„Sprach­unterricht bleibt Daueraufgabe“

Autor: Matthias Klein 30.07.2020

Vor fünf Jahren kamen zahlreiche Geflüchtete nach Deutschland. Im Fokus stand damals, dass sie schnell Deutsch lernen sollten. Das habe unterschiedlich gut funktioniert, sagt Nora von Dewitz vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache im Interview. „Inzwischen ist das Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden – aber es ist für jede Schule weiter wichtig.“

Frau von Dewitz, im Sommer 2015 kamen besonders viele Geflüchtete nach Deutschland. Als eine zentrale Aufgabe wurde damals der Sprachunterricht genannt. Wie hat das geklappt?

Nora von Dewitz: Ich möchte vorausschicken, dass Zuwanderung nach Deutschland kein neues Phänomen ist – auch wenn das damals in der medialen Berichterstattung manchmal so erschien. Aber Zuwanderung ist hierzulande schon lange Normalität, denken Sie nur an die damals sogenannten „Gastarbeiter“ der 60er Jahre. Richtig ist, dass 2015 die Zahl der Zuwanderer*innen stark anstieg. Mit Blick auf Deutschkurse kann man sagen: Darauf war Deutschland nicht ausreichend vorbereitet. An manchen Orten war es zu viel für die Infrastruktur. An anderen Orten funktionierte es hingegen sehr gut. Aber es kann nicht sein, dass es vom Wohnort abhängt, wie viel Unterstützung ein geflüchteter Mensch bekommt.

Nora von Dewitz
© Lukas Schulze

Nora von Dewitz

Nora von Dewitz ist Juniorprofessurin für Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.

Es wurde oft betont, dass in diesen Monaten in vielen Bereichen improvisiert werden musste. Wie war das bei den Sprachkursen?

von Dewitz: Man kann sagen, dass viele Akteur*innen versucht haben, auf die neue Situation einzugehen. Eines der Probleme war, dass es einfach viel zu wenige qualifizierte Lehrkräfte gab. Wer an einer Schule Deutsch unterrichtet, kann nicht mal eben so Unterricht für Deutschlernende geben, also Deutsch als Zweit- beziehungsweise Fremdsprache lehren. Die Politik hat teilweise darauf reagiert, indem sie schnelle und kurzfristige Qualifizierungsprogramme gestartet hat. Diese waren aber nur darauf ausgelegt, kurzfristig Abhilfe zu schaffen. Es begannen damals viele Quereinsteiger*innen, teilweise unter schlechten Arbeitsbedingungen und mangelnder Einbindung in die Schulen. Das Problem ist bis heute nicht gelöst.

Das Thema Sprachbildung gehört in jede Schule, nicht nur in einer vermeintlichen Ausnahmesituation wie 2015.

Es kamen Menschen jeden Alters nach Deutschland – kann man grundsätzlich sagen, für wen es am einfachsten ist, eine neue Sprache zu lernen?

von Dewitz: Für jüngere Kinder ist es tendenziell einfacher als für ältere. In der Grundschule müssen alle noch lesen und schreiben lernen, da sind die Gemeinsamkeiten größer. Außerdem ist die Zahl der Fächer überschaubar. Je älter die Kinder sind, desto schwieriger wird das. Hinzu kommt: Je kürzer jemand vor dem Schulabschluss steht, desto weniger Zeit hat er, sich im Schulsystem zurechtzufinden und den Unterrichtsstoff zu lernen.

Bundesländer haben Schüler*innen unterschiedlich in den Schulalltag integriert. Lässt sich im Rückblick sagen, welches Modell am erfolgreichsten ist?

von Dewitz: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es ist auch zweitrangig, jedes Modell hat Vor- und Nachteile. Was gar keinen Erfolg verspricht: Schüler*innen ohne jede vertiefte Unterstützung in den Fachunterricht zu schicken, auch das kommt leider vor.

© Getty Images

Einige Schüler*innen haben Vorbereitungsklassen besucht, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich lange. In der Regel ist der Übergang in den Schulbetrieb dann ein Knackpunkt. Wichtig ist: Die Schüler*innen können danach nicht sofort ausreichend Deutsch, sie brauchen weiter Unterstützung neben dem regulären Fachunterricht. Abgesehen davon sind die Gegebenheiten vor Ort entscheidend. Dazu gehören Faktoren wie die Größe der Klassen, die Qualifikation der Lehrkräfte und Konzepte zur Einbindung der neuen Schüler*innen.

Ist das inzwischen besser geworden?

von Dewitz: Es gibt sehr große Unterschiede zwischen einzelnen Schulen. Damals haben viele erst einmal kurzfristig auf die neue Situation reagiert. Nun haben einige gute Konzepte ausgearbeitet. Manche sind auf einem sehr guten Weg. Ihre Frage zielt aber darauf ab, wie es flächendeckend aussieht. Nun, es gibt noch viel Verbesserungspotenzial. Es hängt nach wie vor viel zu viel an den individuellen Gegebenheiten, zum Beispiel an einer engagierten Schulleitung oder an einzelnen Lehrkräften. Es fehlen langfristige institutionelle Maßnahmen. Und das Bewusstsein: Das Thema Sprachbildung gehört in jede Schule, nicht nur in einer vermeintlichen Ausnahmesituation wie 2015. Auch heute kommen Zuwanderer*innen. Alle Lehrkräfte müssen für das Thema sensibilisiert werden. Den Fachunterricht sprachsensibel zu gestalten, ist ein Dauerthema.

Das heißt: Lehrkräfte müssen mit den fachlichen Inhalten auch die fach- und bildungssprachlichen Kompetenzen vermitteln, die nötig sind, um den Unterrichtsgegenstand zu verstehen. Ebenso wichtig ist es, die Mehrsprachigkeit vieler Schüler*innen zu nutzen. Manche können vielleicht nur wenig Deutsch, aber alle haben Kompetenzen in ihrer Erstsprache und oft auch in weiteren Sprachen. Leider ist es bislang nicht überall gelungen, diese Aspekte dauerhaft zu verankern.

Wie kann das gelingen?

von Dewitz: Inzwischen ist das Thema weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ich sehe die größte Gefahr darin, dass das Thema dadurch einmal mehr von der politischen Agenda rutscht. Einige Prozesse sind seit 2015 angestoßen worden, aber ich befürchte, dass manches versandet. Sprachbildung und Förderung im Deutschen bleiben jedoch Daueraufgaben. Entscheidend ist: Sprachbildung muss fester Teil der Schulentwicklung sein. Und auf der individuellen Ebene ist der Schlüssel, Lehrkräfte zu qualifizieren. Nur so kann guter Unterricht gelingen.

Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweitsprache

Das Mercator-Institut für Sprach­förderung und Deutsch als Zweitsprache ist ein durch die Stiftung Mercator initiiertes und gefördertes Institut der Universität zu Köln. Es will sprachliche Bildung verbessern und zu mehr Chancen­gleichheit im Bildungs­system beitragen.

www.mercator-institut-sprachfoerderung.de


 

Mercator Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache