Die Klima-Verhandlerin

Gabriela Blatter
Autorin: Sally Wilkens Fotos: Alex Scheuber 24.09.2019

Das Klima kann nicht für sich selbst kämpfen. Dafür braucht es Menschen wie Gabriela Blatter. Bei inter­nationalen Klima­verhandlungen vertritt sie ihr Heimat­land, die Schweiz. Zu Besuch bei einer Frau, die außerhalb ihrer Komfort­zone lebt.

Die duftenden Blüten im Rosengarten von Bern passen Ton in Ton zu dem lachs­farbenen Kleid, das über dem Neun-Monats-Bauch spannt. Anrührend schön mag das auf den ersten Blick wirken. Doch sobald man aus der Idylle dieses Sommer­tags scharf stellt auf die Frau, die kräftigen Schritts auf die Linden­allee zumarschiert, mit den Kopf­hörern in den Ohren und dem Handy in der Hand, wird klar, wie wenig dieses Bild passt. Wie wenig Gabriela Blatter darauf gibt, was sie gerade trägt oder wie stark ihr Sod­brennen ist – ihr geht es um Größeres: Blatter ist Klima­verhandlerin der Schweiz. Ihr geht’s ums Welt­klima. „Ich will den folgenden Generationen einen integreren Planeten hinter­lassen“, sagt sie. Wenn die 35-Jährige Sätze wie diesen ausspricht, ist da kein Platz für Plattitüden.

Derzeit feilt Blatter zusammen mit ihren Kolleg*innen des Umwelt­ministeriums gerade daran, in welcher Form sich die Schweiz am 21. September beim UN-Klima­gipfel in New York für die Umsetzung der 2015 in Paris vereinbarten Klima­ziele einsetzt. Doch diesmal fliegt sie nicht mit zum Klima­gipfel – eine Selten­heit in den letzten sechs Jahren –, weil die Konferenz mit dem Geburts­termin ihres ersten Kindes kollidiert.

Gabriela Blatter an ihrem Lieblingsplatz – im Rosengarten über der Berner Altstadt. Immer wenn es passt, trifft sie sich abends mit ihrem Mann unter den Linden
Gabriela Blatter an ihrem Lieblings­platz – im Rosen­garten über der Berner Alt­stadt. Immer wenn es passt, trifft sie sich abends mit ihrem Mann unter den Linden © Alex Scheuber
Als Verhandlerin der Schweizer Klimadelegation besteht Blatters tägliche Arbeit darin, viele Gespräche zu führen. Hinter großen Klimakonferenzen stecken Jahre an Vorbereitungen.
Als Verhandlerin der Schweizer Klima­delegation besteht Blatters tägliche Arbeit darin, viele Gespräche zu führen. Hinter großen Klima­konferenzen stecken Jahre an Vorbereitungen. © Alex Scheuber

Von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin zur führenden Verhandlerin

Als 29-Jährige tritt die Schweizerin 2013 beim Bundesamt für Umwelt in Bern an, arbeitet sich von der wissen­schaftlichen Mitarbeiterin zu einem der wichtigsten Mitglieder der Schweizer Klima­delegation hoch. „Als ich mich beworben habe auf die Stelle, dachte ich, ,Mädchen für alles‘ zu werden und die Konferenzen nur vorzu­bereiten“, erinnert sich Blatter und lacht laut. Doch dann sitzt sie, nur fünf Wochen nach Arbeits­beginn, bei der UN-Klima­konferenz in Warschau am Verhandlungs­tisch. Vor ihr das Schweizer Schild. „Was ich nicht wusste: Wenn man das hoch­kant aufstellt, signalisiert man: Ich möchte reden“, erzählt Blatter. Und das tut sie. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Definitiv keine Komfort­zone, aber ich habe nie so viel gelernt wie in diesem ersten Jahr.“

Blatter habe sich in ihrem Leben schon oft für den schwierigen Weg entschieden, sagen andere. Sie sagt: „Ich habe nie strategisch meinen Lebens­weg geplant. Dafür hatte mein Umfeld oft kein Verständnis. Ich habe mich trotzdem gegen den traditionellen Karriere­weg entschieden – und arbeite jetzt in meinem Traumjob.“

