Kaffee, Sex und Schokolade gibt’s nur auf einem Planeten

Kaffee, Sex und Schokolade gibt’s nur auf einem Planeten
Autor: Dr. Eckart von Hirschhausen 06.01.2026

Was ist uns der Schutz des Planeten wert? Eckart von Hirschhausen zeigt, warum Artenvielfalt unsere Lebens­freude und Gesundheit sichert – und was auf dem Spiel steht

Ein Dachdecker geht im Hochsommer morgens putz­munter und gesund zur Arbeit. Auf dem Dach merkt er nicht, wie ihn die pralle Sonne von oben und die schwarze Dach­pappe von unten überhitzen. Schwindelig klettert er gerade noch die Leiter herunter, kommt ins Krankenhaus, auf die Intensiv­station – und ist mit keiner medizinischen Intervention mehr zu retten. Morgens munter, mittags überhitzt, abends tot: Das ist keine Über­treibung, sondern ein echter Fall mitten aus Deutschland.

Es ist schwer, die Welt ehren­amtlich zu retten, während sie andere haupt­beruflich zerstören.

Dr. Eckart von Hirschhausen, Gründer „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“

Als Arzt und Wissenschaftsjournalist beschäftige ich mich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie unsere menschliche Gesundheit durch die Zunahme von Extrem­wettern und die Abnahme des Arten­reich­tums beeinflusst wird. Um Antworten zu finden, habe ich die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ gegründet, eine wissenschafts­basierte und über­parteiliche Kommunikations­schmiede mit 20 Mitarbeitenden.

Zu lange ging es um Eisbären und die ferne Zukunft

Das Beispiel des Dachdeckers zeigt: Die Folgen der Klima­krise sind längst keine abstrakte Zukunfts­gefahr mehr. Sie treffen uns hier und heute, mitten im Alltag. Trotzdem werden die Klima­debatten noch so geführt, als ginge es dabei nur um Eisbären, deren Eis­schollen dahin­schmelzen, oder um winzige Moleküle, die ihre Form verändern.

Meiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ und dem gemein­nützigen Medien­service „Klima & Gesundheit“ ist es gelungen, ein Momentum zu schaffen, das oft in den öffentlichen Debatten fehlte: Gesundheit beginnt nicht mit einer Pille, einem MRT oder einer Operation. Gesundheit ist die Folge des Zustandes unseres Planeten. Gesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, mit dem Wasser, das wir trinken, mit den Pflanzen, die wir essen, mit erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander.

© Dominik Butzmann

Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissen­schafts­journalismus. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art zu vermitteln. Er gibt nach­haltige Impulse, die hängen bleiben: im Fernsehen, als Autor oder als Keynote Speaker. Planetare Gesundheit bedeutet für ihn, dem Schutz unserer Lebens­grund­lagen und einer enkel­tauglichen Zukunft oberste Priorität einzuräumen. Dafür gründete er 2020 die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“.

Ein Blick in die Nachrichten reicht, um zu verstehen: Alle fünf Lebens­grund­lagen sind akut in Gefahr, und keine davon wird sich von selbst retten. Der gerade erschienene größte internationale Report dazu, der Lancet Climate Countdown on Health and climate change, ist so deutlich wie nie: Die Klimakrise zerstört unser aller Lebens­grund­lagen, belastet die Wirtschaft und die Gesund­heits­budgets. Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl hitze­bedingter Todes­fälle um 23 Prozent gestiegen – auf jährlich über 500.000. Zudem sterben jährlich rund 2,5 Millionen Menschen durch Luftverschmutzung, die direkt auf die Verbrennung fossiler Energie­träger zurück­zu­führen ist. Denn Öl- und Gaskonzerne bauen ihre Produktion weiter aus, während Regierungen welt­weit rund 956 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 für fossile Subventionen ausgegeben haben. In 15 Ländern über­stiegen diese Subventionen sogar die nationalen Gesundheits­budgets. Geld ist also zur Genüge da – nur wird es absurder­weise für die Zerstörung und nicht für den Schutz unserer Lebens­grund­lagen ausgegeben.

Das Team der von Eckart von Hirschhausen gegründeten Stiftung "Gesunde Erde – Gesunde Menschen". © GEGM
Eckart von Hirschhausen beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg. © Thorsten Brumm / Harbour Front Literaturfestival

Kaffee, Sex und Schokolade gibt es nur auf einem Planeten

Oft unterschätzt und nicht eingepreist: der zunehmende Verlust an Biodiversität durch den Klimawandel. Mit der Kampagne „Echte Leistungs­träger“ hat meine Stiftung gezeigt: Arten­reichtum sichert uns Wirtschafts­leistung und Gesundheit. Mein Lieblings­beispiel: „Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindest­lohn bekommt?“ Die Antwort: 300.000 Euro! Wenn ich den Film dazu in meinen Impuls­vorträgen zeige, höre ich buchstäblich, wie im Publikum der Groschen fällt. Insekten erschaffen weltweit einen jährlichen Wert von 500 Milliarden Dollar. Also genau die Summe, die gerade in den USA mit viel Tamtam in KI investiert wird. Ein Drittel der weltweiten Arten ist akut bedroht, in Deutschland fehlen in manchen Regionen bereits drei Viertel aller Insekten. Können wir das ersetzen? Mit Drohnen, KI oder Pinsel? Nein.

Die Bienen, Ameisen, Regenwürmer und Co. sind nicht nur echte Leistungs­träger der Wirtschaft, sie sind auch Innovations­treiber. Haben wir den Klett­verschluss erfunden? Nee, das war die Klette. Haben wir das Aspirin erfunden? Nee, das war die Weiden­rinde. Und aus den Nadeln der Eibe stammt ein wichtiges Mittel gegen Krebs, Paclitaxel, mit Millionen Anwendungen im Jahr.

Mit jeder Art, die wir ausrotten, geht dieser Innovations­schatz verloren. Für immer. Vielleicht auch lebens­rettende Substanzen! Noch dazu entgeht uns ein Riesen­geschäft. Die beste Investition in die Zukunft ist, heute die arten­reichsten Gebiete auf der Erde, die Juwelen der Biodiversität, zu schützen. In Deutschland sind das alle Moore, Streu­obst­wiesen und das Watten­meer. Darüber hinaus die wichtigsten zusammen­hängenden Gebiete rund um den Äquator. Die Erde ist der einzige Planet im Universum mit Kaffee, Sex und Schokolade. Besser wird es nirgendwo. Und vielleicht hilft es, zu wissen: Was wir hier Einzig­artiges haben, kostet etwas. Was ist es uns wert?


Gesunde Erde – Gesunde Menschen

Die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ (GEGM) wurde 2020 von Eckart von Hirschhausen gegründet. GEGM hat das Ziel, die Bedeutung der Klima­krise für unsere Gesundheit zu vermitteln und nach­haltige Lebens­modelle zu fördern.

stiftung-gegm.de