Saubere Luft, gesunde Städte – aber wie?
Wer in einer deutschen Großstadt wohnt, kennt das Gefühl: In manchen Stadtteilen ist die Luft stickiger, der Sommer heißer, der Lärmpegel höher. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Stadtplanung, deren industrielle und verkehrliche Entwicklung bis heute mit sozialen Ungleichheiten verknüpft ist. Was das für die Gesundheit der Bewohner*innen bedeutet und wie Städte gegensteuern können, erklären die Gesundheitswissenschaftlerin Susanne Moebus und der Stadtgeograf Hans-Werner Wehling bei einem Rundgang durch die nordrhein-westfälische Stadt Essen.
Ein sonniger Mittwochnachmittag im Mai. Stoßstange an Stoßstange schieben sich Autos und Lastwagen über die vierspurige Gladbecker Straße, die die Essener City mit dem Norden der Stadt verbindet. Die Luft ist voller Abgase, der Geräuschpegel hoch. Genau hier startet ein Rundgang mit Susanne Moebus und Hans-Werner Wehling von der Universität Duisburg-Essen – quer durch den Stadtteil Altenessen, der durch Bergbau und Industrie geprägt ist.
„Warten Sie ab, was gleich passiert“, ruft Susanne Moebus, während sie in eine Seitenstraße abbiegt. Schon nach etwa 25 Metern wird es schlagartig ruhiger, die Luft frischer, die Schultern entspannen sich. „Sie spüren den Unterschied körperlich, nicht wahr?“, fragt die Gesundheitswissenschaftlerin. Damit ist sie direkt beim Thema: Sie leitet das Institut für Urban Public Health (InUPH) der Universitätsmedizin Essen an der Universität Duisburg-Essen. Dort erforscht sie, wie Wohnorte die Gesundheit beeinflussen und wie urbane Räume gesünder, gerechter und nachhaltiger gestaltet werden können.
Prof. Dr. Susanne Moebus leitet das 2020 von ihr gegründete Institut für Urban Public Health der Universitätsmedizin Essen. Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Zentrums für Urbane Epidemiologie am Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie in Essen. Sie ist promovierte Biologin und hat einen Master in Public Health.
Norden gegen Süden?
„Gesundheit entsteht nicht nur durch medizinische Versorgung, sondern hängt stark vom Wohnumfeld, vom Verkehr, der sozialen Lage der Anwohnenden, dem Lärm, der Luftqualität, den Grünflächen und auch vom sozialen Zusammenhalt ab“, erklärt Moebus beim Rundgang durch den Essener Stadtteil. „Urban Public Health betrachtet das Gesamtpaket, denn all diese Faktoren hängen räumlich miteinander zusammen.“
Hans-Werner Wehling nickt. Bis zu seiner Pensionierung lehrte der Stadtgeograf im Masterstudiengang „Urbane Systeme“ und hat sich intensiv mit der Geschichte von Altenessen beschäftigt. Er führt durch eine Genossenschaftssiedlung wenige Straßen weiter, die zwischen 1918 und 1921 entstand: dreigeschossige Mietshäuser im Karree, in der Mitte ein Kinderspielplatz. „Damals errichteten die Unternehmen an den Ausfallstraßen Mietshäuser für Arbeiterfamilien, die Wohlhabenden zogen in den Süden der Stadt“, erklärt er. Ein Muster, das das soziale Gefüge der Stadt bis heute prägt. Die Siedlung hier, nur einen Steinwurf von der Gladbecker Straße entfernt, sei für die Mittelschicht gedacht gewesen. „Mit Wasser- und Abwasseranschluss, das war damals etwas Besonderes.“ Heute ist sie idyllisch und ruhig: Es gibt Bäume und Staudenbeete, an einer Hauswand wächst eine blühende Kletterrose empor. Dennoch ziehen die, die es sich leisten können, in den Süden der Stadt. „Die Vorurteile sind da“, sagt Wehling. Dabei sei der Essener Nordwesten längst ein Stadtteil voller bürgerlicher Nachbarschaften. „Nach mehr als 50 Jahren Strukturwandel haben sich die sozialen Gegensätze der Stadt verschoben“, so der Professor. „In dem Maße, wie die industriellen Einflüsse verschwunden sind, haben sich auch die sozialen Gegensätze verlagert: von einer Nord-Süd-Konstellation einer Industriestadt des Ruhrgebiets zu einer Zentrum-Peripherie-Konstellation einer ’normalen‘ Großstadt.“
Prof. i. R. Dr. Hans-Werner Wehling ist promovierter Geograf und Hochschullehrer im Ruhestand. Er ist Experte für die Geografie des Ruhrgebietes und hatte verschiedene Professuren an der Universität Gesamthochschule Essen beziehungsweise an der Universität Duisburg-Essen inne. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2014 lehrte er dort im Fach „Stadtgeographie“ in den Studiengängen des Profilschwerpunktes „Urbane Systeme“.
