Wie die Caritas Jugendlichen Klimaschutz näherbringt
Klimaschutz kostet Zeit und Geld – Ressourcen, die nicht alle haben. Denn für Menschen in schwierigen Lebenslagen stehen oft andere Sorgen an erster Stelle. Das Caritas-Jugendhilfezentrum im bayerischen Schnaittach bindet deswegen das Thema Nachhaltigkeit spielerisch in den Alltag junger Menschen ein – und befähigt sie, sich für ihre Zukunft starkzumachen.
Bienen summen, an den Bäumen hängen reife Äpfel, Kinder hüpfen lachend auf einem Trampolin: Idylle pur in Schnaittach. Dort, am Rande der Fränkischen Alb, befindet sich seit 100 Jahren das Caritas-Jugendhilfezentrum. Hier leben Mädchen zwischen 9 und 21 Jahren in acht Wohngruppen. Es gibt eine heilpädagogische Tagesstätte und ein schulisches Förderzentrum. Insgesamt werden 350 Kinder und Jugendliche aus ganz Bayern betreut. In einer der Wohngruppen wird gerade Apfelmus eingekocht. Die Äpfel stammen von den Bäumen auf dem Gelände, versteht sich. „Unser Apfelmus schmeckt intensiver, und es hat weniger Zucker“, erzählt Sozialpädagogin Lena Neukamm, während sie mit einer Bewohnerin die Küche aufräumt. Fürs Waschen und Putzen verwenden die Mädchen selbst gemachtes Waschmittel und Orangenreiniger, und zwar aus Gründen der Nachhaltigkeit. Denn bis 2030 will der Wohlfahrtsverband klimaneutral sein. Er ist also darauf angewiesen, dass die Bewohnerinnen seiner Einrichtungen mitziehen. Das erfordert ein gewisses Fingerspitzengefühl: Die Mädchen haben andere Sorgen, als sich mit Klimaschutz zu beschäftigen. „Wer bei uns lebt, ist oft hoch belastet und traumatisiert. Es geht erst mal darum, den Alltag zu bewältigen und Perspektiven zu entwickeln“, sagt Willibald Neumeyer, Leiter des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach.
Willibald Neumeyer ist Leiter des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach, dessen Träger der Caritasverband Nürnberg ist. Er arbeitet zur Klimaangst von Jugendlichen und zum Klimaschutz in der stationären Jugendhilfe.
Wer bei uns lebt, ist oft hoch belastet und traumatisiert. Es geht erst mal darum, den Alltag zu bewältigen und Perspektiven zu entwickeln.
Dennoch – und obwohl viele Jugendliche aus sozial benachteiligten Milieus kommen, die angesichts begrenzter finanzieller Mittel keine großen CO2-Emittent*innen sind – hält Neumeyer an der Nachhaltigkeitsstrategie seines Verbandes fest. Schließlich gehörten die Bewohnerinnen auch zu der Gruppe, die besonders unter den Folgen des Klimawandels leiden würden, erklärt er: „Insbesondere vulnerable Gruppen wie Menschen mit geringem Einkommen, alte und kranke Menschen oder Menschen mit Behinderung sind von der Klimakrise betroffen.“ Sie können sich oft schlechter versorgen, sich nicht vor akuter Hitze oder Extremwetter schützen oder an die Folgen des Klimawandels anpassen. Oft leben sie in Gebieten mit mangelhafter Bausubstanz, die beispielsweise schlecht isoliert ist, und mit weniger Grünflächen. Sie haben weniger Zugang zu medizinischer Versorgung und sind gegen Klimaschäden schlechter versichert. Da die Klimakrise wie ein Verstärker von sozialer Ungleichheit wirkt, „haben sich viele Wohlfahrtsverbände Klimaneutralität als Ziel gesetzt“, erklärt Neumeyer.
Klimaschutz, der nicht wie Klimaschutz klingt
Vor dem Bienenhotel wartet Carolin Reichel. Die 20-Jährige wohnt in einer der Wohngruppen des Jugendhilfezentrums und hat vor Kurzem eine Ausbildung zur Medizinischen Technologin für Laboratoriumsanalytik begonnen. Mit 17 Jahren kam sie in Schnaittach in eine Gruppe, in der die Erzieherin den Mädchen Nachhaltigkeit vorlebte. Heute engagiert sie sich selbst für das Thema: „Wenn wir Seife machen, denken wir nicht unbedingt an Klimaschutz. Wir merken aber, dass wir weniger Müll produzieren – spätestens dann, wenn wir ihn rausbringen müssen. Das sind kleine, aber wirkungsvolle Schritte“, sagt Reichel. Auch eine Tauschbörse für Kleidung gehört zu den nachhaltigen Angeboten der Caritas.
