Wie eine Schule digital wird

Autor: Matthias Klein 23.04.2020

Seit die Schulen wegen des Coronavirus geschlossen sind, ist digitales Lernen in aller Munde. Wie können Schulen das erfolgreich umsetzen? Das Gymnasium Würselen hat Erfahrungen gesammelt – positive und negative.

Stellen Sie sich vor, Sie wären vor 25 Jahren eingefroren worden und würden heute wieder aufgetaut. Sie würden die Welt nicht wiedererkennen. Nichts wäre mehr wie damals – mit einer Ausnahme: das Klassenzimmer in der Schule. Das erzählt Frajo Ligmann, wenn man ihn nach der Digitalisierung in deutschen Schulen fragt. „Es ist ein bisschen zugespitzt, aber im Kern trifft es das“, sagt der Lehrer und lacht. „Es hat sich zu wenig verändert.“ Ligmann ist Medienkoordinator am Gymnasium in Würselen, ganz in der Nähe von Aachen. Dort beschäftigt er sich schon seit Jahren mit den digitalen Möglichkeiten – und hat Verschiedenes erlebt.

Doreen Barzel
Doreen Barzel © Sascha Kreklau

Einige Schulen nutzten die digitalen Möglichkeiten schon länger erfolgreich, berichtet Doreen Barzel, die bei der Bildungsinitiative RuhrFutur das Handlungsfeld Schule leitet. „Aber bislang sind das nur einzelne.“ In der Breite sei das Thema noch nicht umgesetzt worden: „Veränderungen brauchen im Schulsystem immer sehr lange.“

Doch dann kam die Coronakrise. „Seitdem beobachte ich eine enorme Dynamik. Alle beschäftigen sich plötzlich vermehrt mit digitalem Lernen.“ Weil Fortbildungen mit vielen Lehrkräften in einem Raum aktuell nicht möglich sind, bietet RuhrFutur den Schulen Webinare an.

Große Probleme werden sichtbar: Viele Schulen sind nicht mit schnellem Internet ausgestattet. Häufig fehlen übergreifende Konzepte. Und längst nicht alle Schüler*innen verfügen über die nötige technische Ausstattung, was soziale Unterschiede verschärft.

Viel mehr als Technik

Frajo Ligmann kennt diese Schwierigkeiten. 2008 startete er mit seiner Schule in die digitale Welt. „Wir haben alles falsch gemacht, was man falsch machen kann“, sagt er im Rückblick. Der Grund: „Wir haben nur über Technik nachgedacht.“ Seitdem gibt es in der Schule zwar flächendeckend WLAN. „Aber darauf kommt es gar nicht an. Es geht darum, wie neue digitale Möglichkeiten das Lernen verändern. Erst wenn wir darüber sprechen, kann es ein Erfolg werden“, sagt Ligmann.

Die Folge: „Wir haben das erste Projekt beerdigt“, erzählt Ligmann. 2015 gab es dann einen Neustart. Entscheidend sei, im Kollegium eine Diskussion über guten Unterricht zu führen, das hat Ligmann erlebt. „Lernen verändert sich gerade rasant. Es ist nicht möglich, am traditionellen Rollenverständnis einer Lehrkraft festzuhalten.“ Schließlich suche heute jeder Informationen im Internet. „Es muss in der Schule darum gehen, wie aus diesen Bruchstücken Wissen wird.“

Diese Debatte führe in seiner Schule das ganze Kollegium – „auch wenn das manchmal schwierig ist“. Ein Fortbildungsangebot sei für die Akzeptanz wichtig.

Frajo Ligmann
Frajo Ligmann

Dennoch: Als Herausforderung bleibe, dass das Kollegium ganz unterschiedlich kompetent in diesem Thema sei. „Manche bei uns geben bundesweit Fortbildungen, andere fangen gerade erst an“, sagt Ligmann.

Der Erfolgsfaktor: „Wenn Lehrkräfte merken, wie positiv sich ihr Unterricht durch digitale Angebote verändert, ziehen sie mit.“ Das Gymnasium Würselen ist erfolgreich, 2017 zeichnete das Bundesbildungsministerium die Schule mit dem Innovationspreis für digitale Bildung aus.

Strategie für die ganze Schule

Doreen Barzel sieht in den digitalen Angeboten besonders eine „Riesenchance“ für die individuelle Förderung und damit mehr Bildungsgerechtigkeit. „Studien zeigen, dass das bisher noch nicht so gut klappt. Digitale Formate können hier entscheidende Verbesserungen bringen.“ Mit interaktiven Angeboten könnten Schüler*innen ihr Lerntempo unterschiedlich gestalten – manche wiederholen etwas, andere vertiefen ihr Wissen. „Das bringt allen etwas, auch denjenigen, die besonders schnell lernen.“

Schüler im Klassenzimmer
© Getty Images

Bislang seien die Lehrkräfte in Sachen digitale Medien im Unterricht allerdings oft auf sich allein gestellt, hat Barzel beobachtet.Es gebe zwar sehr viele Hilfestellungen. „Aber diese sind unstrukturiert.“ Es hänge dann am Einsatz des Einzelnen, sich alles zusammenzusuchen. Und oft fehle ein Plan für die ganze Schule: „Es bringt wenig, wenn einer im Kollegium vorprescht. Schulen, die digitale Medien erfolgreich nutzen, haben eine einheitliche Strategie.“

Ein Tablet für jeden

Wenn es um Bildungsungleichheiten geht, ist die technische Ausstattung der Schüler*innen ein wichtiger Baustein. Manche Kommune habe vor den Schulschließungen noch schnell neue Geräte angeschafft. „Den klammen Kommunen im Ruhrgebiet ist das aber nicht so einfach möglich“, sagt Barzel. Gerade in den sozial schwächeren Stadtteilen sei das nun ein großes Thema, Kinder verfügten dort nicht selbstverständlich über ein Tablet oder einen Drucker. „Sie haben oft ein Smartphone, kennen das aber nur als Unterhaltungsangebot.“

In Würselen ist das Problem gelöst. Jedes Kind hat ein Tablet von der Schule bekommen, 11 Euro im Monat kostet das die Eltern. Nur sehr wenige könnten sich das nicht leisten, sagt Ligmann. „Dann springt die Schule ein.“ Dass jedes Kind selbst ein Gerät mitbringt, könne nicht funktionieren. „Überlegen Sie mal, wie viele unterschiedliche Geräte es gibt. Das überfordert die Lehrkräfte.“

Beide Experten glauben, dass die Coronakrise der Digitalisierung in der Schule einen Schub geben wird. „Wir haben erlebt, dass Lernen mit digitalen Medien auch über die Distanz sehr gut funktioniert“, sagt Ligmann. Barzel erzählt, viele Lehrkräfte hätten positive Erfahrungen gesammelt. „Sie haben es einfach mal ausprobiert und gesehen, was alles möglich ist.“ Das werde für die Schulentwicklung wichtig werden. „Schließlich berichten viele, dass es einfach Spaß gemacht hat, damit zu arbeiten.“

RuhrFutur

Unsere Partnergesellschaft RuhrFutur will das Bildungs­system der Metropole Ruhr leistungs­fähiger und gerechter gestalten. Ihr Ziel: Allen Kindern und Jugendlichen sollen Bildungs­zugang, -teil­habe und -erfolg in gleichem Maß ermöglicht werden.

www.ruhrfutur.de


 

Logo RuhrFutur