Eine Augenbraue gegen Hate Speech

Autor: Julien Wilkens Fotos: Stefanie Loos 12.11.2020

Franzi von Kempis setzt sich online als „Besorgte Bürgerin“ gegen Hate Speech und Verschwörungs­theorien im Netz ein. Eine Frau, die nicht aufgibt, auch wenn es wehtut.

Das mit der Augenbraue, sagt Franzi von Kempis, habe sie lange trainiert. Sie hat sie hoch­geschoben, im Bus, in der Vorlesung, hat nachts mit Tesa­film geschlafen. Sie wollte sie gekonnt ungläubig hoch­ziehen können, wenn ihr nichts Schlag­fertiges einfiel. Damit ihr Gegen­über an dieser Mimik ihren Wider­spruch erkannte, ihren Unglauben, ihre Abgrenzung zum Gesagten. Das ist zehn Jahre her. Und Franzi von Kempis wider­spricht immer noch –jetzt noch stärker als mit einer Braue. Nämlich oft, laut, öffentlich. Die 35-Jährige wider­legt im Internet als „Besorgte Bürgerin“ Verschwörungs­theorien, sie stellt sich gegen Hate Speech und Hetze. Sie zieht auf Social Media Grenzen, die, wie sie findet, mehr und mehr verschwinden. Von Kempis ist Teil der Community von „Das NETTZ“, einer Vernetzungs­stelle gegen Hate Speech im Internet. 2019 erschien ihr Buch „Anleitung zum Widerspruch: Klare Antworten auf populistische Parolen, Vorurteile und Verschwörungs­theorien”. Die Augen­braue geht an diesem lauen Sommer­abend im Gleis­dreieck­park in Berlin noch ein paar Mal hoch, die Bewegung ist zum Reflex geworden. Der Wider­spruch auch, doch der hat mehr Hass auf von Kempis gerichtet, als sie geglaubt hätte.

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Gesteigerter Hass im Netz

Und der Hass im Netz nimmt zu. Aktuell untersucht die Uni Leipzig mit dem Forschungs­projekt „Der straf­rechtliche Umgang mit Hate Speech im Internet“ das Ausmaß der Online-Hetze. Die Ergebnisse einer ersten Befragung zeigen: Fast jede*r fünfte (18 Prozent) Internet­nutzer*in war schon selbst von Hate Speech im Internet betroffen. Unter den 16- bis 30-Jährigen liegt der Anteil bei 32 Prozent, in der noch jüngeren „Generation Z“ sogar bei 37 Prozent. Vier von fünf Befragten (79 Prozent) finden, dass die Kommentare im Netz in den vergangenen fünf Jahren aggressiver geworden sind. Gleich­zeitig verbreiten sich Fake News und Verschwörungs­theorien online schneller als Nachrichten aus seriösen Quellen. Eine aktuelle Studie der britischen Oxford-Universität zeigt: Fake News, Meinungs­mache und populistische Inhalte werden im englisch­sprachigen Raum Europas auf Facebook öfter geteilt, kommentiert oder gelikt als Beiträge aus verlässlichen Quellen – nämlich viermal so oft. In Deutschland kommen auf eine Inter­aktion mit echten News sogar sechs mit Fake News.

„Man muss auch einfach Fakten kennen bei beliebten Themen. Manches ist einfach faktisch falsch!“ In ihren Videos sagt von Kempis daher auch oft zu Beginn „Das ist falsch!“. Falsch, dass die Bundes­republik besetzt sei. Falsch, dass die BRD eine Firma sei. Falsch, wenn pauschal gesagt wird: Geflüchtete bekommen mehr Geld als Arbeits­lose, wobei in solchen Vergleichen oft pauschal der Begriff „Deutsche“ für derlei Gruppierungen fällt. Von Kempis hat die „Besorgte Bürgerin” eher zufällig ins Leben gerufen, als sie vor sechs Jahren als Chef­redakteurin der Medien­initiative MESH Collective gezielt nach weiblichen politischen Influencern für ein Video suchte – und wenige fand. „Als Frau im Netz ist man – gerade bei politischen Themen – einfach besonders im Hass-Fokus.“ Um die Situation weiblicher Influencer besser verstehen zu können, stellte sich von Kempis selbst vor die Kamera. Aller­dings war sie, damals Ende 20, nicht auf die Reaktionen im Netz vorbereitet.

