Fünf Jahre Ahrtal-Flut – warum stockt der Wiederaufbau?

Luftaufnahme eines Ortes im Ahrtal während der Flut: braunes Hochwasser steht in Straßen und reicht bis an Häuser; Bäume und Dächer ragen aus dem Wasser.
Fünf Jahre Ahrtal-Flut – warum stockt der Wiederaufbau?
Autorin: Bettina Brakelmann 14.07.2026

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 traf das Ahrtal eine Flutkatastrophe ungekannten Ausmaßes. 135 Menschen starben, zahlreiche Gebäude und Ortschaften wurden verwüstet, die Infrastruktur zerstört. Auch fünf Jahre nach der Flut stehen im rheinland-pfälzischen Ort Mayschoß an der Ahr zerstörte Häuser ohne Fassaden neben fertiggestellten Neubauten. Wie ein resilienter und sozial gerechter Wiederaufbau gelingen kann, untersucht die Kulturgeographin Susanne Bell an der Universität Bonn. AufRuhr hat sie, den Gastronomen Thorsten Rech und die ehrenamtliche Helferin Anneliese Baltes bei einem Rundgang durch Mayschoß begleitet.

Gemächlich, fast träge plätschert die schmale Ahr durch die 800-Seelen-Gemeinde Mayschoß im unteren Ahrtal. Hoch oben auf einem Felsen wacht die Burgruine Saffenburg über das Treiben im Tal, und an den steilen Hängen wächst das, wofür die Region berühmt ist: Wein, den die Menschen hier, im größten zusammenhängenden Rotweinanbaugebiet Deutschlands, seit dem 8. Jahrhundert kultivieren.

Eine große Baustelle
An der Straße, die direkt an der Ahr entlang durch Mayschoß führt, stehen dicht an dicht schicke Neubauten, grundsanierte Fachwerkhäuser, aber auch Ruinen ohne Frontfassaden und halbfertige Rohbauten. Obwohl vieles bereits instand gesetzt wurde, wirkt der Ort noch immer wie eine große Baustelle. Bagger kreuzen die Straße, an vielen Stellen stehen rot-weiße Absperrungen, Baulärm ist allgegenwärtig. Auch fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe ist der Wiederaufbau eine zähe Angelegenheit.

Zu diesem Schluss kommen alle, die sich an diesem sonnigen Junitag im Restaurant „Bahnsteig 1“ im Bahnhof von Mayschoß treffen. Eingeladen hat Inhaber Thorsten Rech. Er führt das Lokal seit 2013 und ist froh, dass er es nach jahrelangem Wiederaufbau wieder eröffnen konnte. Doch jetzt einfach einen Haken hinter die vergangenen Jahre zu machen, kann weder er noch Anneliese Baltes. Sie war am Tag nach der Flut Gründungsmitglied des örtlichen Krisenstabs und begleitet bis heute ehrenamtlich Menschen, deren Förderanträge für den Wiederaufbau noch immer nicht bewilligt sind.

Porträt von Thorsten Rech
© Severin Wohlleben

Thorsten Rech ist Besitzer des Restaurants „Bahnsteig 1“ im alten Bahnhof von Mayschoß. Die Flutkatastrophe im Ahrtal im Jahr 2021 zerstörte sein Restaurant vollständig. Rech baute es wieder auf, dokumentierte die Ereignisse rund um die Flut auf seinem YouTube-Kanal und veröffentlichte die Geschichte des Wiederaufbaus in einer zweibändigen Chronik.

Blick auf eine Brücke über die Ahr in Mayschoß; neben dem Fluss stehen Absperrungen und ein Baukran, im Hintergrund ein Bahnhofsgebäude und Weinberge am Hang.
Gewarnt wurde vor bis zu sechs Metern Pegel, was genau der Bahnhofs­höhe in Mayschoß entsprochen hätte. Am Ende stieg das Wasser fast auf zehn Meter. © Severin Wohlleben

Eine Pressemitteilung der zuständigen Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB) aus dem Jahr 2025 hätte ein falsches Bild gezeichnet, erzählen Baltes und Rech. Denn hier sei von einer stolzen Bewilligungsquote von 96 Prozent gesprochen worden. Daraufhin trommelten die beiden rund 60 Betroffene zusammen, die noch keine Bewilligung für ihre Anträge bekommen hatten, und luden Verantwortliche aus Ministerium und Kreisverwaltung nach Mayschoß ein. Das gewünschte Ergebnis blieb aber aus: Von den offenen 64 Fällen seien erst 14 bewilligt worden, berichtet Rech.

