Grüne Transformation: Warum private Investitionen fehlen
Die grüne Transformation ist teuer: Bis 2045 muss Deutschland Billionen in Klimaschutz, Infrastruktur und Modernisierung investieren. Der Staat allein wird das nicht stemmen können, auch privates Kapital ist gefragt. Weshalb Investoren bisher zögern und in welchen deutschen Märkten neue Exportschlager entstehen könnten, erklärt Silke Stremlau vom Thinktank Finance for Transition.
AufRuhr: Frau Stremlau, die deutsche Wirtschaft soll klimafreundlicher und krisenfester werden. Wer bezahlt diese Transformation?
Silke Stremlau: Um Deutschland zukunftsfähig zu machen, brauchen wir enorme Investitionen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, Deutschlands staatliche Förderbank, geht bis zum Jahr 2045 von rund fünf Billionen Euro aus, das sind circa 190 Milliarden Euro pro Jahr. Rund 120 Milliarden Euro davon entfallen auf ohnehin anstehende Investitionen, etwa weil Straßen, Fabrikgebäude oder Stromnetze regelmäßig erneuert werden müssen. Diese müssen verstärkt in solche Anlagen investiert werden, die einen Beitrag zur Klimaneutralität leisten. Weitere 70 Milliarden Euro kommen jährlich für „neue“ Klimaschutzmaßnahmen hinzu, zum Beispiel für einen klimagerechten Wohnbestand. Staatliche Mittel allein reichen dafür nicht aus. Auch institutionelle Investoren wie Versicherungen, Stiftungen und Pensionskassen müssen in nachhaltige Infrastruktur und erneuerbare Energien investieren. Das tun sie bereits, allerdings oft in Frankreich, Großbritannien oder Skandinavien, aber viel zu wenig in Deutschland.
Silke Stremlau ist Gründungsgeschäftsführerin des Thinktanks Finance for Transition. Die Sozialwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Umweltpolitik leitete zuvor den Sustainable Finance-Beirat der Bundesregierung und war Vorständin der nachhaltigen Pensionskasse Hannoversche Kassen. Sie sitzt zudem im Aufsichtsrat der NORD/LB und im aktuellen Praxisbeirat Sustainable Finance der Bundesregierung. Stremlau ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im nachhaltigen Finanzmarkt tätig.
Woran liegt das?
Erste Studien deuten darauf hin, dass lange Genehmigungsverfahren Investitionen in Deutschland bremsen und auch die steuerlichen Anreize in anderen Ländern besser sind. Für manche Investoren passt zudem das Verhältnis von Risiko und erwarteter Rendite nicht. Sie wollen klar abgegrenzte Projekte mit transparenter Steuerung, belastbaren Finanzkennzahlen und standardisierten Strukturen. Das ist bei vielen Transformationsprojekten besonders schwierig, weil es sich um neue oder bislang wenig erprobte Geschäftsmodelle handelt und belastbare Vergleichswerte fehlen.
Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sind für mich kein Gegensatz, sondern zwei Seiten einer Medaille.
Nehmen wir ein Beispiel: Vor welchen Herausforderungen steht ein Stadtwerk, das ein Wärmenetz ausbauen will?
Ein Wärmenetz kostet zunächst viel Geld: Straßen werden aufgerissen, Rohre verlegt, zwei oder drei Jahre lang gibt es keine Einnahmen. Hinzu kommt das Eigenkapitalproblem: Stadtwerke müssen ihre Gewinne oft an die Kommune abführen, um damit wiederum Schwimmbäder oder Bibliotheken zu finanzieren. Für neue Investitionen fehlt dann das Eigenkapital, das Banken und Investoren erwarten. Trotzdem liegt es nicht nur am Geld, auch politische Unsicherheit und mangelnde Planungssicherheit wirken sich hier negativ aus.
Welche Finanzierungsmodelle bräuchte ein Stadtwerk, um diese Investitionen trotzdem stemmen zu können?
