Zwischen Krieg und Krisen: Wer kämpft noch für die Nachhaltigkeitsziele?

Drei Frauen präsentieren vor einem Publikum Ergebnisse zur Jugendbeteiligung und Nachhaltigkeit; auf einer Tafel steht „Von Wetten zu Taten“.
Zwischen Krieg und Krisen: Wer kämpft noch für die Nachhaltigkeitsziele?
Autorin: Simone Kamhuber 23.07.2026

„Die Klimakrise ist nicht der Elefant im Raum – es ist der Raum“, sagte die Klimaaktivistin Luisa Neubauer 2024 bei einer Rede in Frankfurt. Knapp zwei Jahre später behandeln Politiker*innen mit zunehmend populistischem Führungsstil das Thema Klimaschutz wie eine nervige Mücke. Bleibt Nachhaltigkeit heute also wieder stärker auf der Strecke? Auf der Hamburg Sustainability Conference Ende Juni diskutierten Vertreter*innen aus mehr als 110 Ländern über diese Frage – und über weitere rund um die Schnittstellen von Klimaschutz, Wirtschaft, Technologie und Multilateralismus. Einer von ihnen war Abid Qaiyum Suleri. Im Interview spricht der Direktor des pakistanischen Sustainable Development Policy Institute (SDPI) über Resilienz, neue Formen der internationalen Zusammenarbeit und die Chancen, die selbst in einer Polykrise liegen können.

AufRuhr: Herr Suleri, wir befinden uns in einer Zeit der Polykrisen. Welche Probleme ergeben sich daraus für die globale Nachhaltigkeitsagenda?

Abid Qaiyum Suleri: Ich spreche meist von den drei „C-Krisen“: Conflict, Climate Change und Cost of Living, also von Konflikten, Klimawandel und steigenden Lebenshaltungskosten. Dass sich diese Krisen gegenseitig verstärken, setzt die globale Nachhaltigkeitsagenda massiv unter Druck. Besonders betroffen sind die ersten UN-Nachhaltigkeitsziele wie Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit und Gesundheit. Durch Konflikte werden auch andere Ziele wie sauberes Wasser und Wirtschaftswachstum erschwert, weil Ressourcen knapper werden oder der Zugang zu ihnen eingeschränkt ist. Biodiversität und Ökosysteme sind wiederum unmittelbar durch den Klimawandel bedroht. Doch der Klimawandel eröffnet – so paradox das klingen mag – neue Möglichkeiten.

Inwiefern?
Extremwetterereignisse machen uns unmissverständlich deutlich, dass ein „Business as usual“ nicht länger funktioniert. Die Hitzewellen in Europa in diesem und in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass auch Industrieländer ihre Infrastruktur, Städte und Schutzmaßnahmen grundlegend anpassen müssen.

Ein Portraitbild von Abid Qaiyum Suleri
© SDPI

Abid Qaiyum Suleri ist Executive Director des Sustainable Development Policy Institute (SDPI) in Pakistan und zählt zu den führenden Expert*innen für nachhaltige Entwicklung. Er berät unter anderem die pakistanische Regierung, die Asiatische Entwicklungsbank und internationale Organisationen zu Klima-, Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik. 2024 war er Mitglied des International Advisory Committee der UN-Klimakonferenz COP29.

Viele Staaten haben inzwischen erkannt, dass sie sich nicht dauerhaft auf importierte fossile Energie verlassen können.

Muss sich die Situation also erst zuspitzen, damit die Welt ins Handeln kommt?

Oft ist das leider so. Ein Wendepunkt in der globalen Energieversorgung waren der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, aktuell auch die Spannungen rund um die Straße von Hormus. Viele Staaten haben inzwischen erkannt, dass sie sich nicht dauerhaft auf importierte fossile Energie verlassen können. Deshalb investieren sie verstärkt in eigene und erneuerbare Energiequellen.

Erneuerbare Energien stärken die Unabhängigkeit vieler Staaten von fossilen Importen. © Picture Alliance

Europa rüstet wieder auf. Passiert das auf Kosten der Nachhaltigkeit?

