Wie soziale Ungleichheit den Klima­schutz bremst

Wer macht mit beim Klimaschutz und wer nicht? Eine Studie von Talking Hope zeigt: Wer sozial benachteiligt ist, engagiert sich weniger.
Wie soziale Ungleichheit den Klima­schutz bremst
Autor: Philipp Nagels 18.11.2025

Hitzewellen, Fluten, Artensterben: Die Angst vor den Folgen der Erd­erwärmung motiviert nur bedingt dazu, sich für den Klima­schutz ein­zu­setzen. Besonders junge Menschen mit weniger Privilegien fühlen sich bei Politik- und Klima­fragen machtlos. Mit ihrer Organisation Talking Hope rückt Eva-Maria McCormack gesellschaftliche Teilhabe in den Fokus. Der Ansatz ihres „Social Climate Project“ soll jungen Menschen mehr Selbst­wirksamkeit eröffnen – auch in Sachen Klima­schutz. AufRuhr hat sie zum Interview getroffen.

Frau McCormack, viele junge Menschen fühlen sich hilflos, wenn es um die Klimakrise geht. Wie kommt das?

Die junge Klimabewegung ist vor allem städtisch und akademisch geprägt. Es gibt aber auch viele andere junge Menschen, die sich nicht primär durch die Klima­krise berührt fühlen, sondern durch soziale Benachteiligung und Ausgrenzung. Das bestätigt auch unsere aktuelle Studie „Was können wir schon tun? Junge Erwachsene zwischen Klimakrise, sozialer Benachteiligung und Zukunfts­gestaltung“. Wir haben deutschland­weit mit Personen zwischen 18 und 25 Jahren gesprochen, die eine formal niedrige Bildung haben, aus dem ländlichen Raum, dem Osten Deutschlands stammen und zum Teil eine Migrations­geschichte haben. Unsere Studie zeigt: Diese jungen Menschen interessieren sich zwar für Politik und das Klima, erkennen sich aber in Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ schlicht nicht wieder.

Ein Portraitbild von Eva-Maria McCormack
© Hoffotografen

Eva Maria McCormack ist Gründerin von Talking Hope. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Journalismus mit Fokus auf inter­nationale Politik sowie strategische Kommunikation im Klima- und Politik­bereich. Zuletzt war sie als Executive Director für Strategic Communications bei der European Climate Foundation tätig.

Wie wirkt sich die soziale Herkunft auf die politische Teilhabe aus?

Gerade auf dem Land und in struktur­schwachen Regionen haben viele Menschen das Gefühl, weit von den politischen Macht­zentren entfernt zu sein. Sie fühlen sich machtlos, nicht gehört und oft nicht respektiert. Deshalb engagieren sie sich weniger für gesellschaftliche Themen wie den Klima­schutz. Dabei leben gerade Menschen mit niedrigem Einkommen in vielerlei Hinsicht nachhaltiger als gemeinhin angenommen, doch sie bekommen dafür keine Anerkennung: Eine junge Frau, die in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern von wenig Lohn lebt, mag ein uraltes Auto fahren; sie verursacht damit jedoch viel weniger CO2 als ihre privilegierten Altersgenoss*innen aus der Groß­stadt, die oft mit dem Flug­zeug reisen. Dass Menschen wie sie sich weniger in der Politik oder für den Klima­schutz engagieren, heißt nicht, dass sie sich nicht dafür interessieren: 78 Prozent der jungen Menschen, die wir in einer repräsentativen Umfrage befragt haben, sagen, dass sie privat sehr wohl über politische und gesellschaftliche Themen sprechen. Viele hätten auch Lust, sich fürs Klima zu engagieren. Was fehlt, ist die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Lebens­situation sowie eine Ansprache auf Augenhöhe.

Warum sollte sich jemand für eine nach­haltige Gesellschaft einsetzen, wenn diese ihn weiter am Rande stehen lässt?

Gibt es weitere Faktoren, die diese jungen Menschen davon abhalten, sich für das Klima einzusetzen?

Die klassische Klimakommunikation aktivistischer Organisationen ist sehr sender­orientiert: Sie will vor allem über­zeugen, statt zunächst zuzuhören. Und sie setzt noch immer stark auf Botschaften, die die Katastrophe beschwören und Angst erregen. Das ist wissenschaftlich gesehen wenig wirksam. Im medialen Diskurs kommt zudem die Verknüpfung von Klima­themen mit sozialen Fragen und demokratischer Teilhabe noch immer viel zu kurz. Dabei sind soziale Gerechtigkeit und Beteiligung nötig, damit mehr Menschen beim Klima­schutz mitmachen. Warum sollte sich jemand für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen, wenn diese ihn weiter am Rande stehen lässt?

