Energiewende: Prüfung oder Segen für die Demokratie?

Energiewende: Prüfung oder Segen für die Demokratie?
Autorin: Michelle Maier 15.07.2025

Die Energiewende ist mehr als ein technologisches Projekt – sie ist ein politisches Krisen­thema. Zwischen Wärme­pumpen, Windrädern und neuen Strom­trassen wütet längst die gesteuerte Meinungs­mache: Die Fossil-Lobby, rechte Netzwerke und russische Bots schüren Ängste in der Bevölkerung, um den Umbau der Energie­systeme aus­zu­bremsen. Christoph Bals von der Umwelt-, Entwicklungs- und Menschen­rechts­organisation Germanwatch hält dagegen: Er setzt sich für eine Energie­wende ein, die verbindet, anstatt zu spalten. Wie dieser Balance­akt gelingen kann, hat er auf seinen Reisen durch die Republik gesehen.

„Wie kann die ökologische Transformation so vonstatten gehen, dass sie gleich­zeitig den Zusammen­halt in der Gesellschaft und somit unsere Demokratie stärkt? Diese Frage treibt mich um“, erzählt Christoph Bals zu Beginn des Gesprächs. An einem Mittwoch­vormittag im Mai gibt er AufRuhr Einblicke in seine Arbeit bei Germanwatch. Die Organisation setzt sich für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und nach­haltiges Wirtschaften ein, Bals ist ihr geschäfts­führender Vorstand Politik. Die Energie­wende könne nur gelingen, indem die Politik die ländliche Bevölkerung mit­ein­beziehe, meint er. Einerseits heiße das, sie an der Planung von neuen Wind- und Solar­anlagen zu beteiligen. Anderer­seits müssten die Menschen vor Ort davon auch finanziell profitieren können: „Es geht nicht, dass Investoren von außen kommen, erneuer­baren Strom für die Städte erzeugen und die Akteur*innen vor Ort nur wenig davon haben.“ Christoph Bals weiß, wovon er spricht: 2024 ist er zusammen mit seiner Frau Christiane quer durch Deutschland und Europa gereist und hat über 50 Initiativen besucht, die die Energie­wende auf dem Land voran­treiben. Einige ihrer Erlebnisse haben sie in einem Blog fest­gehalten.

© Annette Etges

Christoph Bals ist seit 33 Jahren politischer Geschäfts­führer von Germanwatch. Er studierte Theologie, Philosophie und Volks­wirtschaft in München, Belfast, Erfurt und Bamberg.

Im Gespräch berichtet Bals von Investoren, die dünn besiedelte Regionen als Einöden betrachten würden, in denen sie ihre Vorhaben nach Belieben voran­bringen könnten. Die Menschen vor Ort würden oft nicht mit­gedacht und profitierten später auch nicht von der Wert­schöpfung, kritisiert er. Statt­dessen hätten sie von der Energie­wende meist nicht mehr als „eine neue Kulisse, die sie nicht immer als schön empfinden“, berichtet er weiter. Bei vielen löse das eine gewisse Skepsis gegen­über der Energie­wende aus und schwäche darüber hinaus das Vertrauen in Staat und Demokratie.

Fossil-Lobby und russische Bots machen Stimmung

„Wenn wir Wärmepumpen und Elektro­mobilität zügig umsetzen, heißt das, dass das Geschäfts­modell der Fossil-Lobby ganz schnell irrelevant wird“, sagt Christoph Bals. Deshalb versuche sie ideen­reich, Bürger*innen in ländlichen Regionen gegen die Energie­wende auf­zu­bringen. Sie nutze die Ressentiments in der Gesellschaft aus und unter­stütze Bürger*innen­initiativen, die sich gegen Solar- und Wind­energie aussprächen. Finanzielle Unter­stützung, rechtliche Beratung sowie gezielte PR-Kampagnen täten ihr Übriges. So habe die Bericht­erstattung der Boulevard­presse einen Kultur­kampf rund um die Wärme­pumpen befeuert, sagt Bals. Er betont: Ein wichtiger Akteur hinter der Kampagne sei das Prometheus Institut, das vom ehemaligen Bundes­tags­abgeordneten Frank Schäffler (FDP) geleitet werde und eine klima­wandel­skeptische Agenda verfolge.

Vom städtischen Park bis aufs Land: Christoph Bals ist für seine Arbeit in ganz Deutschland unterwegs. © Annette Etges

Auch über Social Media versuchten verschiedene Akteur*innen, die Energie­wende in ein schlechtes Licht zu rücken. „Es ist faszinierend zu sehen, wie viele russische Bots im Internet unterwegs sind, besonders in Regionen, wo es solche Debatten gibt. Sie versuchen, die Bevölkerung zu spalten, Hass zu säen und Fake News unter die Leute zu bringen.“ Zum Teil mit Erfolg: „In Bayern wurde zum Beispiel fälschlich behauptet, es gebe viel Vogelschlag durch Windräder“, so Christoph Bals. Dieser trägt jedoch nur einen Bruchteil zum Vogel­sterben bei. Hauptursachen bleiben Glas­scheiben, Strom­leitungen, Haus­katzen sowie der Verkehr.