Bei einer Telefonkonferenz mit ihrer Bürokollegin vor Ort und Kollegen in den Niederlanden – es geht um den Klimagipfel in New York.
Bei einer Telefon­konferenz mit ihrer Büro­kollegin vor Ort und Kollegen in den Niederlanden – es geht um den Klima­gipfel in New York. © Alex Scheuber
Blatter bereitet ihre Rede für die Stadtratssitzung vor.
Blatter bereitet ihre Rede für die Stadt­rats­sitzung vor. © Alex Scheuber

Ihr Traumjob, das ist, bei internationalen Verhandlungen die Schweizer Positionen in Klima- und Umwelt­finanzfragen zu vertreten. „Ich habe zwar keinen Abschluss in Inter­nationalen Beziehungen, aber dank meines Chemie­studiums lese ich einen Klima­bericht mit anderen Augen, da ich auch wissenschaftlich nach­voll­ziehen kann, was drinsteht“, sagt Blatter. Und das muss sie, denn sie hat mit den anderen UN-Partner­ländern darüber verhandelt, welche Formulierungen etwa in das rechtlich verbindliche Klima­über­einkommen von Paris aufgenommen wurden. Es sind Sätze, die alle konkret betreffen, weil das Abkommen von den meisten Ländern ratifiziert wurde und umgesetzt werden muss. „Es macht schon stolz, dass Formulierungen, an denen wir tage­lang gefeilt habe, nun tatsächlich ihren Weg in das Klima-Abkommen gefunden haben. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen können. Zum Beispiel Artikel 2 Absatz 1 Buchstabe c, der die Ziel­setzung für die Staaten­gemeinschaft skizziert, alle globalen Finanz­flüsse klima­gerecht auszurichten. Hier geht es um die Neu­aus­richtung von mehreren Billionen.“ Für ihren Traum­job reist sie vier Monate im Jahr durch die Welt, engagiert sich parallel noch als Stadt­rätin der Grün­liberalen Partei in Bern und gibt Karriere­tipps als Alumna des Mercator Kollegs für inter­nationale Aufgaben. In ihrem Lebens­lauf reihen sich Best­noten aneinander – dabei hat sie nur Elite­universitäten besucht.

„Selber“ als erstes Lieblings­wort

Wer begreifen möchte, wie Gabriela Blatter geworden ist, wer sie heute ist, sollte sie durch ihren Tag begleiten, sie im Büro besuchen und, gemeinsam mit ihr, die Stadt­rats­sitzung, aber auch ihren Eltern zuhören. Wie sie davon erzählen, dass eines der ersten Wörter ihrer jüngsten Tochter „selber“ ist. Davon, wie „Gaby“, wie ihre Freund*innen sie nennen, im Alter von fünf Jahren, ohne lesen zu können, darauf besteht, im Allein­gang mit dem Bus in die Stadt zu fahren. Ihre Mutter will wider­sprechen, doch sie zögert, möchte den Mut ihrer Jüngsten nicht klein­reden. Also lässt sie das pummelige Mädchen mit den krausen blonden Haaren fahren – allein. Doch sie folgt unauf­fällig ihrer Tochter im Auto, um zu sehen, ob sie von der Halte­stelle in Blickens­dorf im Kanton Zug in den richtigen Bus in die Stadt Zug einsteigt, aussteigt, wartet und umsteigt in den nächsten Bus und danach die Anlauf­stelle für das verabredete Kinder­programm findet. Gaby schafft es.

Typisch Blatter – in ihrem Büro hängt ein Kaffeepad, für alle im Umweltministerium, die ökologischen Kaffee trinken wollen. Jeder bringt mal welche mit und so groß müssen sie sein.
Typisch Blatter – in ihrem Büro hängt ein Kaffeepad, für alle im Umwelt­ministerium, die ökologischen Kaffee trinken wollen. Jeder bringt mal welche mit und so groß müssen sie sein. © Alex Scheuber

