Wie soziale Ungleichheit den Klimaschutz bremst
Hitzewellen, Fluten, Artensterben: Die Angst vor den Folgen der Erderwärmung motiviert nur bedingt dazu, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Besonders junge Menschen mit weniger Privilegien fühlen sich bei Politik- und Klimafragen machtlos. Mit ihrer Organisation Talking Hope rückt Eva-Maria McCormack gesellschaftliche Teilhabe in den Fokus. Der Ansatz ihres „Social Climate Project“ soll jungen Menschen mehr Selbstwirksamkeit eröffnen – auch in Sachen Klimaschutz. AufRuhr hat sie zum Interview getroffen.
Frau McCormack, viele junge Menschen fühlen sich hilflos, wenn es um die Klimakrise geht. Wie kommt das?
Die junge Klimabewegung ist vor allem städtisch und akademisch geprägt. Es gibt aber auch viele andere junge Menschen, die sich nicht primär durch die Klimakrise berührt fühlen, sondern durch soziale Benachteiligung und Ausgrenzung. Das bestätigt auch unsere aktuelle Studie „Was können wir schon tun? Junge Erwachsene zwischen Klimakrise, sozialer Benachteiligung und Zukunftsgestaltung“. Wir haben deutschlandweit mit Personen zwischen 18 und 25 Jahren gesprochen, die eine formal niedrige Bildung haben, aus dem ländlichen Raum, dem Osten Deutschlands stammen und zum Teil eine Migrationsgeschichte haben. Unsere Studie zeigt: Diese jungen Menschen interessieren sich zwar für Politik und das Klima, erkennen sich aber in Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ schlicht nicht wieder.
Eva Maria McCormack ist Gründerin von Talking Hope. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Journalismus mit Fokus auf internationale Politik sowie strategische Kommunikation im Klima- und Politikbereich. Zuletzt war sie als Executive Director für Strategic Communications bei der European Climate Foundation tätig.
Wie wirkt sich die soziale Herkunft auf die politische Teilhabe aus?
Gerade auf dem Land und in strukturschwachen Regionen haben viele Menschen das Gefühl, weit von den politischen Machtzentren entfernt zu sein. Sie fühlen sich machtlos, nicht gehört und oft nicht respektiert. Deshalb engagieren sie sich weniger für gesellschaftliche Themen wie den Klimaschutz. Dabei leben gerade Menschen mit niedrigem Einkommen in vielerlei Hinsicht nachhaltiger als gemeinhin angenommen, doch sie bekommen dafür keine Anerkennung: Eine junge Frau, die in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern von wenig Lohn lebt, mag ein uraltes Auto fahren; sie verursacht damit jedoch viel weniger CO2 als ihre privilegierten Altersgenoss*innen aus der Großstadt, die oft mit dem Flugzeug reisen. Dass Menschen wie sie sich weniger in der Politik oder für den Klimaschutz engagieren, heißt nicht, dass sie sich nicht dafür interessieren: 78 Prozent der jungen Menschen, die wir in einer repräsentativen Umfrage befragt haben, sagen, dass sie privat sehr wohl über politische und gesellschaftliche Themen sprechen. Viele hätten auch Lust, sich fürs Klima zu engagieren. Was fehlt, ist die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Lebenssituation sowie eine Ansprache auf Augenhöhe.
Warum sollte sich jemand für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen, wenn diese ihn weiter am Rande stehen lässt?
Gibt es weitere Faktoren, die diese jungen Menschen davon abhalten, sich für das Klima einzusetzen?
Die klassische Klimakommunikation aktivistischer Organisationen ist sehr senderorientiert: Sie will vor allem überzeugen, statt zunächst zuzuhören. Und sie setzt noch immer stark auf Botschaften, die die Katastrophe beschwören und Angst erregen. Das ist wissenschaftlich gesehen wenig wirksam. Im medialen Diskurs kommt zudem die Verknüpfung von Klimathemen mit sozialen Fragen und demokratischer Teilhabe noch immer viel zu kurz. Dabei sind soziale Gerechtigkeit und Beteiligung nötig, damit mehr Menschen beim Klimaschutz mitmachen. Warum sollte sich jemand für eine nachhaltige Gesellschaft einsetzen, wenn diese ihn weiter am Rande stehen lässt?
