Energiewende auf dem Balkon: Heidelberg bezuschusst grünen Strom
Klimaschutz geht uns alle an – doch nicht alle können ihn sich leisten. Darum macht ein Förderprogramm der Stadt Heidelberg Balkonkraftwerke auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich. Gelingt dieser Ansatz eines sozial gerechten Klimaschutzes? Zu Besuch im Heidelberger Quartier Hasenleiser.
Die Sonne brennt von einem blank geputzten Himmel, das Thermometer an der hellen Betonwand zeigt 36,2 Grad Celsius im Schatten. Im Hasenleiser, einem Stadtviertel im Süden Heidelbergs, wirken die Straßen wie leergefegt. Auf dem Weg zum Supermarkt oder Bäcker gehen nur wenige Menschen langsam und Schatten suchend an den hohen Mehrfamilienhäusern vorbei.
Es ist Anfang Juli und einer der bislang heißesten Tage des Jahres. „Bei solchen Hitzewellen ist es einfach, die Menschen davon zu überzeugen, dass wir mitten im Klimawandel stecken und die Folgen bereits deutlich spürbar sind“, sagt Viktoria Reith, Klimaschutzmanagerin der Stadt Heidelberg. Dann seien die Menschen auch leichter dafür zu gewinnen, Sonnenenergie sinnvoll zu nutzen, zum Beispiel durch Solaranlagen. Zusammen mit dem Quartiersmanager Jonas Roth wirbt die 35-jährige Geografin im Hasenleiser seit etwa zwei Jahren für ein Förderprogramm, mit dem die Stadt Inhaber*innen des Heidelberg-Passes beim Kauf eines Balkonkraftwerkes inklusive Installation mit bis zu 300 Euro unterstützt. Anspruch auf den Heidelberg-Pass haben Menschen, die etwa Bürgergeld oder Asylbewerberleistungen beziehen. Wer den Heidelberg-Pass+ besitzt, muss nur 50 Euro der Kosten selbst tragen.
Viktoria Reith hat einen Master of Science Geographie, ist Klimaschutzmanagerin der Stadt Heidelberg und arbeitet beim Amt für Umweltschutz, Gewerbeaufsicht und Energie. Sie engagiert sich dafür, dass Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit in Heidelberg zusammengedacht werden.
Vereinzelt sind bereits Solarpanels von außen an den Balkonen im Viertel angebracht. „Knapp 50 Anträge für Balkonkraftwerke haben wir hier bewilligt und umgesetzt. Aber das Quartier mit seinen vielen Mehrfamilienhäusern hat noch mehr Potenzial“, findet Viktoria Reith und stellt sich auf ihrem Rundgang durch den Hasenleiser in den Schatten zweier großer Bäume. Diese standen vermutlich schon, als die ersten Wohnhäuser Anfang der 1970er-Jahre auf der Wiese errichtet wurden.
Heute leben im Hasenleiser knapp 5.000 Menschen. „Im Vergleich zu ganz Heidelberg ist die Bevölkerung hier eher alt und hat einen höheren Anteil an Migrationsbiografien oder an arbeitslosen Mitmenschen“, erklärt Jonas Roth. Als Quartiersmanager setzt er sich für eine positive Entwicklung des Stadtteils ein, für eine höhere Lebensqualität und einen gestärkten sozialen Zusammenhalt. Das macht der 36-Jährige, indem er mit den Menschen im Hasenleiser viel redet – auf Veranstaltungen oder in seinem Quartiersbüro, das sich in einer alten Bankfiliale befindet. „Die Leute kommen jeden Tag mit den unterschiedlichsten Anliegen zu mir“, erzählt er. Fragen zum Klimaschutz hört er im Hasenleiser selten, auch wenn in Deutschland Jahr für Jahr neue Hitzerekorde gebrochen werden. „Die Leute haben andere Themen, die sie im Alltag mehr beschäftigen: Wie kann ich die nächste Miete zahlen? Wer kümmert sich um mein Kind, wenn ich arbeite? Was mache ich, wenn ich pflegebedürftig werde?“ Es sei nicht so, dass die Menschen kein Interesse am Klimaschutz hätten, bestätigt auch Viktoria Reith: „Durch das IN:CLUDE-Projekt können wir die Menschen konkret unterstützen, den Geldbeutel zu entlasten und gleichzeitig etwas für den Klimaschutz zu tun.“
Jonas Roth ist Quartiersmanager im Heidelberger Quartier Hasenleiser. Das Quartiersmanagement kümmert sich um das nachhaltige Zusammenwachsen des Quartiers, beispielsweise durch kulturelle Veranstaltungen oder Netzwerkarbeit.