Stadtwerke brauchen einen Finanzierungsmix aus staatlicher Förderung, kommunalen Krediten, privatem Kapital und Bürgerbeteiligung. In Hannover finanziert die Stadt den Ausbau des Wärmenetzes über einen kommunalen Kredit. Der verpflichtende Anschluss an das Fernwärmenetz sichert die Nachfrage und macht das Projekt für das Stadtwerk kalkulierbar. Auch gebündelte Projekte mehrerer Stadtwerke ziehen größere Investoren an. Bürgerenergiegenossenschaften ermöglichen schließlich den Menschen vor Ort, über die Energiewende mitzuentscheiden und von ihr zu profitieren.
Finance for Transition will dazu beitragen, dass Kapital leichter in Transformationsprojekte fließt. Wie gehen Sie das an?
Wir sprechen mit Stadtwerken, Unternehmen, der Politik, Banken und Investoren, um ihre Vorbehalte zu verstehen. Beim Thema Wärmewende prüfen wir, ob sich ein Investitionsstandard entwickeln lässt, an dem sich Stadtwerke und Kapitalgeber orientieren können. Zudem bringen wir unsere Erkenntnisse in die Politik ein. Bei der aktuell diskutierten Kapitalrente etwa sollte das Geld nicht nur in amerikanische ETFs fließen, sondern stärker in deutsche und europäische Infrastruktur. So könnte Kapital aus der Altersvorsorge in den Ausbau erneuerbarer Energien, moderner Netze oder klimafreundlicher Infrastruktur fließen und dabei sowohl zur Finanzierung der Modernisierung als auch zu einer stabilen Altersvorsorge beitragen.
Wo sehen Sie derzeit den größten politischen Handlungsbedarf?
Am meisten stört die „Flip-Flop-Politik“: das Hin und Her bei Wärmepumpen, Elektromobilität, Emissionshandel oder Gasimporten. Als Unternehmerin brauche ich Klarheit. Wenn das Ziel Klimaneutralität lautet, richte ich mich daran aus. Viele Unternehmen sind nach meiner Wahrnehmung weiter als die Politik und investieren auch ohne Förderung, wenn sich der Umbau langfristig rechnet. Dafür müssen sie aber darauf vertrauen können, dass die politischen Rahmenbedingungen Bestand haben.
In welcher Branche können wir mit neuen grünen Exportschlagern rechnen?
In Zukunftsbranchen wie den erneuerbaren Energien, Speichertechnologien, Digitalisierung, Pharmazie, Medizintechnik, Robotik und dem autonomen Fahren. Laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie müssen wir ein Fünftel unserer Industrieproduktion transformieren. Das ist eine große Aufgabe, in der aber auch enorme Wachstumspotenziale liegen. Wenn Unternehmen Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die große gesellschaftliche Probleme angehen, kann das neue Jobs schaffen, Renditen ermöglichen und Exporte stärken. Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sind für mich kein Gegensatz, sondern zwei Seiten einer Medaille.
Wie kann der Wirtschaftsstandort Deutschland gestärkt aus der Klimatransformation hervorgehen?
Indem wir uns nicht schlechtreden, gezielter fördern und unsere Chancen wirklich nutzen. Wir brauchen ein positives Zukunftsbild und müssen regionale Stärken gezielter bündeln, statt überall alles fördern zu wollen. Zugleich braucht es eine konsistente Politik. Nur wenn Unternehmen auf verlässliche Ziele und Rahmenbedingungen bauen können, werden sie investieren und Deutschland weiterentwickeln. Dafür brauchen wir vor allem eines: Mut und Zuversicht.
Finance for Transition
Finance for Transition (F4T) ist eine 2026 von der Stiftung Mercator gegründete und geförderte Berliner Denkfabrik für Transformationsfinanzierung. Sie untersucht, warum privates Kapital viele Klimaschutz- und Modernisierungsprojekte bislang nicht erreicht, und entwickelt mit Akteuren aus Finanzmarkt, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft praxisnahe Lösungen. Ein erster Schwerpunkt ist die kommunale Wärmewende.