„Ich bin nicht gläubig“

Rosa Lyenska nimmt eine etwas andere Perspektive auf den Kirchentag ein
Autor: Luca Pot d‘Or Fotos: Jörg Schüler 02.07.2019

Evangelischer Kirchentag in Dortmund. 121.000 Teil­nehmer*innen streifen durch die Stadt. Die fünf Tage im Juni sind ein wichtiges Event für viele Christen in Deutschland. Und dieses Jahr auch für Rosa Lyenska – dabei ist sie Jüdin. Eine etwas andere Perspektive auf den Kirchentag.

Der Gemeinderaum der Dortmunder St.-Bonifatius-Kirche ist schon früh über­füllt. Die Besucher*innen draußen nehmen daher auf Bänken oder auf dem Boden Platz und warten geduldig auf die erste Veranstaltung des Tages: Für eine jüdisch-christliche Bibel­arbeit kommen der Rabbiner Avichai Apel und der evangelische Theologe Prof. Dr. Martin Leutzsch zusammen. Das Publikum – draußen wie drinnen – lauscht aufmerksam der Erzählung von Abraham und seinen beiden Söhnen Jakob und Isaak aus dem Alten Testament. Irgendwo im Hinter­grund ertönen hin und wieder Polizei­sirenen, doch das kann der andächtigen Stimmung nichts anhaben.

In der Bibelarbeit geht es immer wieder um die Gemeinsam­keiten des jüdischen und des christlichen Glaubens. „Die beiden Religionen sind sich geschichtlich sehr nahe – da müssen wir die Gemeinsam­keiten betonen. Statt Abgrenzung brauchen wir wieder mehr Toleranz für­einander“, sagt der Rabbiner zum Schluss. Nicht nur die christlichen Gäste pflichten ihm bei, auch Rosa Lyenska nickt. Sie ist Jüdin und genau deshalb hier. Als eine von rund 120 Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens erlebt die 20-Jährige den Evangelischen Kirchen­tag im Rahmen eines inter­religiösen Stipendiums. Im Zentrum der Förderung steht der Trialog zwischen den drei Religionen.

Und dafür hält der Kirchentag, der alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Groß­stadt statt­findet, dieses Jahr unter dem Motto „Was für ein Vertrauen“ rund 2.500 Veranstaltungen bereit. Die Kirchen­gemeinden der Stadt sowie jüdische und muslimische Gemeinden öffnen aus diesem Anlass ihre Pforten für die Besucher*innen aus aller Welt. So erlebt Lyenska an diesem Kirchen­tag einen Gospel-Chor, nimmt an einem Work­shop zu „christlichem Yoga“ und an Bibel­arbeiten teil: „Die christliche Interpretation der Bibel finde ich total spannend, weil ich ja nur die jüdische Auslegung der Geschichte kenne.“

Rabbiner Avichai Apel spricht zu den christlichen Besucher*innen.
Rabbiner Avichai Apel spricht zu den christlichen Besucher*innen. © Jörg Schüler
Rosa Lyenska im Gespräch mit dem Rabbiner Avichai Apel und dem Theologen Prof. Dr. Martin Leutzsch.
Rosa Lyenska im Gespräch mit dem Rabbiner Avichai Apel und dem Theologen Prof. Dr. Martin Leutzsch. © Jörg Schüler
Vorurteile abbauen, Toleranz stärken

„Shalom“, begrüßt Lyenska schüchtern den Rabbi nach der Veranstaltung. Sie sprechen über das Thema Toleranz, und der Rabbi merkt an, dass in heutigen Zeiten von allen Seiten so viele Vor­urteile aufgebaut würden, dass Miss­verständnisse vorprogrammiert seien. Vieler­orts komme es zu Konflikten, daher sei es nötig, wieder auf­einander zuzugehen. Lyenska weiß nur zu gut, wovon der Rabbi spricht. In Berlin arbeitet sie für den Zentral­rat der Juden und organisiert Projekte mit jüdischen und muslimischen Jugendlichen und Student*innen. In Zeiten, in denen Juden mit Kippa auf offener Straße angefeindet werden, sogar Gewalt erfahren und rechtes Gedanken­gut in der Öffentlichkeit schleichend immer präsenter wird, seien inter­religiöse Projekte besonders wertvoll, findet Lyenska. Sie selbst habe noch keine Diskriminierung aufgrund ihrer Konfession erlebt, berichtet sie, „aber ich kenne fürchterliche Geschichten aus meinem Bekannten­kreis“. Gerade von jungen, durch den Nah­ost­konflikt radikalisierten Muslimen gehe eine hohe Aggressivität gegen­über Juden aus – oft verbal, aber in jüngster Zeit immer öfter auch physisch. Berührungs­ängste hat Lyenska trotz­dem nicht. In ihrem Handy sucht sie nach der nächsten Veranstaltung: das Freitags­gebet in einer Moschee.

