CORRECTIV.Lokal: Wie retten wir den Lokal­journalismus?

Mehrere Zeitungen liegen nebeneinander auf einem Tisch
CORRECTIV.Lokal: Wie retten wir den Lokal­journalismus?
Autorin: Michelle Maier Fotos: CORRECTIV/Ivo Mayr 26.08.2025

Immer mehr deutsche Lokal­zeitungen verschwinden – und mit ihnen eine zentrale Säule der Demokratie. Studien zeigen: Wo es keine unabhängige Lokal­­bericht­­erstattung mehr gibt, profitieren rechts­popu­listische Parteien. Das gemein­wohl­­orientierte Medien­haus CORRECTIV will diese Lücke mit investi­gativen Projekten, lokalen Recherchen und neuen journa­listischen Formaten schließen. Einer, der diese Arbeit seit Beginn mitprägt, ist Jonathan Sachse, Gründungs­­mitglied von CORRECTIV und Leiter des Netz­werkes CORRECTIV.Lokal. Im Interview mit AufRuhr spricht er darüber, wie Lokal­­jour­nalismus neue Leser*innen findet.

Herr Sachse, seit Jahren geht die Zahl der lokalen Medien­häuser zurück. Woran liegt das?

Viele Medien­häuser befinden sich seit Jahren in einer Transformation und versuchen, digitale Medien zu werden. Sie suchen nach neuen Geschäfts­modellen und zentralisieren sich dabei immer mehr. Das heißt: Selbst wenn es noch offizielle Lokal­medien gibt, sind diese oft in größeren Städten gelegen anstatt in kleineren Städten und Dörfern. Hinzu kommt, dass das Modell der klassischen Medien­häuser eine Tages­­zeitungs­­struktur war und diese aus vielen Gründen nicht mehr funktioniert. Menschen verändern sich, die gedruckte Zeitung ist vielleicht gar nicht mehr die erste Wahl. Außerdem sind die Preise gestiegen – Papier ist für viele Medien­häuser kaum noch bezahl­bar. Gleich­zeitig sind die Werbe­einnahmen, mit denen sich die meisten Häuser finanzieren, gesunken.

Reicht es denn nicht, wenn größere Medien­häuser mehrere Kommunen mit Nachrichten versorgen?

Das Vertrauen in den Journalismus sinkt leider immer weiter. Denn wenn es vor Ort keine Lokal­medien mehr gibt, nehmen andere diesen Raum ein. Etwa Akteure, die interessen­­getrieben oder populistisch sind und aktiv gegen die Demokratie arbeiten. In anderen Ländern können wir beobachten, was dann passiert. In den USA gibt es zum Beispiel in weiten Teilen gar keinen Lokal­journalismus mehr. Die Lokal­medien können dann ihre Wächter­­funktion nicht mehr ausüben: die Menschen vor Ort mit unabhängig recher­chierten Informationen versorgen, beispiels­weise über mächtige Akteur*innen aus Politik, Sport oder Wirtschaft. Die Rolle von eigen­ständigen Lokal­­medien ist also wichtig. Hier bildet sich das Vertrauen in die Medien und in den Journalismus.

Lokalmedien in Deutschland – eine Bestands­aufnahme

Forscher*innen der Hamburg Media School haben unter­sucht, wie sich die Zahl der Lokal­zeitungen seit der deutschen Wieder­vereinigung verändert hat. Dabei ist ein klarer Rück­gang zu erkennen: Heute hat nur noch jeder zweite Land­kreis ein wirtschaftlich eigen­ständiges Medium. Welche Lokal­zeitungen es noch gibt und wo sie sich befinden, zeigt der inter­aktive Wüstenradar.

Was hilft gegen diesen Abwärts­trend?

Um das Vertrauen in den Journalismus zu stärken, versuchen wir zum Beispiel, über ein eigenes Café im Ruhr­gebiet für die Menschen vor Ort ansprechbar zu sein: Im SPOTLIGHT Gelsen­kirchen können die Gäst*innen mit unserer Redaktion ins Gespräch kommen und sich so ein eigenes Bild von der Medien­arbeit von CORRECTIV machen.

