Klimaschutz in Krisenzeiten: Stiftungen sollten jetzt mutig sein
Wer denkt noch an die Erderwärmung, wenn Krieg, Flucht und geopolitische Krisen die Welt erschüttern? Das Philea Forum 2026 in Kopenhagen hat genau diese Frage ins Zentrum gerückt: Rund 800 Vertreter*innen europäischer Stiftungen diskutierten vom 18. bis 21. Mai, wie Philanthropie auch in Krisenzeiten zu Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit beitragen kann. AufRuhr hat mit Delphine Moralis, CEO von Philea, über den Mut zum Handeln unter schwierigen Bedingungen gesprochen. Und darüber, warum Hoffnung und Entschlossenheit zusammengehören.
AufRuhr: Frau Moralis, wie gelingt es Stiftungen, Klimaschutz heute relevant zu halten?
Delphine Moralis: Polykrisen wie Krieg, Fluchtbewegungen und geopolitische Spannungen bilden den Kontext unserer Arbeit. Damit wir diese Krisen adressieren können, müssen wir verstehen, wie sie zusammenhängen. Globale Konflikte verschärfen die Klimakrise und soziale Probleme – und umgekehrt. Deshalb müssen wir weiterhin mutig handeln und gesellschaftliche Resilienz und Anpassungsfähigkeit als Teil der Klimaarbeit begreifen. Und wir wollen eine hoffnungsvolle Perspektive bewahren.
Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit müssen also zusammengedacht werden?
Ja, denn die Klimaschäden treffen vor allem Menschen, die auf globaler wie lokaler Ebene ohnehin schon benachteiligt sind. Werden Betroffene von Anfang an in Gespräche mit einbezogen, steigt die Wahrscheinlichkeit, langfristig bessere Lösungen für alle zu finden. Es geht darum, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, um die Auswirkungen von Entscheidungen und Investitionen bestmöglich zu verstehen.
Delphine Moralis ist CEO von Philea, der Philanthropy Europe Association, und ist dort für die strategische Ausrichtung sowie die Zusammenarbeit mit Mitgliedern und Gremien verantwortlich. Zuvor war sie unter anderem Generalsekretärin von Terre des Hommes International Federation und Missing Children Europe. Seit 2021 ist sie Vorsitzende des Verwaltungsrats der belgischen Entwicklungsagentur Enabel, die sich für eine nachhaltige Welt einsetzt, in der Frauen und Männer in einem rechtsstaatlichen Umfeld leben und sich frei entfalten können.
Woran erkennen Sie Stiftungen, die den Klimaschutz ernst nehmen?
Ich schaue mir an, welche Maßnahmen einer Stiftung tatsächlich etwas bewirken. Dafür muss sie übrigens nicht selbst Klimaprojekte fördern. Eine Kulturstiftung kann zum Beispiel ihre gesamte Förderung an Nachhaltigkeitszielen ausrichten und so einen positiven Beitrag leisten. Dabei geht es nicht nur um die Förderarbeit, sondern auch darum, wie das Stiftungsvermögen angelegt wird. Denn Investitionsentscheidungen können einen erheblichen Einfluss auf Klima- und Nachhaltigkeitsziele haben. Entscheidend ist, ob eine Stiftung Klimaschutz als Querschnittsaufgabe versteht und in ihrer gesamten Organisation verankert. Dass sie also auf nachhaltige Praktiken setzt: Wie reisen wir? Wie nachhaltig sind unsere Veranstaltungen? Wie transparent gehen wir mit unserem ökologischen Fußabdruck um? Das sind Fragen, die sich jede Stiftung stellen sollte.
Ein lebenswerter Planet ist die Voraussetzung dafür, dass philanthropische Arbeit überhaupt Sinn ergibt.
Das Philea Forum stand dieses Jahr unter dem Motto „Philanthropy for People and Planet“. Welche Idee steckt dahinter?
Die Überzeugung, dass ein lebenswerter Planet die Voraussetzung dafür ist, dass philanthropische Arbeit überhaupt Sinn ergibt. Denn alle Menschen, für die sich die Stiftungen einsetzen, sind von Klimawandel und Umweltzerstörung betroffen. Gleichzeitig gibt es aktuell viel politischen Widerstand gegen Klimaschutz. Auf der Konferenz haben wir erörtert, wie wir als Sektor gemeinsam eine Agenda voranbringen können, die für die Menschheit von existenzieller Bedeutung ist.