Ja, die Aufrüstung Europas wirkt sich negativ auf die Finanzierung der europäischen Übersee-Entwicklungshilfe aus. Dieser Rückgang der Entwicklungsfinanzierung zwingt viele Entwicklungsländer dazu, auf teure kommerzielle Kredite zurückzugreifen. Nachhaltigkeitsmaßnahmen dürfen nicht dauerhaft auf Schulden aufbauen. Jeder Dollar, den ein Staat für Zinsen aufbringen muss, fehlt an anderer Stelle, etwa für Bildung, die Gesundheitsversorgung oder den Katastrophenschutz.
Dabei ist mir wichtig, dass es keinen umgekehrt linearen Zusammenhang zwischen Verschuldung und Entwicklung gibt: Länder, die ihre Bevölkerung aus eigenen Ressourcen mit Lebensmitteln und Energie versorgen können, sind deutlich widerstandsfähiger als importabhängige Staaten. Vergleichen wir beispielsweise Pakistan und Sri Lanka: Beide Länder standen 2022, auch infolge der Klimakrise, vor massiven wirtschaftlichen Problemen. Sri Lanka ist schließlich zahlungsunfähig geworden, weil das Land Energie und Lebensmittel importieren musste und seine Devisenreserven erschöpft waren. Dass es in Pakistan nicht zum Staatsbankrott kam, lag vor allem daran, dass das Land seine Bevölkerung weitgehend selbst mit Nahrungsmitteln versorgen konnte.

Wir dürfen Bevölkerungen nicht für eine möglicherweise korrupte Staatsführung bestrafen.

Pakistan war in den vergangenen Jahren immer wieder von schweren Überschwemmungen betroffen. Welche Lehre können auch andere Länder aus Pakistans Krisenmanagement ziehen?

Seit der Jahrtausendwende häufen sich solche Extremwetterereignisse, während gleichzeitig die internationale Solidarität abnimmt. Nicht weil es an Mitgefühl fehlt, sondern weil jedes Land vor eigenen Herausforderungen steht. Deshalb müssen Länder lernen, ihre eigene Resilienz zu stärken. Als Pakistan 2025 erneut von schweren Überschwemmungen betroffen war, verzichtete die Regierung bewusst auf einen internationalen Hilfeaufruf und konzentrierte sich darauf, die Katastrophe mit eigenen Mitteln zu bewältigen.
Bei den Überschwemmungen im Jahre 2025 hatte Pakistan im Vergleich zu 2022 weniger Todesopfer zu beklagen. Frühwarnsysteme und eine bessere Vorbereitung des Landes hatten tatsächlich gewirkt. Ein Beweis, dass Länder ihre eigene Widerstandsfähigkeit stärken sollten – wenngleich es natürlich schwierig ist, von einem Erfolg zu sprechen, wenn noch immer Menschenleben verloren gehen.

Das klingt nach Einzelkämpfertum. Kann das gut gehen?

Ich leite derzeit den Vorstand des National Disaster Risk Management Fund, eine staatliche Organisation in Pakistan, die im Auftrag der pakistanischen Regierung Mittel für das Katastrophenrisikomanagement verwaltet und weiterleitet. Weil Überschwemmungen, Dürren und Hitzewellen Ernährungssicherheit und Infrastruktur gefährden, versuchen wir, diese Risiken gemeinsam mit privaten Versicherungsunternehmen frühzeitig abzusichern. Ein anderes Beispiel ist das Benazir Income Support Programme, das größte Sozialhilfeprogramm Pakistans. Es unterstützt Millionen einkommensschwache Haushalte finanziell und soll zunehmend als vorausschauende Sozialhilfe funktionieren. Ein weiteres Beispiel ist der rasche Ausbau der Solarenergie. Ausschlaggebend war dabei weniger Umweltbewusstsein als wirtschaftliche Notwendigkeit: Importierte Energie wurde immer teurer, sodass viele Menschen auf Solarenergie umgestiegen sind. Deshalb bin ich trotz aller Herausforderungen nicht pessimistisch. Jede Krise bringt auch neue Chancen mit sich, die vielerorts bereits genutzt werden.

