Energiewende auf dem Balkon: Heidelberg bezuschusst grünen Strom

Energiewende auf dem Balkon: Heidelberg bezuschusst grünen Strom
Autorin: Alexandra Wolters Fotos: Katharina Werle 05.08.2025

Klimaschutz geht uns alle an – doch nicht alle können ihn sich leisten. Darum macht ein Förder­programm der Stadt Heidelberg Balkon­kraft­werke auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich. Gelingt dieser Ansatz eines sozial gerechten Klima­schutzes? Zu Besuch im Heidelberger Quartier Hasenleiser.

Die Sonne brennt von einem blank geputzten Himmel, das Thermometer an der hellen Beton­wand zeigt 36,2 Grad Celsius im Schatten. Im Hasen­leiser, einem Stadt­viertel im Süden Heidelbergs, wirken die Straßen wie leer­gefegt. Auf dem Weg zum Supermarkt oder Bäcker gehen nur wenige Menschen langsam und Schatten suchend an den hohen Mehr­familien­häusern vorbei.

Es ist Anfang Juli und einer der bislang heißesten Tage des Jahres. „Bei solchen Hitze­wellen ist es einfach, die Menschen davon zu über­zeugen, dass wir mitten im Klimawandel stecken und die Folgen bereits deutlich spürbar sind“, sagt Viktoria Reith, Klima­schutz­managerin der Stadt Heidelberg. Dann seien die Menschen auch leichter dafür zu gewinnen, Sonnenen­ergie sinnvoll zu nutzen, zum Beispiel durch Solar­anlagen. Zusammen mit dem Quartiers­manager Jonas Roth wirbt die 35-jährige Geografin im Hasenleiser seit etwa zwei Jahren für ein Förder­programm, mit dem die Stadt Inhaber*innen des Heidelberg-Passes beim Kauf eines Balkon­kraft­werkes inklusive Installation mit bis zu 300 Euro unterstützt. Anspruch auf den Heidelberg-Pass haben Menschen, die etwa Bürgergeld oder Asyl­bewerber­leistungen beziehen. Wer den Heidelberg-Pass+ besitzt, muss nur 50 Euro der Kosten selbst tragen.

Viktoria Reith
© Katharina Werle

Viktoria Reith hat einen Master of Science Geographie, ist Klima­schutz­managerin der Stadt Heidelberg und arbeitet beim Amt für Umweltschutz, Gewerbe­aufsicht und Energie. Sie engagiert sich dafür, dass Klima­schutz und soziale Gerechtigkeit in Heidelberg zusammen­gedacht werden.

Vereinzelt sind bereits Solarpanels von außen an den Balkonen im Viertel angebracht. „Knapp 50 Anträge für Balkon­kraft­werke haben wir hier bewilligt und umgesetzt. Aber das Quartier mit seinen vielen Mehr­familien­häusern hat noch mehr Potenzial“, findet Viktoria Reith und stellt sich auf ihrem Rundgang durch den Hasenleiser in den Schatten zweier großer Bäume. Diese standen vermutlich schon, als die ersten Wohnhäuser Anfang der 1970er-Jahre auf der Wiese errichtet wurden.

Heute leben im Hasenleiser knapp 5.000 Menschen. „Im Vergleich zu ganz Heidelberg ist die Bevölkerung hier eher alt und hat einen höheren Anteil an Migrations­biografien oder an arbeitslosen Mitmenschen“, erklärt Jonas Roth. Als Quartiers­manager setzt er sich für eine positive Entwicklung des Stadtteils ein, für eine höhere Lebens­qualität und einen gestärkten sozialen Zusammen­halt. Das macht der 36-Jährige, indem er mit den Menschen im Hasenleiser viel redet – auf Veranstaltungen oder in seinem Quartiers­büro, das sich in einer alten Bank­filiale befindet. „Die Leute kommen jeden Tag mit den unterschiedlichsten Anliegen zu mir“, erzählt er. Fragen zum Klimaschutz hört er im Hasenleiser selten, auch wenn in Deutschland Jahr für Jahr neue Hitzerekorde gebrochen werden. „Die Leute haben andere Themen, die sie im Alltag mehr beschäftigen: Wie kann ich die nächste Miete zahlen? Wer kümmert sich um mein Kind, wenn ich arbeite? Was mache ich, wenn ich pflege­bedürftig werde?“ Es sei nicht so, dass die Menschen kein Interesse am Klimaschutz hätten, bestätigt auch Viktoria Reith: „Durch das IN:CLUDE-Projekt können wir die Menschen konkret unter­stützen, den Geld­beutel zu entlasten und gleich­zeitig etwas für den Klima­schutz zu tun.“

Jonas Roth
© Katharina Werle

Jonas Roth ist Quartiers­manager im Heidelberger Quartier Hasenleiser. Das Quartiers­management kümmert sich um das nach­haltige Zusammen­wachsen des Quartiers, beispiels­weise durch kulturelle Veranstaltungen oder Netz­werk­arbeit.