In der Moschee greifen viele Besucher*innen zu ihren Smartphones, um die ihnen fremde Kultur für sich festzuhalten.
In der Moschee greifen viele Besucher*innen zu ihren Smartphones, um die ihnen fremde Kultur für sich festzuhalten. © Jörg Schüler

Aus dem ruhigen bürgerlichen Dortmunder Stadt­teil Ruhr­allee-Ost geht es nun in die Innen­stadt-Nord. Döner­läden und Friseur­salons säumen die engen Straßen, arabische Schrift­züge prangen an den Schau­fenstern. Immer wieder röhren tiefer­gelegte Autos vorbei. Klischees, die den Stadt­teil in einem nicht immer guten Licht dastehen lassen. Als „radikales“ oder „islamistisches Zentrum“ wurde er schon betitelt. Fest steht: Seit­dem sich hier die vorwiegend türkischen Gast­arbeiter in den 1960er- und 1970er-Jahren angesiedelt haben, ist die muslimische Community groß und bestimmt das Straßen­bild. Angekommen in der Neuen Moschee Dortmund, ist die Begrüßung offen und herzlich. Als Vertreter der muslimischen Moschee-Gemeinde empfängt Yunus Özgül die Besucher*innen am Eingang des unscheinbaren Hauses mit einem breiten Lächeln: „Willkommen. Einfach nach oben durch­gehen. Schuhe bitte hier unten ausziehen. Vielen Dank!“

Rosa Lyenska ist zum ersten Mal in einer Moschee.
Rosa Lyenska ist zum ersten Mal in einer Moschee. © Jörg Schüler
Vor dem Freitagsgebet stellt Ahmad Aweimer die Abläufe und die Bräuche in einer Moschee vor.
Vor dem Freitagsgebet stellt Ahmad Aweimer die Abläufe und die Bräuche in einer Moschee vor. © Jörg Schüler
Nachhilfeunterricht in der Moschee

Ahmad Aweimer, der Vorsitzende des Rats der muslimischen Gemeinden in Dortmund, bringt den Anwesenden die Moschee und die religiösen Praktiken näher. „Wer von Ihnen war schon mal in einer Moschee?“, fragt er in die Runde. Zögerlich heben einige ihren Arm. Rosa Lyenska hebt ihren nicht. „Das sind so in etwa 20 Prozent. Nicht schlecht“, stellt Aweimer fest. Bevor das Freitags­gebet beginnt, bespricht er den rituellen Ablauf: „Was glauben Sie: Warum mussten Sie unten die Schuhe ausziehen?“ – „Weil der Boden heilig ist?“, vermutet jemand. – „Das wäre schön, aber der Grund ist viel einfacher: Hygiene. Beim Gebet beugen wir uns vor und berühren mit der Stirn und der Nase den Boden. Ich möchte ja nicht riechen, wo jemand vor mir reingetreten ist“, erklärt er. Ein Lachen geht durch den Raum. Lockerer Nach­hilfe­unterricht in Religion. Hier ein Selfie, dort eine Nach­frage. Bis sich immer mehr muslimische Männer zum Gebet im Saal einfinden. Für den traditionellen Gebets­gesang knien sich die Männer vor den Imam.

„Es ist wichtig, dass wir Offenheit zeigen. Gerade bei Anhängern anderer Religionen bestimmt das Bild vom radikalen Islam ihre Sicht auf uns. Heute sehen wir, dass unsere Religionen gar nicht so verschieden sind“, sagt Yunus Özgül nach dem Gebet. Viele Muslime stehen noch zusammen und unter­halten sich – manche auf deutsch, andere auf türkisch. Einige christliche Besucher*innen und Muslime wünschen einander an der Tür ein schönes Wochenende.

„Ich liebe einfach diesen Gebets­gesang!“, schwärmt Rosa Lyenska anschließend. Durch ihre Arbeit in inter­religiösen Projekten wisse sie zwar viel über den Islam, doch der Besuch der Moschee habe ihn ihr noch einmal näher­gebracht. „Ich finde es schön, dass hier so viele Menschen zusammen­kommen und die Unter­schiede gar nicht mehr zählen“, sagt sie. Ob in der Moschee, bei der jüdisch-christlichen Bibel­arbeit oder in der Kirche – auf dem Kirchen­tag bestimmt eine über­greifende Gemeinsam­keit das Zusammen­sein: der Glaube.

Religion als Teil der Identität

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Lyenska und all den anderen Menschen an diesem Tag gibt es aller­dings doch: Sie ist nicht gläubig. Zumindest nicht auf die Art und Weise, wie man das Wort für gewöhnlich versteht. Und wie kommt es dann, dass sie den Evangelischen Kirchen­tag besucht? Ihre Eltern stammen aus der Sowjetunion, wo die Religion für die meisten Menschen im Alltag keine Rolle spielte. So geriet das Bewusst­sein der jüdischen Abstammung in den Hinter­grund. In den 1990er-Jahren kam die Familie nach Deutschland, und erst hier entdeckte Rosa Lyenska das Judentum wieder für sich – in einem jüdischen Ferien­lager. „Ich empfinde meine Familien­geschichte und damit auch meine Konfession als Verpflichtung gegen­über den nächsten Generationen. Das ist einfach ein Teil meiner Identität – obwohl ich mich mit dem theologischen Teil nicht identifiziere“, erklärt sie.

Im Religionsunterricht in der Schule habe sie zudem gemerkt, wie sehr das in den Schul­büchern vom Judentum über­mittelte Bild und ihre eigene Vorstellung davon voneinander abweichen. „Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit Religion und dem inter­religiösen Aus­tausch“, so Lyenska. Und in Zukunft? „Ich möchte gern Regie studieren. Mein Traum wäre dann ein Kurz­film über ein Projekt, das ich mir aus­gedacht habe: ein Chor, in dem palästinensische und israelische Jugendliche gemeinsam singen.“

Religion in der Gesellschaft – der 37. Deutsche Evangelische Kirchen­tag 2019 in Dortmund

Das Interreligiöse Stipendium der Stiftung Mercator richtet sich an Menschen muslimischen oder jüdischen Glaubens, die Interesse am Dialog zwischen den Religionen haben. Die Stiftung übernimmt die Kosten für den gesamten Besuch der Stipendiat*innen auf dem Deutschen Evangelischen Kirchen­tag.
www.kirchentag.de