Chronik des Wiederaufbaus
Thorsten Rech hat die Ereignisse rund um die Flut über Jahre dokumentiert. Auf seinem YouTube-Kanal sind Aufnahmen vom ansteigenden Wasser, der Flutkatastrophe selbst und von der Zerstörung danach zu sehen. Unlängst hat er eine zweibändige Chronik mit vielen Fotografien aus den Jahren des Wiederaufbaus zusammengestellt. Darunter ist auch der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der 2023 sein Sommerinterview in Rechs Restaurant gab. Wer durch die beiden Bücher blättert, wird stumm, bekommt eine Ahnung vom Ausmaß der Verwüstung, vom Leid der Betroffenen, von den Mühen des Trümmerräumens – aber auch vom unermüdlichen Einsatz der vielen freiwilligen Helfer*innen.

Dass die Flut das Ahrtal so heftig treffen würde, damit hatte niemand gerechnet. „Zwar gab es Warnungen, die Flut könnte bis auf sechs Meter steigen, also genau bis zur Höhe des Bahnhofs“, erzählt Rech. Deshalb habe er sein Auto hinter das Haus gefahren, wo das Gelände etwas höher sei, und zur Sicherheit ein paar Sandsäcke vor die Tür gelegt. „Und dann wurden es fast zehn Meter. Das war vorher unvorstellbar“, erzählt er und schüttelt mit bitterem Lächeln den Kopf.

Porträt von Anneliese Baltes
© Severin Wohlleben

Anneliese Baltes ist seit 30 Jahren ehrenamtliche Leiterin des Jugendtreffs in Mayschoß. Nach der Flutkatastrophe gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des örtlichen Krisenstabs und setzt sich bis heute ehrenamtlich für Menschen ein, die beim Wiederaufbau ihrer Häuser in bürokratischen Sackgassen feststecken.

Es hätten Menschenleben gerettet werden können.

Thorsten Rech, Besitzer des Restaurants „Bahnsteig 1“ im alten Bahnhof von Mayschoß

Ein klarer Systemfehler
Rech und Baltes sehen deutliche Versäumnisse aufseiten der Behörden. „Es wäre genug Zeit gewesen, früher einzugreifen. Als es nachmittags im oberen Tal schon Tote gab und Häuser weggerissen wurden, hätte man die Orte weiter unten evakuieren müssen. Sechs Stunden später war die Flut hier, mit all ihren verheerenden Folgen“, sagt Rech. Baltes ergänzt: „Das Wasser kam von allen Seiten – vom Fluss, von den Bergen und aus den Seitentälern. Der Katastrophenalarm hätte viel früher ausgelöst werden müssen. Es hätten Menschenleben gerettet werden können. Für mich war es ein klarer Systemfehler, dass nur eine Person für das Auslösen des Alarms zuständig war.“

Auf die Katastrophe folgte zunächst eine Welle der Solidarität. Daran erinnert sich Baltes bis heute. Ihre Augen leuchten bei der Erinnerung daran. „So viele haben mit angepackt – Einheimische genauso wie Menschen von außerhalb, die Feuer- und die Bundeswehr. Wir haben von früh morgens bis kurz vor Mitternacht durchgearbeitet, und das jeden Tag, mehrere Wochen lang.“ Doch mit den Jahren habe sich das geändert. „Viele sind mit der Zeit sehr egoistisch geworden, interessieren sich nur für ihr eigenes Haus“, stellt Anneliese Baltes mit Bedauern in der Stimme fest. Hinzu komme der schleppende Prozess des Wiederaufbaus und die dazugehörige Bürokratie. „Du musst eine robuste Natur haben, um angesichts dieser ganzen Formalitäten und Anträge durchzuhalten. Nicht wenige haben mittlerweile resigniert. Und manche leben lieber ohne Strom, als sich dem Kampf mit den Behörden auszusetzen.“

Manche leben lieber ohne Strom, als sich dem Kampf mit den Behörden auszusetzen.

