Ein Landkreis wird weltoffen

Autorin: Saskia Weneit Fotos: Reinaldo Coddou 10.12.2019

Wie gut gelingt Integration? Halten die Menschen zusammen? Das können Kommunen mit einem Selbstcheck testen. Der Landkreis Teltow-Fläming hat mitgemacht und herausgefunden: In drei Bereichen gibt es viel zu tun.

Babak stellt sein Fahrrad an die graue Fassade der Flüchtlings­unterkunft am südlichen Rand der Klein­stadt Jüterbog. „Ohne Fahrrad kommt man hier schwer weg“, sagt der 57-jährige Iraner und wuchtet die Einkäufe einer Nachbarin vom Lenker. Seine Bleibe teilt er mit 60 Bewohner*innen unter­schiedlicher Nationalitäten, sie alle warten auf die Bewilligung ihres Asyl­antrags. Jeden Tag fährt Babak mit dem Rad ins Zentrum der 14.000-Einwohner-Stadt, den Feld­weg entlang, vorbei an mittel­alterlichen Wehrtürmen und Stadt­mauern. Die Fassaden der denkmal­geschützten Häuser um den Markt­platz sind prächtig. Sie leuchten in Gelb oder Grün und umrahmen das älteste Rathaus Branden­burgs, einen spät­gotischen Back­stein­bau mit kleinen Türmchen. Doch am liebsten radelt er in den Wald. Da hat er Ruhe, kann für sich sein, atmen – wird nicht argwöhnisch beäugt.

Welt­offen­heit versus Aus­grenzung

Seit zwei Jahren lebt er im branden­burgischen Jüterbog im Landkreis Teltow-Fläming. Der Iraner erzählt offen und mit leiser Stimme von abweisenden Gesichtern auf der Straße, wenn er Besorgungen macht. Von seinem Wunsch und der Schwierig­keit, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen und viel mehr Deutsch zu sprechen. Vom Gefühl, wegen seiner Herkunft aus­gegrenzt zu werden. Dabei lebt er in einem Land­kreis, der sich starkmacht für ein Zusammen­leben in Vielfalt und gegen Ausgrenzung. Im Rahmen des Projekts „Weltoffene Kommune“ hat Teltow-Fläming einen Handlungsplan aufgesetzt, um die Zugehörigkeit aller Einwohner*innen zum Gemeinwesen zu fördern.

Jüterbog ist berühmt für seinen mittelalterlichen Stadtkern.
Jüterbog ist berühmt für seinen mittel­alterlichen Stadt­kern. © Reinaldo Coddou
Das historische Rathaus in Jüterbog auf dem Markt­platz. © Reinaldo Coddou

Selbstcheck zur Integrations­politik

Die Aktion „Weltoffene Kommune“ hat das Ziel, Städte und Gemeinden in ihrem Engagement für Welt­offen­heit, Toleranz und gutes Zusammen­leben zu stärken. Inspiriert ist sie vom US-Projekt „Welcoming America“, einer Initiative, die seit 2009 amerikanische Städte und Gemeinden zu „Welcoming Cities“ zertifiziert. Neben Workshops, Webinaren und Beratungen umfasst die Aktion den „Selbst­check Welt­offene Kommune“, entwickelt mit Expert*innen aus der kommunalen Praxis und Wissenschaft. Dieser Frage­bogen beleuchtet, welche Defizite es in der lokalen Integrations­politik gibt und wo auf politischer und gesellschaftlicher Ebene Handlungs­bedarf besteht. Das soll den Blick auf Dinge richten, die im täglichen Miteinander nicht im Fokus stehen.

Die Flüchtlingshilfe wirbt für ein weltoffenes Jüterbog mit der Plakataktion „Gesicht zeigen!“.
Die Flüchtlings­hilfe wirbt für ein welt­offenes Jüterbog mit der Plakat­aktion „Gesicht zeigen!“. © Reinaldo Coddou
In Jüterbogs Straßen.
In Jüterbogs Straßen. © Reinaldo Coddou