Teilnehmende der Hamburg Sustainability Conference diskutieren an einem Tisch vor Stellwänden mit Konzepten und Notizzetteln zu einem Wohnmodell der Zukunft.
Zukunftsfähige Wohnmodelle können den Wiederaufbau unterstützen, doch in akuten Krisen muss internationale Nothilfe schnell und bedingungslos ankommen. © Hamburg Sustainability Conference

Auf der Hamburg Sustainability Conference im Juni vertraten Sie die Meinung, dass akute Katastrophenhilfe und langfristige nachhaltige Entwicklung aus verschiedenen Töpfen finanziert werden müssten.

Ja, davon bin ich überzeugt. Internationale Gelder zum Ausgleich von Verlusten und Schäden durch den Klimawandel (Loss and Damage Fund) oder die Finanzierungsmechanismen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) sind wichtige Quellen für die langfristige Entwicklungsfinanzierung. Doch in einer akuten Krise braucht ein Land schnelle Nothilfe. Oft heißt es dann: Die verantwortliche Regierung müsse erst bestimmte Reformen umsetzen, bevor sie internationale Hilfsgelder bekommen könne. Natürlich können und sollten wir von Regierungen Transparenz einfordern. Aber wir dürfen Bevölkerungen nicht für das Versagen ihrer Staatsführung bestrafen. Nothilfe an Bedingungen zu knüpfen, hat bislang nicht funktioniert und wird es auch künftig nicht.

Welche Eindrücke haben Sie von der Konferenz mitgenommen?

Mich hat ermutigt, dass Nachhaltigkeit heute stärker als gemeinsame Aufgabe von Globalem Norden und Globalem Süden verstanden wird und dass die Konferenz einen Raum für gemeinsame Lösungen schafft. Ebenfalls ermutigend war für mich die Gründung der entwicklungspolitischen Nord-Süd-Kommission, die sich für neue Wege der internationalen Zusammenarbeit einsetzen wird. Ich hoffe, dass aus dieser Initiative konkrete Ergebnisse hervorgehen. Beeindruckt hat mich außerdem die große Zahl junger Teilnehmender. Die Gestalter*innen von morgen schon heute in hochrangige politische Debatten einzubeziehen, halte ich für einen wichtigen Schritt.

Welche Entscheidung oder Initiative der Konferenz kann aus Ihrer Sicht tatsächlich etwas verändern?

Es bleibt abzuwarten, ob die Nord-Süd-Kommission wirklich liefern kann. Ich zweifle nicht an den Absichten des Globalen Nordens, aber aufgrund geopolitischer Zwänge ist er stark fragmentiert. Ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass Europa seine Stellung stärken und sich neu verankern muss, um erneut die Führung zu übernehmen – in Sachen Klimaschutz aber auch anderer Entwicklungsagenden.

Wenn Sie Politiker*innen weltweit heute eine Botschaft mitgeben könnten, um Nachhaltigkeitsziele umzusetzen – welche wäre das?

Entwicklungspolitik war lange von der Vorstellung geprägt, dass einige Länder die Entwicklung gemeistert hätten, während andere erst entwickelt werden müssten. Auch partizipative Ansätze brachten keine echte Gleichberechtigung, weil Geberinstitutionen wie die Weltbank über ihre Finanzierung die Agenda bestimmten. Heute treten wir in eine neue Phase ein: Statt zu glauben, in den Hauptstädten der Welt alle Antworten zu kennen, sollten wir den Menschen vor Ort zuhören und sie dabei unterstützen, ihre eigenen Lösungen umzusetzen. Denn die nachhaltigsten und erfolgreichsten Ansätze entstehen dort, wo sie von den Gemeinschaften selbst getragen werden.


Hamburg Sustainability Conference

Die Hamburg Sustainability Conference (HSC) bringt internationale Entscheider*innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) voranzutreiben. Gemeinsam veranstaltet wird sie vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), von der Freien und Hansestadt Hamburg sowie von der Michael Otto Stiftung. Im Rahmen der Förderung werden ein jährliches Side Event und ein Roundtable unterstützt, die einerseits (gesamt-)europäische Perspektiven stärker auf der HSC integrieren und andererseits relevante Akteure aus dem sogenannten Globalen Süden einbinden.

https://www.sustainability-conference.org/en/