Streiten mit System

Autorin: Maren Beck Fotos: Ina Fassbender 29.10.2019

Integration ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Angepackt wird sie jedoch direkt in den Kommunen, in denen Geflüchtete angekommen sind – und das klappt selten ohne Konflikte. Gut so!

Kurt Faller muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, warum es zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen oft zu Konflikten kommt, nennt er ein Erlebnis, das anschaulicher nicht sein könnte. „In München gab es in einem Mietshaus Ärger zwischen einer bayerischen Familie und einer Familie marokkanischer Herkunft“, erzählt er. „Der Anlass war eigentlich eine typische Nach­bar­schafts­lappalie, aber im Gespräch kam dann etwas ganz anderes zum Vorschein: Die Bayern ärgerten sich, dass die marokkanische Familie schon ein ganzes Jahr im Haus lebte und sich immer noch nicht vor­gestellt hatte. Die Marokkaner hingegen verstanden nicht, dass sie schon ein Jahr im Haus wohnten, aber noch kein einziges Mal eingeladen worden waren.“ In diesen komplett verschiedenen Sicht­weisen auf die gleiche Sache offenbart sich der Kern inter­kultureller Konflikte: Es sind unter­schiedliche Prägungen, Vorstellungen und Werte, die nirgendwo nieder­geschrieben sind und die man dem Gegen­über auch nicht ansieht, die das Miteinander belasten können.

Pädagoge, Lehrmediator und Organisationsberater Kurt Faller
Kurt Faller entwickelt Konflikt­management­systeme und hat Menschen aus 16 Kommunen darin aus­gebildet, wie man ein solches aufbaut. © Ina Fassbender

Der Konfliktberater und Mediator Kurt Faller hat diesen Fall begleitet. Als Pädagoge und Coach hat er sich unter anderem auf Konflikte zwischen Kulturen spezialisiert. Aus vielen Jahren Erfahrung weiß er, dass nicht die Konflikte selbst das Problem sind, sondern der Umgang damit. Denn der ist häufig nicht geregelt – Stich­wort Kommune. 2015 und 2016 begann für Hundert­tausende Geflüchtete ein neues Leben in Dörfern und Städten in ganz Deutschland. Auch für die Kommunen war das eine neue Situation; die wenigsten waren darauf vor­bereitet. Die Zivil­gesell­schaft sprang ein: Unzählige Ehren­amtliche engagierten sich in Unter­künften, gaben Sprach­unterricht, bildeten Brücken zu Ämtern und Behörden. Hehre Absichten – und doch fühlen sich gemäß der Studie „Konflikte im Ehren­amt der Flüchtlings­hilfe“ von 2018 viele Ehren­amtliche enttäuscht, unverstanden und sogar bedroht. Wie das?

Konflikte für alle

„Im Ehrenamt kommt die Motivation von innen“, erklärt Andreas Zick. Der Leiter des Instituts für inter­disziplinäre Konflikt- und Gewalt­forschung an der Universität Bielefeld und Autor der Studie hat mit seinen Kolleg*innen 30 freiwillige Helfer*innen zu ihrem Engagement und ihren Erfahrungen befragt. „Man will helfen und entwickelt für Geflüchtete das Bild der dankbaren Hilfs­bedürftigen, der traumatisierten Kriegs­opfer und Kinder, die sich über Kleinig­keiten freuen. Man rechnet nicht damit, dass sich jemand sexistisch verhält, nicht mit einer Frau sprechen will, Hilfe ablehnt. Oder einfach nicht so dankbar ist, wie man sich das vorstellt.“ Denn anders­herum kennen viele Geflüchtete das Konzept des Ehren­amts nicht und denken, dass die Freiwilligen dafür bezahlt werden. Eine Vorstellung, die das Miteinander prägt.

Im Ehrenamt kommt die Motivation von innen.

Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick

Andreas Zick, Leiter des Instituts für inter­disziplinäre Konflikt- und Gewalt­forschung

Prallen die gegen­seitigen Erwartungen auf die Realität, kann es kriseln. Häufig fühlen sich die Ehren­amtlichen auch gegen­über den professionellen Helfer*innen in ihrer Teilhabe beschnitten, weil sie beispiels­weise keinen eigenen Raum haben oder weniger Möglichkeiten. Zusätzlich kann das Vertrauen der Geflüchteten zum Streit­punkt werden. „Viele Frei­willige identifizieren sich stark mit den Geflüchteten und werden zu deren Anwalt. Darüber geraten sie dann mit den Profis in Konflikt, denn die sagen letzt­endlich, was geht und was nicht“, so Andreas Zick. Nicht zuletzt warten auch jenseits der Geflüchteten­unter­kunft Konflikte auf die Ehren­amtlichen: Einige werden auf­grund ihres Engagements bedroht, da sie von fremden­feindlich eingestellten Menschen mit den Geflüchteten assoziiert werden.

