Klimaschutz im Krankenhaus: Wie eine Nachhaltigkeitsmanagerin Veränderung gestaltet

Klimaschutz im Krankenhaus: Wie eine Nachhaltigkeitsmanagerin Veränderung gestaltet
Autorin: Sophie Greve 05.05.2026

Krankenhäuser retten Leben. Und belasten zugleich das Klima stärker als der Flugverkehr. Ihr hoher Energie- und Ressourcenverbrauch trägt dazu bei, dass der Klimawandel Gesundheitsrisiken weltweit verschärft. Wie geht ein Ort, der Gesundheit schützt, mit diesem Widerspruch um? An der Universitätsmedizin Essen arbeitet Nachhaltigkeitsmanagerin Lilian Rothe genau an diesem Spannungsfeld.

Dass ausgerechnet ein Krankenhaus ein Ort für Klimaschutz ist, wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Zu dominant scheint die eigentliche Aufgabe: versorgen, behandeln, retten. Genau darin liegt aber der Punkt. Der deutsche Gesundheitssektor verursacht eine Menge an Treibhausgasemissionen: in etwa so viel, wie die gesamte Schweiz jährlich ausstößt. Weltweit trägt der Sektor rund 4,4 Prozent zu den Emissionen bei, in Deutschland sind es sogar 5,2 Prozent. Lilian Rothe will, dass das Thema nicht länger nur eine Randnotiz bleibt. „Das Uniklinikum ist wie eine Stadt in einer Stadt“, sagt sie. Eine Stadt mit komplexer Logistik, Beschaffung, Abfallmanagement, Speisenversorgung und hohem Energieverbrauch. Deshalb gibt es nicht den einen Hebel, sondern „viele Handlungsfelder, in denen Krankenhäuser grüner werden können und müssen“.

Viele Stellschrauben statt einer Lösung

Der Begriff der Klimaneutralität taucht in Debatten schnell auf. Für ein Krankenhaus aber ist er nur bedingt tauglich. Zu hoch sind Energie- und Ressourcenverbrauch, zu eng die hygienischen und medizinischen Rahmenbedingungen. Der medizinische Versorgungsauftrag steht an erster Stelle. Rothe stellt klar: „Man kann nicht einfach alles Einwegmaterial durch Mehrweglösungen ersetzen.“ An manchen Stellen ist das zwar möglich, zum Beispiel setzen die Kantinen längst auf Mehrwegpfandsysteme, bei medizinischen Materialien wird es jedoch deutlich komplizierter. Dafür sind die Regeln zu streng und die hygienischen Abläufe zu sensibel. Und doch bedeutet das nicht, dass keine Veränderung möglich ist. Im Gegenteil.

Lilian Rothe
© Stevy Hochkeppel

Lilian Rothe

Die in Essen aufgewachsene Nachhaltigkeitsmanagerin der Universitätsmedizin Essen gestaltet Klimaschutz und Nachhaltigkeit in ihrer Stadt aktiv mit. Mit einem betriebswirtschaftlichen Hintergrund und einem Master in Nachhaltigkeit treibt sie den Wandel hin zu einem klimafreundlicheren Klinikverbund voran.

Im Interview mit unserer Autorin erzählt Lilian Rothe, wie sie nach ihrem BWL-Studium ihren Weg zur Nachhaltigkeit gefunden hat. Statt nur privat aktiv zu sein, wollte sie Veränderung in Organisationen anstoßen. Heute arbeitet sie im Gesundheitswesen genau an diesem Hebel. © Stevy Hochkeppel

Entscheidend ist, die richtigen Stellschrauben zu identifizieren und gezielt zu nutzen. Genau darin liegt ihre Aufgabe als Nachhaltigkeitsmanagerin. Sie vernetzt, statt vorzugeben und bringt Menschen, Ideen und Prozesse zusammen.