Viele Konferenzbesucher*innen unterhalten sich auf einer Grünfläche
Auf der Lokalkonferenz von CORRECTIV im Mai 2025 trafen sich Lokaljournalist*innen, um über die Zukunft der Lokalmedien zu diskutieren. © CORRECTIV/Ivo Mayr

Neben örtlichen Angeboten wie dem CORRECTIV-Café veranstalten Sie auch die jährliche CORRECTIV.Lokal Konferenz. Was ist Ihr Ziel?

Bei der Konferenz setzen wir fort, was wir über unser digitales Netzwerk CORRECTIV.Lokal ganz­jährig machen. Mit unserem Netzwerk, zu dem über 2.000 Lokal­journalist*innen gehören, wollen wir den lokalen Journalismus stärken. Neben Inputs zu Recherche­­themen bieten wir auch immer wieder Fort­bildungen an, unter­stützen bei Recherchen und fördern den Austausch der Journalist*innen unter­einander. Einmal im Jahr findet das analog auf unserer Konferenz statt. Im Mai waren über 350 Personen aus ganz Deutschland in Erfurt. Unterschiedliche Lokal­medien waren vertreten: von den klassischen Lokal­­zeitungen über Online­­lokal­medien bis hin zu Studierenden- oder Obdach­losen­­magazinen, kleinen Lokal­radios und TV-Sendern.

Ein Portraitbild von Jonathan Sachse
© Ivo Mayr/ CORRECTIV

Jonathan Sachse ist Gründungs­mitglied von CORRECTIV und leitet CORRECTIV.Lokal. Er koordiniert das Team und betreute Recherchen. Davor war er Reporter für CORRECTIV. In seiner Arbeit beschäftigt er sich vor allem mit investigativen Recherchen.

Welche Themen standen dieses Jahr auf der Agenda der Konferenz?

Es gab zwei Schwer­­punkt­­themen: Bildung und Klima. Diese Themen bespielen wir auch in unserem digitalen Netzwerk in Form von Dossiers, um so Lokal­­journa­list*innen bei der Recherche zu diesen Themen zu unter­stützen. Darüber hinaus gab es noch durchgehende Themen­tracks mit allen möglichen Sessions, etwa zu Recherche­­praktiken und zum journalistischen Handwerk im Allgemeinen. Da das Klima im Journalismus immer rauer wird, haben wir aber auch Impulse dazu gegeben, wie Lokal­jour­nalist*innen sich gegen Angriffe schützen und ihre Resilienz fördern können. Im Themen­block „Innovation“ gab es Raum für Austausch. Hier konnten zum Beispiel neu gegründete Lokal­medien ihre Erfahrungen teilen und berichten, was in der Start­phase gut lief und was heraus­fordernd war. Es ging aber auch um innovative Formate und darum, wie sich unsere Bericht­­erstattung insgesamt verändern kann.

Eine Gesprächsrunde während einer Konferenz der Organisation Correctiv
Die Lokalkonferenz bot verschiedene Workshop- und Talkformate in Erfurt an. © CORRECTIV/Ivo Mayr
Ein Banner mit der Aufschrift Correctiv Lokal Konferenz
© CORRECTIV/Ivo Mayr

Was braucht der Lokal­journalismus, damit es ihn weiterhin gibt?

Bei der Konferenz haben wir sieben Forderungen für den Lokal­jour­nalismus in Deutschland erarbeitet. Unter anderem müssen wir besser darin werden, die richtigen Themen im Lokal­­jour­nalismus zu setzen, anstatt nur den Themen hinter­her­zu­laufen, die von Politiker*innen vor­gegeben werden. Wir müssen besser verstehen, was die Menschen vor Ort bewegt – auch die Gruppen, die nicht so sichtbar sind und in der Redaktion vielleicht nicht gut repräsentiert sind. Und Lokal­medien brauchen natürlich eine Finanzierung. Er funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind, dafür auch etwas zu zahlen. Eine Lösung könnten Fördergelder von Stiftungen oder Projektgelder sein.


CORRECTIV

CORRECTIV ist ein spenden­­finan­ziertes und unabhängiges Recherche­­zentrum in Deutschland. Beim Netzwerk CORRECTIV.Lokal arbeiten Journalist*innen aus deutschland­­weiten Lokal­­redak­tionen gemeinsam an investigativen Recherchen.

https://correctiv.org/lokal/


CORRECTIV.Lokal: Sieben Forderungen, um Lokaljournalismus zu verbessern

Quelle: correctiv.org