Wie sprechen Sie mit Ihrer Organisation junge Menschen an?
Die Kommunikation von Talking Hope setzt auf Hoffnung, die Förderung von Selbstwirksamkeit und auf die Mobilisierung durch sozialen Austausch. Unsere Studie belegt in Bezug auf junge Menschen, was die Wissenschaft für das Umweltverhalten von Menschen allgemein festgestellt hat: Menschen werden weniger durch Fakten und Zahlen als durch Gespräche, Begegnungen und den Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe motiviert, sich für Umwelt und Klima einzusetzen. Wir arbeiten daher mit ermutigenden Zukunftsbildern: Wie möchtest du leben? Wie sieht eine gute Zukunft für dich aus? Wie stellst du dir ein gutes Zusammenleben vor? Von diesen Zielbildern leiten wir dann ab: Wie möchtest du dich selbst einbringen, um eine gute und nachhaltige Zukunft zu gestalten? Wir setzen auf die Eigeninitiative der jungen Menschen, nicht auf Top-down-Belehrung.
Menschen werden weniger durch Fakten und Zahlen als durch Gespräche, Begegnungen und den Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe motiviert, sich für Umwelt und Klima einzusetzen.
Wie erreichen Sie die jungen Zielgruppen?
Indem wir mit anderen Organisationen kooperieren. Uns gelingt der Zugang zum Beispiel über Verbände wie die Caritas, die Diakonie oder auch über schulische und außerschulische Bildungsträger. Diese arbeiten täglich mit der jungen Zielgruppe, öffnen Türen und sind auch nachhaltig und lokal verankert. Unser Ansatz ist bewusst niedrigschwellig, sehr lebensnah, ohne schablonenhafte Angebote. Wir geben keinen engen Rahmen vor, sondern setzen auf offene Prozesse, die die jungen Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten selbst gestalten. Wir lernen dabei viel von der Sozialarbeit.
Welche Art von Projekten entsteht daraus?
Unser Social Climate Project läuft gerade erst an. Die Teilnehmenden bekommen darin die Chance, in ihren Communitys eigene Projekte umzusetzen. Dafür erhalten sie ein Budget von bis zu 5.000 Euro und können weitestgehend frei entscheiden, was sie damit machen wollen. Das kann alles Mögliche sein: Sie können Videos drehen, Musik produzieren oder den Feuerlöschteich in ihrem Dorf sanieren. Der Klimabezug ist dabei zunächst nachrangig. Es geht darum, dass sie erfahren, dass sie etwas bewegen können. Deshalb werden die Projekte von den Jugendlichen selbst und nicht von außen definiert.
Sind Sie optimistisch, dass wir die Klimakrise bewältigen können?
Ich halte wenig von rosarotem Optimismus, bin aber absolut hoffnungsvoll. Hoffnung ist die Entscheidung, ins Offene zu handeln, weil unser Tun Sinn macht – auch wenn der Erfolg nicht vorhersagbar ist. Als Historikerin sage ich aber ganz klar: Wir haben jeden Grund zur Hoffnung. Die Geschichte zeigt uns: Alle großen sozialen Errungenschaften – ob das Ende der Rassentrennung, Frauenrechte oder auch die Klimaschutzbewegung – haben mit Menschen begonnen, die sich eine bessere Zukunft vorgestellt haben. Hoffnung ist eine Handlungsressource, und Mobilisierung beginnt mit einem ehrlichen Gespräch.
Talking Hope
Talking Hope ist eine gemeinnützige Organisation, die sich für soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und die Förderung demokratischer Teilhabe engagiert. Mit einem Team aus Expert*innen aus den Bereichen Strategische Kommunikation, Psychologie, Soziologie, Sozialökologie und Sozialarbeit fördert sie seit 2022 partizipative Ansätze und eine sozial inklusive Kommunikation. Talking Hope arbeitet eng mit zivilgesellschaftlichen, philanthropischen und politischen Partner*innen zusammen, um insbesondere marginalisierte Gruppen in Klimadiskurse und gesellschaftlichen Wandel einzubeziehen.