Ein Ziel für alle

Illustration eines Hauses
Autorin: Maren Beck Fotos: Carolin Eitel, Mika Volkmann 05.06.2019

Wenn es um große gesellschaftliche Probleme geht, können Einzel­kämpfer wenig ausrichten. Mehr Erfolg verspricht „Collective Impact“, das gemeinsame Wirken. Was man dafür braucht? Ein verpflichtendes Ziel. Und etwas Ausdauer.

Wie sehr Dranbleiben sich lohnt, erleben sieben Hochschulen des Ruhr­gebiets gerade ganz direkt. Um heraus­zu­finden, wie sie ihre Studierenden besser unter­stützen können, haben sie sich 2014 darauf eingelassen, eine hoch­schul­über­greifende Studierenden­befragung zu etablieren. Das klingt zunächst mal gar nicht so schwierig – bis man mit Markus Küpker von der Bildungs­initiative RuhrFutur darüber spricht. Er koordiniert die Maß­nahme und kennt den Umfang des Projekts bis ins kleinste Detail. „Am Anfang stand erst mal das Bekenntnis aller: Wir wollen mehr über unsere Studierenden wissen“, berichtet Küpker. Doch welche Auskünfte sind gewünscht? Wann und wie soll befragt werden? Und was passiert mit den gesammelten Daten? Das fest­zu­legen setzte einen langen Prozess in Bewegung. Klar war von Beginn an aber eins: Die Hoch­schulen arbeiten zusammen an gemeinsam gesteckten Zielen.

Das Bildungssystem des Ruhrgebiets verändern? Das geht nur zusammen.
Das Bildungssystem des Ruhrgebiets verändern? Das geht nur zusammen. © Mika Volkmann

Zusammen­arbeit mit Methode

Die Verpflichtung zu gemeinsamen Zielen ist der Kern von „Collective Impact“. Die Idee dieser Methode haben John Kania und Mark Kramer 2011 im Stanford Social Innovation Review formuliert. Ihre These: Bei großen gesellschaftlichen Heraus­forderungen nützt isoliertes Engagement wenig. Viel stärker wird der Effekt, wenn die verschiedenen Institutionen sich zusammen­schließen, die auf die eine oder andere Weise an dem besagten Problem beteiligt sind. Im Bereich Bildung etwa kann eine Schule allein wenig ausrichten, wenn die Kommune, die die Rahmen­bedingungen setzt, nicht am selben Strang zieht. Gerade weil eine Schule und eine Kommune jedoch ganz verschieden funktionieren, braucht es über­geordnete Strukturen und eine koordinierte Zusammen­arbeit. Und genau das leistet „Collective Impact“.

Die Verpflichtung zu gemeinsamen Zielen ist der Kern von „Collective Impact“.

Wie eine ganze Region von dieser Methode profitieren kann, zeigt sich im Ruhr­gebiet. Mit seinen 5,1 Millionen Einwohner*innen in vier Kreisen und elf Städten kommen hier die verschiedensten Akteure und Verwaltungs­strukturen zusammen. Das Bildungs­system dieses Ballungs­raums zu verändern kann sich nur vor­nehmen, wer so groß denkt, wie die Region ist. Die Bildungs­initiative RuhrFutur hat sich dieser Mammut­auf­gabe gestellt. Als Zusammen­schluss von mehreren Kommunen, Hoch­schulen, des Regional­verbands Ruhr, der nord­rhein-westfälischen Landes­regierung und der Stiftung Mercator hat sie eine Gesamt­strategie entwickelt, um das System gerechter und leistungs­fähiger zu machen. Jede Maßnahme – wie etwa die Studierenden­befragung – ist Teil dieser Strategie. Mit ihr sollen Strukturen nach­haltig verändert werden. Ohne eine organisierte und koordinierte Zusammen­arbeit, wie sie „Collective Impact“ bietet, ist daran nicht zu denken. Um den Ansatz effektiv nutzen zu können, müssen aller­dings einige Voraus­setzungen erfüllt werden.

Dr. Markus Küpker leitet das Handlungsfeld Daten und Analyse bei RuhrFutur.
Dr. Markus Küpker leitet das Handlungsfeld Daten und Analyse bei RuhrFutur. © Mika Volkmann

Vertrauen aufbauen

Zentral ist die separate Instanz, die eine über­greifende Strategie entwickelt und die daraus folgenden Prozesse ermöglicht, begleitet und moderiert. RuhrFutur gestaltet und bietet also den Rahmen, damit sich die Hoch­schul­spitzen und operativen Arbeits­gruppen regel­mäßig an einem Tisch versammeln können. Schritt für Schritt ist bei diesen Treffen zum Projekt Studierenden­befragung dann auch entstanden, was eben­falls essenziell ist: Vertrauen. „Leider kann man nicht sagen: ,Dreimal treffen‘ – und dann läuft das“, berichtet Markus Küpker. Immerhin stoßen meist Fremde auf­einander, die alle verschieden arbeiten. Einen langen Atem braucht es zudem, da in der Anfangs­phase selten Ergebnisse zu sehen sind. Statt­dessen wird Zeit investiert, um Prozesse und Strukturen aufzubauen, also zu klären, wie man mit­einander arbeiten will. Für Küpker zahlte sich das aus: „In unserer Arbeits­gruppe herrscht ein ganz besonderer Geist, den man nirgend­wo vertraglich fixieren kann“, erzählt er. „Dieses Wir­gefühl ist ganz klar durch die intensive Zusammen­arbeit entstanden und die Bereit­schaft, sich auf die anderen einzu­lassen.“

