„Selbst Klima­leugner*innen haben heute Photo­voltaik auf dem Dach“

„Selbst Klima­leugner*innen haben heute Photo­voltaik auf dem Dach“
Autorin: Janina Martens Fotos: Jens Schlüter 24.03.2026

Der Braunkohletagebau brachte der Lausitz lange Wohlstand und prägte die regionale Identität. Im Zuge des Struktur­wandels setzt die Region mittler­weile auf Wasser­stoff und erneuer­bare Energien. Doch viele Bürger*innen fühlen sich übergangen. Die Solar­genossen­schaft Lausitz (SoGeLa) zeigt, dass die Energie­wende auch anders gehen kann: In dem Bürger­energie­projekt investieren Menschen gemeinsam in Solar­anlagen, betreiben sie selbst und halten so die Wert­schöpfung vor Ort. Ein Krankenhaus in Guben gehört seit Jahren zu den zufriedenen Stromabnehmern.

Nach vielen kalten Wochen setzt Tauwetter in der branden­burgischen Lausitz ein. Die ersten Sonnen­strahlen fallen auf die schwarzblauen Photovoltaikmodule der Solar­anlage. Sie steht auf dem Gelände des Diakonie­kranken­hauses Naëmi Wilke Guben und erzeugt Strom für das Gebäude mit knapp 160 Betten. „Gut 35 Mega­watt­stunden im Jahr“, sagt Matthias Reffke zufrieden. Der Technische Leiter des Kranken­hauses steht auf dem Flachdach neben der Solar­anlage – gemeinsam mit Jonas Glaser, dem Geschäftsführer der Solargenossenschaft Lausitz (SoGeLa). Von hier oben haben sie einen guten Blick auf die 16.000-Einwohner-Stadt: auf die Neiße, die Kleingärten und die Pferdekoppel. In der Ferne bellen zwei Schäferhunde. Glaser und Reffke sind nur zum Zeigen aufs Dach gestiegen, zu erledigen haben sie hier nichts. „Die Anlage ist wartungsfrei“, sagt Glaser. Seit mehr als 15 Jahren liefern die rund 140 Solarmodule auf dem Südseitendach des Bettenhauses zuverlässig Strom.

© Jens Schlüter

Jonas Glaser ist Geschäfts­führer der Solar­genossenschaft Lausitz (SoGeLa) und Bau­ingenieur. Neben seiner Arbeit studiert er nach­haltiges Bauen.

Was hier in der Niederlausitz im Kleinen funktioniert, steht für ein Modell mit Potenzial für ganz Deutschland: Bürgerenergie. Der Name ist Programm: Nicht Konzerne investieren in Energie­anlagen, sondern die Bürger*innen selbst, etwa in Solar- oder Windkraft. Sie betreiben diese gemeinschaftlich und profitieren von den Erträgen.

Jonas Glaser hat erst vor wenigen Monaten die Geschäfts­führung der Solar­genossen­schaft übernommen und brennt für das Konzept. Für ihn ist Bürger­energie mehr als ein Geschäfts­modell. „So können wir als Bürger*innen die Energie­wende mit­gestalten“, sagt er. Nur wenige Stunden seiner Arbeit werden bezahlt, vieles erledigt er ehren­amtlich. Haupt­beruflich arbeitet er als Bauingenieur und studiert nebenher nachhaltiges Bauen. „Die SoGeLa ist für mich wie ein großes Schiff“, sagt er. „Es steuern zu dürfen, ist eine große Verantwortung.“

© Jens Schlüter

Matthias Reffke ist Technischer Leiter des Naëmi-Wilke-Stifts in Guben. Er verantwortet dort das Energiemanagement und kümmert sich unter anderem auch um die Grund­stücks­verwaltung, den Brand­schutz und den Fuhrpark.

Wirtschaftliche Argumente überzeugen

Die Solargenossenschaft Lausitz wurde 2009 gegründet – als eine der ersten Bürger­energie­genossen­schaften in Deutschland. Sie entstand im Umfeld von Protesten gegen neue Braun­kohle­tage­baue in der Region. Der Antrieb der Gründungs­mitglieder war jedoch nicht nur Widerstand. Sie wollten auch eine Alternative aufbauen. In einer Region, in der Strukturwandel Unsicherheit und Skepsis auslöst, setzt Glaser auf pragmatische Argumente. „Bei Solaranlagen muss man nicht einmal ideologisch argumentieren“, sagt er. „Es reicht das Wirtschaftliche. Selbst Klima­leugner*innen haben heute Photo­voltaik auf dem Dach. Es rechnet sich einfach.“ Bürger­energie – sie ist die Möglichkeit, Wertschöpfung in der Region zu halten. Insgesamt 22 Solaranlagen betreibt die Genossenschaft mittlerweile in der Lausitz. Stromabnehmer sind unter anderem Schulen, Kitas oder eben das Diakonie­kranken­haus Naëmi Wilke Guben.