Christoph Bals zeigt einen Graphen der Klimaveränderungen seit der letzten Eiszeit. Am rechten Bildschirmrand ist die starke Erderwärmung durch die Industrialisierung zu erkennen. © Annette Etges
Die Energiewende habe das Potential, die Demokratie zu stärken, sagt Christoph Bals. © Annette Etges

Rechts­radikale schüren Ängste

Das Spiel mit der Angst sei auch eine erkennbare Taktik rechts­radikaler Akteur*innen, sagt Christoph Bals mit Blick auf seine Reisen im vergangenen Jahr. „Wenn jemand in Angst versetzt wird, schaltet sich das klare Denken ziemlich schnell aus.“ Das ist gewollt: „Verängstigte Menschen sind viel leichter für rechte Parolen empfänglich“, sagt er weiter. Das Themen­spektrum, mit dem Ängste geschürt würden, habe sich außerdem erweitert. Nachdem Migration jahre­lang das dominierende Thema der AfD gewesen sei, habe die Partei nun auch die Energie­wende als politischen Hebel für sich entdeckt. „Die Energie­versorgung in zentralen Anlagen für Kohle und Kernkraft hat traditionell einen gewissen Rückhalt bei konservativen Wähler*innen“, erläutert Bals. Im aktuellen Diskurs könnten extremistische Parolen dort anknüpfen, um Ressentiments gegen die grüne Transformation und die Demokratie als solche zu befördern.

Verängstigte Menschen sind viel leichter für rechte Parolen empfänglich.

Christoph Bals, politischer Geschäfts­führer von Germanwatch

Energiewende bleibt eine Chance für die Demokratie

Was braucht es also, damit die Energie­wende gesellschaftlich gelingt? „Es gilt, die Menschen vor Ort in wirkungsvolle, bezahl­bare und als fair wahr­genommene Maßnahmen zur Energie­wende mit­ein­zu­beziehen. Wenn Stadtteile oder Dörfer gemeinsam den Umbau organisieren, fördert das die Demokratie in der Region“, meint Christoph Bals. Bürger*innen im ländlichen Raum müssten zudem von der Wert­schöpfung durch die neuen Energien profitieren. Etwa durch neu geschaffene Arbeits­plätze oder die Möglichkeit, sich finanziell an den Vorhaben zu beteiligen und so an den Gewinnen von Wind- und Solar­anlagen mit­zu­verdienen.

Ein solches Erfolgsbeispiel haben Christoph Bals und seine Frau während ihrer Reise kennen­gelernt: In der Stadt Südliches Anhalt, in der Nähe von Bitterfeld, hat ein dort ansässiges Unternehmen Wind- und Solar­anlagen aufgebaut. Ein Teil der erzeugten Energie wird ins allgemeine Strom­netz eingespeist, der Rest betreibt große Wärme­pumpen. Die Bürger*innen der Stadt können sich entscheiden, ob sie mit dieser Fernwärme ihre Häuser heizen möchten – und zwar mit einem garantierten Festpreis für die Wärme.

Zum Ende des Interviews zieht Christoph Bals eine klare Bilanz: Für die Energie­wende seien politische Leit­planken auf Bundes­ebene wichtig. „Aber umgesetzt werden muss die Energiewende vor Ort, dort, wo Windräder gebaut, Solaranlagen installiert werden und neue Wärme­konzepte entstehen: auf dem Land und in den Stadt­teilen.“ Wer gemeinsam mit den Menschen in der Region die Energie­wende umsetze, lasse rechts­extreme Akteur*innen und die Fossil-Lobby ins Leere laufen. Sprich: Wer ihnen echte Beteiligung, wirtschaftliche Vorteile und Mitbestimmung ermöglicht, schafft nicht nur neue Energie­quellen – sondern stärkt ganz nebenbei die Demokratie.


Klimaschutz in der Rechts­extremismus­prävention

Das Bewusstsein und die Sprech­fähigkeit für Klima­schutz­themen im zivil­gesellschaftlichen Engagement gegen Rechts zu stärken hat auch das von uns geförderte Projekt Klima­schutz in der Rechts­extremismus­prävention zum Ziel. Es setzt dabei auf Kompetenz­aufbau bei Akteuren in Regionen, die aktuell vor immensen Heraus­forderungen bei der Sicherung des demokratischen Zusammen­halts stehen. Das Vorhaben adressiert Organisationen und Multi­plikator*innen in den Bundes­ländern Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Branden­burg, die in den Themen Demokratie­entwicklung, Rechts­extremismus­prävention und Anti­diskri­minie­rungs­arbeit aktiv sind. Ausgangs­punkt ist das bestehende Netzwerk Tolerantes Sachsen.

www.germanwatch.org