„Selbst Klimaleugner*innen haben heute Photovoltaik auf dem Dach“
Der Braunkohletagebau brachte der Lausitz lange Wohlstand und prägte die regionale Identität. Im Zuge des Strukturwandels setzt die Region mittlerweile auf Wasserstoff und erneuerbare Energien. Doch viele Bürger*innen fühlen sich übergangen. Die Solargenossenschaft Lausitz (SoGeLa) zeigt, dass die Energiewende auch anders gehen kann: In dem Bürgerenergieprojekt investieren Menschen gemeinsam in Solaranlagen, betreiben sie selbst und halten so die Wertschöpfung vor Ort. Ein Krankenhaus in Guben gehört seit Jahren zu den zufriedenen Stromabnehmern.
Nach vielen kalten Wochen setzt Tauwetter in der brandenburgischen Lausitz ein. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf die schwarzblauen Photovoltaikmodule der Solaranlage. Sie steht auf dem Gelände des Diakoniekrankenhauses Naëmi Wilke Guben und erzeugt Strom für das Gebäude mit knapp 160 Betten. „Gut 35 Megawattstunden im Jahr“, sagt Matthias Reffke zufrieden. Der Technische Leiter des Krankenhauses steht auf dem Flachdach neben der Solaranlage – gemeinsam mit Jonas Glaser, dem Geschäftsführer der Solargenossenschaft Lausitz (SoGeLa). Von hier oben haben sie einen guten Blick auf die 16.000-Einwohner-Stadt: auf die Neiße, die Kleingärten und die Pferdekoppel. In der Ferne bellen zwei Schäferhunde. Glaser und Reffke sind nur zum Zeigen aufs Dach gestiegen, zu erledigen haben sie hier nichts. „Die Anlage ist wartungsfrei“, sagt Glaser. Seit mehr als 15 Jahren liefern die rund 140 Solarmodule auf dem Südseitendach des Bettenhauses zuverlässig Strom.
Jonas Glaser ist Geschäftsführer der Solargenossenschaft Lausitz (SoGeLa) und Bauingenieur. Neben seiner Arbeit studiert er nachhaltiges Bauen.
Was hier in der Niederlausitz im Kleinen funktioniert, steht für ein Modell mit Potenzial für ganz Deutschland: Bürgerenergie. Der Name ist Programm: Nicht Konzerne investieren in Energieanlagen, sondern die Bürger*innen selbst, etwa in Solar- oder Windkraft. Sie betreiben diese gemeinschaftlich und profitieren von den Erträgen.
Jonas Glaser hat erst vor wenigen Monaten die Geschäftsführung der Solargenossenschaft übernommen und brennt für das Konzept. Für ihn ist Bürgerenergie mehr als ein Geschäftsmodell. „So können wir als Bürger*innen die Energiewende mitgestalten“, sagt er. Nur wenige Stunden seiner Arbeit werden bezahlt, vieles erledigt er ehrenamtlich. Hauptberuflich arbeitet er als Bauingenieur und studiert nebenher nachhaltiges Bauen. „Die SoGeLa ist für mich wie ein großes Schiff“, sagt er. „Es steuern zu dürfen, ist eine große Verantwortung.“
Matthias Reffke ist Technischer Leiter des Naëmi-Wilke-Stifts in Guben. Er verantwortet dort das Energiemanagement und kümmert sich unter anderem auch um die Grundstücksverwaltung, den Brandschutz und den Fuhrpark.
Wirtschaftliche Argumente überzeugen
Die Solargenossenschaft Lausitz wurde 2009 gegründet – als eine der ersten Bürgerenergiegenossenschaften in Deutschland. Sie entstand im Umfeld von Protesten gegen neue Braunkohletagebaue in der Region. Der Antrieb der Gründungsmitglieder war jedoch nicht nur Widerstand. Sie wollten auch eine Alternative aufbauen. In einer Region, in der Strukturwandel Unsicherheit und Skepsis auslöst, setzt Glaser auf pragmatische Argumente. „Bei Solaranlagen muss man nicht einmal ideologisch argumentieren“, sagt er. „Es reicht das Wirtschaftliche. Selbst Klimaleugner*innen haben heute Photovoltaik auf dem Dach. Es rechnet sich einfach.“ Bürgerenergie – sie ist die Möglichkeit, Wertschöpfung in der Region zu halten. Insgesamt 22 Solaranlagen betreibt die Genossenschaft mittlerweile in der Lausitz. Stromabnehmer sind unter anderem Schulen, Kitas oder eben das Diakoniekrankenhaus Naëmi Wilke Guben.
