Bürgerbegehren in Brandis: wie Windkraft eine Kleinstadt spaltet

Bürgerbegehren in Brandis: wie Windkraft eine Kleinstadt spaltet
Autor: Philipp Nagels Fotos: Jens Schlüter 20.01.2026

Vier geplante Windräder, zwei Bürger­initiativen und eine Kleinstadt im Dauer­streit: Im sächsischen Brandis tobt seit Jahren eine Debatte um ein Wind­kraft­projekt. Ein Orts­besuch von AufRuhr zeigt: Es geht um weit mehr als nur erneuer­bare Energien.

Auf den ersten Blick ist der Flugplatz Brandis-Waldpolenz ein typischer Lost Place: ein verlassener Ort. Graffiti an halb verfallenen Hangars, über­wucherte Zufahrts­wege, alte Bunker­anlagen und eine leer stehende Kaserne. Drumherum Wald. Doch das ehemalige Militär­gelände, eine halbe Auto­stunde östlich von Leipzig gelegen, erzählt nicht nur von der Vergangenheit. Es ist Austragungs­ort eines Kampfes geworden, bei dem es um ziemlich viel geht: um Windkraft, um das Vertrauen in die Demokratie und um die Zukunft einer Kleinstadt.

„Vor zwei Jahren stand hier auf der Straße ‚Massen­mörder‘ geschrieben“, berichtet Norman Richter an einem verregneten Nachmittag im Oktober. „Warum, das konnte man uns nicht beantworten.“ Richter steht vor dem Büro­gebäude von JUWI, das auf dem ehemaligen Flug­platz liegt. Das Unternehmen ist spezialisiert auf erneuerbare Energien und hat Teile des Geländes in einen Energie­park verwandelt, zu dem unter anderem eine Biogas­anlage und eine der weltweit größten Photo­voltaik­anlagen gehört. Eigentlich sollten in naher Zukunft vier Windräder dazukommen, doch das Projekt liegt erst einmal auf Eis. Proteste, Anfeindungen und eine Stad­trats­wahl kamen dazwischen. „Der Konflikt hat auch mit einem Demokratie­defizit zu tun“, sagt Richter, der Projekt­leiter für die Wind­kraft­anlagen ist. „JUWI ist in eine gesellschaftliche Kluft hinein­geraten.“

Norman Richter
© Jens Schlüter

Norman Richter arbeitet bei JUWI als Projekt­leiter für den Energie­park auf dem ehemaligen Flug­platz Brandis-Waldpolenz.

Die Kluft verläuft zwischen den Befürworter*innen und den Gegner*innen der Windkraft­anlagen. Die Befür­worter*innen des Projektes wollen einen Bürgerent­scheid herbei­führen, um die Einwohner*innen von Brandis über die Windräder abstimmen zu lassen. Die Gegner*innen verhindern ihn bisher erfolgreich. Sie plakatieren und protestieren: neben dem JUWI-Büro, auf Bürger­veranstaltungen und sogar vor den Wohn­häusern jener Lokal­politiker*innen, die sich für die Wind­räder aussprechen.

Bürgerwindräder als Chance

Zu ihnen gehört Joachim Eckstein. „Es gibt doch nichts Besseres als drei Flügel in den Wind zu halten und mit acht- oder neun­tausend PS Energie zu erzeugen“, sagt er strahlend. Eckstein ist Ur-Leipziger, Diplom-Ingenieur für Thermischen Maschinen­bau und seit neun Jahren Rentner. Außerdem ist er Vorstands­vorsitzender der Energie­genossen­schaft Leipzig, die vier Photo­voltaik­anlagen in der Stadt betreibt. Aus den Gewinnen erhalten die rund 350 Mitglieder eine jährliche Rendite. Es sei geplant gewesen, eines der vier Windräder in Waldpolenz zu übernehmen und als Bürger­wind­rad zu betreiben, sagt Eckstein: „Der Standort ist ideal: Das Grundstück ist ungenutzt, der Abstand zu Wohn­gebieten groß genug. Günstiger als dort und mit weniger Aufwand können Sie keine Energie erzeugen.“ Und: Die Fläche gehört der Stadt Brandis. „Die Stadt hätte jedes Jahr 730.000 Euro Pacht­einnahmen durch den Windpark und würde zusätzlich am Gewinn beteiligt werden“, sagt Eckstein. Ein Plus von 15 bis 18 Millionen Euro über 25 Jahre. Geld, das Brandis gut gebrauchen könnte: 2024 verbuchte die Kommune ein Haushalts­defizit von gut einer Million Euro bei Einnahmen von 24,3 Millionen Euro.

Joachim Eckstein
© Jens Schlüter

Joachim Eckstein ist Diplom-Ingenieur für Thermischen Maschinen­bau im Ruhestand. Heute ist er als Vorstands­vorsitzender der Energie­genossenschaft Leipzig tätig, die vier örtliche Photo­voltaik­anlagen betreibt.

Woran hakt es also? Tatsächlich fasste der Brandiser Stadtrat im Mai 2023 den Grund­satz­beschluss, das Thema Windkraft anzugehen. In einem längeren Auswahl­prozess wurde JUWI zum Partner für die Projekt­entwicklung der Winden­ergie­anlagen erkoren. Zeitgleich formierte sich Widerstand in Teilen der Bürgerschaft, die Proteste und Drohungen begannen.

