Wie die Caritas Jugendlichen Klima­schutz näher­bringt

Wie die Caritas Jugendlichen Klima­schutz näher­bringt
Autorin: Anke Kotte Fotos: Quirin Leppert 23.09.2025

Klimaschutz kostet Zeit und Geld – Ressourcen, die nicht alle haben. Denn für Menschen in schwierigen Lebens­lagen stehen oft andere Sorgen an erster Stelle. Das Caritas-Jugend­hilfe­zentrum im bayerischen Schnaittach bindet deswegen das Thema Nach­haltig­keit spielerisch in den Alltag junger Menschen ein – und befähigt sie, sich für ihre Zukunft stark­zu­machen.

Bienen summen, an den Bäumen hängen reife Äpfel, Kinder hüpfen lachend auf einem Trampolin: Idylle pur in Schnaittach. Dort, am Rande der Fränkischen Alb, befindet sich seit 100 Jahren das Caritas-Jugend­hilfe­zentrum. Hier leben Mädchen zwischen 9 und 21 Jahren in acht Wohn­gruppen. Es gibt eine heil­pädagogische Tages­stätte und ein schulisches Förder­zentrum. Insgesamt werden 350 Kinder und Jugendliche aus ganz Bayern betreut. In einer der Wohn­gruppen wird gerade Apfelmus eingekocht. Die Äpfel stammen von den Bäumen auf dem Gelände, versteht sich. „Unser Apfelmus schmeckt intensiver, und es hat weniger Zucker“, erzählt Sozial­pädagogin Lena Neukamm, während sie mit einer Bewohnerin die Küche aufräumt. Fürs Waschen und Putzen verwenden die Mädchen selbst gemachtes Wasch­mittel und Orangen­reiniger, und zwar aus Gründen der Nach­haltigkeit. Denn bis 2030 will der Wohlfahrts­verband klima­neutral sein. Er ist also darauf angewiesen, dass die Bewohnerinnen seiner Einrichtungen mitziehen. Das erfordert ein gewisses Finger­spitzen­gefühl: Die Mädchen haben andere Sorgen, als sich mit Klima­schutz zu beschäftigen. „Wer bei uns lebt, ist oft hoch belastet und traumatisiert. Es geht erst mal darum, den Alltag zu bewältigen und Perspektiven zu entwickeln“, sagt Willibald Neumeyer, Leiter des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach.

© Quirin Leppert

Willibald Neumeyer ist Leiter des Caritas-Jugend­hilfe­zentrums Schnaittach, dessen Träger der Caritas­verband Nürnberg ist. Er arbeitet zur Klima­angst von Jugendlichen und zum Klima­schutz in der stationären Jugendhilfe.

Wer bei uns lebt, ist oft hoch belastet und traumatisiert. Es geht erst mal darum, den Alltag zu bewältigen und Perspektiven zu entwickeln.

Willibald Neumeyer

Dennoch – und obwohl viele Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus kommen, die angesichts begrenzter finanzieller Mittel keine großen CO2-Emittent*innen sind – hält Neumeyer an der Nach­haltig­keits­strategie seines Verbandes fest. Schließlich gehörten die Bewohnerinnen auch zu der Gruppe, die besonders unter den Folgen des Klima­wandels leiden würden, erklärt er: „Insbesondere vulnerable Gruppen wie Menschen mit geringem Einkommen, alte und kranke Menschen oder Menschen mit Behinderung sind von der Klimakrise betroffen.“ Sie können sich oft schlechter versorgen, sich nicht vor akuter Hitze oder Extrem­wetter schützen oder an die Folgen des Klima­wandels anpassen. Oft leben sie in Gebieten mit mangel­hafter Bausubstanz, die beispiels­weise schlecht isoliert ist, und mit weniger Grünflächen. Sie haben weniger Zugang zu medizinischer Versorgung und sind gegen Klimaschäden schlechter versichert. Da die Klimakrise wie ein Verstärker von sozialer Ungleichheit wirkt, „haben sich viele Wohlfahrts­verbände Klima­neutralität als Ziel gesetzt“, erklärt Neumeyer.

Willibald Neumeyer (links) mit Sozialpädagogin Lena Neukamm (mittig) in der Küche des Jugendhilfezentrums. © Quirin Leppert
Beim Putzen und Waschen wird bei der Caritas Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. © Quirin Leppert

Klimaschutz, der nicht wie Klima­schutz klingt

Vor dem Bienenhotel wartet Carolin Reichel. Die 20-Jährige wohnt in einer der Wohn­gruppen des Jugend­hilfe­zentrums und hat vor Kurzem eine Ausbildung zur Medizinischen Technologin für Laboratoriums­analytik begonnen. Mit 17 Jahren kam sie in Schnaittach in eine Gruppe, in der die Erzieherin den Mädchen Nachhaltigkeit vorlebte. Heute engagiert sie sich selbst für das Thema: „Wenn wir Seife machen, denken wir nicht unbedingt an Klima­schutz. Wir merken aber, dass wir weniger Müll produzieren – spätestens dann, wenn wir ihn raus­bringen müssen. Das sind kleine, aber wirkungs­volle Schritte“, sagt Reichel. Auch eine Tausch­börse für Kleidung gehört zu den nach­haltigen Angeboten der Caritas.