Insgesamt zeigt die Studie, dass es in der Integration drei wesentliche Ursachen für Konflikte zwischen Gruppen gibt: Identitäten, Ressourcen und Werte. Um diese Dinge wird typischer­weise „gerangelt“, wenn Gruppen auf­einander­treffen, die sehr verschieden sind und ebenso verschiedene Interessen haben – was im Integrations­prozess maximal zutrifft. Gerade hier sind Auseinander­setzungen jedoch zwingend nötig. „Integration ist davon abhängig, dass es Konflikte gibt“, sagt Andreas Zick, „denn über Konflikte kommen Gruppen zusammen, handeln ihre Unter­schiede aus und finden gemeinsam neue Lösungen. Dieser Prozess darf nur nicht so verlaufen, dass eine Gruppe geschädigt wird. So entsteht sozialer Wandel, und von dem lebt eine Demokratie.“

Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick
Mit seiner Studie wollte Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick den Ehren­amtlichen auch eine Stimme verleihen. © Norma Langohr

Ein System erfinden

Der wesentliche Teil, das Aushandeln von Unterschieden, ist in Kommunen noch ein großer Knack­punkt. Es fehlen die Strukturen, um – wie Fach­leute es aus­drücken – „konflikt­fest“ zu sein und sowohl eine Anlauf­stelle als auch ein Verfahren für den Umgang mit solchen Spannungen bereit­stellen zu können. Das Projekt „Kommunales Konflikt­management fördern“ soll dies ändern. Das Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen und die Landes­weite Koordinierungs­stelle Kommunale Integrations­zentren (LaKI) bei der Bezirks­regierung Arnsberg haben sich zusammen­geschlossen, um zu erproben, wie durch die Qualifizierung von Kommunen Konflikt­management­systeme vor Ort etabliert werden können. Das klingt komplizierter, als es später sein soll. „Es geht darum, feste Strukturen und Abläufe zu schaffen, damit Probleme in der Integration früh erkannt und niedrig­schwellig gelöst werden können“, erläutert Kurt Faller, der das Projekt inhaltlich begleitet.

Ein unsystematisches Vorgehen kann für einzelne Mitarbeitende stark belastend sein.

Petra Kofler-Mertens

Petra Kofler-Mertens, Projektleiterin LaKI

16 Kommunen in NRW haben sich der Aufgabe gestellt und sich an der Ruhr-Universität Bochum im Zertifikats­kurs „Integrations­management und System­design“ für den Aufbau eines Systems in der eigenen Kommune schulen lassen. Petra Kofler-Mertens, die das Projekt in der LaKI leitet, weiß, dass sich diese personelle und zeitliche Investition auf lange Sicht lohnt: „Ein unsystematisches Vorgehen kann für einzelne Mitarbeitende stark belastend sein, da es die gewohnte Zusammen­arbeit stört und letzt­endlich viele Ressourcen dadurch gebunden werden.“ Durch die Zeit, die das frisst, entstünden den Kommunen durch ungelöste Konflikte also am Ende höhere Kosten. Ein mögliches Argument für Entscheidungs­träger*innen, sich überhaupt um systematisierte Konflikt­lösung zu kümmern. „Der politische Wille ist hier ganz entscheidend“, so Petra Kofler-Mertens.

Petra Kofler-Mertens leitet das Projekt „Kommunales Konfliktmanagement fördern“
Petra Kofler-Mertens leitet das Projekt „Kommunales Konflikt­management fördern“ bei der LaKI. © Ina Fassbender

Wie wichtig ein geregeltes Vorgehen für die Konflikt­lösung ist, zeigt aber auch Kurt Fallers marokkanisch-bayerisches Beispiel aus München: Das löste sich nämlich nicht von allein, sondern nur im Rahmen einer inter­kulturellen Konflikt­vermittlung im Wohn­bereich. Einem fest­gelegten Prozess folgend, wurde erst die eine Partei angehört, dann die andere, und schließlich wurden die Familien miteinander ins Gespräch gebracht. „Hier schimpfte man zwar über­einander, aber sobald man einmal begriffen hatte, welche Muster dahinter­liegen, war die Sache ziemlich schnell geklärt“, erinnert sich Kurt Faller.

Ohne Kommunikation „über die Sache“ geht es also nicht. „Erst mal geht man ja davon aus, dass die anderen die gleiche Sicht haben wie ich“, berichtet Konflikt­trainer Faller, „doch das ist einfach ein großer Irrtum.“ Konträre Perspektiven habe er auch zwischen einem syrischen Geflüchteten und einem Ehren­amtler erlebt. Letzterer regte mit Nach­druck an, dass der Syrer seinen Bart abschneidet, um nicht für einen Islamisten gehalten zu werden. Der Geflüchtete verstand nicht, was an einem Bart gefährlich sein sollte – und es kriselte. An diesem Beispiel zeigt sich aller­dings auch eine Tatsache, die oft nicht bedacht wird. „Wir glauben, dass Konflikte entstehen, weil jemand einem anderem schaden will“, meint Kurt Faller. „Das ist aber selten der Fall. Es knallt eher deshalb, weil jeder es aus seiner Welt heraus besonders gut machen will.“

Kommunales Konflikt­management fördern

Das von der Stiftung Mercator geförderte Projekt „Kommunales Konflikt­management fördern: Teilhabe und Integration konstruktiv gestalten“ ist eine Initiative des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammen­arbeit mit der Landes­weiten Koordinierungs­stelle Kommunale Integrations­zentren (LaKI) bei der Bezirks­regierung Arnsberg.