CORRECTIV.Lokal: Wie retten wir den Lokaljournalismus?
Immer mehr deutsche Lokalzeitungen verschwinden – und mit ihnen eine zentrale Säule der Demokratie. Studien zeigen: Wo es keine unabhängige Lokalberichterstattung mehr gibt, profitieren rechtspopulistische Parteien. Das gemeinwohlorientierte Medienhaus CORRECTIV will diese Lücke mit investigativen Projekten, lokalen Recherchen und neuen journalistischen Formaten schließen. Einer, der diese Arbeit seit Beginn mitprägt, ist Jonathan Sachse, Gründungsmitglied von CORRECTIV und Leiter des Netzwerkes CORRECTIV.Lokal. Im Interview mit AufRuhr spricht er darüber, wie Lokaljournalismus neue Leser*innen findet.
Herr Sachse, seit Jahren geht die Zahl der lokalen Medienhäuser zurück. Woran liegt das?
Viele Medienhäuser befinden sich seit Jahren in einer Transformation und versuchen, digitale Medien zu werden. Sie suchen nach neuen Geschäftsmodellen und zentralisieren sich dabei immer mehr. Das heißt: Selbst wenn es noch offizielle Lokalmedien gibt, sind diese oft in größeren Städten gelegen anstatt in kleineren Städten und Dörfern. Hinzu kommt, dass das Modell der klassischen Medienhäuser eine Tageszeitungsstruktur war und diese aus vielen Gründen nicht mehr funktioniert. Menschen verändern sich, die gedruckte Zeitung ist vielleicht gar nicht mehr die erste Wahl. Außerdem sind die Preise gestiegen – Papier ist für viele Medienhäuser kaum noch bezahlbar. Gleichzeitig sind die Werbeeinnahmen, mit denen sich die meisten Häuser finanzieren, gesunken.
Reicht es denn nicht, wenn größere Medienhäuser mehrere Kommunen mit Nachrichten versorgen?
Das Vertrauen in den Journalismus sinkt leider immer weiter. Denn wenn es vor Ort keine Lokalmedien mehr gibt, nehmen andere diesen Raum ein. Etwa Akteure, die interessengetrieben oder populistisch sind und aktiv gegen die Demokratie arbeiten. In anderen Ländern können wir beobachten, was dann passiert. In den USA gibt es zum Beispiel in weiten Teilen gar keinen Lokaljournalismus mehr. Die Lokalmedien können dann ihre Wächterfunktion nicht mehr ausüben: die Menschen vor Ort mit unabhängig recherchierten Informationen versorgen, beispielsweise über mächtige Akteur*innen aus Politik, Sport oder Wirtschaft. Die Rolle von eigenständigen Lokalmedien ist also wichtig. Hier bildet sich das Vertrauen in die Medien und in den Journalismus.
Lokalmedien in Deutschland – eine Bestandsaufnahme
Forscher*innen der Hamburg Media School haben untersucht, wie sich die Zahl der Lokalzeitungen seit der deutschen Wiedervereinigung verändert hat. Dabei ist ein klarer Rückgang zu erkennen: Heute hat nur noch jeder zweite Landkreis ein wirtschaftlich eigenständiges Medium. Welche Lokalzeitungen es noch gibt und wo sie sich befinden, zeigt der interaktive Wüstenradar.
Was hilft gegen diesen Abwärtstrend?
Um das Vertrauen in den Journalismus zu stärken, versuchen wir zum Beispiel, über ein eigenes Café im Ruhrgebiet für die Menschen vor Ort ansprechbar zu sein: Im SPOTLIGHT Gelsenkirchen können die Gäst*innen mit unserer Redaktion ins Gespräch kommen und sich so ein eigenes Bild von der Medienarbeit von CORRECTIV machen.
Neben örtlichen Angeboten wie dem CORRECTIV-Café veranstalten Sie auch die jährliche CORRECTIV.Lokal Konferenz. Was ist Ihr Ziel?
Bei der Konferenz setzen wir fort, was wir über unser digitales Netzwerk CORRECTIV.Lokal ganzjährig machen. Mit unserem Netzwerk, zu dem über 2.000 Lokaljournalist*innen gehören, wollen wir den lokalen Journalismus stärken. Neben Inputs zu Recherchethemen bieten wir auch immer wieder Fortbildungen an, unterstützen bei Recherchen und fördern den Austausch der Journalist*innen untereinander. Einmal im Jahr findet das analog auf unserer Konferenz statt. Im Mai waren über 350 Personen aus ganz Deutschland in Erfurt. Unterschiedliche Lokalmedien waren vertreten: von den klassischen Lokalzeitungen über Onlinelokalmedien bis hin zu Studierenden- oder Obdachlosenmagazinen, kleinen Lokalradios und TV-Sendern.
Jonathan Sachse ist Gründungsmitglied von CORRECTIV und leitet CORRECTIV.Lokal. Er koordiniert das Team und betreute Recherchen. Davor war er Reporter für CORRECTIV. In seiner Arbeit beschäftigt er sich vor allem mit investigativen Recherchen.
Welche Themen standen dieses Jahr auf der Agenda der Konferenz?
Es gab zwei Schwerpunktthemen: Bildung und Klima. Diese Themen bespielen wir auch in unserem digitalen Netzwerk in Form von Dossiers, um so Lokaljournalist*innen bei der Recherche zu diesen Themen zu unterstützen. Darüber hinaus gab es noch durchgehende Thementracks mit allen möglichen Sessions, etwa zu Recherchepraktiken und zum journalistischen Handwerk im Allgemeinen. Da das Klima im Journalismus immer rauer wird, haben wir aber auch Impulse dazu gegeben, wie Lokaljournalist*innen sich gegen Angriffe schützen und ihre Resilienz fördern können. Im Themenblock „Innovation“ gab es Raum für Austausch. Hier konnten zum Beispiel neu gegründete Lokalmedien ihre Erfahrungen teilen und berichten, was in der Startphase gut lief und was herausfordernd war. Es ging aber auch um innovative Formate und darum, wie sich unsere Berichterstattung insgesamt verändern kann.
Was braucht der Lokaljournalismus, damit es ihn weiterhin gibt?
Bei der Konferenz haben wir sieben Forderungen für den Lokaljournalismus in Deutschland erarbeitet. Unter anderem müssen wir besser darin werden, die richtigen Themen im Lokaljournalismus zu setzen, anstatt nur den Themen hinterherzulaufen, die von Politiker*innen vorgegeben werden. Wir müssen besser verstehen, was die Menschen vor Ort bewegt – auch die Gruppen, die nicht so sichtbar sind und in der Redaktion vielleicht nicht gut repräsentiert sind. Und Lokalmedien brauchen natürlich eine Finanzierung. Er funktioniert nur, wenn Menschen bereit sind, dafür auch etwas zu zahlen. Eine Lösung könnten Fördergelder von Stiftungen oder Projektgelder sein.
CORRECTIV
CORRECTIV ist ein spendenfinanziertes und unabhängiges Recherchezentrum in Deutschland. Beim Netzwerk CORRECTIV.Lokal arbeiten Journalist*innen aus deutschlandweiten Lokalredaktionen gemeinsam an investigativen Recherchen.