© Quirin Leppert

Carolin Reichel lebt in einer Wohn­gruppe des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach und ist Mitglied im Landes­heimrat Bayern. Dieser vertritt die Interessen junger Menschen in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Und das Projekt findet über Bayern hinaus Gehör: Beim 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag 2025 in Leipzig moderierte Carolin ein Podium, unter anderem mit der Klima­aktivistin Luisa Neubauer, der Caritas-Präsidentin Eva-Maria Welskop-Deffaa, Willibald Neumeyer und dem Vorstands­vorsitzenden des Bundes­verbandes Caritas Kinder- und Jugendhilfe, Klaus Esser. Dort konnte sie stellvertretend für die Mädchen der Wohn­gruppen von ihrem Alltag berichten – und ihre Erfahrung an circa 600 Teilnehmende weitergeben. „Wir kommen aus einer Realität, in der wir uns keine Gedanken über das Klima machen können, denn vielleicht ist gerade unser größtes Problem, ob wir morgen etwas zu essen haben. Klimaschutz ist zwar nicht unsere Priorität Nummer eins. Und trotzdem hat das Thema Priorität, weil es um unsere Zukunft geht“, meint Carolin Reichel.

Wir kommen aus einer Realität, in der wir uns keine Gedanken über das Klima machen können, denn vielleicht ist gerade unser größtes Problem, ob wir morgen etwas zu essen haben.

Carolin Reichel

Vom Wäscheständer bis zur Photo­voltaik­anlage

Auch Willibald Neumeyer arbeitet daran, die Klima­ziele der Caritas zu erreichen, wie sie in ihrem Papier zur Klimaneutralität bis 2030 fest­gehalten sind. Schon 2004 wurde in Schnaittach die erste Photo­voltaik­anlage installiert, deren Anschaffungs­kosten sich längst amortisiert haben. Drei Ölheizungen und eine Gasheizung sind Pellet­heizungen und einer Wärme­pumpe gewichen, LED-Lampen mit Bewegungs­meldern wurden installiert und Böden entsiegelt. „Es gibt aber auch kleine, unscheinbare Maßnahmen wie der Kauf von Wäsche­ständern für die Wohn­gruppen, um Wäsche­trockner seltener zu nutzen, oder Stecker­leisten, die den Stand-by-Verbrauch vermeiden. Das spart jährlich gut 7.000 Kilo­watt­­stunden“, hat der Pädagoge und Familien­therapeut ausgerechnet. Für den Klima­schutz müssten Einrichtungen wie die Caritas selbst aktiv werden, meint er. „Wir können nicht warten, bis wir Unter­stützung durch staatliche Förderungen erhalten. Wenn die Kinder bei uns über zu schwierige Hausaufgaben klagen, sagen wir ja auch nicht, dass andere diese für sie erledigen“, so Neumeyer.

Im Caritas-Jugendhilfezentrum in Schnaittach wird deutlich: Klimaschutz muss keine Frage der Herkunft oder des Einkommens sein. Mit dem richtigen Ansatz wird sie zu einer Frage des Mitmachens. Denn die Jugendlichen erfahren, dass ihr Handeln zählt. So wird jede selbst gemachte Seife, jedes Kleidungs­stück vom Tausch­markt zu einem Schritt in eine Zukunft, die sie mitgestalten können.


Stärkung sozial­politischer Stimmen für ambitionierten Klima­schutz

Im Rahmen des von der Stiftung Mercator geförderten Projektes „Stärkung sozial­politischer Stimmen für ambitionierten Klimaschutz“ bringt der Deutsche Caritas­verband (DCV) seine Perspektive als Für­sprecher eines wirksamen und sozial gerechten Klima­schutzes in die politische Diskussion ein. Das Caritas-Jugend­hilfe­zentrum Schnaittach setzt sich im Land­kreis Nürnberger Land für Kinder und Jugendliche ein. Die Einrichtung mit 200 Mit­arbeiter*innen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Klima­schutz und ökologischer Nach­haltig­keit. Mit dem Aufkommen der Klima­bewegung Fridays for Future hat sie ihre Bemühungen intensiviert und wird voraus­sichtlich bis 2030 Klima­neutralität erreichen.

https://www.caritas-nuernberg.de/einrichtungen/jugendhilfezentrum-schnaittach