich zu äußern.“ Mit seinem Format habe er einen neuen Raum für Diskussionen geschaffen: „Bei uns treffen sich Thinktanks auf Augenhöhe. Nicht ihre Größe oder Herkunft zählen, sondern das, was sie beitragen.“ Wie Bochmann beobachtet auch er den Anstieg autoritärer Strömungen, allerdings in Weltregionen außerhalb Europas. Während Bochmann in ihrem ländlichen Umfeld erlebt, wie der Rechtsextremismus im Kleinen wächst und die wissenschaftliche Legitimation unterwandert, widersteht Mendizabal dem Reflex, autoritäre Regime pauschal als antiintellektuell abzutun: „Eine demokratische Krise geht mit der Unterdrückung akademischer Fachkompetenz einher. Aber Saudi-Arabien, China und Singapur sind Länder, in denen das Regime Fakten – und Thinktanks – einen festen Platz eingeräumt hat.“
Für Perspektivwechsel wie diesen sei die OTT Conference da, so Mendizabal. „Impact entsteht nicht durch Sichtbarkeit allein. Sondern durch die Fähigkeit, zwischen Akteuren, und Systemen Brücken zu bauen“, erklärt er. Was es für mehr Gerechtigkeit in der globalen Wissensarbeit braucht? „Räume, in denen echte Pluralität nicht nur behauptet, sondern praktiziert wird. Und die Bereitschaft, globale Machtverhältnisse zu hinterfragen – auch in der Förderlogik“, meint Mendizabal.
Die OTT Conference zeigt: Zwischen dem ländlichen Sachsen und globalen Machtzentren wie Riad oder Peking liegen Welten. Und doch teilen Bochmann und Mendizabal eine Überzeugung: Wirklicher Wandel entsteht nicht allein durch Expertise oder Einfluss, sondern durch die Bereitschaft, zuzuhören, sich zu hinterfragen und neue Allianzen zu schmieden. Ob in Gemeindehallen oder auf internationalen Bühnen: Wissen entfaltet seine Wirkung erst dann, wenn es gemeinsam genutzt wird.
Die nächste OTT Conference findet vom 19. bis 21. Mai 2026 in Rabat, der Hauptstadt von Marokko statt. Alle Informationen sowie den Link zur Anmeldung gibt es hier: onthinktanks.org/conference/ott-conference-2026/
On Think Tanks
On Think Tanks (OTT) ist ein globales Beratungsunternehmen, das die fundierte Entscheidungsfindung von Forschungsinstituten, Stiftungen, Regierungen und anderen Organisationen unterstützt. OTT schafft für Menschen, die in, mit oder zur Finanzierung von Thinktanks arbeiten, einen Raum, in dem sie sich vernetzen und sich austauschen können.
Die Stiftung Mercator fördert das On Think Tanks Programme, das auch die OTT Conference beinhaltet. Eine Delegation von Mitgliedern des Alumninetzwerkes der Stiftung konnte so an der OTT Conference 2025 teilnehmen.
onthinktanks.org