Das Geschäftsmodell der SoGeLa funktioniert so: Das Krankenhaus stellt seine Dachflächen über einen Gestattungsvertrag zur Verfügung. Die Genossenschaft finanziert und installiert die Photovoltaikmodule, betreibt die Solaranlage und verkauft den Strom zu einem vergünstigten Tarif an das Krankenhaus. „Rund 95 Prozent der Energie verbrauchen wir direkt vor Ort“, erklärt Reffke. Denn eine Einspeisung ins öffentliche Netz lohne sich bei der aktuellen Vergütung von etwa sieben Cent pro Kilowattstunde kaum, ergänzt Glaser. Für die SoGeLa bedeutet das eine stabile Stromabnahme und kalkulierbare Einnahmen: Die Mitglieder erhalten Renditen, zuletzt zwischen sechs und acht Prozent pro Jahr. Knapp 200 Menschen beteiligen sich mittlerweile an der Genossenschaft. Sie bringen nicht nur Kapital ein, sondern entscheiden auch mit. Denn in einer Genossenschaft gilt das Prinzip: Jede*r hat eine Stimme, und das unabhängig von der Höhe des eingebrachten Kapitals. „Je mehr Menschen mitdenken, desto besser wird eine Idee am Ende“, sagt Glaser.
Weitere 150 Megawattstunden in Planung
Auch für das Krankenhaus bringt die Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Vorteile. Es bezieht Strom zu günstigen Konditionen, ohne selbst investieren zu müssen. „Jeden zusätzlichen Euro durch niedrigere Stromkosten können wir in die Gesundheitsversorgung stecken“, sagt Reffke. Der gebürtige Gubener kam im Stift zur Welt und kehrte nach seinem Facility-Management-Studium in seine Heimatstadt zurück. Das Haus liegt ihm also am Herzen. Rund 1.500 Megawattstunden verbraucht das Diakoniekrankenhaus Naëmi Wilke Guben jährlich – etwa so viel wie 300 Einfamilienhäuser. Lüftungsanlagen laufen rund um die Uhr, hinzu kommen Prozesskälte für Sterilisation, Kühlung und die Großküche. Ohne Strom funktioniert kein Krankenhausbetrieb. Die Photovoltaikanlage deckt nur drei bis vier Prozent des Gesamtbedarfs ab. Der Rest stammt aus dem Stromnetz und aus einem Blockheizkraftwerk. „Künftig wollen wir gern noch mehr Solarstrom beziehen“, sagt Reffke. Und schon bald könnte es so weit sein. Die beiden zeigen auf ein benachbartes Dach mit Südwestausrichtung. Dort soll eine neue Solaranlage entstehen und rund 150 Megawattstunden pro Jahr liefern. Die Verträge sind zwar noch nicht unterschrieben und die technische Planung läuft noch. Doch Glaser ist optimistisch: „Alle Beteiligten wollen das Projekt umsetzen.“ Die Sonne scheint wieder durch die Wolken. Reffke und Glaser lassen noch einmal den Blick schweifen und lächeln.
CREATE:ENGERGY
CREATE:ENERGY ist ein Verbundprojekt der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der RWTH Aachen University. Das Projekt lädt Bürger*innen der Lausitz und des Rheinischen Reviers dazu ein, die Energiewende aktiv mitzugestalten. Ziel ist es, neue Bürgerenergievorhaben anzuschieben, besonders in ländlichen Regionen. Ein aktuelles Erfolgsbeispiel ist die Neugründung der „Bürgerenergie Oberspreewald-Lausitz“.
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