Anneliese Baltes,  ehrenamtliche Leiterin des Jugendtreffs in Mayschoß & Gründungsmitglied des örtlichen Krisenstabs nach der Flutkatastrophe 2021

Blaupause für ähnliche Szenarien
Der soziale Zusammenhalt an der Ahr ist eines der Themen, weshalb Susanne Bell heute nach Mayschoß gekommen ist. Die Kulturgeographin gehört zum Forschungsteam an der Universität Bonn, das im Projekt SOZIAHR die sozialen, die ökonomischen und die administrativen Herausforderungen im Ahrtal nach der Flutkatastrophe untersucht. Bell arbeitet ethnografisch, sie führt also offene Gespräch mit den Menschen vor Ort statt Interviews mit starren Vorgaben oder vorgefassten Hypothesen.

Dabei begegnet sie recht unterschiedlichen Bewältigungsstrategien im Umgang mit der Katastrophe. Während die einen sich mit der Situation arrangiert hätten, litten andere bis heute tagtäglich unter dem Anblick der Flutschäden, erzählt Bell. Unterschiedliche Haltungen führten mitunter zu Konflikten – auf Nachbarschaftsebene ebenso wie bei der Frage, wie öffentliche Gelder und Spenden verwendet werden sollten. Doch Bell beobachtet, statt zu bewerten: „Es gibt so viele individuelle Probleme und Voraussetzungen. Deshalb gibt es auch nicht die eine Bewältigungsstrategie, die für alle funktioniert.“

Porträt von Susanne Bell
© Severin Wohlleben

Susanne Bell ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Geographischen Institut der Universität Bonn. Sie erforscht, wie Gemeinschaften Krisen und Katastrophen bewältigen. Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Rolle des sozialen Zusammenhalts, kollektiver Identitäten und Erinnerungskultur.

Eine Person blättert in einem Fotobuch mit Bildern vom Ahrtal nach der Flut, darunter Aufräumarbeiten und zerstörte Bereiche in Mayschoß.
Fotos erinnern an die ersten Wochen nach der Flut, als viele gemeinsam anpackten. Heute bremsen Bürokratie und zäher Wiederaufbau die Zuversicht vieler Betroffener. © Severin Wohlleben

Herzstück des Projektes ist eine Befragung, die im Sommer 2026 startet. Rund 70.000 Haushalte erhalten per Post einen Fragebogen. Beantworten sollen sie unter anderem Fragen zu ihrer persönlichen Lebenslage, zur Flutbetroffenheit, zum Stand des privaten Wiederaufbaus, zur politischen Einstellung sowie zur sozialen Unterstützung und zur politischen Aufarbeitung der Flutkatastrophe.

Die ersten Ergebnisse der Umfrage werden im April 2027 veröffentlicht. Anschließend fließen sie in eine bereits laufende Workshop-Reihe im Ahrtal ein. Bis Ende 2028 möchte das Forschungsteam Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung entwickeln, um auf künftige Katastrophenlagen in anderen Regionen vorzubereiten und Klimaschutz und Klimaanpassung stärker zusammenzudenken.

Und die Menschen im Ahrtal? Bekommen sie Angst, wenn es mal kräftig regnet? Thorsten Rech zuckt mit den Schultern, lächelt: „Nein, eigentlich nicht.“ Und wenn eine ähnliche Katastrophe noch einmal käme, würde er dann aufgeben? „Nein, das ist doch unsere Heimat hier.“ Er legt den Kopf schief und sagt leise: „Und das schönste Tal der Welt.“


SOZIAHR

Das Projekt SOZIAHR ist an der Universität Bonn und am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie angesiedelt. Es untersucht, wie Gesellschaft, Staat und Verwaltung nach einer extremen Klimakatastrophe handeln. Ziel sind wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für das Ahrtal und andere Regionen, die künftig von Extremwetterereignissen betroffen sein könnten.

www.soziahr.uni-bonn.de