Solarenergie zum Anfassen

Wie sozial gerechter Klimaschutz funktionieren kann, darüber hat sich Reith mit Expert*innen von ICLEI ausgetauscht, die das INCLU:DE-Projekt wissenschaftlich begleiten. Das Projekt unterstützt deutsche Städte dabei, gerechte und integrative Klima­schutz­maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. So setzt die Stadt Heidelberg eben auf die Förderung von Balkon­kraft­werken für Menschen mit geringem Einkommen.

Jonas Roth (von links), Viktoria Reith und Alexandra Wolters unterwegs im Heidelberger Quartier Hasenleiser. © Katharina Werle
Im Showroom des Quartierbüros gibt es Solarpanele als Ausstellungsstücke für Interessierte aus der Nachbarschaft. © Katharina Werle

Im Büro von Quartiersmanager Jonas Roth lehnt deshalb ein solches Balkon­kraft­werk an der Wand. „Damit kann ich zeigen, wie einfach sich die Anlage mit wenigen Schrauben befestigen lässt und dass nur eine ganz normale Steck­dose nötig ist, um sie mit dem Haus­strom­netz zu verbinden.“ Die kleinen Anlagen liefern genug Strom, um etwa einen Kühl­schrank und den Router dauerhaft zu betreiben. „Balkon­kraft­werke sind ein leichter Einstieg in den Klima­schutz und sparen auch noch Geld“, zählt Viktoria Reith die Vorteile auf, die deutschland­weit bereits viele Menschen überzeugt haben. Die Geräte erfreuen sich wachsender Beliebtheit: Allein im ersten Halbjahr 2025 kamen nach Angaben des Bundes­verbandes Solar­wirtschaft bundes­weit mehr als 220.000 neue Balkon­kraft­werke hinzu. Insgesamt erzeugen mehr als eine Million solcher Anlagen Strom für den Hausgebrauch.

Zwischen Technik und Über­zeugungs­arbeit

Um die Menschen im Hasenleiser an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen, finanziert die Stadt Heidelberg nicht nur Balkon­kraft­werke, sondern klärt auch möglichst niedrig­schwellig über eine nachhaltige Energie­gewinnung auf. Demnächst wird im Quartier eine Solar-Bank aus Balkon­modulen einen neuen Treffpunkt schaffen, an dem beispiels­weise Handys geladen werden können und die direkte Nutzung von Solar­strom erlebbar wird. Manchmal seien es auch gar nicht die Bewohner*innen, die überzeugt werden müssten: „Wir haben viele Wohnungs­bau­gesellschaften und große Eigentümer­gemeinschaften in der Gegend“, erzählt Jonas Roth. Und auch ihnen müsse erst einmal erklärt werden, dass Balkon­kraft­werke sinnvoll seien.

Bestandsbauquartiere wie der Hasenleiser sind vom Klima­wandel tendenziell stärker betroffen. Denn dicht bebaute Stadt­viertel heizen sich besonders stark auf. Mit der Förderung von Balkon­kraft­werken setzt die Stadt Heidelberg auf eine innovative und zugängliche Lösung für den Klimaschutz, von der alle profitieren können.


INCLU:DE

Das Projekt INCLU:DE unterstützt deutsche Städte dabei, Klima­schutz sozial gerechter zu gestalten. Im Mittel­punkt steht die sozial­kritische Frage, wie Ressourcen und Vorteile fair verteilt werden können, ohne dabei die Klima­ziele aus den Augen zu verlieren. Im Rahmen des Projektes entwickeln die Städte Bonn, Heidelberg, Ludwigsburg, Dortmund und Essen bereits Maßnahmen, die Klima­schutz, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe besser miteinander verbinden, etwa in den Bereichen Energie, Mobilität, Wohnen und Stadt­entwicklung.
sustainablejustcities.eu/include