Eine Ruine auf dem ehemaligen Flugplatz Brandis-Waldpolenz. © Jens Schlüter
Im Brandiser Rathaus wird immer wieder über das weitere Vorgehen in Sachen Windkraft diskutiert. © Jens Schlüter

Mit Halbwahrheiten und Falsch­behauptungen gegen die Windkraft

„Windkraftgegner*innen und ihre Proteste werden oft von rechtsextremen Parteien wie der AfD oder den Freien Sachsen instrumentalisiert, um politische Interessen durch­zu­setzen“, sagt Vince von Gynz-Rekowski. Er ist Bildungs­referent des Kultur­büros Sachsen in Leipzig und beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Rechts­extremismus: „Es gibt legitime Bedenken gegen die Windkraft, aber Rechts­extremist*innen laden diese Themen mit Ängsten, Verschwörungs­erzählungen und Kultur­kampf­rhetorik auf.“

Von der Leugnung des Klimawandels über Narrative wie das der „Klima­diktatur“ bis hin zu Halb­wahr­heiten und Falsch­behauptungen: Bunt sind die Argumente, die gegen Windkraft hervor­gebracht werden. „Informationen werden selektiv genutzt und verzerrt dargestellt“, sagt von Gynz-Rekowski. Richtig ist etwa, dass es Vogel­schlag gibt. In Deutschland sterben jährlich rund 100.000 Vögel durch Windkraft­anlagen. Hunderte Millionen Vögel werden hingegen durch Haus­katzen, Glas­scheiben und Straßen- und Bahn­verkehr getötet. Richtig ist auch, dass es einen gewissen Material­abrieb an den Rotor­blättern von Windrädern gibt. Eine Kurz­information des Deutschen Bundestages schätzt den Umfang auf maximal 1.395 Tonnen Mikro­plastik pro Jahr, wenn alle Windräder Deutschlands einkalkuliert werden. Zum Vergleich: Durch Schuh­sohlen entstehen 9.000 Tonnen Abrieb, durch Auto­reifen mehr als 100.000 Tonnen. Beide Argumente finden sich auf der Website der Windkraftgegner*innen von Brandis.

Der Bildungsreferent wünscht sich Debatten, in denen es mehr um Fakten und die echten Bedürfnisse der Beteiligten geht. Doch häufig finde ein solcher Diskurs nicht oder zu spät statt. Das eröffne rechts­extremen Parteien die Chance, Umwelt­themen zu besetzen und mit völkischen Narrativen zu verbinden, sagt der Politik­wissenschaftler: „Sie normalisieren ihre Sprache in Umwelt­debatten und nutzen sie als Einstieg zu anderen rechten Themen.“ So werde etwa der Wind­kraft­betreiber zum angeblichen „Massen­mörder“.

Vince von Gynz-Rekowski
© Jens Schlüter

Vince von Gynz-Rekowski arbeitet als Bildungs­referent beim Kultur­büro Sachsen e. V. Der Politik­wissenschaftler setzt sich mit Themen der extremen Rechten auseinander, darunter mit der Instrumentalisierung des Klima­schutzes. Berufs­begleitend studiert er zurzeit „Beratung im Kontext Rechts­extremismus“ an der Philipps-Universität Marburg.

Gelingt der Dialog durch Teilhabe und Transparenz?

Doch Windkraftprojekte wie das in Brandis sind nicht zwangs­läufig zum Scheitern verurteilt, auch wenn sie in Sachsen für viel Gegen­wind sorgen. Das würden erfolg­reiche Umsetzungen in anderen sächsischen Gemeinden wie in Groß­pösna oder Erlau zeigen, sagt von Gynz-Rekowski: „Demokratischer Klima­schutz kann durch wirkliche Beteiligung und Transparenz gelingen.“ Früh­zeitig sollten Bürger*innen in Planungs- und Entscheidungs­prozesse einbezogen und etwa durch Energie­genossen­schaften an Gewinnen beteiligt werden. Auch Joachim Eckstein ist über­zeugt davon, dass Kommunikation der Schlüssel zu einer Lösung des Konfliktes ist. Er sucht weiterhin den Dialog mit der Gegen­seite: „Wir sind auf jeder Bürger­veranstaltung vertreten und erheben unsere Stimme. Noch ist die Hoffnung nicht verloren.“

Zurück zum Flugplatz Brandis-Waldpolenz. Norman Richter, der Projekt­leiter von JUWI, geht wie Eckstein davon aus, dass ein Bürger­entscheid positiv für die Windkraft ausfallen würde. „Wenn die Bürger*innen transparent informiert werden, könnten wir eine Mehrheit erreichen“, sagt er. Vor gut zwei Jahren bemühte sich das Unternehmen selbst um Einbindung: Bei einem Dialog­fest wurde über das Wind­kraft­projekt informiert. Auf dem Neben­grund­stück, das einem Möbel­händler gehört, luden die Wind­kraft­gegner*innen zu einer Gegen­veranstaltung – mit Bier, Wurst und extra­lauten Laut­sprechern. Die Polizei musste kommen. Sehr angespannt sei die Atmosphäre gewesen, sagt Richter. Im vergangenen Jahr wiederholte JUWI die Veranstaltung. Wieder gab es eine Gegen­veranstaltung. Trotzdem sei die Stimmung eine andere gewesen, erinnert er sich. Deutlich ruhiger und vernünftiger sei der Austausch verlaufen. Ob sich das auch auf die politische Diskussion über­tragen lässt, wird sich zeigen.


Echo! Klima im demokratischen Raum

Das Projekt „Echo! Klima im demokratischen Raum“ verknüpft Klimaschutz mit der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und zeigt auf, wie extrem rechte Akteur*innen Klimathemen instrumentalisieren und Desinformation verbreiten.
Hierfür unterstützt das Projekt zivilgesellschaftliche Akteur*innen dabei, Klima- und Demokratiethemen in ihre Arbeit zu integrieren. Außerdem fördert es die Vernetzung zwischen Praxis, Wissenschaft und Engagement in Ostdeutschland und vermittelt Handlungssicherheit im Umgang mit antidemokratischen Narrativen.