Carolin Reichel lebt in einer Wohngruppe des Caritas-Jugendhilfezentrums Schnaittach und ist Mitglied im Landesheimrat Bayern. Dieser vertritt die Interessen junger Menschen in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.
Und das Projekt findet über Bayern hinaus Gehör: Beim 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag 2025 in Leipzig moderierte Carolin ein Podium, unter anderem mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer, der Caritas-Präsidentin Eva-Maria Welskop-Deffaa, Willibald Neumeyer und dem Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbandes Caritas Kinder- und Jugendhilfe, Klaus Esser. Dort konnte sie stellvertretend für die Mädchen der Wohngruppen von ihrem Alltag berichten – und ihre Erfahrung an circa 600 Teilnehmende weitergeben. „Wir kommen aus einer Realität, in der wir uns keine Gedanken über das Klima machen können, denn vielleicht ist gerade unser größtes Problem, ob wir morgen etwas zu essen haben. Klimaschutz ist zwar nicht unsere Priorität Nummer eins. Und trotzdem hat das Thema Priorität, weil es um unsere Zukunft geht“, meint Carolin Reichel.
Wir kommen aus einer Realität, in der wir uns keine Gedanken über das Klima machen können, denn vielleicht ist gerade unser größtes Problem, ob wir morgen etwas zu essen haben.
Vom Wäscheständer bis zur Photovoltaikanlage
Auch Willibald Neumeyer arbeitet daran, die Klimaziele der Caritas zu erreichen, wie sie in ihrem Papier zur Klimaneutralität bis 2030 festgehalten sind. Schon 2004 wurde in Schnaittach die erste Photovoltaikanlage installiert, deren Anschaffungskosten sich längst amortisiert haben. Drei Ölheizungen und eine Gasheizung sind Pelletheizungen und einer Wärmepumpe gewichen, LED-Lampen mit Bewegungsmeldern wurden installiert und Böden entsiegelt. „Es gibt aber auch kleine, unscheinbare Maßnahmen wie der Kauf von Wäscheständern für die Wohngruppen, um Wäschetrockner seltener zu nutzen, oder Steckerleisten, die den Stand-by-Verbrauch vermeiden. Das spart jährlich gut 7.000 Kilowattstunden“, hat der Pädagoge und Familientherapeut ausgerechnet. Für den Klimaschutz müssten Einrichtungen wie die Caritas selbst aktiv werden, meint er. „Wir können nicht warten, bis wir Unterstützung durch staatliche Förderungen erhalten. Wenn die Kinder bei uns über zu schwierige Hausaufgaben klagen, sagen wir ja auch nicht, dass andere diese für sie erledigen“, so Neumeyer.
Im Caritas-Jugendhilfezentrum in Schnaittach wird deutlich: Klimaschutz muss keine Frage der Herkunft oder des Einkommens sein. Mit dem richtigen Ansatz wird sie zu einer Frage des Mitmachens. Denn die Jugendlichen erfahren, dass ihr Handeln zählt. So wird jede selbst gemachte Seife, jedes Kleidungsstück vom Tauschmarkt zu einem Schritt in eine Zukunft, die sie mitgestalten können.
Stärkung sozialpolitischer Stimmen für ambitionierten Klimaschutz
Im Rahmen des von der Stiftung Mercator geförderten Projektes „Stärkung sozialpolitischer Stimmen für ambitionierten Klimaschutz“ bringt der Deutsche Caritasverband (DCV) seine Perspektive als Fürsprecher eines wirksamen und sozial gerechten Klimaschutzes in die politische Diskussion ein. Das Caritas-Jugendhilfezentrum Schnaittach setzt sich im Landkreis Nürnberger Land für Kinder und Jugendliche ein. Die Einrichtung mit 200 Mitarbeiter*innen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Klimaschutz und ökologischer Nachhaltigkeit. Mit dem Aufkommen der Klimabewegung Fridays for Future hat sie ihre Bemühungen intensiviert und wird voraussichtlich bis 2030 Klimaneutralität erreichen.
https://www.caritas-nuernberg.de/einrichtungen/jugendhilfezentrum-schnaittach