Das Philea Forum fand in Kopenhagen statt. Was macht Dänemark zu einem Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit?
Das Land verfolgt sehr ambitionierte Klimaziele: Es will die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 70 Prozent reduzieren, verglichen mit denen von 1990. Dänemark ist in Europa nach wie vor das Land mit den höchsten Pro-Kopf-Förderungen im Bereich der Umweltphilanthropie. Das zeigt eine Analyse, die wir kürzlich veröffentlicht haben. Auch das dänische philanthropische Ökosystem ist besonders: Unternehmensstiftungen leisten einen großen Beitrag zum Klimaschutz, außerdem herrscht ein großes Vertrauen zwischen den verschiedenen philanthropischen Akteuren. Das ist typisch für die dänische Gesellschaft. Es gibt dafür sogar einen Begriff: „Nordic Trust“ – nordisches Vertrauen.
Dänemark ist das europäische Land mit den höchsten Pro-Kopf-Förderungen im Bereich der Umweltphilanthropie.
Was sind die größten Herausforderungen dabei, mehr internationale Stiftungen in das Philea-Netzwerk einzubinden?
Oft ist es die Zusammenarbeit selbst. Mitglied eines Netzwerkes zu sein, bedeutet, Zeit, Kapazitäten und Ressourcen bereitzustellen. Und das ist in Stiftungen mit vielen Prioritäten nicht immer einfach. Eine weitere Herausforderung liegt für sie darin, die richtigen Personen in die Netzwerkarbeit einzubinden und eine Kultur zu schaffen, die den Mehrwert dieser Zusammenarbeit erkennt. Trotz dieser Hürden freuen wir uns als Philea, dass mehr als ein Drittel unserer Mitglieder in den vergangenen fünf Jahren neu hinzugekommen ist.
Kommen wir noch einmal auf die Konferenz zurück. Mit welchen konkreten Ergebnissen sind Sie nach Hause gegangen?
Für mich war der größte Erfolg, dass wir den gemeinsamen Sinn für Eigenverantwortung und Handlungsfähigkeit stärken konnten. Nach meiner Einschätzung haben alle Teilnehmenden mindestens eine konkrete Idee mitgenommen, mit der sie eine nachhaltige Verbesserung anstoßen können. Damit ist schon viel erreicht. Denn bei unserer Arbeit geht es nicht um eine einzelne Stiftung, die alles radikal umstellt, sondern darum, dass wir als Sektor gemeinsam mehr Wirkung entfalten.
Sind Sie optimistisch, dass wir trotz globaler Krisen in den nächsten Jahren echte Erfolge beim Klimaschutz sehen werden?
Das ist das Ziel, auf das ich hinarbeite. Ich halte es dabei mit Jean Monnet, einem der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaften, die Vorläufer der Europäischen Union sind. Er hat gesagt: „Ich bin weder Optimist noch Pessimist, ich bin entschlossen.“ So sehe ich das auch. Wir haben keine andere Wahl, als all unsere Kraft darauf zu verwenden, den künftigen Generationen eine Welt zu hinterlassen, die ihrem Potenzial gerecht wird. Hoffnung ist für mich eng mit Resilienz verbunden: trotz aller Widrigkeiten weiter für den Fortschritt zu kämpfen.
Philea
Philea, die Philanthropy Europe Association, ist der größte europäische Verband für Philanthropie. Die Organisation vernetzt Stiftungen, fördert deren Austausch und Zusammenarbeit und setzt Impulse zu Themen wie Demokratie, Gleichheit, Klima und dem sozialen Wandel. Zu den Mitgliedern gehören sowohl einzelne philanthropische Organisationen als auch nationale Infrastrukturorganisationen für den Stiftungssektor, sogenannte Philanthropy Infrastructure Organisations (PIOs). Philea versteht sich als Plattform für Lernen, Interessenvertretung und gemeinsames Handeln im europäischen Stiftungssektor. Das Philea Forum ist die größte jährliche Veranstaltung des Verbandes. Es wird mit Unterstützung lokaler Gastgeber organisiert. Das Programm entsteht in Zusammenarbeit mit den Netzwerken und Communitys, die Philea begleitet.
Philea – Philanthropy Europe Association
European Philanthropy Coalition for Climate (Climate Coalition)