Klimaschutz in der Chemie­branche: Wohin mit dem vielen CO2?

Von Medikamenten über Reinigungsmittel bis zu Solarmodulen: Die Produkte der Chemiebranche sollen künftig nachhaltiger produziert werden.
Klimaschutz in der Chemie­branche: Wohin mit dem vielen CO2?
Autorin: Mascha Dinter Illustrationen: Jonas Kalmbach 10.02.2026

Die deutsche Chemieindustrie produziert Materialien für unzählige Produkte – von synthetischen Tensiden fürs Haarshampoo bis hin zu hochreinem Silizium für Solarpanels. Um bis 2050 klimaneutral zu produzieren, braucht sie jährlich rund sieben Millionen Tonnen grünen Wasserstoff und rund 500 Terawattstunden erneuerbaren Strom – ungefähr so viel, wie Deutschland heute insgesamt verbraucht. Welche Rolle dabei Technologien zur Abscheidung, Speicherung und Nutzung von CO2 spielen und wie die Politik diesen Wandel unterstützen kann, erklären Luisa Keßler von der Klimaschutzorganisation Bellona Deutschland und Lukas Daubner vom politischen Thinktank Zentrum Liberale Moderne.

Herr Daubner, die Chemie­branche ist die drittgrößte Industrie Deutschlands. Wo steht sie in Sachen Klima­schutz?

Daubner: Seit den 1990er-Jahren hat die deutsche Chemie ihre Produktion um knapp 50 Prozent gesteigert und zugleich ihre CO2-Emissionen um 60 Prozent gesenkt. Die Branche fängt also bei ihren Klima­schutz­bemühungen nicht bei null an. Allerdings ist sie sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung: Einer­seits helfen viele chemische Produkte anderen Sektoren, klimafreundlicher zu werden. Andererseits ist der Energiebedarf der Chemieindustrie riesig: Sie verbraucht rund zehn Prozent des gesamten Stroms und rund 20 Prozent der Industrie­energie in Deutschland. Um bis 2050 klima­neutral zu produzieren, braucht die Chemie­industrie jährlich rund sieben Millionen Tonnen grünen Wasserstoff und rund 500 Tera­watt­stunden erneuerbaren Strom, das zeigt die Roadmap Chemie 2050 des Verbandes der Chemischen Industrie.

Dr. Lukas Daubner
© Stefan Lengsfeld

Dr. Lukas Daubner ist Soziologe und Politik­wissenschaftler und leitet den Programm­bereich „Ökologische Moderne“ beim Zentrum Liberale Moderne, das sich als politischer Thinktank und Debatten­platt­form versteht.

Das klingt ambitioniert. Sind diese Pläne auch realistisch?

Daubner: Ob die Branche diese Pläne realisieren kann, ist mit vielen Unsicherheiten verknüpft. Unter anderem wird in die deutsche Chemie­industrie seit Jahren kaum mehr investiert. Durch diese schleichende Deindustrialisierung können nach­haltige Lösungen nicht so umgesetzt werden, wie es nötig wäre.

CO2 kann in Recycling­beton mineralisiert werden. Hierfür werden die Abgase aus Biogas­anlagen mit Abbruch­beton zusammen­gebracht. Im Inneren des Betons reagiert das CO2 – es entsteht Calcium­carbonat (Kalkstein). Der angereicherte Beton kann anschließend erneut verbaut werden.
Wie kann CO2 in Beton gebunden werden?
Hierfür werden die Abgase aus Biogas­anlagen mit Abbruch­beton zusammen­gebracht. Im Inneren des Betons reagiert das CO2 – es entsteht Calcium­carbonat (Kalkstein). Der angereicherte Beton kann anschließend erneut verbaut werden.
© Jonas Kalmbach
Wie funktioniert die Abscheidung von CO2? In einer Fabrik wird CO2 aus den Abgasen heraus­gefiltert – zum Beispiel aus dem Schornstein einer Chemie­anlage. Mit Hilfe von Energie und Elementen wie Wasserstoff wird es in neue Moleküle umgewandelt. So entstehen Polymere, Methanol und Ethanol: Die Basen für Kunststoffe, synthetische Kraftstoffe oder andere Wertstoffe.
Wie funktioniert die Abscheidung von CO2?
In einer Fabrik wird CO2 aus den Abgasen heraus­gefiltert – zum Beispiel aus dem Schornstein einer Chemie­anlage. Mit Hilfe von Energie und Elementen wie Wasserstoff wird es in neue Moleküle umgewandelt. So entstehen Polymere, Methanol und Ethanol: Die Basen für Kunststoffe, synthetische Kraftstoffe oder andere Wertstoffe.
© Jonas Kalmbach
Was ist verdichtetes CO2? Unter hohem Druck wird CO2 „über­kritisch“: Es ist weder ganz flüssig noch ganz gasförmig und hat besondere Eigenschaften. Das „verdichtete“ oder „überkritische“ CO2 kann u.a. das Koffein aus Kaffee lösen und funktioniert wie ein Reinigungs­mittel.
Was ist verdichtetes CO2?
Unter hohem Druck wird CO2 „über­kritisch“: Es ist weder ganz flüssig noch ganz gasförmig und hat besondere Eigenschaften. Das „verdichtete“ oder „überkritische“ CO2 kann u.a. das Koffein aus Kaffee lösen und funktioniert wie ein Reinigungs­mittel.
© Jonas Kalmbach