Beim Thema Klimaschutz teilt sich die Gesellschaft: Nicht alle haben dieselben Ressourcen, sich gegen den Klimawandel zu engagieren.
Beim Thema Klimaschutz teilt sich die Gesellschaft: Nicht alle haben dieselben Ressourcen, sich gegen den Klimawandel zu engagieren. © stocksy

Wie sprechen Sie mit Ihrer Organisation junge Menschen an?

Die Kommunikation von Talking Hope setzt auf Hoffnung, die Förderung von Selbst­wirksamkeit und auf die Mobilisierung durch sozialen Austausch. Unsere Studie belegt in Bezug auf junge Menschen, was die Wissenschaft für das Umwelt­verhalten von Menschen allgemein fest­gestellt hat: Menschen werden weniger durch Fakten und Zahlen als durch Gespräche, Begegnungen und den Erfahrungs­austausch auf Augen­höhe motiviert, sich für Umwelt und Klima einzusetzen. Wir arbeiten daher mit ermutigenden Zukunfts­bildern: Wie möchtest du leben? Wie sieht eine gute Zukunft für dich aus? Wie stellst du dir ein gutes Zusammen­leben vor? Von diesen Ziel­bildern leiten wir dann ab: Wie möchtest du dich selbst einbringen, um eine gute und nach­haltige Zukunft zu gestalten? Wir setzen auf die Eigen­initiative der jungen Menschen, nicht auf Top-down-Belehrung.

Menschen werden weniger durch Fakten und Zahlen als durch Gespräche, Begegnungen und den Erfahrungs­austausch auf Augenhöhe motiviert, sich für Umwelt und Klima einzusetzen.

Wie erreichen Sie die jungen Zielgruppen?

Indem wir mit anderen Organisationen kooperieren. Uns gelingt der Zugang zum Beispiel über Verbände wie die Caritas, die Diakonie oder auch über schulische und außer­schulische Bildungs­träger. Diese arbeiten täglich mit der jungen Ziel­gruppe, öffnen Türen und sind auch nach­haltig und lokal verankert. Unser Ansatz ist bewusst niedrig­schwellig, sehr lebens­nah, ohne schablonen­hafte Angebote. Wir geben keinen engen Rahmen vor, sondern setzen auf offene Prozesse, die die jungen Menschen in ihren jeweiligen Lebens­welten selbst gestalten. Wir lernen dabei viel von der Sozial­arbeit.

Welche Art von Projekten entsteht daraus?

Unser Social Climate Project läuft gerade erst an. Die Teilnehmenden bekommen darin die Chance, in ihren Communitys eigene Projekte um­zu­setzen. Dafür erhalten sie ein Budget von bis zu 5.000 Euro und können weitest­gehend frei entscheiden, was sie damit machen wollen. Das kann alles Mögliche sein: Sie können Videos drehen, Musik produzieren oder den Feuer­lösch­teich in ihrem Dorf sanieren. Der Klimabezug ist dabei zunächst nachrangig. Es geht darum, dass sie erfahren, dass sie etwas bewegen können. Deshalb werden die Projekte von den Jugendlichen selbst und nicht von außen definiert.

Sind Sie optimistisch, dass wir die Klimakrise bewältigen können?

Ich halte wenig von rosarotem Optimismus, bin aber absolut hoffnungs­voll. Hoffnung ist die Entscheidung, ins Offene zu handeln, weil unser Tun Sinn macht – auch wenn der Erfolg nicht vorher­sagbar ist. Als Historikerin sage ich aber ganz klar: Wir haben jeden Grund zur Hoffnung. Die Geschichte zeigt uns: Alle großen sozialen Errungen­schaften – ob das Ende der Rassen­trennung, Frauen­rechte oder auch die Klima­schutz­bewegung – haben mit Menschen begonnen, die sich eine bessere Zukunft vor­gestellt haben. Hoffnung ist eine Handlungs­ressource, und Mobilisierung beginnt mit einem ehrlichen Gespräch.


Talking Hope

Talking Hope ist eine gemein­nützige Organisation, die sich für soziale Gerechtigkeit, Klima­schutz und die Förderung demokratischer Teilhabe engagiert. Mit einem Team aus Expert*innen aus den Bereichen Strategische Kommunikation, Psychologie, Sozio­logie, Sozial­ökologie und Sozial­arbeit fördert sie seit 2022 partizipative Ansätze und eine sozial inklusive Kommunikation. Talking Hope arbeitet eng mit zivil­gesellschaftlichen, philan­thropischen und politischen Partner*innen zusammen, um insbesondere marginalisierte Gruppen in Klima­diskurse und gesellschaftlichen Wandel ein­zu­beziehen.

talking-hope.org