Es reicht nicht, den Menschen zu sagen, wie gesunder Lebensstil geht.
Mehr Lebensqualität im öffentlichen Raum
Den Anstoß, sich mit Urban Public Health zu beschäftigen, bekam Susanne Moebus durch den Forschungsschwerpunkt „Urbane Systeme“. „Hier habe ich gelernt, dass Stadt- und Verkehrsplanung, Wirtschaft und Landschaftsgestaltung einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Seit 50 Jahren kämpft unsere Gesellschaft mit Übergewicht, Herz-Kreislauf-Problemen, Diabetes und Bluthochdruck. Es reicht nicht, den Menschen zu sagen, wie gesunder Lebensstil geht – auch die Verhältnisse müssen sich ändern“, meint die Wissenschaftlerin. Alle Politiker*innen sollten sich fragen, welche Auswirkungen ein Gesetz oder eine Maßnahme nicht nur auf die Umwelt, sondern auch auf die Gesundheit der Menschen habe, fordert Moebus.
Also einfach Autos raus, Grün rein? Nein, so simpel sei die Sache nicht, meint Hans-Werner Wehling: „Wir brauchen den Verkehr, sonst würde die Wirtschaft der Stadt nicht funktionieren.“ Eine wirksame Maßnahme sei es jedoch gewesen, die Feinstaubbelastung durch Verbrennungsmotoren zu messen und zu reduzieren. Seit den 1960er-Jahren betreibt das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (LANUK NRW) Messstationen im gesamten Bundesland. Eine davon befindet sich an der Gladbecker Straße. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Feinstaubbelastung in ganz Deutschland kontinuierlich gesunken, insbesondere seit der Einführung der Umweltplakette im Jahr 2007. Mit der neuen EU-Luftqualitätsrichtlinie werden außerdem ab 2030 die Grenzwerte für die Jahresmittelwerte deutlich heruntergesetzt. Moebus spricht sich deshalb für eine stadtweite Temporeduktion aus: „Das wäre eine der einfachsten und kostengünstigsten Maßnahmen für schnelle gesundheitliche Verbesserungen.“ Weniger Geschwindigkeit gehe auch mit mehr Sicherheit und einer höheren Lebensqualität im öffentlichen Raum einher. „So können wir die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Straßen und Freiflächen wieder stärker den Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen zur Verfügung stehen.“
So alt wie die Medizin selbst
Ist Public Health eigentlich eine moderne Idee? „Im Gegenteil“, sagt Susanne Moebus. „Schon Hippokrates hat sinngemäß gesagt: Wenn du ein guter Arzt sein willst, schau dir an, wo die Menschen arbeiten, leben, welche Winde und Wetter da sind, ob ihre Wohnung hell oder dunkel ist. Den Faktor Umwelt hat er damals schon gesehen.“ Der Ansatz von Urban Public Health sei im Kern dieselbe: „Gesundheit wird dort geschaffen, wo die Menschen leben. Doch die komplexen Zusammenhänge zwischen gebauter Umwelt, Lärm, Luftverschmutzung, mentaler Gesundheit und körperlichen Erkrankungen werden noch viel zu wenig beachtet“, sagt die Professorin.
Plätze, Arkaden, Biergartenglück
Hundert Meter weiter öffnet sich der Marktplatz von Altenessen: eine große gepflasterte Fläche, an den Rändern einige Bänke, drumherum Parkbuchten. Den Charme einer italienischen Piazza hat er nicht, trotzdem erfüllt er eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Zweimal in der Woche findet hier der Markt statt, Menschen kommen ins Gespräch, es gibt Feste und tobende Kinder. „Soziale Plätze wie dieser haben eine enorme Bedeutung für die Gesundheit“, sagt Moebus. Denn auch Einsamkeit berge ein gesundheitliches Risiko und werde bei der modernen Stadtplanung nicht immer mitbedacht.
Der Rundgang durch den Essener Norden endet, als an der nächsten Straßenecke ein fast bayrisch anmutender Biergarten mit Holztischen und -bänken und bunten Sonnenschirmen auftaucht. Während der Kies unter den Schuhen knirscht und am Nachbartisch gelacht wird, treten Lärm und Abgase in den Hintergrund. Ein bestimmt sehr gesundes Feierabendgefühl macht sich breit.
Clean Air Fund
Der Clean Air Fund ist eine globale philanthropische Organisation mit Sitz in London, die Regierungen, Unternehmen, Forschende und zivilgesellschaftliche Akteur*innen zusammenbringt, um Luftverschmutzung zu bekämpfen. Als weltweit größte philanthropisch finanzierte Organisation in diesem Bereich fördert sie Projekte, die die Datentransparenz stärken, öffentlichen Druck erzeugen und so politisches Handeln anstoßen.