Kaffee, Sex und Schokolade gibt’s nur auf einem Planeten
Was ist uns der Schutz des Planeten wert? Eckart von Hirschhausen zeigt, warum Artenvielfalt unsere Lebensfreude und Gesundheit sichert – und was auf dem Spiel steht
Ein Dachdecker geht im Hochsommer morgens putzmunter und gesund zur Arbeit. Auf dem Dach merkt er nicht, wie ihn die pralle Sonne von oben und die schwarze Dachpappe von unten überhitzen. Schwindelig klettert er gerade noch die Leiter herunter, kommt ins Krankenhaus, auf die Intensivstation – und ist mit keiner medizinischen Intervention mehr zu retten. Morgens munter, mittags überhitzt, abends tot: Das ist keine Übertreibung, sondern ein echter Fall mitten aus Deutschland.
Es ist schwer, die Welt ehrenamtlich zu retten, während sie andere hauptberuflich zerstören.
Als Arzt und Wissenschaftsjournalist beschäftige ich mich seit Jahren intensiv mit der Frage, wie unsere menschliche Gesundheit durch die Zunahme von Extremwettern und die Abnahme des Artenreichtums beeinflusst wird. Um Antworten zu finden, habe ich die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ gegründet, eine wissenschaftsbasierte und überparteiliche Kommunikationsschmiede mit 20 Mitarbeitenden.
Zu lange ging es um Eisbären und die ferne Zukunft
Das Beispiel des Dachdeckers zeigt: Die Folgen der Klimakrise sind längst keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr. Sie treffen uns hier und heute, mitten im Alltag. Trotzdem werden die Klimadebatten noch so geführt, als ginge es dabei nur um Eisbären, deren Eisschollen dahinschmelzen, oder um winzige Moleküle, die ihre Form verändern.
Meiner Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ und dem gemeinnützigen Medienservice „Klima & Gesundheit“ ist es gelungen, ein Momentum zu schaffen, das oft in den öffentlichen Debatten fehlte: Gesundheit beginnt nicht mit einer Pille, einem MRT oder einer Operation. Gesundheit ist die Folge des Zustandes unseres Planeten. Gesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, mit dem Wasser, das wir trinken, mit den Pflanzen, die wir essen, mit erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander.
Dr. Eckart von Hirschhausen (Jahrgang 1967) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art zu vermitteln. Er gibt nachhaltige Impulse, die hängen bleiben: im Fernsehen, als Autor oder als Keynote Speaker. Planetare Gesundheit bedeutet für ihn, dem Schutz unserer Lebensgrundlagen und einer enkeltauglichen Zukunft oberste Priorität einzuräumen. Dafür gründete er 2020 die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“.
Ein Blick in die Nachrichten reicht, um zu verstehen: Alle fünf Lebensgrundlagen sind akut in Gefahr, und keine davon wird sich von selbst retten. Der gerade erschienene größte internationale Report dazu, der Lancet Climate Countdown on Health and climate change, ist so deutlich wie nie: Die Klimakrise zerstört unser aller Lebensgrundlagen, belastet die Wirtschaft und die Gesundheitsbudgets. Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl hitzebedingter Todesfälle um 23 Prozent gestiegen – auf jährlich über 500.000. Zudem sterben jährlich rund 2,5 Millionen Menschen durch Luftverschmutzung, die direkt auf die Verbrennung fossiler Energieträger zurückzuführen ist. Denn Öl- und Gaskonzerne bauen ihre Produktion weiter aus, während Regierungen weltweit rund 956 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 für fossile Subventionen ausgegeben haben. In 15 Ländern überstiegen diese Subventionen sogar die nationalen Gesundheitsbudgets. Geld ist also zur Genüge da – nur wird es absurderweise für die Zerstörung und nicht für den Schutz unserer Lebensgrundlagen ausgegeben.
Kaffee, Sex und Schokolade gibt es nur auf einem Planeten
Oft unterschätzt und nicht eingepreist: der zunehmende Verlust an Biodiversität durch den Klimawandel. Mit der Kampagne „Echte Leistungsträger“ hat meine Stiftung gezeigt: Artenreichtum sichert uns Wirtschaftsleistung und Gesundheit. Mein Lieblingsbeispiel: „Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindestlohn bekommt?“ Die Antwort: 300.000 Euro! Wenn ich den Film dazu in meinen Impulsvorträgen zeige, höre ich buchstäblich, wie im Publikum der Groschen fällt. Insekten erschaffen weltweit einen jährlichen Wert von 500 Milliarden Dollar. Also genau die Summe, die gerade in den USA mit viel Tamtam in KI investiert wird. Ein Drittel der weltweiten Arten ist akut bedroht, in Deutschland fehlen in manchen Regionen bereits drei Viertel aller Insekten. Können wir das ersetzen? Mit Drohnen, KI oder Pinsel? Nein.
Die Bienen, Ameisen, Regenwürmer und Co. sind nicht nur echte Leistungsträger der Wirtschaft, sie sind auch Innovationstreiber. Haben wir den Klettverschluss erfunden? Nee, das war die Klette. Haben wir das Aspirin erfunden? Nee, das war die Weidenrinde. Und aus den Nadeln der Eibe stammt ein wichtiges Mittel gegen Krebs, Paclitaxel, mit Millionen Anwendungen im Jahr.
Mit jeder Art, die wir ausrotten, geht dieser Innovationsschatz verloren. Für immer. Vielleicht auch lebensrettende Substanzen! Noch dazu entgeht uns ein Riesengeschäft. Die beste Investition in die Zukunft ist, heute die artenreichsten Gebiete auf der Erde, die Juwelen der Biodiversität, zu schützen. In Deutschland sind das alle Moore, Streuobstwiesen und das Wattenmeer. Darüber hinaus die wichtigsten zusammenhängenden Gebiete rund um den Äquator. Die Erde ist der einzige Planet im Universum mit Kaffee, Sex und Schokolade. Besser wird es nirgendwo. Und vielleicht hilft es, zu wissen: Was wir hier Einzigartiges haben, kostet etwas. Was ist es uns wert?
Gesunde Erde – Gesunde Menschen
Die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ (GEGM) wurde 2020 von Eckart von Hirschhausen gegründet. GEGM hat das Ziel, die Bedeutung der Klimakrise für unsere Gesundheit zu vermitteln und nachhaltige Lebensmodelle zu fördern.