Es geht um gesellschaftlichen Zusammen­halt

Neben Iserlohn und Bochum gehört der Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg zu den Pilot­gemeinden. „Welt­offene Kommunen sind ein Schlüssel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land und ein wichtiges Vorbild für Offenheit und Toleranz. Das wird in diesen Zeiten mehr denn je gebraucht“, sagt Farhad Dilmaghani, Vorstands­bevoll­mächtigter von PHINEO. Das Analyse- und Beratungs­haus arbeitet daran, die Zivil­gesellschaft zu stärken. Die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas durch erstarkende rechts­populistische Kräfte zeigt sich auch im Landkreis Teltow-Fläming. Bei den Kommunal­wahlen im Mai 2019 wurde die AfD mit 15,7 Prozent dritt­stärkste Kraft hinter SPD (18,4 Prozent) und CDU (16,7 Prozent). Der Ton, so beobachten es viele Engagierte in der Geflüchteten­hilfe, ist rauer geworden. Man spüre Gegenwind.

Christiane Witt ist Gleichstellungs- und Integrationsbeauftragte des Landkreises Teltow-Fläming.
Christiane Witt ist Gleich­stellungs- und Integrations­beauftragte des Land­kreises Teltow-Fläming. © Reinaldo Coddou

Zuzug als Chance

Christiane Witt fühlte sich von der Idee der „Welt­offenen Kommune“ sofort angesprochen. „Es ist ein Signal gegen Aus­grenzung und Rassismus und für ein Zusammen­leben in Vielfalt“, sagt die Gleich­stellungs- und Integrations­beauftragte des Land­kreises. Teltow-Fläming hat rund 168.000 Einwohner*innen, einen Anteil an Ausländer*innen von 5,6 Prozent und ist eine der wirtschaftlich erfolg­reichsten Regionen in Ost­deutschland. Doch der Landkreis ist zwei­geteilt. Auf der einen Seite gibt es den struktur­starken Norden mit florierenden Industrie­zweigen wie der Auto­mobil­zulieferer­branche, Bio­techno­logie und Flug­zeug­bau. Dieser an Berlin grenzende Teil ist mit Einwanderung vertraut und integrations­politisch erfahren. Dem­gegen­über steht der ländlich geprägte und eher struktur­schwache Süden, mit zum Teil wenig integrations­politischer Erfahrung. Aber wer Fachkräfte anlocken will in einer Region mit schrumpfender Bevölkerung, mehr als 1.500 offenen Arbeits­stellen, aber bundes­weiten Schlag­zeilen zu Rassismus, muss auf allen Ebenen ein Zeichen setzen gegen Populismus und Einfalt.

Vom Check zum Plan

Menschen aus 120 Nationen leben im Landkreis. Seit 2016 kamen 2.800 Geflüchtete und 2.500 Zugewanderte nach Teltow-Fläming. „Wir sind zwar schon länger im Prozess, doch diese grund­legende Analyse der Gegeben­heiten fand ich klasse. Durch den Selbst­check, der hart war, haben wir jetzt einen strukturierten Aktions­plan“, sagt Witt. Dieser ist das Resultat des Selbst­checks, bei dem 13 Frauen und Männer aus Stadt­verwaltung, ehrenamtlichen Initiativen und Vereinen mitgemacht haben. Sieben Handlungs­felder klopfte die Gruppe auf Erfolge und Defizite ab. Darunter zum Beispiel „Engagement und Partizipation“, „Fairer Zugang und Teilhabe“ oder „Inter­kulturelle Öffnung“.

Heraus kam ein differenziertes Bild – in drei Bereichen gibt es noch viel zu verbessern. Für den fairen Zugang zu Angeboten des Gemein­wesens arbeitete die Gruppe heraus, dass Maßnahmen zur Bildung wie das „Netzwerk gesunde Kinder“ zu wenig bei der Ziel­gruppe bekannt sind. Problematisch sei auch, dass Sprach­lern­klassen meist zu groß und heterogen sind. Darum will der Land­kreis in Zukunft mehr auf ehren­amtliche Sprachpat*innen setzen. Im Bereich Wohnen gebe es zu wenig sozial verträglichen Wohnraum. Hier müsse der Landkreis mit Angeboten und Kooperationen mit Wohnungs­gesellschaften reagieren. In Sachen Sport empfiehlt die Arbeitsgruppe, mehr Angebote für Mädchen zu etablieren und den Migranten­beirat ins Boot zu holen. „Ob Bildung, Integration oder Demokratie, die Aufgaben betreffen uns alle. Die können wir nur bewältigen, wenn Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung zusammen­arbeiten“, sagt Christiane Witt. Zwar gebe es schon Strukturen, um die heraus­gearbeiteten Handlungs­felder Schritt für Schritt zu bearbeiten. Doch die Ergebnisse des Workshops seien noch zu frisch, um konkrete Maßnahmen bereits umzusetzen. „Wir sehen nun auch, wo wir ziel­führender auf Welt­offenheit hinarbeiten müssen.“