Ein zentrales Leuchtturmprojekt ist das Projekt Green Hospital Food. Ziel ist es, Ernährung im Krankenhaus neu zu denken. Statt pauschalem Verzicht geht es um konkrete Veränderungen im Speiseplan: weniger Fleisch, mehr pflanzliche Bestandteile, orientiert an der Planetary Health Diet. Gleichzeitig wird analysiert, wo Lebensmittel verloren gehen. Abfallmessungen machen sichtbar, wo nachgesteuert werden kann. Von der Lagerung bis zum Teller in der eigenen Küche des Campus. Das Projekt stand 2025 sogar im Finale für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Gesundheit.

Eine Besonderheit von Nachhaltigkeit im Krankenhaus stellen Narkosegase dar. An der Universitätsmedizin Essen werden daher verschiedene Maßnahmen eingesetzt, um ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Dazu gehört der gezielte Einsatz weniger klimaschädlicher Narkosemittel sowie der Einsatz von Aktivkohle-Filtersystemen, die ausgeatmete Narkosegase auffangen, anstatt sie in die Umwelt abzugeben. Lachgas gehört zu den besonders klimaschädlichen Stoffen im Klinikalltag. In Essen kommt es inzwischen nur noch in der Geburtshilfe zur Schmerzlinderung zum Einsatz, während die Versorgungssysteme für den regulären Gebrauch zurückgebaut wurden.

Solche Maßnahmen wirken auf den ersten Blick klein, sind aber entscheidend: Mit 1.300 Betten und rund 8000 Mitarbeitenden behandelt die Universitätsklinik Essen im Jahr rund 55.000 Patient*innen stationär und etwa 300.000 ambulant. Ein System, das Leben rettet, trägt gleichzeitig massiv zur Klimakrise bei. „Schritt für Schritt arbeiten wir uns vor zur Vision Green Hospital, um dieses Ungleichgewicht in die Waage zu bringen“, betont Rothe.

Als Nachhaltigkeitsmanagerinnen gestalten Lilian Rothe und Katharina Zimmermann die Transformation hin zu einer klimafreundlicheren Klinik. © Stevy Hochkeppel
Rothe und Zimmermann geben regelmäßig eine Nachhaltigkeitsschulung für Mitarbeitende im Audimax der Universitätsmedizin Essen. © Stevy Hochkeppel

Dass Nachhaltigkeit im Klinikalltag sichtbar wird, ist kein Selbstläufer. „Sehr wichtig für uns ist, unseren Mitarbeitenden das Thema bewusst zu machen“, sagt Rothe. Ein Ansatz dafür: Schulungen für alle. Im Audimax sitzen an diesem Tag rund 100 Menschen für die jährlichen Pflichtschulungen. Einmal im Jahr geht es hier für jede*n Mitarbeiter*in des Klinikums auch um Klimawandel, Verantwortung und die Frage, was das konkret für den eigenen Arbeitsbereich bedeutet. Lilian Rothe und ihre Kollegin Katharina Zimmermann erklären souverän, warum Emissionen weltweit steigen und welche Rolle eine Klinik dabei spielt. Schnell wird klar: Es geht nicht um moralischen Druck, sondern um Einordnung und Mitverantwortung. Strukturelle Maßnahmen wie der Bezug von Ökostrom für die gesamte Klinik, der sukzessive Ausbau von Photovoltaikanlagen oder ein eigener Fahrradparkplatz mit 230 Stellplätzen bilden den Rahmen, ergänzt durch viele kleine Entscheidungen im Alltag. So trägt jede Berufsgruppe im eigenen Bereich zum Gesamtbild bei.

Ein wichtiger Hebel sind außerdem die rund 130 Nachhaltigkeitsbeauftragten im Klinikverbund. Mit ihnen setzt das Klinikum auf engagierte Personen in den Bereichen. Sie sind Ansprechpersonen, Sprachrohr und Multiplikator*innen.

