Immer an der Wand lang: Kann eine Bahntrasse Mobilität neu organisieren?

Immer an der Wand lang: Kann eine Bahntrasse Mobilität neu organisieren?
Autor*innen: Weert Canzler, Theodor Düttmann 10.03.2026

Bahntrassen bildeten die Lebensadern des Ruhrgebiets. Über sie rollten die Kohletransporte für die Stahlindustrie. Später folgten Motoren oder Getriebe für die Automobilproduktion.

Heute sind hier keine Brammen oder Bleche, sondern Bikes unterwegs. Ein neues Highlight: Seit Ende 2025 erfreuen sich in Bochum die Radlerinnen und Radler an der ehemaligen Opel-Werkbahn. Zehn Jahre Planung gingen einer Bauzeit von nur einem Jahr voraus.

Die neue, 4,4 Millionen Euro teure Strecke wurde bisher nicht von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Dabei steht sie für gelingenden Strukturwandel wie kaum ein anderes Projekt an der Ruhr. Entstanden ist ein Beispiel neuer Mobilität, das für weit über die Grenzen NRWs hinausreichende Signalwirkung sorgen wird.

In Rhein-Main, München und Berlin sind Verkehrsplaner*innen sehr neugierig, wie attraktive Radschnellwege in polyzentrischen Siedlungsräumen aussehen sollten. Vor allem bietet sie eine schnelle Verbindung zwischen Wohnort und Mark51°7 als dem  Innovationsstandort im Ruhrgebiet.  

Die Opel-Trasse läuft größtenteils parallel zur A448, begrenzt durch meterhohen Schallschutz, vorbei an dem neuen DHL-Logistikzentrum am Rand des ehemaligen Opelgeländes. Immer an der Wand lang. Man muss schon aus dem Pott kommen, um dem rauen Charme dieser Trasse zu erliegen.  

„Einem Freiburger zum Beispiel, der am Rand der nahen Weinberge radelt, ist kaum zu vermitteln, was die Bochumer empfinden: ein wenig Stolz auf ihre ‚Hood‘ und Gefühle von sehr spezieller Industrieromantik“. Sie machen hier ihren Feierabendspaziergang, führen den Hund aus oder sind auf Radtour an der – na ja – frischen Luft“, sagt Tourguide Burkhard Klein vom örtlichen ADFC.

© privat

Weert Canzler ist Soziologe und Mobilitätsforscher, er leitete zusammen mit Andreas Knie bis Ende 2025 die Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). 

Anbindung an neue Wohngebiete 

Die vier Kilometer lange und fünf Meter breite Trasse mit zahlreichen Auf- und Abfahrten im Bochumer Südwesten macht den Fahrradsattel gegenüber dem Autositz attraktiv. Das Gebiet gilt traditionell als Einzugsraum für Besserverdienende. Dazu zählen auch die Beschäftigten von Mark51°7. Auch mehrere gerade neu entstehende nachhaltige Wohnquartiere wie die Havkenscheider Höhe sind Teil des Mobilitätskonzepts. 

Die Anrainer der Opeltrasse testen tatsächlich bei Vergleichsrennen, ob sie mit Rad oder Auto schneller am Ziel sind. Klare Sieger: Die Drahtesel-Enthusiasten. „Es hat schon was, wenn ich zur Rushhour an den Staus vorbeiradle“, sagt Klein. 

Andreas Schraub auf seiner Fahrradtour. © privat
Burkhard Klein aus Bochum. © privat

Emotionale Bindung – sinnliche Erfahrung 

Findet auch Andreas Schraub, der als einer von über 1.000 Mitarbeitenden bei VW Infotainment als Programmierer arbeitet und regelmäßig mit dem E-Bike bis in den Essener Süden pendelt. 

Sein Arbeitgeber bezog auf Mark51°7 einen 20.000 Quadratmeter großen Gebäudekomplex. Ziel des Unternehmens: die Fahrzeuge von morgen zu digitalisieren und besser zu vernetzen. „Da ist sie also noch, die Bochum-Tradition des Autostandortes“, sagt Schraub. Erst vor zwei Jahren hat er über einen Kollegen von der Möglichkeit des Trassenradelns erfahren und wurde zum Fan. Am Handgelenk trägt der 62-Jährige eine Smartwatch, sie misst auf den Touren seine Vitalwerte wie „Body Battery“ oder den Blutdruck. Genau das gleiche entwickelt er für VW: „Auto-Vitalwerte“ wie Batteriestand oder Reifendruck, die aufs Handy der Fahrer*innen übertragen werden.

Jetzt könnte man sagen: Da arbeitet einer für die Autoindustrie, der privat seine Leidenschaft fürs Fahrrad fahren entdeckt hat - das ist doch ein Widerspruch. Aber das sehe ich anders. 