Was sind die größten Heraus­forderungen für die Chemie­industrie auf dem Weg zur Klima­neutralität?

Daubner: Die beiden größten Herausforderungen sind der enorme Bedarf an erneuer­barem Strom und die Umstellung auf nach­haltige Kohlen­stoff­quellen, etwa für die benötigte Wärme vieler Herstellungs­prozesse. In Deutschland ist Strom aber teuer, was eine Umstellung nicht immer attraktiv macht. Außerdem braucht die Chemie­branche Kohlen­stoff auch für ihre Produkte, zum Beispiel für Kunststoffe, Medikamente oder Reinigungs­mittel. Bisher stammt dieser Kohlen­stoff fast ausschließlich aus Erdöl, Erdgas oder Kohle. Wenn die Chemie­industrie klima­neutral werden will, muss sie diese fossilen Kohlen­stoff­quellen Schritt für Schritt durch nach­haltige Alternativen ersetzen.

Was mit bereits ausgestoßenem CO2 passieren soll, wird ebenfalls diskutiert. Gibt es Projekte, die hierfür schon nachhaltige Lösungen haben?

Daubner: In Deutschland gibt es bisher nur wenige industrielle Anwendungen, bei denen CO2 weiter­verwertet wird. Es gibt aber Hoffnung. Ein Beispiel ist ein Schweizer Unternehmen aus der Bau­stoff­industrie, das CO2 aus Biomethan­anlagen nutzt und es in Abbruch­beton mineralisiert. Das heißt, dass der Kohlen­stoff dauerhaft im Material gebunden wird und dort über Jahr­zehnte verbleibt. Der Beton kann dann als recycelter Baustoff, etwa für Fundamente oder neue Gebäude, eingesetzt werden.

Auch in der Chemieindustrie tut sich etwas: Das Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energie­technik in Oberhausen etwa arbeitet daran, CO2 aus Industrie­abgasen als Rohstoff für neue chemische Produkte zu nutzen. Dafür wird das CO2 aus den Abgasen einer Chemie­fabrik gefiltert und mit anderen Rohstoffen wie Wasser­stoff in Methanol umgewandelt. Es kann dann unter anderem als Basis für Kunst- oder Kraft­stoffe dienen.

In einem weiteren Projekt des Fraunhofer-Instituts wird verdichtetes CO2 als umwelt­freundliches Löse­mittel eingesetzt, um beispiels­weise Lebens­mittel zu reinigen oder Leder zu gerben. Diese Beispiele zeigen, dass CO2 schon heute in Wertstoffe über­führt werden kann – bisher allerdings in vergleichs­weise geringem Umfang, da diese Projekte noch in der Entwicklungs­phase stecken.

Frau Keßler, Kritiker*innen warnen, die Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) könne als Ausrede dienen, Klima­schutz­maßnahmen auf die lange Bank zu schieben. Teilen Sie diese Sorge?

Keßler: In der Tat gibt es die Sorge, dass Unternehmen CCS als Frei­fahrt­schein nutzen könnten, um einfach weiter CO2 auszustoßen, anstatt Maßnahmen zur Vermeidung in den Blick zu nehmen. Diese Sorge ist verständlich, für Deutschland allerdings unbegründet. Denn die CCS-Technologie ist teuer und aufwendig. Daher wird sie, in Abhängigkeit von den verfügbaren Förder­mitteln, nur dort eingesetzt werden, wo sie wirklich nötig ist – und nicht etwa dort, wo von fossilen Energie­trägern auf erneuerbare umgestellt werden könnte.