Theater-AG als Rettung

Eine größere Herausforderung kommt dann mit der Einschulung. „Ich war sehr gut in der Schule – und ich war dick. Das ist keine gute Kombination! Das Bullying war schlimm für mich.“ Sie spricht nicht davon, gehänselt worden zu sein. Gabriela Blatter wählt die englische Bezeichnung. So als könnte sie damit die Distanz vergrößern zwischen dem kleinen Mädchen, das sich nicht wehren konnte, und der Frau, die souverän inter­nationale Verhandlungen führt. „Meine Rettung war eine Kinder-und-Jugend­theater-Gruppe in Zug – da habe ich Freundinnen jenseits des Schulhofs gefunden.“ Und setzt nach: „Ach, und ich habe da Bühnen-Hochdeutsch gelernt!“

Sie springt mühelos zwischen den Sprachen. Mittags bei einem Conference Call mit den Kolleginnen aus dem Umwelt­ministerium in den Niederlanden spricht sie Englisch, tauscht sich mit ihrer eigenen Kollegin parallel auf Französisch aus und hält abends bei der Stadt­rats­sitzung auf Schweizer­deutsch ein Votum für ihre Fraktion der Grün­liberalen Partei – ehrenamtlich nach Feier­abend, wie sich das bei der Miliz­arbeit in der Schweiz gehört. Das politische System der Schweiz lebt von der Partizipation und vom Engagement der Bürger*innen.

Kurz bevor sie aufsteht, um zum Mikro zu gehen, streicht sie sich die Haare aus der Stirn. Die kräuseln und winden sich aus dem Dutt, ähnlich wie sich Blatter sträubt, einfach alles hinzu­nehmen. „Ich wollte immer schon was ändern. Dafür ist man ein Typ oder nicht, glaube ich.“ In der Pause der Stadt­rats­sitzung geht sie mit ihren Partei­kolleg*innen essen. Es ist 19 Uhr. Die Sitzung wird noch bis 22 Uhr gehen. Auf dem Weg zum Restaurant sieht sie müde aus, doch zu hören ist das nicht. Die Antwort auf die Frage, ob sie einen Lieblings­körper­teil hat, kommt prompt und präzise: „Ich habe immer gesagt: Ab hier kann man alles austauschen“, dabei zeigt sie vom Hals abwärts. „Aber den da möchte ich behalten“, sagt sie und deutet auf ihren Kopf. Ein Satz wie ihr Lachen. Entwaffnend ehrlich.

Vormittags Schweizer Verhandlerin fürs Klima global, abends ehrenamtliche Stadträtin, die sich etwa für Fahrradwege in Bern einsetzt – also Klima regional.
Vormittags Schweizer Verhandlerin fürs Klima global, abends ehrenamtliche Stadträtin, die sich etwa für Fahrradwege in Bern einsetzt – also Klima regional. © Alex Scheuber

Mit 13 lernt Gaby doppelte Buchführung

Gabys Eltern begeistern sich für Politik, das hat Gabys Kindheit geprägt. Vier Mal im Jahr stimmen die Schweizer*innen in direkter Demokratie ab – ob über den Beitritt zur UN oder den Bau einer neuen Schule in der Gemeinde. Gabys Eltern erklären ihren drei Kindern jedes Kreuz und warum sie wie stimmen, vermitteln, was für ein Glück darin besteht, zu gestalten. „Ich habe mich erst, als ich zum ersten Mal auch abstimmen durfte – mit 18 –, als voll­wertige Person gefühlt“, sagt sie, ohne zu kokettieren.

Mit 13 Jahren engagiert sie sich bereits bildungspolitisch, übernimmt die Finanzaufsicht der Schüler*innen­organisation ihres Gymnasiums. Ihr Vater, selbst­ständiger Wirtschafts­prüfer, sagt: „Dann musst du auch doppelte Buch­führung können.“ Also bringt er es seiner Jüngsten bei. Blatters Geschichte ist die eines Menschen, der sich selbst viel zutraut, weil ihm viel zugetraut wird. Die Geschichte einer Aufwärts­spirale.

Mit 16 bettelt sie so lange bei ihren Eltern, bis diese ihr ein Aus­tausch­jahr in Kansas City in den USA erlauben. Danach wiederholt sie keine Klasse, sondern steigt einfach wieder ein. Ihren späteren Mann David – heute 35, der derzeit in Biologie habilitiert – lernt sie wenig später, mit 18 Jahren, kennen. Beide hatten es in die finale Auswahl des nationalen „Jugend forscht“-Wettbewerbs geschafft. „Nerdy, ’ne?“ sagt Blatter und lacht laut.