Insgesamt 140 Solarmodule sind mittlerweile auf dem Dach des Diakonie­kranken­hauses Naëmi Wilke Guben installiert. © Jens Schlüter
Die Hand geben für grüne Bürgerenergie – die SoGeLa hat vorgesorgt. © Jens Schlüter

Das Geschäftsmodell der SoGeLa funktioniert so: Das Krankenhaus stellt seine Dachflächen über einen Gestattungs­vertrag zur Verfügung. Die Genossenschaft finanziert und installiert die Photovoltaik­module, betreibt die Solar­anlage und verkauft den Strom zu einem vergünstigten Tarif an das Krankenhaus. „Rund 95 Prozent der Energie verbrauchen wir direkt vor Ort“, erklärt Reffke. Denn eine Einspeisung ins öffentliche Netz lohne sich bei der aktuellen Vergütung von etwa sieben Cent pro Kilowattstunde kaum, ergänzt Glaser. Für die SoGeLa bedeutet das eine stabile Stromabnahme und kalkulierbare Einnahmen: Die Mitglieder erhalten Renditen, zuletzt zwischen sechs und acht Prozent pro Jahr. Knapp 200 Menschen beteiligen sich mittlerweile an der Genossenschaft. Sie bringen nicht nur Kapital ein, sondern entscheiden auch mit. Denn in einer Genossenschaft gilt das Prinzip: Jede*r hat eine Stimme, und das unabhängig von der Höhe des eingebrachten Kapitals. „Je mehr Menschen mitdenken, desto besser wird eine Idee am Ende“, sagt Glaser.

Weitere 150 Megawattstunden in Planung

Auch für das Krankenhaus bringt die Zusammen­arbeit mit der Genossenschaft Vorteile. Es bezieht Strom zu günstigen Konditionen, ohne selbst investieren zu müssen. „Jeden zusätzlichen Euro durch niedrigere Stromkosten können wir in die Gesundheits­versorgung stecken“, sagt Reffke. Der gebürtige Gubener kam im Stift zur Welt und kehrte nach seinem Facility-Management-Studium in seine Heimatstadt zurück. Das Haus liegt ihm also am Herzen. Rund 1.500 Mega­watt­stunden verbraucht das Diakonie­kranken­haus Naëmi Wilke Guben jährlich – etwa so viel wie 300 Einfamilienhäuser. Lüftungsanlagen laufen rund um die Uhr, hinzu kommen Prozesskälte für Sterilisation, Kühlung und die Großküche. Ohne Strom funktioniert kein Krankenhausbetrieb. Die Photovoltaikanlage deckt nur drei bis vier Prozent des Gesamt­bedarfs ab. Der Rest stammt aus dem Stromnetz und aus einem Blockheizkraftwerk. „Künftig wollen wir gern noch mehr Solar­strom beziehen“, sagt Reffke. Und schon bald könnte es so weit sein. Die beiden zeigen auf ein benachbartes Dach mit Süd­west­aus­richtung. Dort soll eine neue Solaranlage entstehen und rund 150 Mega­watt­stunden pro Jahr liefern. Die Verträge sind zwar noch nicht unterschrieben und die technische Planung läuft noch. Doch Glaser ist optimistisch: „Alle Beteiligten wollen das Projekt umsetzen.“ Die Sonne scheint wieder durch die Wolken. Reffke und Glaser lassen noch einmal den Blick schweifen und lächeln.


CREATE:ENGERGY

CREATE:ENERGY ist ein Verbundprojekt der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und der RWTH Aachen University. Das Projekt lädt Bürger*innen der Lausitz und des Rheinischen Reviers dazu ein, die Energiewende aktiv mitzugestalten. Ziel ist es, neue Bürgerenergievorhaben anzuschieben, besonders in ländlichen Regionen. Ein aktuelles Erfolgsbeispiel ist die Neugründung der „Bürgerenergie Oberspreewald-Lausitz“.
machmawatt.de