Welche politischen Rahmen­bedingungen sind notwendig, damit die Transformation der Chemie­industrie voran­schreiten kann?

Daubner: Die Klimaziele müssen von der Politik ernst genommen und für Unternehmen umsetzbar gemacht werden. Dazu gehört, die Infra­struktur für den CO2-Transport und für Wasser­stoff auszubauen. Es braucht Leitungen, Tanklager und Transport­möglichkeiten, um CO2 von Industrie­anlagen an Orte zu bringen, wo es weiter­verarbeitet, genutzt oder gespeichert wird. Doch Pipelines und Speicher­stätten für CO2 existieren bislang nicht. Carbon Capture and Storage (CCS) ist als Technologie zur Abscheidung und Speicherung von CO2 gerade erst wieder erlaubt worden. Auch Carbon Capture and Utilization (CCU), also die Technologie zur Abscheidung und Nutzung von CO2, wird auf absehbare Zeit voraus­setzungs­voll und energie­intensiv bleiben. Eine kluge Infra­struktur­planung, eine Förder­kulisse und grundsätzlich mehr Pragmatismus sind jetzt nötig. Außerdem braucht es genügend erneuerbare Energien, damit Unternehmen ihre Prozesse überhaupt umstellen können.

Luisa Keßler
© Bellona Deutschland gGmbH

Luisa Keßler ist Politik- und Nach­haltig­keits­wissen­schaftlerin und arbeitet als Referentin für nach­haltige Wasser­stoff­wirtschaft bei der Klima­schutz- und Umwelt­organisation Bellona Deutschland.

Was ändert sich für Verbraucher*innen, wenn die Chemie­industrie nachhaltiger produziert?

Daubner: Das bisherige Narrativ, dass durch die klima­freundliche Transformation der Industrie sich für Verbraucher*innen im Alltag kaum etwas ändert – außer, dass alles klima­freundlicher wird –, ist aus meiner Sicht nicht mehr haltbar. Stattdessen brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte darüber, dass viele Produkte, die klima­freundlicher oder klima­neutral hergestellt werden, teurer bleiben werden. Das betrifft sowohl Endkund*innen als auch Hersteller.

Keßler: In diesem Zusammenhang müssten wir auch über soziale Ausgleichs­mechanismen wie ein Klima­geld sprechen, das die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung sozial gerecht verteilt. Denn schon Aufschläge von wenigen Cent auf Verpackungen wie Joghurt­becher könnten in der Summe die soziale Ungleichheit verstärken.

Was stimmt Sie trotz aller Heraus­forderungen optimistisch, wenn Sie an die Transformation der Chemie­industrie denken?

Keßler: Wir wissen inzwischen, wo die Probleme liegen. Das ist schon mal ein Schritt. Strategie­papiere wie die über­fällige Carbon Management-Strategie der Bundes­regierung würde – wenn sie wie geplant verabschiedet wird – eine politische Grundlage für die Transformation schaffen. Auch das gerade verabschiedete Kohlen­dioxid-Speicherungs­gesetz soll die Abscheidung und Speicherung von CO2 in größerem Maßstab ermöglichen, das war bisher nur zu Forschungs­zwecken erlaubt. Außerdem gibt es Förderungen, die dort helfen, wo eine Dekarbonisierung sonst nicht wirtschaftlich wäre. Durch unseren Austausch mit Unternehmen und Verbänden wissen wir, dass es viele progressive Köpfe in der Chemie­industrie gibt, die wirklich etwas bewegen wollen. Was sie jetzt braucht, sind die richtigen Rahmen­bedingungen.


Vordenkwerk Industrie­transformation

Das Vordenkwerk Industrie­transformation ist eine Informations- und Vernetzungs­plattform. Circa 100 Akteur*innen aus Zivil­gesellschaft, Thinktanks, Industrie, Wissenschaft und Politik diskutieren hier die aufkommenden Fragen auf dem Weg zur klima­neutralen Industrie. Ziel ist ein vertrauens­voller Austausch und ein gemeinsames Verständnis über die Potenziale und Herausforderungen der industriellen Transformation.
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