Einer von ihnen ist Dr. Bernd Wagner im Zentrallabor. Beim Besuch wird schnell deutlich, wie komplex Nachhaltigkeit hier ist. Laborgebäude gehören zu den energieintensivsten Bereichen eines Krankenhauses: Sie verbrauchen im Schnitt 4,4-mal mehr Energie als ein Bürogebäude. Der Material- und Chemikalienverbrauch sowie das Abfallaufkommen verursachen zusätzlich erhebliche Umweltwirkungen. Zugleich bieten Labore ein großes Potenzial für Ressourceneinsparungen.

Im Zentrallabor der Universitätsmedizin Essen tauschen sich Dr. Wagner, Lilian Rothe und Dr. Wichert (v. l. n. r.) über Ansätze zur nachhaltigen Weiterentwicklung aus. © Stevy Hochkeppel

Im Zentrallabor der Universitätsmedizin Essen werden jährlich rund zehn Millionen Analysen durchgeführt. Täglich laufen tausende Röhrchen ein. Alles ist auf Tempo, Präzision und Verlässlichkeit ausgelegt. „Ein 24-Stunden-Betrieb, in dem immer schnell agiert werden muss“, hält Dr. Marc Wichert fest, der Leiter des Zentrallabors. Und auch bei vermeintlich kleinen Dingen wird nachjustiert. Dr. Bernd Wagner zeigt ein Beispiel aus dem Laboralltag: Pipettenspitzen. Sie werden nicht mehr einfach weggeworfen, sondern gesammelt und an den Hersteller zurückgegeben, der daraus neue Laborutensilien produziert. Nachhaltigkeit entsteht hier nicht durch einen großen Wurf. Sondern durch viele konkrete Entscheidungen.

Zwischen Anspruch und Realität

Der Weg dahin bleibt anspruchsvoll. Rothe benennt die Hürden klar. Finanzielle Ressourcen fehlen und politische Prioritäten haben sich zuletzt verschoben. Für die Verankerung von Nachhaltigkeit in einer Organisation mache das die Lage nicht einfacher. Um dringend notwendige Investitionen in den klimaschutzgerechten Umbau der Kliniken zu ermöglichen, hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) einen Krankenhaus-Klimaschutzfonds gefordert.

Auch Lilian Rothes Wunsch an die Politik ist entsprechend deutlich: „Wenn Deutschland klimaneutral werden will, müssen die großen Emittenten konsequent in den Blick genommen und beim Transformationsprozess unterstützt werden.“

© Stevy Hochkeppel
Was früher im Müll landete, wird heute recycelt: Pipettenspitzen im Zentrallabor.

Während andernorts noch diskutiert wird, wird an der Uniklinik Essen – der eigenen kleinen Stadt in der Stadt – bereits daran gearbeitet, wie Nachhaltigkeit konkret aussehen kann.

Nicht als perfekte Utopie, sondern als schrittweiser Umbau im laufenden Betrieb. Vorangetrieben von Menschen wie Lilian Rothe und von der Erkenntnis, dass es davon noch viele brauchen wird.

Ihr wollt Nachhaltigkeit in eurer Organisation im Gesundheitssystem voranbringen?

Diese Tipps gibt Nachhaltigkeitsexpertin Lilian Rothe.

Deutsche Allianz Klima­wandel und Gesundheit e. V. (KLUG)

Der 2017 gegründete Verein KLUG bringt Akteur*innen aus dem gesamten Gesundheitsbereich zusammen. Ziel ist es, deutlich zu machen, welche weitreichenden Folgen die Klimakrise auf die Gesundheit hat. Das Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen, kurz KliMeG, ist eine strategische Allianz von Kliniken, die den Klimaschutz im Gesundheitswesen voranbringen wollen. KliMeG wurde 2023 von KLUG unterstützt durch eine Förderung der Stiftung Mercator initiiert.

www.klimawandel-gesundheit.de/ 

KluG