Förderlich ist hierbei auch die Transparenz, für die der RuhrFutur-Mann sorgt. Offene und kontinuierliche Kommunikation, die alle ein­bezieht, ist so wert­voll wie nötig. Und was müssen die Akteure mitbringen, damit die spezielle Form der Kooperation klappt? „Erst mal ein Bekenntnis zu Ziel und Prozess“, so Küpker. Und dann müsse jeder ein wenig abrücken vom eigenen Klein-Klein und der Art und Weise, wie man Dinge allein machen würde. Die große, gesamte Idee zählt. Bei den Ruhr­gebiets-Hoch­schulen war das Bewusst­sein schon verankert, dass man eine gemeinsame Verantwortung für die Region trägt und daher zusammen handeln sollte. Nicht immer ist das so. Aber an dieser Bereit­schaft entscheidet sich, ob „Collective Impact“ funktioniert.

Erfolge messen

Das weiß auch Delia Temmler. Bei RuhrFutur ist sie verantwortlich für das Handlungs­feld Früh­kindliche Bildung. Und damit für ihre persönliche Herzens­angelegen­heit: die Kinder­stuben nach dem Dortmunder Modell. In fünf Kommunen des Ruhr­gebiets gibt es diese Betreuungs­form für Kinder unter vier Jahren mittler­weile. Die Besonder­heit: maximal zehn Kinder pro Gruppe, drei Tages­pflege­personen, sozial­pädagogische Betreuung – und Einbeziehung der Eltern. Denn die Kinder­stuben richten sich explizit an geflüchtete Familien, deren Alltags­fragen hier Platz finden.

„Der Bedarf an solchen Betreuungsformen war in allen Kommunen vorhanden“, erzählt Delia Temmler. Doch wie verpflanzt man die preis­gekrönte Idee aus Dortmund mit gleichen Standards in andere Kommunen? Ein­gebettet in die Gesamt­strategie von RuhrFutur griff auch hier das gemeinsame Wirken: Akteure aus den Kommunen versammeln, gemeinsam für alle geltende Rahmen­bedingungen und Ziele entwickeln und darauf auf­bauend los­legen – Räume suchen, renovieren, Mit­arbeiter*innen rekrutieren. „Fertig ist man jedoch nie“, weiß Temmler, die den Prozess koordiniert. Alles, was unter­nommen wird, zielt auf Nach­haltig­keit. Für die Kinder­stuben bedeutet das: die Verfestigung der Maßnahme, den Transfer in weitere Stadt­teile und die ständige Weiter­entwicklung. Unverzichtbar dafür: die Evaluation, ein fixer Bestand­teil von „Collective Impact“. Sie deckt einer­seits auf, ob man sich noch auf der fest­gelegten Ziel­geraden befindet. Anderer­seits zeigt sie, wo darüber hinaus­gehend gehandelt werden muss. „Wir haben so zum Beispiel erfahren, dass wir den Tages­pflege­personen mehr Austausch unter­einander ermöglichen müssen“, berichtet die Kinder­stuben-Verantwortliche. Der nächste Schritt im Projekt steht somit fest.

Delia Temmler ist bei RuhrFutur für das Handlungsfeld Frühkindliche Bildung verantwortlich.
Delia Temmler ist bei RuhrFutur für das Handlungsfeld Frühkindliche Bildung verantwortlich. © Mika Volkmann

„Critical Friends“ werden

Ohne ein gemeinsames System zur Beurteilung des Erreichten seien gemeinsame Ziele illusorisch, schreiben Kania und Kramer in ihrem Konzept. Die Evaluation ist aber noch in anderer Hinsicht wichtig. Da sie erst geschieht, wenn die Zusammen­arbeit bereits eingespielt ist, eröffnet sie die Chance, ohne Verdruss von­einander zu lernen. Einander „critical friends“ zu sein, wie Markus Küpker es nennt. Weil jeder Akteur zudem andere Aufgaben über­nimmt, muss sicher­gestellt sein, dass die einzelnen Aktivitäten in­einander­greifen und sich so gegen­seitig verstärken. Ohne engen und reflektierenden Austausch geht das nicht. Was einer tut, geht alle an. Und was alle angeht, hinter­lässt mehr Wirkung – gemeinsame Wirkung eben.


Die 5 Erfolgsfaktoren von Collective Impact

  • Gemeinsame Ziele
  • Gemeinsame Systeme zur Wirkungs­messung
  • Sich gegenseitig verstärkende Aktivitäten
  • Kontinuierliche Kommunikation
  • Eine unter­stützende Organisation als Rück­grat für die geplante Initiative

RuhrFutur

Die RuhrFutur gGmbH ist unsere Partner­gesellschaft  und Trägerin der Bildungs­initiative RuhrFutur, die das Bildungs­system der Metropole Ruhr leistungs­fähiger und gerechter gestalten möchte. Ihr Ziel: Allen Kindern und Jugendlichen der Region sollen Bildungs­zugang, Bildungs­teil­habe und Bildungs­erfolg in gleichem Maß ermöglicht werden. Dazu wirken verschiedene Akteure gemeinsam, um systemische Veränderungen zu etablieren.

www.ruhrfutur.de