Aufwachen und 7.000 neue Nachrichten – damit musste Franzi von Kempis erst umgehen lernen. © Stefanie Loos
Mit ihrem Engagement will sie ein Stoppsignal senden. Ihre positive Grundstimmung hilft ihr dabei. © Stefanie Loos

„Du wachst morgens auf und hast plötzlich 7.000 Nachrichten. Da weißt du, das wird nicht schön. Und das macht natürlich etwas mit einem.“ Da wünschten ihr Unbekannte Unaus­sprechliches. „Das hat mich hart getroffen, das tut schon weh, wenn sich Menschen die Mühe machen, meinen Lebens­lauf zu fälschen oder ekel­hafte Foto­montagen mit mir zu posten.“ Dabei kann jede*r frei zugänglich im Internet ihre Vita nach­lesen: Die Video-Journalistin und Buch­autorin war bis Ende 2019 als Chefin vom Dienst für Video bei t-online.de. Heute leitet sie das „Daimler Mobility Lab“ und verantwortet den Bereich „Gesellschaft­spolitischer Dialog“ beim Auto­hersteller.

Anzeigen, blockieren, darüber reden

Aus professioneller Sicht wusste von Kempis, was zu tun ist. Sie hatte es selbst Kolleg*innen geraten. Nicht an sich ranlassen. Nicht persönlich nehmen. Sich klar darüber sein, dass man nur Projektions­fläche ist. „Aber das ist super schwer, wenn es du bist, die plötzlich die Projektions­fläche ist“, gibt sie heute zu. Wenn Drohungen kommen wie „Blondchen, du bist die Nächste“ und „Hier ist eine Kugel mit deinem Namen drauf“.

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Die Augenbraue ist Franzi von Kempis' Geheimwaffe. © Stefanie Loos

„Und ich dachte auch, selbst schuld, wenn du so ein Video hoch­lädst, bekommst du Reaktionen.“ Aber heute weiß sie: „Es ist falsch! Ich muss mit Kritik rechnen, ich muss aber nicht akzeptieren, dass mich Leute dafür hassen und bedrohen.“ Statt­dessen: anzeigen, blockieren, die Kommentare auch mal Freund*innen über­lassen, die sich die Sachen angucken, antworten, löschen. „Und darüber reden! Ich habe es anfangs zu stark mit mir alleine ausgemacht.“

Frauen als Ziel­scheibe

Das Internet filtert nicht. Und daher will von Kempis ein Zeichen setzen, ein Stopp­signal senden. Auch weil sie eine Frau ist. Weil sie erlebt, dass es weiblichen Akteuren schwerer gemacht wird, sich zu äußern, das eigene Gesicht herzugeben, eine Meinung zu haben. „Natürlich spielt es beim Hass im Netz eine Rolle, dass ich eine Frau bin“, sagt von Kempis. Da kommt schnell: „Wie fett bist du denn?“, „Du bist nicht geschminkt“ oder „Du trägst zu viel Schminke“, „Zurück an den Herd“. Auch mehr als 100 Jahre nach dem Frauen­wahl­recht, so scheint es ihr, werde Frauen immer noch längst nicht von allen eine politische Meinung zugetraut.

Ihr ist wichtig: „Du musst es nicht aushalten, du darfst dich zurückziehen, keiner hat ein Recht auf deinen politischen Aktivismus – und solche Pausen sind wichtig.“ Auch von Kempis gönnt der „Besorgten Bürgerin” gerade eine Verschnaufpause, doch auch diese wird, wie schon häufig, nicht lang dauern, sagt sie. „Es gibt immer Menschen und Themen, für die es sich lohnt zu kämpfen. Ob es die Menschen sind, die mitlesen, oder Menschen, die marginalisiert sind und für die sich viel zu wenig eingesetzt wird.“

Franzi von Kempis erzählt das im Spätsommer im Gleis­dreieck­park im Herzen der Haupt­stadt. Wenige Tage später werden Tausende Pandemie-Leugner*innen, Verschwörungs­theoretiker*innen, Impf­gegner*innen und Esoteriker*innen zusammen mit Rechts­extremist*innen nur wenige Kilo­meter entfernt hinter dem Branden­burger Tor gegen die Corona-Regeln der Regierung demonstrieren. In ihren Filter­blasen haben sie sich eine eigene Wirklichkeit, eine Parallel­welt geschaffen, in der sie sich gegen­seitig mit Fake News versorgen. In diesen Echo­kammern werden die Demonstrant*innen abstruse Teil­nehmer­zahlen von 1,3 Millionen verbreiten. Das Problem bei diesen Filter­blasen: Es wider­spricht keiner. Nicht mal mit der Augen­braue. Franzi von Kempis hat noch lange nicht Feier­abend.

Das NETTZ

Das NETTZ ist eine Vernetzungs­stelle gegen Hate Speech und unter­stützt die Arbeit von Akteur*innen und Initiativen, die sich gegen Hass im Netz engagieren, indem es fachlichen Austausch und Kooperation zwischen ihnen ermöglicht.
www.das-nettz.de