Solarenergie zum Anfassen
Wie sozial gerechter Klimaschutz funktionieren kann, darüber hat sich Reith mit Expert*innen von ICLEI ausgetauscht, die das INCLU:DE-Projekt wissenschaftlich begleiten. Das Projekt unterstützt deutsche Städte dabei, gerechte und integrative Klimaschutzmaßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. So setzt die Stadt Heidelberg eben auf die Förderung von Balkonkraftwerken für Menschen mit geringem Einkommen.
Im Büro von Quartiersmanager Jonas Roth lehnt deshalb ein solches Balkonkraftwerk an der Wand. „Damit kann ich zeigen, wie einfach sich die Anlage mit wenigen Schrauben befestigen lässt und dass nur eine ganz normale Steckdose nötig ist, um sie mit dem Hausstromnetz zu verbinden.“ Die kleinen Anlagen liefern genug Strom, um etwa einen Kühlschrank und den Router dauerhaft zu betreiben. „Balkonkraftwerke sind ein leichter Einstieg in den Klimaschutz und sparen auch noch Geld“, zählt Viktoria Reith die Vorteile auf, die deutschlandweit bereits viele Menschen überzeugt haben. Die Geräte erfreuen sich wachsender Beliebtheit: Allein im ersten Halbjahr 2025 kamen nach Angaben des Bundesverbandes Solarwirtschaft bundesweit mehr als 220.000 neue Balkonkraftwerke hinzu. Insgesamt erzeugen mehr als eine Million solcher Anlagen Strom für den Hausgebrauch.
Zwischen Technik und Überzeugungsarbeit
Um die Menschen im Hasenleiser an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen, finanziert die Stadt Heidelberg nicht nur Balkonkraftwerke, sondern klärt auch möglichst niedrigschwellig über eine nachhaltige Energiegewinnung auf. Demnächst wird im Quartier eine Solar-Bank aus Balkonmodulen einen neuen Treffpunkt schaffen, an dem beispielsweise Handys geladen werden können und die direkte Nutzung von Solarstrom erlebbar wird. Manchmal seien es auch gar nicht die Bewohner*innen, die überzeugt werden müssten: „Wir haben viele Wohnungsbaugesellschaften und große Eigentümergemeinschaften in der Gegend“, erzählt Jonas Roth. Und auch ihnen müsse erst einmal erklärt werden, dass Balkonkraftwerke sinnvoll seien.
Bestandsbauquartiere wie der Hasenleiser sind vom Klimawandel tendenziell stärker betroffen. Denn dicht bebaute Stadtviertel heizen sich besonders stark auf. Mit der Förderung von Balkonkraftwerken setzt die Stadt Heidelberg auf eine innovative und zugängliche Lösung für den Klimaschutz, von der alle profitieren können.
INCLU:DE
Das Projekt INCLU:DE unterstützt deutsche Städte dabei, Klimaschutz sozial gerechter zu gestalten. Im Mittelpunkt steht die sozialkritische Frage, wie Ressourcen und Vorteile fair verteilt werden können, ohne dabei die Klimaziele aus den Augen zu verlieren. Im Rahmen des Projektes entwickeln die Städte Bonn, Heidelberg, Ludwigsburg, Dortmund und Essen bereits Maßnahmen, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe besser miteinander verbinden, etwa in den Bereichen Energie, Mobilität, Wohnen und Stadtentwicklung.
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