Andreas Schraub

„Jetzt könnte man sagen: Da arbeitet einer für die Autoindustrie, der privat seine Leidenschaft fürs Fahrrad fahren entdeckt hat – das ist doch ein Widerspruch. Aber das sehe ich anders. Beides hat seine Funktion und Berechtigung“, sagt der IT-Spezialist. Denn er schätzt die neuen Möglichkeiten des Durchdigitalisierten, aber genauso die unmittelbaren, eigenen Erfahrungen des Radfahrens. „Ich fühle und höre den Wind, erfreue mich an den herbstlichen Bäumen, spüre Kälte, das ist Sinnlichkeit pur!“

Radverkehr braucht Booster 

Verkehrspolitisch könnte die Opel-Trasse Momentum aufbauen. Das ist auch nötig. Denn bisher ist der Radverkehrsanteil in Bochum und Umgebung überschaubar. Die jüngsten Zahlen aus einer repräsentativen Mobilitätsbefragung 2023 zeigen, dass der Radverkehr zwar zunimmt. Das aber doch eher verhalten. So stieg der Radanteil von 2018 bis 2023 stadtweit von 6,7 auf 7,7 Prozent. 

Die Opelterasse bei Sonnenuntergang. © privat

Ein Blick auf Mark51°7 zeigt das anschaulich: So dominieren und prägen neben den Büros und Entwicklungswerkstätten mehrere 5-stöckige Parkhäuser das Bild. Dagegen wirkt die Zahl der Fahrradstellplätze geradezu bescheiden. „Immerhin, wir bieten einiges für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nicht nur Parkplätze für das Auto, auch überdachte Radstellplätze und ein Jobrad“, sagt Koen Van Hooste, der Pressesprecher von Volkswagen Infotainment.  

Nur Radwege lösen das Problem nicht 

Aus verkehrswissenschaftlicher Perspektive ist klar, dass eine Verdopplung des Radverkehrsanteils in fünf Jahren nicht nur mehr und bessere Radwege braucht. Auch muss es an die Privilegien des privaten Autoverkehrs gehen, vor allem ist das subventionierte Parken ein absolutes No-Go. In der Fachsprache heißt das push and pull. Und nur mehr Radwege reichen auch nicht: „Radabstellanlagen, Duschen am Arbeitsplatz und genügend Lademöglichkeiten für Pedelecs gehören dazu. So kann das Pendeln attraktiv werden“, sagt David Kohlrautz, Radverkehrsprofessor am Fachgebiet Verkehrswesen an der Hochschule Bochum

Ein Anfang ist gemacht für eine Zukunft, die zeigen wird, dass es anders und besser gehen kann

Burkhad Klein

Es bleibt also noch einiges zu tun. Da kommt die Opel-Trasse genau zur richtigen Zeit. Sie hat das Potenzial, das Pedelec aus der Freizeitecke herauszuholen und als Verkehrsmittel im Alltag zu etablieren. Sie vernetzt bisher unverbundene Radverbindungen und hat das Zeug, staugeplagte Autofahrer*innen zum Umstieg zu verführen. Ob das gelingt? In Bochum ist mit der Opel-Trasse ein Labor entstanden. Hier wird als Vorreiter für viele andere Ballungsgebiete in Deutschland erforscht, ob und wie der Wandel gelingt. „Ein Anfang ist gemacht für eine Zukunft, die zeigen wird, dass es anders und besser gehen kann“, sagt Burkhard Klein vom ADFC. Und zwar immer an der Wand lang. 

© privat

Theodor Düttmann ist Sportwissenschaftler und war bis Mitte 2025 Chefredakteur der Zeitschrift „Wir im Sport“ des Landessportbundes NRW.


Mobilätswende im Ruhrgebiet

In den letzten Jahren hat die Stiftung Mercator Projekte gefördert, die Klimaschutz und Mobilitätswende im Ruhrgebiet und darüber hinaus voranbringen. Ziel sind wirksame, sozial gerechte Lösungen auf dem Weg zur Klimaneutralität im Verkehr. Dazu gehören unter anderem Partnerschaften mit der Universität Duisburg-Essen u.a. im Vorhaben „Neue EmscherMobilität (NEMO)“ und mit dem RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Projekt „Die Mobilitätswende in Deutschland gemeinsam gestalten – Lehren aus dem Ruhrgebiet“. Die Vorhaben „Strassen befreien“ und „Projekt Graefekiez“ des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der Initiative paper planes e.V. fokussierten auf integrierte Szenarien für die städtische Mobilitätswende sowie deren konkrete Umsetzung vor Ort. 

Klimaresiliente Gesellschaft – AufRuhr Magazin