Der Blick aufs Flüchtlingsheim Jüterbog.
Der Blick aufs Flüchtlings­heim Jüterbog. © Reinaldo Coddou
Babak vorm Flüchtlingsheim in Jüterbog. Er erledigt alles mit dem Rad.
Babak vorm Flüchtlings­heim in Jüterbog. Er erledigt alles mit dem Rad. © Reinaldo Coddou
Jeden Samstag lädt die Flüchtlingshilfe Jüterbog zum offenen Treff ein.
Mitarbeiter*innen der Flüchtlings­hilfe Jüterbog laden jeden Samstag zum offenen Treff ein. © Reinaldo Coddou

Auch in puncto „Interkulturelle Öffnung“ und „Kommunikation und Konflikt­management“ läuft noch nicht alles rund. Um hier besser abzuschneiden, braucht es vor allem strukturelle Veränderungen: mehr Personal, das Festlegen von Verantwortlichkeiten und Finanzierungen. Und auf der „soften“ Ebene: die Verankerung inter­kulturellen Denkens und Handelns in den Kommunen und Fach­ämtern sowie die Erkenntnis und Kommunikation, dass Weltoffenheit ein Stand­ort­vorteil ist und ein Gewinn für das Zusammen­leben. Überrascht war Christiane Witt von den Ergebnissen nicht. Ihr Fazit ist klar: „Erst müssen wir die Bürger­schaft der Kommunen mitnehmen, dann und schließlich die Kreis­ebene“, sagt sie resolut.

„Das ist mein Zuhause“

Ein Partner in Sachen Weltoffenheit ist die Flüchtlings­hilfe Jüterbog. Der Verein finanziert sich über Spenden und Förderungen des Bundes. Auch die Partnerschaft für Demokratie, die an das Büro für Chancen­gleich­heit und Integration des Land­kreises angedockt ist, unterstützt die Flüchtlings­hilfe. Etwa mit der Plakataktion „Gesicht zeigen!“, wo alle Jüterboger*innen aufgerufen waren, sich für eine heimat­verbundene und weltoffene Stadt zu fotografieren.

Für Babak war der Verein ein Glücksfall. Wenn er keine Rad­touren macht, engagiert er sich im Diakonischen Werk, wo er von dem Angebot erfuhr. An einem grauen November­tag sitzt Babak an einem seiner Lieblings­orte, in der Großen Straße, mit Blick auf die Rück­seite des Rathauses und die mittel­alterlichen Haus­fassaden.

Jeden Samstag von 16 bis 18 Uhr lädt die Flüchtlings­hilfe hierher zum offenen Treff, zum Klönen bei Kaffee, Tee und Keksen, zum Spielen für Kids – meist bleiben die Ehren­amtlichen, Geflüchteten und Zugewanderten unter sich. Babak findet das schade. Er ist neugierig auf die neue Heimat, die Sprache, die Menschen. „Jüterbog ist mein Zuhause geworden“, sagt der Iraner, der hofft, in der Klein­stadt im Landkreis Teltow-Fläming sesshaft zu werden und als Über­setzer zu arbeiten. Er will hier nicht weg, er will ankommen.

Weltoffene Kommune – vom Dialog zum Zusammen­halt

Ziel des Projektes war, Kommunen ein Instrument für eine Stand­ort­bestimmung hin­sichtlich Integration, Teil­habe und Willkommens­kultur an die Hand zu geben – den Selbst­check „Welt­offene Kommune“. Das Pilot­projekt war eine Kooperation von Bertelsmann Stiftung und PHINEO mit finanzieller Unter­stützung der Stiftung Mercator. Im Anschluss daran startete das Modellprojekt „Weltoffene Kommune“ mit finanzieller Unterstützung der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration. In diesem Rahmen werden weitere 40 Kommunen begleitet.

phineo.org