Da ist es wieder, ihr Lachen. Wer es gehört hat, kann sich vorstellen, wie entwaffnend es im Kampf um die richtigen Worte auf inter­nationalem Parkett wirkt, welch befreienden Moment es in die ernste Diskussion um die Klima­katastrophe bringen kann. David und sie landen jeweils auf dem zweiten Platz in ihren Disziplinen, sie in Chemie, er in Biologie. „Aber in Wahrheit haben wir beide den Haupt­gewinn bekommen“, sagt sie und lacht wieder.

Seit sie 13 Jahre alt ist, engagiert sich Blatter. Hier hält sie als grüne Stadträtin eine Rede gegen die Erhöhung der Sitzungsgelder.
Seit sie 13 Jahre alt ist, engagiert sich Blatter. Hier hält sie als grüne Stadträtin eine Rede gegen die Erhöhung der Sitzungs­gelder. © Alex Scheuber

Blatter bringt Bio-Kaffee ins Umweltministerium

Nach dem Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,3 entscheidet sie sich für das Studium der Chemie. An der ETH, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, schließt sie mit Bestnoten ab – absolviert zwischen­durch noch ein Erasmus-Semester an einer Elite­universität in Paris. „Meine Professorin in Zürich war fassungslos, weil ich keinen PhD machen wollte. Aber ich hatte den Wunsch, inter­national zu arbeiten und mit Menschen etwas zu bewegen“, sagt Blatter. Es folgt das renommierte Stipendium des Mercator Kollegs für inter­nationale Aufgaben, sie arbeitet für eine Umwelt-NGO in Raipur, Indien, und wird „Urban Water Specialist“ bei der Asian Development Bank in Manila auf den Philippinen.

Mit wem sie welchen Meilenstein erreicht hat, verrät ein Besuch in ihrem Büro in der Berner Vororts­gemeinde Ittigen. Überall Erinnerungen an Errungenschaften. Kleine Siege für dieses welt­umspannend große Thema Klima. Neben Schnapp­schüssen aus einem Foto­automaten auf der UN-Klima­konferenz im polnischen Kattowitz hängt ein ausgetrocknetes Kaffee-Pad. In ihm steckt die Essenz, die Gabriela Blatter ausmacht.

Im Umweltministerium müsste es nur nachhaltigen Bio-Kaffee in der Cafeteria geben, könnte man meinen. Dem war aber nicht so, als sie ihren Job als Klima­unter­händlerin antritt. Sie schlägt vor, auf eine lokale Bio-Rösterei aus Bern umzustellen, doch die Cafeteria lehnt ab. Also besorgt sie eine Kaffee­maschine, voll­ständig abbaubare Pads und macht so ihr Büro zur Alternative. Alle Kolleg*innen bringen mal Pads mit, Haupt­sache, sie passen in die Maschine – deshalb der Prototyp an der Wand. Er wird noch da hängen, wenn sie nach sechs Monaten Zeit mit Kind zu Hause zurück ins Büro kommt. Wie ihr Mann reduziert sie auf 80 Prozent.

Außer alles kommt anders: Am 20. Oktober stellt sich Blatter zur Wahl ins nationale Parlament, vergleich­bar mit dem deutschen Bundes­tag. „Wenn ich gewählt werde, ist das fast ein Voll­zeit­job“, stellt sie fest, relativiert dann: „Aber ich bin ja nur auf Listen­platz 8.“ Ihr Lachen klingt nun ernst. Danach, dass sie ihren Traum­job aufgeben muss, sollte sie tatsächlich zur Nationalrätin gewählt werden.

Mercator Kolleg für internationale Aufgaben

Das Programm fördert jährlich 25 engagierte deutsch­sprachige Hoch­schul­absolvent*innen und junge Berufs­tätige, die in der Welt von morgen Verantwortung über­nehmen wollen. Während 12 Monaten arbeiten die Kollegiat*innen in inter­nationalen Organisationen, NGOs oder Wirtschafts­unter­nehmen und widmen sich einem selbst entwickelten Projekt­vorhaben.

www.mercator-kolleg.de